BVB: Der wunderliche Monsieur Favre


Die „Herbstmeisterschaft“ und das Champions-League-Achtelfinale als Gruppenerster liegen bei Borussia Dortmund auch dank seiner Arbeit unterm Weihnachtsbaum: Lucien Favre. Der 61-jährige BVB-Coach hat beim BVB frischen Wind reingebracht. Verschmitzt, detailversessen, perfektionistisch und manchmal schrullig hat der rührige Schweizer Dortmund wieder an die Spitze des deutschen Fußballs geführt.

„Du kannst Fehler machen – aber du musst den Spirit vorleben“, lautet ein Credo des Monsieur Favre.

Möglicherweise ist es genau die Einstellung zum Fußball, die er seinen Profis bei Borussia Dortmund vorlebt und mit der er zumindest für den Moment jeden Spieler beim BVB besser gemacht hat. Favre hat den 5-maligen Bundesliga-Meister nach einer insgesamt enttäuschenden Saison 2017/2018 mit Platz 4 und miserabler Europapokal-Bilanz (Nur ein Sieg aus 10 Spielen, 3:2 gegen Atalanta Bergamo in der Europa League) wieder an die Spitze geführt.

Mit 6 Zählern vor dem Branchenriesen FC Bayern München führt der BVB die Bundesliga-Tabelle an. In der Champions League hat man sich als Gruppenerster vor Atlético Madrid schon früh für das Achtelfinale der „Königsklasse“ qualifiziert.

Lucien Favre beim 2:1-Erfolg von Borussia Dortmund gegen seinen Ex-Klub Gladbach am 21. Dezember 2018.
Lucien Favre beim 2:1-Erfolg von Borussia Dortmund gegen seinen Ex-Klub Gladbach am 21. Dezember 2018. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

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Ist er der beste Bundesliga-Trainer?

Mit Schirm, Charme und Methode – Favre in Dortmund

Favre will 4 defensive Innenverteidiger im Team.
Lucien Favre erlebte das Spiel des BVB gegen Hoffenheim nicht im Stadion. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Lucien Favre ist ein Bessermacher bei der Borussia, aber auch ein Mahner. „Der Herbstmeistertitel bedeutet mir nichts“, sagt er nach dem 2:1-Erfolg gegen Bremen, der die Westfalen am 15. Spieltag und so früh wie noch nie zum Halbzeit-Meister macht. Er sagt es, während seine Spieler draußen vor der Südtribüne schon zum Meister-Song hüpfen (Ligalive.net berichtete)…. 

Der Monsieur will den Ball flach halten. Das ist klar. Sicher ist aber auch: Lucien Favre reicht kein halber Titel, er will den ganzen Kuchen, er will Borussia Dortmund zum 6. Deutschen Meistertitel in der Bundesliga führen. Nur öffentlich sagen wird er das wahrscheinlich nie.

Favre ist Perfektionist. Auch klar. Halbe Sachen gibt es bei ihm nicht. „Wir müssen noch viel korrigieren“, sagt er beispielsweise nach dem richtungweisenden 3:2-Erfolg über den FC Bayern im November. Was er damit in den hoch emotionalen Momenten nach diesem Kampfspiel, das auch neutrale Beobachter mitreißt, gemeint haben könnte, weiß wahrscheinlich nur der Monsieur selbst. Aber es passt. Favre lässt im Training unheimlich viele Details üben, achtet sogar auf die Handhaltung seiner Stars beim Lauftraining. Sein früherer Mitspieler bei Servette Genf, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge (63), war von Favre als Zimmergenosse genervt, weil der „immer nur über Fußball reden wollte“. Das würde Rummenigge natürlich nie passieren. Bei ihm kommen schon mal das Grundgesetz und Dichterische aufs Trapez…

„Fachlich und menschlich“, sagt Kapitän Marco Reus (29), der schon in Mönchengladbach mit Favre gearbeitet hat, „ist er der beste Trainer, den ich je hatte“. Reus, der unter Favre eine traumhafte Saison spielt, ist sicher: „Er zeigt dir, wie du verteidigen sollst, wo du richtig stehst, welchen Fuß des Mitspielers du anspielen musst. Und er hat taktisch immer die richtigen Lösungen parat.“ So hat er die Borussia auch durch kurze Zwischentiefs in dieser Saison gelotst, hat beispielsweise nach dem Verletzungspech bei der ersten BL-Saisonniederlage bei Fortuna Düsseldorf für das Spitzenspiel gegen Gladbach (2:1) erfolgreich die Innenverteidigung umgebaut.

Action Zones: BVB vs Bayern München; Bundesliga 10.11.2018

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Lucien Favre: In Berlin stürzt er über seine Eigenheiten…

Was nun, Monsieur? Lucien Favre in seiner letzten Spieltags-Pressekonferenz bei Hertha BSC am 27. September 2009 bei 1899 Hoffenheim (1:5) in der Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim.
Was nun, Monsieur? Lucien Favre in seiner letzten Spieltags-Pressekonferenz bei Hertha BSC am 27. September 2009 bei 1899 Hoffenheim (1:5) in der Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Favre, der Perfektionist. Ihm entgeht nichts. Als er ab 1996 in Yverdon Trainer ist, beobachten der Präsident und er einen Spieler, den sie verpflichten wollen.

Dumm nur, dass die potentielle Neuverpflichtung drei rote Ampeln überfährt und Favre davon Wind bekommt. „Der Präsident rief mich an“, erzählt Favre, „ich überlegte sehr, sehr lange. Dann sagte ich: Es geht nicht. Wir können ihn nicht nehmen.“

Das ist typisch für den Schweizer, der den Traum vom offensiven Fußball zuvor schon bei Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC gelebt hat. Die Gladbacher rettet er 2011 über die Relegation vor dem sicheren Abstieg und führt sie ein Jahr später in die Playoffs zur Champions League. Sein Punkteschnitt bei den „Fohlen“ liegt bei 1,64 Zählern pro Spiel. Beim BVB weist er mit 2,47 Punkten pro Spiel den besten Schnitt im Dreier-Vergleich mit 2 seiner Vorgänger, Thomas Tuchel und Jürgen Klopp, auf. In Berlin sind es 1,47 Punkte pro Partie. In der Saison 2008/2009 darf man in der Hauptstadt lange Zeit und bis zum 33. Spieltag (0:0 gegen Schalke) von der ersten Meisterschaft in der Bundesliga träumen. Am Ende verpassen die Berliner mit Favre auch die Champions League.

Der Knatsch ist vorprogrammiert, wird mit in die neue Saison geschleppt und schließlich entlässt Hertha den Monsieur am 27. September 2009. Das lässt der mitunter etwas stur wirkende Schweizer nicht auf sich sitzen. Er beruft am 6. Oktober 2009 eigenmächtig eine Pressekonferenz im Hotel Adlon ein und ledert gegen den Ex-Klub. Nicht die feine Favre-Art. DIE WELT spricht von einer „Selbstdemontage“.

Favre in der Schweiz: Klage gegen Chapuisat, Meister in Zürich

Kann Trainer Lucien Favre (r.) bei Borussia Dortmund für ähnlich erfolgreiche Zeiten sorgen wie Jürgen Klopp? (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)

Den unerbittlichen Monsieur Favre lernt Jahre zuvor schon der Spieler Pierre-Albert Chapuisat, Vater von BVB-Stürmerlegende Stéphane Chapuisat, kennen.

In Diensten von Vevey-Sports foult Chapuisat den für Servette Genf spielenden Favre am 13. September 1985 so schwer, dass dieser nach schwerer Knieverletzung 8 Monate pausieren muss. Favre verklagt Chapuisat mit einer gewissen Unversöhnlichkeit auf Schmerzensgeld – und bekommt Recht.

Der Libero von Vevey muss 5.000 Franken Strafe zahlen. Wegen fahrlässiger Körperverletzung. Schiedsrichter Bruno Galler hat das Foul nicht geahndet…

Favre wird in der Schweiz zum Meistermacher. Mit dem FC Zürich wird er 2006 und 2007 Meister und 2-mal „Trainer des Jahres“. Hertha-Manager Dieter Hoeneß entdeckt ihn 2008 für die Bundesliga.

Als Trainer mag Lucien Favre keinen Gegenwind

Favre - Ein Bessermacher bei Borussia Dortmund? (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images,)

Ex-Schützlinge bescheinigen Favre trotz aller Erfolge und aller Schrulligkeit „Defizite im Umgang mit Leuten in der Kommunikation“, wie der frühere Gladbacher Thorben Marx über ihn sagt.

Sein ehemaliger Mitspieler Kubilay Türkyilmaz sagt über Favre: „Wenn es brenzlig wird, haut er ab. Einmal totalen Gegenwind überstehen, das fehlt in seiner glanzvollen Trainerlaufbahn.“

Diesen Widerstand könnte Favre auch in Dortmund spüren, falls der Verein in der Rückrunde mit Mehrbelastung in der Champions League in Schlingerkurs geraten sollte. Nur zur Erinnerung: Meister wurde Borussia Dortmund seit 2000 immer ohne Champions-League-Strapazen in der Rückrunde…

Dann könnte es auch beim BVB schnell zu Ende sein mit dem wunderlichen Monsieur Favre. Denn, so sieht die Frankfurter Rundschau im November 2018 klar: „Favre ist nicht der Typ, der eine Mannschaft, die er zu verlieren droht, mit Brachialrhetorik oder Motivationsakrobatik wieder einfängt. Vielleicht erklärt das, weshalb er in Berlin, Mönchengladbach und ab 2016 bei OGC Nizza am Ende weniger solide punktete als zu Beginn. In Dortmund ist Favre noch ziemlich am Anfang, er moderiert das Ensemble instinktsicher.“ Mit Perfektionismus und „einem Hauch von Miraculix“, wie Sky-Chefreporter Wolff-Christoph Fuss sagt.

Tore Einwechselspieler Borussia Dortmund - Spielzeit 2018/19 - Bundesliga

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