Die größten Ultra- und Fan-Rivalitäten der Bundesliga


DIE STORY IN KURZEN VIDEOS

DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Mehr als sportliche Gegner? Feindschaft, Hass, Wut?

Dieses Plakat in der Hamburger Fankurve im Volksparkstadion zeigt: Fußballfans können verdammt nachtragend sein…
Dieses Plakat in der Hamburger Fankurve im Volksparkstadion zeigt: Fußballfans können verdammt nachtragend sein… Foto: Imago Images
Der Fußball lebt von der Rivalität. Es gibt Gegner – das sind ganz normale sportliche Kontrahenten.

Es brodelt nicht, wenn sie und ihre Fans anreisen, es kribbelt nicht, man zählt nicht die Tage bis zum Spieltermin. Das Spiel läuft, das Treiben auf den Rängen verläuft relativ emotionslos. Gut, ein paar Schmäh-Gesänge, aber wo gibt es die nicht? Nach dem Spiel stehen dann meistens Floskeln wie „Rund um das Stadion blieb alles ruhig“ in den Agenturmeldungen oder „Keine besonderen Vorkommnisse“ im Polizeibericht. So weit, so gut. Aber es gibt auch Begegnungen, bei denen alles ganz anders abläuft. Dann sind wir schnell bei den größten Fan-Feindschaften der Bundesliga. Manche Fan-Lager verachten einander. Dauerhaft und unversöhnlich. Da gibt es kaum Graustufen. Diese Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Sie besteht teilweise seit vielen Jahrzehnten, sie ist mal eindeutig begründbar und oftmals von urbanen Legenden gespeist. Unscharf.

Es gibt dann den Teil der Anhängerschaft, der diese Rivalität als Teil der Folklore wahrnimmt – und den, der sie kultiviert. Abneigung, Häme, Hass, Gewalt, hier ist manchmal viel Gift im Spiel. Diese „Hass-Duelle“, wie sie der Boulevard gern nennt, sind meist regional begründet, mal durch die geographische Nähe. Aber auch durch ein bestimmtes Ereignis, das die Initialzündung gibt, das aber auf beiden Seiten des Stadion-Grabens unterschiedlich ausgelegt und erzählt wird. Der beste Stoff für urbane Legenden. Je mehr die Erinnerung verschwimmt, desto unscharfer wird das Bild und manche Fans, die mit Internet, Whatsapp und Instagram aufgewachsen sind, wissen eigentlich gar nicht, warum man diesen oder jeden Gegner verachtet. „Weil’s halt schon immer so war“, lautet dann meistens die lapidare Antwort, oder „Weil die schon immer sch… waren.“ Oder so ähnlich.

Unsere Autoren haben versucht, die größten Fanfeindschaften in der Bundesliga zu rekonstruieren. Dabei wollen wir die Geschichten über deren Entstehung wiedergeben und Begründungen dazu liefern. Manchmal klingen diese Episoden wie bei Opa am Lagerfeuer und manchmal wie die Intrigen und Rivalitäten bei Game of Thrones. Wobei: Echte Fan-Feindschaften entstehen selten aus sportlichen Gefälligkeiten…

Wir haben auf unserer Fußball-Fanreise durch Deutschland 4 Arten von Fan-Feindschaften herausgearbeitet.

Regional begründete Feindschaften: Das ist die am häufigsten belegte Kategorie, weil eben nichts über gesunde nachbarschaftliche Rivalität geht. Aber: Nicht jedes Nachbarschaftsduell ist auch ein Derby!

Ereignis begründete Feindschaften: Ein ominöses Spiel oder ein Skandal außerhalb des Rasens – und schon war die Rivalität perfekt. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn die Episoden, die zum Bruch zwischen 2 Vereinen geführt haben, werden auf beiden Seiten meist unterschiedlich erzählt.

Personen begründete Feindschaften: Ja, auch das gibt es im rauen Fußballgeschäft! Eine „Zaubermaus“, die den Stinkefinger ausfuhr, der „Don“, sowie ein unbescholtener Erfolgscoach aus Holland und ein Überläufer im wilden Südwesten heizten die Rivalität zwischen verschiedenen Klubs – mal als Auslöser, mal als Verstärker – zusätzlich an. Personae non Gratae, könnte man sagen…

„Keiner weiß so richtig, warum“-Feindschaften. Während die regional begründeten Fanfeindschaften in der Regel nachvollziehbar sind und historisch gewachsene Rivalitäten unter Nachbarn sind (Stichwort: Platzhirsch-Syndrom), sind die „Keiner weiß so richtig, warum”-Feindschaften seltsam, aber fast schon interessanter!

In diesem Bereich gibt es häufig gleich mehrere Geschichten, die immer wieder und teilweise seit Jahrzehnten erzählt werden, warum und wie es zur Feindschaft kam. Wichtig: Feindschaften zwischen den „normalen” Fans und den Ultras unterscheiden sich zum Teil beträchtlich! Wir haben deshalb nach der Darstellung der “normalen” Fanfeindschaften eine Aufstellung wesentlicher Ultra-Freundschaften und Feindschaften versucht und blicken auch auf die Rivalität unter den Hooligans, die sicherlich brisantesten Beziehungen zwischen Fußballanhängern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und – auch wenn es sie seltener gibt – wir benennen auch einige wichtige Fanfreundschaften.

Wir gehen dabei geographisch vor – von Nord nach Süd. Wir fangen im hohen Norden der Republik an. Es folgen: Das Rheinland, Berlin, der Fußball-Osten, der fußballerisch vitalste Teil Deutschlands, der Ruhrpott, das Rhein-Main-Gebiet, Baden und Schwaben und ganz zum Schluss landen wir in Bayern, respektive in Franken.

Dieser Hooligan von Real Madrid, der zuvor Schiedsrichter Linemayr und Gerd Müller (nicht im Bild) geschlagen hatte, bekam es 1976 mit Sepp Maier zu tun…
Dieser Hooligan von Real Madrid, der zuvor Schiedsrichter Linemayr und Gerd Müller (nicht im Bild) geschlagen hatte, bekam es 1976 mit Sepp Maier zu tun… Foto: Imago Images / WEREK

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

Fanfeinde 1 – 3: Der Norden

1. Hannover 96 vs. Bremen, St. Pauli, Braunschweig – und den eigenen Präsidenten

Fan-Rivalität: Hannover 96 flaggt im Bremer Weserstadion.
Fan-Rivalität: Hannover 96 flaggt im Bremer Weserstadion. Foto: Imago Images / Team 2

Hannover 96 – Der „HSV für Arme“ pflegte lange Zeit diverse Fanfeindschaften zu anderen norddeutschen Bundesliga-Vereinen.

Es handelte sich dabei vornehmlich um die regionalen Rivalitäten zu Werder Bremen, dem FC St. Pauli, VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig. Das änderte sich mit der Bundesliga-Rückkehr 2017/2018. Da suchten sich die Ultras plötzlich den Feind in den eigenen Reihen. Mein Feind, der Chef – in diesem Fall Hannover-Präsident Martin Kind.

Der unnahbare Hörgeräte-Unternehmer, der Hannover von der Regionalliga in die Bundesliga zurückgeführt hatte und ohne dessen finanzielles Engagement es den Klub nach dem Sturz in die Drittklassigkeit 1996 möglicherweise auf Sicht nicht mehr im „Oberhaus“ und erst recht nicht in der Europa League (2011 und 2012) gegeben hätte, polarisiert in Hannover so stark, dass nicht mal die 3 Stadtheiligen, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Finanz-Jongleur Carsten Maschmeyer und die unvermeidliche Margot Käßmann, mithalten können.

Seit dem Abstieg 2017 nach 15 Jahren durchgängiger Bundesliga-Zugehörigkeit gilt er für viele als Hauptverantwortlicher für alle Misserfolge. Alleingänge, Beratungsresistenz, unangebrachte Geschwätzigkeit gegenüber den Medien und eine Reihe von Fehlentscheidungen – das warfen die Ultras Kind unter anderem vor.

Die Derby-Rivalitäten mit Wolfsburg und Werder Bremen verblassten gemessen an den Szenen, die sich ab Sommer 2017 auf den Rängen in Hannover abspielten. Hannover gegen 96 oder Ultras gegen Kind. Die Ultra-Gruppierungen der „Roten“, die sich u. a. den Erhalt der 50 + 1 – Regelung auf die Fahne geschrieben haben, initiierten vor dem ersten Heimspiel nach der Bundesliga-Rückkehr gegen den FC Schalke 04 (1:0) eine von vielen, groß angelegten Protest-Aktionen gegen Kind. „Stimmungsboykott“ nannte sich das Ganze damals, Motto: „Ohne Stimme keine Stimmung.“ „Doch die Wirkung verpuffte“, stellte SPORT BILD (Ausgabe 35 / 2017) in einer Reportage aus der 96-Kurve fest, und sah 3 Fan-Lager in der Arena. „Die Ultras, die wegen Kinds Alleingängen schweigen. Die Fans, die Kind auch nicht mögen, aber die Mannschaft nicht im Stich lassen wollen. Und die Pro-Kind-Fraktion, die dem Boss dankbar ist.“

Hannover-Fans protestieren in Frankfurt gegen Klubchef Martin Kind (2018).
Hannover-Fans protestieren in Frankfurt gegen Klubchef Martin Kind (2018). Foto: Imago Images / Eibner

2. Hamburger SV vs. Bremen und St. Pauli – aber eigentlich gegen alle, die besser sind

Hamburger SV – Bremen: Werder-Fans gedenken im Volksparkstadion und beim Erzrivalen dem zu Tode gekommenen SVW-Anhänger Adrian Maleika.
Hamburger SV – Bremen: Werder-Fans gedenken im Volksparkstadion und beim Erzrivalen dem zu Tode gekommenen SVW-Anhänger Adrian Maleika. Foto: Imago Images / Ulmer
Werder Bremen und der FC St. Pauli – das sind die großen Fanfeinde des HSV. St. Pauli, weil gleiche Stadt und Werder Bremen, weil über Jahre deutlich besser und weil Hamburg und Bremen sowieso nie zusammenpassen werden.

Die Rivalität HSV – Bremen forderte schon in den 1980er-Jahren eines der ersten Todesopfer in der Fan-Szene. Es war der erst 16 Jahre alte Glaser-Lehrling Adrian Maleika, der auf dem Weg zum DFB-Pokalspiel Hamburger SV gegen Werder Bremen am 16. Oktober 1982 von Mitgliedern der HSV-Hooligangruppe „Die Löwen“ attackiert wurde. Er erlitt schwerste Kopfverletzungen und starb einen Tag später in einem Altonaer Krankenhaus. Eine Gedenktafel hinter der Ostkurve des Weserstadions, wo die treuesten Bremer Fans ihren Platz haben, und ein bis 2003 ausgetragenes Gedächtnisturnier erinnern bis heute an den Fall.

2006 schnappte Bremen Hamburg im eigenen Stadion am letzten Bundesliga-Spieltag die direkte Champions-League-Teilnahme weg (2:1) – und ab 2009, durch die „Bremer Festwochen“, erhielt diese Rivalität einen neuen Drive. Die Grün-Weißen verhinderten in allen 3 Wettbewerben – Liga, DFB-Pokal und UEFA-Pokal – einen möglichen HSV-Erfolg.

Verloren? Egal, Hauptsache, der HSV steigt ab…

Mai 2015. Bremen verlor zwar am 33. Spieltag zu Hause gegen den neuen CL-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach (0:2) – doch an diesem Tag glich das Weserstadion einem Tollhaus. Die Kneipen im nahe gelegenen Viertel waren anschließend so gut gefüllt wie bei einer Meisterfeier. Warum? Der HSV hatte zeitgleich mit 1:2 beim VfB Stuttgart verloren und konnte die Rettung nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Zwar jubelten die Bremer (noch) zu früh, doch wenige Jahre später wurde Vollzug gemeldet. Kein anderes Fan-Lager hat den dann 2018 erfolgenden Abstieg der „Rothosen“ aus der Bundesliga mehr zelebriert als die Werderaner.

Nachdem der HSV regelmäßiger Kandidat für die Relegation war, hat er es in der Saison 2017/2018 endlich geschafft. Derby in der 2. Bundesliga gegen den FC St. Pauli. We are coming! Was kann es schöneres geben?

Vor allem aus Sicht der Braun-Weißen vom Millerntor, die in der Saison 2019/2020 das Kunststück schafften, erstmals beide Liga-Derbys gegen die Vornehmen aus Stellingen zu gewinnen, gibt es fußballerisch gesehen wohl nichts Schöneres als einen Sieg gegen den HSV. Wenn man durch Hamburg streift und vor allem die Viertel besucht, die traditionell als St-Pauli-Hoheitsgebiete gelten, Sternschanze, Ottensen oder Eppendorf gehören dazu, sieht man hier und da Graffitis mit den entsprechenden Derby-Sieg-Ergebnissen aus den Jahren 2011 (Bundesliga) und 2019/2020 (2. Liga). Eine Rivalität, die sich auf diese Weise irgendwie ins Stadtbild eingeprägt hat.

3. Werder Bremen vs. Die beiden HSVs – Den echten und den aus Hannoi für Arme!

Werder Bremen – und die beiden HSVs. Das verläuft selten freundschaftlich, wie hier im Bild 2013 mit einem Fan-Flitzer, Hannovers Sebastien Pocognoli und Werder Bremens Aaron Hunt.
Werder Bremen – und die beiden HSVs. Das verläuft selten freundschaftlich, wie hier im Bild 2013 mit einem Fan-Flitzer, Hannovers Sebastien Pocognoli und Werder Bremens Aaron Hunt. Foto: Imago Images / DeFodi
Der gemeine Werder-Fan mag den HSV nicht, denn er ist…. Und die Antipathie bezieht sich auf beide HSVs – den aus Hamburg und den aus Hannover.

Diese Fan-Rivalität fällt allerdings in die Rubrik „Keiner weiß so richtig, warum“ und, so erklärt der Johannes Mäling vom Portal Faszination-fankurve.de gegenüber Ligalive, „ist eine Kategorie tiefer anzusiedeln als die zum Hamburger SV.“

Woher kommt diese gegenseitige grün-weiß-schwarze Abneigung? Im Forum der offiziellen Werder-Vereinsseite ist man im September 2012, als Hannover 96 mit der 2. Europapokalteilnahme in Folge den Peak seiner Bundesliga-Zugehörigkeit erreicht hat, auf Ursachenforschung.

Der User mit dem Pseudonym MrTpoint zu dieser Diskussion: „Ich lese oft so Dinge wie Hannoi ist einer der unsymphatischsten Vereine in der Buli und langweilig“, „Die Fans von Hannoi sind der letzte Abschaum" usw. (…) Da denk ich mir dann… Hm, muss ich das als Werder Fan auch so sehen? Mir fallen spontan 5 Buli-Klubs ein, die ich „schlimmer“ finde: HSV – WOB – Hoffenheim – Schalke – Bayern. Dann kommen auch noch eher so Klubs wie Pauli (alles aus HH ist scheiße!), Köln oder Hertha, die für mich gar nicht gehen, und dann würde ich erst 96 nennen. Quasi im Mittelfeld der Sympathie-Tabelle..ich würde die Hannoveraner eher „unauffällig“ nennen als „unsympathisch“ Da gibt es kaum was, was ich wirklich als Bremer Fan „schlimm“ finde, abgesehen von einem Pinto z.B., der geht gar nicht.“

Hannover 96 die Nummer 1 im Norden? Der war gut!

Bliebe die Frage: Sind es nur die 130 Kilometer Entfernung? „Nein“, glaubt der User mit dem Nickname Werdermann: „Einer meiner Hauptgründe ist, dass Hannoi eine ziemlich große Fresse hat nur weil sie die letzten beiden Jahre vor uns waren. Des Weiteren nervt mich die Aussage, dass Hannover die Nr. 1 im Norden ist, was einfach nicht stimmt.“

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