Mega-Transfers, dann Absturz – Der BVB ist heute weiter als vor 20 Jahren


BVB 1999
Da half auch kein ,,Fußballgott! Jürgen Kohler (l.) wendet sich beim 0:3 von Borussia Dortmund gegen Rosenborg Trondheim enttäuscht ab. Wieder hat es Jens Lehmann (3. v. l.) eingeschlagen. Foto: Imago Images / Team 2

Borussia Dortmund steht nach einem 1:3 (0:2) beim FC Barcelona am Mittwochabend vor dem ,,Aus” in der Champions League. 

Der trotz einiger aufblitzender, guter Ansätze insgesamt schwache Auftritt des BVB bringt vor dem 6. und letzten Spieltag gegen das ausgeschiedene Slavia Prag die Konstellation, dass man das Weiterkommen nicht mehr in der eigenen Hand hat.

Vorrunden-Aus in der Champions League nach vorangegangener Transfer-Offensive? Die Situation des BVB erinnert fatal an die vor 20 Jahren. Die Spielzeit 1999/2000, ,,eine Saison zwischen Himmel und Hölle”, wie es in Sternstunden der Bundesliga (2001) heißt, bringt die schwarzgelben Fans schier zur Verzweiflung. Tabellenführer nach 9 Spieltagen, 3 Spiele vor Schluss auf Rang 15 und 3 verschlissene Trainer.

In dieser Saison ist der BVB schon weiter: Anders als 1999, als das Champions-League-,,Aus” erst am letzten Spieltag mit einem 0:1 beim portugiesischen No-Name-Klub Boavista Porto amtlich wird, ist man dieses Mal schon nach 5 Spieltagen auf Schützenhilfe angewiesen. In der Bundesliga steht man 1999 mit 22 Punkten aus 13 Spielen zum gleichen Saison-Zeitpunkt noch auf Rang 5. Wie konnte es damals zu dieser atemberaubenden Talfahrt kommen?

BVB-Coach Bernd Krauss: Ein Fehlerflüsterer? (Photo by Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images)

Auch vor 20 Jahren kaufte Borussia Dortmund groß ein

Sechs Millionen Euro bezahlte Borussia Dortmund 1999 an den AS Monaco für Stürmer Victor Ikpeba. Foto: Getty Images
Sechs Millionen Euro bezahlte Borussia Dortmund 1999 an den AS Monaco für Stürmer Victor Ikpeba. Foto: Getty Images

Ein gelinde Gesagt defizitäres Geschäftsgebaren legt Borussia Dortmunds Präsident Dr. Gerd Niebaum im Sommer 1999 an den Tag.

Der BVB-Boss kauft nach einer mittelprächtigen Saison mit Rang 4 und ohne Titel mal wieder ein. Er kann es sich leisten. Denn schließlich bereitet der Mann, der Borussia Dortmund im Zusammenspiel mit Manager Michael Meier und Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld zur Nummer 1 in Europa gemacht hat, gerade mit diversen Finanz-Experten und sonstigen Wichtigtuern den Börsengang des BVB vor.

Es wird die erste Börsen-Notierung eines deutschen Fußballvereins. Rund 100 Millionen Euro werden Dortmund dann in die Kassen gespült, von denen die bösen Kritiker schon 1997, also genauer gesagt am Tag des Champions-League-Triumphs gegen Juventus Turin (3:1), sagen, dass sie längst leer sind… Der Börsengang ist zwar erst im Oktober 2000 geplant, aber das stört Niebaum nicht. Er kauft dennoch ein. Mit Ottmar Hitzfeld hat er 1997 einen internen Kritiker auf dem bequemen Weg entsorgt. Erst schiebt er ihn auf den völlig unbedeutenden Posten des Sportdirektors ab, dann wechselt der Erfolgscoach im Sommer 1998 die Fronten – und geht zum FC Bayern.

Hitzfelds Nachfolger Nevio Scala hat nach einer enttäuschenden Saison mit Rang 10 hingeworfen. Seit 1998 coacht der Bundesliga-Rookie Michael Skibbe den Weltpokalsieger von 1997. Auch unter dem Trainer-Neuling gilt: Die großen Namen sollen dem BVB schnellstmöglich den Erfolg zurückbringen. Nationalspieler Christian Wörns kommt für 6,75 Mio. Euro von Paris St.-Germain in die Bundesliga zurück – Kurpfälzisch und Französisch sind eben nicht das Gleiche. Wörns’ Nationalmannschafts-Kollege Fredi Bobic wechselt für 5,75 Mio. Euro vom VfB Stuttgart nach Dortmund. Für den Brasilianer Evanilson werden nochmal 6,5 Mio. Euro für Cruzeiro fällig. Die Dienste von Stürmer Victor Ikpeba von der AS Monaco lässt man sich 6 Mio. Euro kosten. Unter dem Strich holt Dortmund für fast 30 Mio. Euro neue Spieler.

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

Am Ende musste Trainer-Oldie Udo Lattek her...

Trainerlegende Udo Lattek beim sensationellen Comeback im April 2000 als Coach von Borussia Dortmund. Foto: Getty Images

Die Neuzugänge werden gewohnt kitschig inszeniert. ,,These are my brothers”, lässt man Victor Ikpeba Arm in Arm mit den neuen Teamkollegen vor den TV-Kameras sagen.

Später wird der Nigerianer wahrscheinlich gedacht haben: ,,Wo bin ich hier gelandet?” Vielleicht hat er das sogar schon nach dem 0:1 zum Auftakt beim 1. FC Kaiserslautern vor sich hin gemurmelt. Der Armen-Klub aus der Pfalz dreht dem Star-Ensemble gleich die Nase. Aber: Die neue Dortmunder Mannschaft scheint sich einzuspielen und liegt nach 9 Spielen an der Tabellenspitze. Kurs: Meistertitel.

Das Weiterkommen in der Champions League, wo seit 1997 auch die Dritten und Vierten der europäischen Top-Ligen kräftig mitverdienen dürfen, hat Niebaum fest einkalkuliert. Dieses Geld braucht er für sein fragiles Konstrukt BVB! Doch irgendwann spielen die Stars nicht mehr mit. ,,Trondheim ist schon ein starker Gegner”, redet sich Abwehrchef Jürgen Kohler im Herbst 1999 den Klub aus Norwegen, der den BVB beim 3:0-Erfolg im Westfalenstadion auseinanderschraubt. Mit nur einem Sieg (3:1 gegen Boavista Porto) und nach einem blamablen 0:1 in Portugal stolpert Borussia in der Champions League völlig überraschend ins ,,Aus”. Der Jahreswechsel mit der 90-Jahr-Feier des Revierklubs und ein Erfolg im Elfmeterkrimi im UEFA-Cup gegen die Glasgow Rangers bringen dem angezählten Coach Michael Skibbe eine Atempause, mehr nicht.

Anfang 2000 bleibt Borussia Dortmund in 14 Bundesliga-Spielen in Folge ohne Sieg. Auch die 2. internationale Chance im UEFA-Cup bleibt ungenutzt: 0:2 und 0:0 gegen den späteren Sieger Galatasaray Istanbul. Die entscheidende Zuspitzung erfährt die Situation am 12. Februar 2000. Beim völlig enttäuschenden 1:1 gegen Aufsteiger SSV Ulm feiert die Dortmunder Südtribüne den Außenseiter aus Schwaben. Liebesentzug! Das gibt es in dieser Saison auch, nur früher. Nach dem 3:3 gegen den SC Paderborn (Ligalive.net berichtete) pfeifen die BVB-Fans ihre Stars gnadenlos aus. Anfang April 2000 muss Niebaum noch einmal reagieren. Er entlässt den sieglosen Coach Bernd Krauss und bittet Trainer-Oldie Udo Lattek (65) um Hilfe. Für die Rettung von Borussia Dortmund vor dem Abstieg lobt der Präsident für den Trainer-Altmeister angeblich eine Prämie von einer Million Euro aus. Lattek hat bis zu seinem Tod 2015 immer dazu geschwiegen… Wie auch immer: Mit Matthias Sammer an seiner Seite gelingt es Lattek, das völlig verunsicherte BVB-Ensemble mit nur 2 Siegen aus den letzten 5 Spielen zu retten. Wirkliche Freude will nicht aufkommen, die 5 Spiele unter Lattek bleiben ebenso ein Krampf wie die Partien mit Krauss und Skibbe. Ein Horror-Szenario, ein Deja vu, das man sich nach den riesigen Investitionen in diesem Sommer kaum vorstellen mag. Dennoch könnte nach einer Niederlage am Samstag in Berlin bei Dortmund das passieren, was es 1999/2000 im Februar gab: Der erste Trainerwechsel könnte fällig werden…

Ligalive-Infografik: Das Desaster in Zahlen: Borussia Dortmund in der Champions League 1999/2000

Ligalive Live-Ticker - Nationale und internationale Spiele mit Autorefresh, ohne lästiges Aktualisieren

Ligalive-Infografik: BVB-Stürmer ohne Tor, Champions League 2019/2020

Ligalive TV: Nach dem 1:3 beim FC Barcelona - Lucien Favre schwärmt von Lionel Messi

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