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Mehrseitig

Die größten Ultra- und Fan-Rivalitäten der Bundesliga

Die größten Fanfeindschaften der Bundesliga-Vereine. Bayern München, Dortmund, Schalke, Nürnberg, Bremen, Hamburg, Frankfurt, Köln, Gladbach

Ein Dortmund und ein Schalke Fan friedlich auf der Tribüne.

Der Fußball lebt von der Rivalität. Es gibt Gegner – das sind ganz normale sportliche Kontrahenten.

Es brodelt nicht, wenn sie und ihre Fans anreisen, es kribbelt nicht, man zählt nicht die Tage bis zum Spieltermin. Das Spiel läuft, das Treiben auf den Rängen verläuft relativ emotionslos. Gut, ein paar Schmäh-Gesänge, aber wo gibt es die nicht? Nach dem Spiel stehen dann meistens Floskeln wie „Rund um das Stadion blieb alles ruhig“ in den Agenturmeldungen oder „Keine besonderen Vorkommnisse“ im Polizeibericht. So weit, so gut. Aber es gibt auch Begegnungen, bei denen alles ganz anders abläuft. Dann sind wir schnell bei den größten Fan-Feindschaften der Bundesliga. Manche Fan-Lager verachten einander. Dauerhaft und unversöhnlich. Da gibt es kaum Graustufen. Diese Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Sie besteht teilweise seit vielen Jahrzehnten, sie ist mal eindeutig begründbar und oftmals von urbanen Legenden gespeist. Unscharf.

Es gibt dann den Teil der Anhängerschaft, der diese Rivalität als Teil der Folklore wahrnimmt – und den, der sie kultiviert. Abneigung, Häme, Hass, Gewalt, hier ist manchmal viel Gift im Spiel. Diese „Hass-Duelle“, wie sie der Boulevard gern nennt, sind meist regional begründet, mal durch die geographische Nähe. Aber auch durch ein bestimmtes Ereignis, das die Initialzündung gibt, das aber auf beiden Seiten des Stadion-Grabens unterschiedlich ausgelegt und erzählt wird. Der beste Stoff für urbane Legenden. Je mehr die Erinnerung verschwimmt, desto unscharfer wird das Bild und manche Fans, die mit Internet, Whatsapp und Instagram aufgewachsen sind, wissen eigentlich gar nicht, warum man diesen oder jeden Gegner verachtet. „Weil’s halt schon immer so war“, lautet dann meistens die lapidare Antwort, oder „Weil die schon immer sch… waren.“ Oder so ähnlich.

Unsere Autoren haben versucht, die größten Fanfeindschaften in der Bundesliga zu rekonstruieren. Dabei wollen wir die Geschichten über deren Entstehung wiedergeben und Begründungen dazu liefern. Manchmal klingen diese Episoden wie bei Opa am Lagerfeuer und manchmal wie die Intrigen und Rivalitäten bei Game of Thrones. Wobei: Echte Fan-Feindschaften entstehen selten aus sportlichen Gefälligkeiten…

Wir haben auf unserer Fußball-Fanreise durch Deutschland 4 Arten von Fan-Feindschaften herausgearbeitet.

Regional begründete Feindschaften: Das ist die am häufigsten belegte Kategorie, weil eben nichts über gesunde nachbarschaftliche Rivalität geht. Aber: Nicht jedes Nachbarschaftsduell ist auch ein Derby!

Ereignis begründete Feindschaften: Ein ominöses Spiel oder ein Skandal außerhalb des Rasens – und schon war die Rivalität perfekt. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn die Episoden, die zum Bruch zwischen 2 Vereinen geführt haben, werden auf beiden Seiten meist unterschiedlich erzählt.

Personen begründete Feindschaften: Ja, auch das gibt es im rauen Fußballgeschäft! Eine „Zaubermaus“, die den Stinkefinger ausfuhr, der „Don“, sowie ein unbescholtener Erfolgscoach aus Holland und ein Überläufer im wilden Südwesten heizten die Rivalität zwischen verschiedenen Klubs – mal als Auslöser, mal als Verstärker – zusätzlich an. Personae non Gratae, könnte man sagen…

„Keiner weiß so richtig, warum“-Feindschaften. Während die regional begründeten Fanfeindschaften in der Regel nachvollziehbar sind und historisch gewachsene Rivalitäten unter Nachbarn sind (Stichwort: Platzhirsch-Syndrom), sind die „Keiner weiß so richtig, warum”-Feindschaften seltsam, aber fast schon interessanter!

In diesem Bereich gibt es häufig gleich mehrere Geschichten, die immer wieder und teilweise seit Jahrzehnten erzählt werden, warum und wie es zur Feindschaft kam. Wichtig: Feindschaften zwischen den „normalen” Fans und den Ultras unterscheiden sich zum Teil beträchtlich! Wir haben deshalb nach der Darstellung der “normalen” Fanfeindschaften eine Aufstellung wesentlicher Ultra-Freundschaften und Feindschaften versucht und blicken auch auf die Rivalität unter den Hooligans, die sicherlich brisantesten Beziehungen zwischen Fußballanhängern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und – auch wenn es sie seltener gibt – wir benennen auch einige wichtige Fanfreundschaften.

Wir gehen dabei geographisch vor – von Nord nach Süd. Wir fangen im hohen Norden der Republik an. Es folgen: Das Rheinland, Berlin, der Fußball-Osten, der fußballerisch vitalste Teil Deutschlands, der Ruhrpott, das Rhein-Main-Gebiet, Baden und Schwaben und ganz zum Schluss landen wir in Bayern, respektive in Franken.Hannover 96 – Der „HSV für Arme“ pflegte lange Zeit diverse Fanfeindschaften zu anderen norddeutschen Bundesliga-Vereinen.

Es handelte sich dabei vornehmlich um die regionalen Rivalitäten zu Werder Bremen, dem FC St. Pauli, VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig. Das änderte sich mit der Bundesliga-Rückkehr 2017/2018. Da suchten sich die Ultras plötzlich den Feind in den eigenen Reihen. Mein Feind, der Chef – in diesem Fall Hannover-Präsident Martin Kind.

Der unnahbare Hörgeräte-Unternehmer, der Hannover von der Regionalliga in die Bundesliga zurückgeführt hatte und ohne dessen finanzielles Engagement es den Klub nach dem Sturz in die Drittklassigkeit 1996 möglicherweise auf Sicht nicht mehr im „Oberhaus“ und erst recht nicht in der Europa League (2011 und 2012) gegeben hätte, polarisiert in Hannover so stark, dass nicht mal die 3 Stadtheiligen, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Finanz-Jongleur Carsten Maschmeyer und die unvermeidliche Margot Käßmann, mithalten können.

Seit dem Abstieg 2017 nach 15 Jahren durchgängiger Bundesliga-Zugehörigkeit gilt er für viele als Hauptverantwortlicher für alle Misserfolge. Alleingänge, Beratungsresistenz, unangebrachte Geschwätzigkeit gegenüber den Medien und eine Reihe von Fehlentscheidungen – das warfen die Ultras Kind unter anderem vor.

Die Derby-Rivalitäten mit Wolfsburg und Werder Bremen verblassten gemessen an den Szenen, die sich ab Sommer 2017 auf den Rängen in Hannover abspielten. Hannover gegen 96 oder Ultras gegen Kind. Die Ultra-Gruppierungen der „Roten“, die sich u. a. den Erhalt der 50 + 1 – Regelung auf die Fahne geschrieben haben, initiierten vor dem ersten Heimspiel nach der Bundesliga-Rückkehr gegen den FC Schalke 04 (1:0) eine von vielen, groß angelegten Protest-Aktionen gegen Kind. „Stimmungsboykott“ nannte sich das Ganze damals, Motto: „Ohne Stimme keine Stimmung.“ „Doch die Wirkung verpuffte“, stellte SPORT BILD (Ausgabe 35 / 2017) in einer Reportage aus der 96-Kurve fest, und sah 3 Fan-Lager in der Arena. „Die Ultras, die wegen Kinds Alleingängen schweigen. Die Fans, die Kind auch nicht mögen, aber die Mannschaft nicht im Stich lassen wollen. Und die Pro-Kind-Fraktion, die dem Boss dankbar ist.“Werder Bremen und der FC St. Pauli – das sind die großen Fanfeinde des HSV. St. Pauli, weil gleiche Stadt und Werder Bremen, weil über Jahre deutlich besser und weil Hamburg und Bremen sowieso nie zusammenpassen werden.

Die Rivalität HSV – Bremen forderte schon in den 1980er-Jahren eines der ersten Todesopfer in der Fan-Szene. Es war der erst 16 Jahre alte Glaser-Lehrling Adrian Maleika, der auf dem Weg zum DFB-Pokalspiel Hamburger SV gegen Werder Bremen am 16. Oktober 1982 von Mitgliedern der HSV-Hooligangruppe „Die Löwen“ attackiert wurde. Er erlitt schwerste Kopfverletzungen und starb einen Tag später in einem Altonaer Krankenhaus. Eine Gedenktafel hinter der Ostkurve des Weserstadions, wo die treuesten Bremer Fans ihren Platz haben, und ein bis 2003 ausgetragenes Gedächtnisturnier erinnern bis heute an den Fall.

2006 schnappte Bremen Hamburg im eigenen Stadion am letzten Bundesliga-Spieltag die direkte Champions-League-Teilnahme weg (2:1) – und ab 2009, durch die „Bremer Festwochen“, erhielt diese Rivalität einen neuen Drive. Die Grün-Weißen verhinderten in allen 3 Wettbewerben – Liga, DFB-Pokal und UEFA-Pokal – einen möglichen HSV-Erfolg.

Verloren? Egal, Hauptsache, der HSV steigt ab…

Mai 2015. Bremen verlor zwar am 33. Spieltag zu Hause gegen den neuen CL-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach (0:2) – doch an diesem Tag glich das Weserstadion einem Tollhaus. Die Kneipen im nahe gelegenen Viertel waren anschließend so gut gefüllt wie bei einer Meisterfeier. Warum? Der HSV hatte zeitgleich mit 1:2 beim VfB Stuttgart verloren und konnte die Rettung nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Zwar jubelten die Bremer (noch) zu früh, doch wenige Jahre später wurde Vollzug gemeldet. Kein anderes Fan-Lager hat den dann 2018 erfolgenden Abstieg der „Rothosen“ aus der Bundesliga mehr zelebriert als die Werderaner.

Nachdem der HSV regelmäßiger Kandidat für die Relegation war, hat er es in der Saison 2017/2018 endlich geschafft. Derby in der 2. Bundesliga gegen den FC St. Pauli. We are coming! Was kann es schöneres geben?

Vor allem aus Sicht der Braun-Weißen vom Millerntor, die in der Saison 2019/2020 das Kunststück schafften, erstmals beide Liga-Derbys gegen die Vornehmen aus Stellingen zu gewinnen, gibt es fußballerisch gesehen wohl nichts Schöneres als einen Sieg gegen den HSV. Wenn man durch Hamburg streift und vor allem die Viertel besucht, die traditionell als St-Pauli-Hoheitsgebiete gelten, Sternschanze, Ottensen oder Eppendorf gehören dazu, sieht man hier und da Graffitis mit den entsprechenden Derby-Sieg-Ergebnissen aus den Jahren 2011 (Bundesliga) und 2019/2020 (2. Liga). Eine Rivalität, die sich auf diese Weise irgendwie ins Stadtbild eingeprägt hat.Der gemeine Werder-Fan mag den HSV nicht, denn er ist…. Und die Antipathie bezieht sich auf beide HSVs – den aus Hamburg und den aus Hannover.

Diese Fan-Rivalität fällt allerdings in die Rubrik „Keiner weiß so richtig, warum“ und, so erklärt der Johannes Mäling vom Portal Faszination-fankurve.de gegenüber Ligalive, „ist eine Kategorie tiefer anzusiedeln als die zum Hamburger SV.“

Woher kommt diese gegenseitige grün-weiß-schwarze Abneigung? Im Forum der offiziellen Werder-Vereinsseite ist man im September 2012, als Hannover 96 mit der 2. Europapokalteilnahme in Folge den Peak seiner Bundesliga-Zugehörigkeit erreicht hat, auf Ursachenforschung.

Der User mit dem Pseudonym MrTpoint zu dieser Diskussion: „Ich lese oft so Dinge wie Hannoi ist einer der unsymphatischsten Vereine in der Buli und langweilig“, „Die Fans von Hannoi sind der letzte Abschaum” usw. (…) Da denk ich mir dann… Hm, muss ich das als Werder Fan auch so sehen? Mir fallen spontan 5 Buli-Klubs ein, die ich „schlimmer“ finde: HSV – WOB – Hoffenheim – Schalke – Bayern. Dann kommen auch noch eher so Klubs wie Pauli (alles aus HH ist scheiße!), Köln oder Hertha, die für mich gar nicht gehen, und dann würde ich erst 96 nennen. Quasi im Mittelfeld der Sympathie-Tabelle..ich würde die Hannoveraner eher „unauffällig“ nennen als „unsympathisch“ Da gibt es kaum was, was ich wirklich als Bremer Fan „schlimm“ finde, abgesehen von einem Pinto z.B., der geht gar nicht.“

Hannover 96 die Nummer 1 im Norden? Der war gut!

Bliebe die Frage: Sind es nur die 130 Kilometer Entfernung? „Nein“, glaubt der User mit dem Nickname Werdermann: „Einer meiner Hauptgründe ist, dass Hannoi eine ziemlich große Fresse hat nur weil sie die letzten beiden Jahre vor uns waren. Des Weiteren nervt mich die Aussage, dass Hannover die Nr. 1 im Norden ist, was einfach nicht stimmt.“
Gladbach gegen Köln, das ist kein normales Spiel, „dat is Jeföhl“, wie man am Rhein sagt.

Die besondere Rivalität zwischen dem 1. FC Köln und den Borussen vom Niederrhein ist sowohl regional begründet als auch Ereignis begründet.

Viele führen sie aber auf eine Person zurück, die Gründungsmitglied des 1. FC Köln im Jahr 1948 war und dort in den 1950er Jahren als Trainer wirkte – Hennes Weisweiler († 1983). Denn 1964 wechselte „Don Hennes“, Ur-Kölner und Dozent an der Sporthochschule in Köln, überraschend zum Provinzverein nach Gladbach. Beide Vereine trennten damals Welten.

Der FC war gerade im Gründungsjahr der Bundesliga deutscher Meister geworden und die Gladbacher spielten noch nicht im „Oberhaus.“ Das sollte sich aber 2 Jahre später ändern und von 1966 an begann der rasante Aufstieg der „Fohlen”. Unter der Ägide von Weisweiler, der mit Vornamen nicht zufällig auch noch so hieß wie das Kölner Maskottchen und der nach Siegen in den Derbys mit dem 1. FC Köln (und meistens gewannen ja die Gladbacher…) gerne grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Gänge der Kölner Universität lief.

Schnell entwickelten sich die „Buuren“ (Bauern) vom Niederrhein zur Nummer 1 im Rheinland und der 1. FC Köln musste sich mit der Nummer 2 zufriedengeben. Das Blatt wendete sich erst wieder als Hennes Weisweiler nach seinem Scheitern als Trainer des FC Barcelona den 1. FC Köln übernahm und 1978 zur bis dato letzten deutschen Meisterschaft führte. Ganz knapp, nur aufgrund des besseren Torverhältnisses vor den Borussen, denen auch der Rekordsieg gegen die anderen Borussen (12:0) – damals von Otto „Torhagel“ Rehhagel trainiert – am letzten Spieltag nichts half. Denn der 1. FC Köln schoss 5 Tore gegen St. Pauli im Hamburger Volksparkstadion und gewann sein letztes Spiel ebenfalls.

Die Derby-Bilanz am Rhein (Stand: 1. Juni 2020): 90 Bundesliga-Spiele, dabei 50 Siege für Borussia Mönchengladbach und 16 Unentschieden. Köln gewann nur 24-mal.Fanfeindschaften des 1. FC Köln sind eindeutig Ereignis bezogen. Man kann sie am besten mit dem „Fading Platzhirsch Syndrom“ erklären.

Der 1. FC Köln ging zwar erst 1948 aus einer Fusion des Kölner BC und der SpVgg Sülz 07 hervor, hatte aber bei 5 Westdeutschen Meisterschaften und 2 deutschen Meisterschaften rund um die Bundesliga-Gründung (1962 und 1964) am Rhein quasi keine Konkurrenz.

Borussia Mönchengladbach war damals noch ein unbedeutender Regionalverein vom Niederrhein und die kickende Abteilung des Bayer-Konzerns aus Leverkusen spielte bis 1951 nicht in der Oberliga West, etablierte sich in der damals höchsten Spielklasse aber schnell als „Angstgegner“ der Kölner! So schrieb das Kicker-Sportmagazin schon im Jahr 1953: „Auch diesmal konnte der hoch favorisierte 1. FC Köln das Gesetz der Serie nicht durchbrechen und war am Ende froh, mit einem Punkt das gefährliche Stadtpark-Gelände verlassen zu können. Ob die Leute aus der Domstadt gegen ihren alten Rivalen aus der Farbenstadt tatsächlich mit Hemmungen ins Spiel gehen?“ Die Oberliga-Bilanz der Leverkusener gegen den FC ist in jedem Fall positiv: Je 5 Siege, 5 Remis und nur 2 Niederlagen.

Trotzdem: Mit Preußen Delbrück wähnten die „Geißböcke“ zu dieser Zeit noch den größten rheinischen Rivalen innerhalb der eigenen Stadtgrenzen. Und dann gab es für die Kölner ja noch Fortuna Köln und Viktoria Köln. Aber dann wurden die Gladbacher eben in den 1970er-Jahren so richtig erfolgreich und der rheinische Platzhirsch aus der Domstadt war fortan nur noch die Nummer 2 in der Region. Da half auch kein Röhren!

Dass man um diese Position nach dem ersten Abstieg von Borussia Mönchengladbach 1999 mit den Leverkusenern rangeln musste, traf die Kölner besonders hart. Dass sich dort, wo für den Ur-Kölner bereits die Ukraine anfängt, auf der „schäl Sick“, am rechten Rheinufer nämlich, ein neuer Konkurrent auftat, war für manchen zu viel. Ein Konkurrent ohne große Tradition, aber mit deutlich mehr Geld – und zu Zeiten von Reiner „Calli“ Calmund, Christoph Daum oder Klaus „Toppi“ Toppmöller auch mit dem höheren Unterhaltungswert! Leverkusen war plötzlich schick für den Boulevard.

Während Bayer jahrelang als später patentiertes „Vizekusen“ um die deutsche Meisterschaft mitspielte, verkam der FC zum Jojo-Team, das mal aufstieg, dann aber wieder gleich in die 2. Bundesliga musste. Aber: Eine Vizemeisterschaft „verdankt“ Leverkusen dem 1. FC Köln. Ein 0:4 im Müngersdorfer Stadion am 33. Spieltag der Saison 1996/97 bedeutete das Ende aller Titelträume für die Mannschaft von Christoph Daum. Die Leverkusener revanchierten sich in der „Triple-Vize“-Saison 2001/2002. In der Bundesliga beschleunigten sie mit einem 4:1-Heimerfolg den abermaligen Abstieg der Kölner und im DFB-Pokal-Halbfinale setzten sie sich mit 3:1 in der Verlängerung durch. „Bayer nagelte Euch an die Wand“, las man vor dem Anpfiff auf einer Blockfahne in der Leverkusener Heim-Kurve.

Das Auf und Ab am Rhein schien ein Indiz dafür zu sein, dass sich für den FC alles zum Schlechteren verändert hatte. Zumindest in der Derby-Hierarchie. Gladbach und Bayer 04 – Zwischendurch sogar auch noch Alemannia Aachen – spielten regelmäßig in Europa und der 1. FC Köln hatte sich im Mittelfeld der Liga etabliert, blieb die Nr. 3 am Rhein. Auch wenn in der Saison 2016/2017 sogar die Qualifikation für die Euro-League raussprang. Doch kaum schien sich alles positiv beruhigt zu haben, da setzte beim 1. FC wieder das Selbstzerstörungssyndrom ein. In der Saison 2017/2018 stiegen die Kölner ziemlich sang- und klanglos in die 2. Bundesliga ab. Und noch schlimmer – Fortuna Düsseldorf stieg in die Bundesliga auf. Für eine Saison lang war man nur noch die Nr. 4 am Rhein.

Experten wie Johannes Mäling stufen die Rivalität FC gegen Fortuna Düsseldorf – immerhin das Pokalfinale der Jahre 1978 und 1980 – als die gewichtigste Fan-Feindschaft hinter FC gegen Gladbach ein. Andere Animositäten am Rhein, wie die von Rot-Weiß Essen und des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf, „resultierten aus den Niederungen, die Düsseldorf in den 1990er-und 200er-Jahren Liga technisch durchlaufen hat.“ Ab 1999 spielte die Fortuna ein ganzes Jahrzehnt lang außerhalb der 1. und 2. Bundesliga.Bei Bayer Leverkusen wird eher gemobbt, als dass die Fans von Bayer andere Vereine und Fans dissen oder gar hassen. Denn dazu sind die Bayer-Anhänger eigentlich zu kultiviert und distinguiert.

In Leverkusen ist man daher eher pikiert, ob der ganzen Emotionen der Fans in Köln, Gladbach und Düsseldorf. Man geht selten aus sich heraus. Fast könnte man glauben – und das ist eigentlich gar nicht schlecht – die Bayer-Fanszene würde sich an ein Zitat des früheren Leverkusener Trainers Berti Vogts halten: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle sollte man zu Hause mit der Ehefrau ausleben.“

Nein, das kann man den Leverkusenern nun wirklich nicht nachsagen. Alleinfalls eine Hassliebe zu den rheinischen Rivalen, denn die füllen ihnen ja auch die BayArena. Das Rheinderby gegen den FC Köln zu den brisantesten Begegnungen für Bayer 04. Denn der sportliche Aufstieg des Vereins begann zeitgleich mit dem Niedergang des 1. FC Köln. Es geht darum, die „Macht am Rhein“ zu sein – auf der einen Seite der chronisch erfolglose Traditionalist aus Köln und auf der anderen Seite der beamtenhafte Werks-Klub vom rechten Rheinufer. Selten auf Augenhöhe, aber auch auf Leverkusener Seite mit mehr Emotionen geführt als jedes andere Spiel.

Diese Abneigung speist sich noch aus einer anderen Quelle. Die Stadt Köln wollte in den 1970er-Jahren Leverkusen eingemeinden, um Millionenstadt zu werden. Der damalige NRW-Ministerpräsident wusste dieses durch seine Kommunalreform zu verhindern. Jetzt heißt Leverkusen weiterhin Leverkusen und nicht zum Beispiel „Köln-Wiesdorf“ oder „Köln-falsche Rheinseite“. Und da die Fans von Bayer 04 im deutschen Fußball den Ruf von ordentlichen Fußballkennern haben, halten sich Rivalitäten mit anderen Vereinen in engen Grenzen.

Ein Leverkusener Spieler sorgt für eine Fan-Freundschaft – und Rivalität

Das gilt auch für den bis 1996 von der mächtigen Bayer AG in Leverkusen ebenfalls subventionierten FC Bayer 05 Uerdingen, der aus dem Umfeld der Bundesliga verschwunden ist. Die Krefelder sind abgestürzt, ebenso wie der Klub, zu dem die Bayer 04-Fans eine Freundschaft unterhalten, Kickers Offenbach.

Diese freundschaftliche Beziehung zu den Kickers war gleichzeitig der Beginn der Rivalität mit Eintracht Frankfurt. Auslöser war ein rüdes Foul des Leverkuseners Jürgen Gelsdorf an Frankfurts koreanischem Torjäger Bum-kun Cha. Das brachte die Frankfurter Fans in den Bembel-Bars derart auf, dass es sogar Morddrohungen gegen Gelsdorf, später auch Trainer von Bayer Leverkusen, gab.

Was war geschehen? Beim nächsten Spiel gegen Leverkusen wollten sich die Frankfurter Fans an den Leverkusenern „rächen“. Das sprach sich rum und die Bayer-Anhänger bekamen daraufhin Unterstützung von Fans der Offenbacher Kickers. Seitdem gibt es eine Fanfreundschaft zwischen Leverkusen und Offenbach – und auf Leverkusener Seite eine Rivalität mit Eintracht Frankfurt. Die Verbindung zu den Offenbachern, die man in Frankfurt nur „Ochsenbacher“ nennt, überstand auch die Relegationsspiele zur Bundesliga in der Saison 1981/82, in denen Leverkusen den Abstieg verhinderte. Zur Neueröffnung des Offenbachers Stadions am Bieberer Berg am 18. Juli 2012 war folgerichtig Bayer Leverkusen der Gegner. Der fußballerische „Hass” auf Frankfurt eint beide Fanlager. So sind Besuche von Offenbachern bei Spielen gegen die Eintracht ebenso regelmäßig und zahlreich wie die „Bayer und der OFC“-Gesänge.
Hertha BSC war über Jahrzehnte und bis zur Wende die West-Berliner Fußballinsel mitten in der DDR. Ein von Anfang an schwieriger Bundesliga-Standort – Rivalitäten, Feinschaften und Fan-typische Hahnenkämpfe inklusive.

Die „alte Dame“ war der erste Verein der Bundesliga, der wegen Lizenzentzug absteigen musste. Die weiteren West-Berliner Bundesligisten, wie das vom DFB 1965 eilig in die Liga gehievte Tasmania 1900, die Charlottenburger Tennis Borussia und das One-Hit-Wonder von Blau-Weiß 90 Berlin, konnten den Charlottenburgern aber in Sachen Fan-Popularität nie das Wasser reichen.

Im Gegenteil: Sie wurden sportlich mit zu den größten Lachnummern der Liga-Historie. Kaum ernst zu nehmen. Dass Blau-Weiß 90 bei seinem Bundesliga-Aufstieg 1986 mit Götz George warb oder eine Single mit Bernhard Brink aufnahm, konnte den eingeschworenen Herthanern allenfalls ein müdes Lächeln aufs Gesicht bringen. „Nu kiek der det an, die wollen et aber wirklich wissen, wa?“ – Äh nein, für eine brisante Rivalität auf dem Rasen und auf den Rängen waren Blau-Weiß 90 und die vom Schlagerproduzenten Horst Nussbaum, den alle nur Jack White nennen, unterstützten Violetten von „TeBe“ gänzlich ungeeignet.

Es nützte alles nichts, Hertha BSC musste sich seine Feinde im Westen suchen. Nicht in West-Berlin, logischerweise, sondern tief im Westen. Zum erklärten Gegner der Spree-Kicker wurde der FC Schalke 04. Beide Vereine verbindet eine alte Rivalität, von der aber nur die Berliner wissen.

Warum Schalke ein Feindbild für die Berliner ist…

Sie hat viel mit Skandalen und Spielmanipulationen zu tun. Zwei Disziplinen, in denen beide Klubs in der Vergangenheit ziemlich firm waren. Bei Schalke haben sie bis heute aber nichts bzw. nicht viel von jener Rivalität mitbekommen. Denn durch Gelsenkirchen sollte man besser nicht mit dem Auto spazieren fahren, wenn man ein Dortmunder Kennzeichen besitzt – oder gar eine BVB-Dekoration auf der Ablage hat. Aber Hertha? Achselzucken! Bei den Berlinern sieht man das anders.

Das liegt daran, dass die Erinnerungen an das Jahr 1971 nicht verblasst sind. Damals im Dezember, als der Bundesligaskandal seine Kreise zog, fühlte man sich von Schalke betrogen. Vor dem Erstrundenrückspiel im DFB-Pokal gegen S04 sollte Herthas ungarischer Stürmer Zoltan Varga wegen seiner Beteiligung am Bestechungsskandal mit einer Vorsperre belegt werden.

Sein Prozess hatte nämlich noch nicht begonnen. Varga wehrte sich dagegen, erwirkte eine einstweilige Verfügung und war zwei Tage später an zwei der drei Treffer beim 3:0-Sieg der Hertha gegen Schalke beteiligt. Noch am selben Abend legte S04 Einspruch ein. Ein paar Wochen später wandelte das DFB-Sportgericht Herthas Sieg in eine 0:2-Niederlage um. Schalke kam weiter und gewann am Ende auch den Pokal.

Hertha und Schalke: 2 Skandalklubs, die aber unterschiedlich behandelt wurden…

Doch das ist längst nicht alles. Der Stachel sitzt bei den Berlinern noch aus anderen Gründen so richtig tief.

(1) Weil es in der Saison 1964/65 in der gerade neu geschaffenen Bundesliga zu ersten Unregelmäßigkeiten kam und Schalke und der KSC wegen Verstößen gegen die damaligen Ablösebeschränkungen zuerst zu Punktabzügen verurteilt, später jedoch begnadigt wurden. Hertha jedoch wurde wegen ähnlicher Vorgänge zum Zwangsabstieg verdonnert (deswegen spielte Tasmania Berlin auch ein Jahr in der Bundesliga – und brach alle Negativ-Rekorde), von dem wiederum ausgerechnet Schalke profitierte, das die Saison 1964/65 als Letzter beendet hatte.

(2) Weil in der Schalker Mannschaft im Jahr 1971 diverse Spieler standen („Stan“ Libuda Rolf Rüssmann, Klaus Fischer u. a.), denen später selbst die Beteiligung an Spiel-Manipulationen nachgewiesen werden konnte. Weil die Schalker dies allerdings zunächst bestritten, während Herthas Varga geständig war, ist für die „Königsblauen“ bis heute in Berlin auch die Bezeichnung „FC Meineid“ gebräuchlich. Da herrscht dann keinesfalls Achselzucken.

Die Abneigung von damals hat bis in die Gegenwart Gültigkeit. Und es gibt nicht wenige, die zum Beispiel das Scheitern von Huub Stevens bei Hertha auch damit in Verbindung bringen, dass der Trainer bei S04 Kult war und ist – und von den Berliner Anhängern nie richtig angenommen wurde, obwohl er 2002 zu den erfolgreichsten seiner Zunft gehörte. Und es bleibt zu erwähnen, dass die Schalker 2008/2009 mit einem 0:0 am 33. Spieltag in Berlin die mögliche und wohl historische Meisterschaft von Hertha BSC in der Bundesliga verhinderten. Das hat sicher vieles ausgelöst in Berlin, aber nicht zur Verbesserung der blau-weißen, diplomatischen Beziehungen beigetragen.Ehe sich für Hertha BSC ein echter Rivale aus der eigenen Stadt heraus kristallisierte, dauerte es bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989.

Anfangs schien man sich mit dem in DDR-Zeiten als System kritisch bekannten 1. FC Union Berlin aus dem Ostteil der Stadt anfreunden zu wollen. Aus anfänglicher Sympathie wurde jedoch schnell offene Feindschaft. Im Januar 1990 kam es vor über 60.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion zum ersten sportlichen Vergleich in der Geschichte beider Vereine. Hertha gewann das Freundschaftsspiel 2:1. Gefeiert wurde dennoch auf beiden Seiten. „Wir halten zusammen wie der Wind und das Meer, die blau-weiße Hertha und der FC Union“, war das Motto des Abends. „Das war natürlich toll. Die Trabis haben geknattert, die Luft hat vibriert und es war wirklich emotional. Es gab Leute, die nach 1961 das erste Mal wieder im Olympiastadion waren und Tränen in den Augen hatten“, sagt Manfred Sangel, mehr als 30 Jahre lang Moderator des Radio-Magazins Hertha-Echo, 2019 dem Portal einland.net.

Olaf Forner, leidenschaftlicher Union-Fan, bei einland.net über das anfängliche Verhältnis der „Eisernen“ zu Hertha: „Abgesehen von den 10 Prozent, die im Stadion linientreu waren, hatten alle anderen Zuschauer auch einen Westverein, den sie verfolgt haben. Köln, Mönchengladbach, Hamburg, Bayern. Hertha gehörte dazu, weil dit is ooch Berlin.“ Zudem besuchten viele Union-Fans Hertha-Auswärtsspiele im Europacup im „sozialistischen Ausland“, u. a. im UEFA-Pokal-Viertelfinale 1979 in Prag.

Hertha und die „Hurensohn-Bande“

„Während der Teilung gab es viele Gründe, einander zu mögen. Beide Vereine teilten sich eine und doch nicht die gleiche Stadt, beide bedienten eine Arbeitergruppe, beide Fanlager waren deutlich gegen die Mauer in ihrer Mitte“, heißt es dazu bei einland.net, „eine sportliche Konkurrenz-Situation gab es nie. Die gab es auch nach der Maueröffnung nicht und doch buhlte man plötzlich um alles andere: um Fans, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt auch öffentliche Gelder.“

Mit den Hertha-Abstiegen in die 2. Liga und erst recht mit der Bundesliga-Premiere von Union 2019/2020 verschoben sich die Parameter. „Das Derby hat genau jetzt damit begonnen, dass diese Hurensohn-Bande aufgestiegen ist. Und Derby heißt Krieg um jeden Zentimeter in Berlin“, diese nur wenig charmante Whatsapp-Nachricht kursiert im Mai 2019, Union Berlin war gerade in den Relegationsspielen gegen den VfB Stuttgart aufgestiegen, nur wenige Stunden nach dem entscheidenden Duell in der Alten Försterei in den sozialen Netzwerken.

Publiziert auf der Instagram-Seite herthaklebt machte der Verfasser deutlich, was er von Union hielt: „Jeder muss das Maximum an Hass und Gewalt aufbringen und alles dafür tun, dass diese Missgeburten wissen, dass sie Hertha BSC nicht gewachsen sind.” Wenig später wurde die Nachricht zwar gelöscht, aber das Netz vergisst halt nicht. Dass man auf Union-Seite ein Derby am 9. November 2019, dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, ablehnte, zeigte, dass man auf keinen Fall einen Eindruck von falscher Harmonie vermitteln wollte. „Uns ist der Gedenktag zum Mauerfall zu wichtig, wir wollen an diesem historischen Tag nicht Fußball spielen“, kommentierte Union Berlin die Absage. Gespielt wurde dann am 2. November 2019 – und die „Eisernen“ gewannen in hitziger Atmosphäre mit 1:0.

Aber: Innerhalb der Fan-Szene beider Berliner Erstligisten gibt es auch freundschaftliche Kontakte. „Eine Fan-Rivalität“, erläutert Johannes Mäling, „ist immer eine subjektive Geschichte, sie wird nie pauschal und nie von allen Zuschauern der jeweiligen Kontrahenten getragen. In Berlin wird die Rivalität nicht so extrem ausgelebt wie in anderen Städten, wo es 2 Bundesliga-Klubs gab, wie München oder Hamburg.“Der von Stasi-Chef Erich Mielke hofierte BFC Dynamo Berlin gilt seit jeher als sportlicher und politischer Erzrivale von Union Berlin – und anderer Vereine in der Hauptstadt.

Den BFC und Union verbindet bis heute eine gegenseitige Abneigung. Die Spiele gegeneinander galten als besonders risikoreich. Auf der einen Seite resultierte die Rivalität aus dem lokalen Derbycharakter. Hinzu kam, dass der BFC Unterstützung durch das Ministerium für Staatssicherheit erhielt. Spieler vom 1. FC Union Berlin wurden zum BFC und umgekehrt delegiert. So wechselten viele Talente vom FCU zum BFC und im Gegenzug erhielt Union meist Spieler, die ihren Leistungszenit bereits überschritten hatten. Darüber hinaus war Union gezwungen, alle Derbys ab der Saison 1976/77 nur noch im Stadion der Weltjugend auszutragen. Der BFC wurde oft als „Schiebermeister“ bezeichnet, da die Schiedsrichter oft in bestechender Form zu sein schienen…

Non-konformer als Union konnte ein DDR-Klub für die Hüter des real existierenden Sozialismus kaum sein. Auf den Rängen trafen sich parteiferne Proleten, Hippies, Hooligans und sonstige „Ideologiefremde“, die mit dem Absingen von anarchistischen Liedern die Stasi-Spitzel quälten. Ihr Motto: „Lieber ein Verlierer sein als ein dummes Stasi-Schwein.“

Dem „Klassenfreund“ BFC Dynamo begegnet Union nicht auf Augenhöhe

„Die anarchische Mischung aus Underdog-Feeling und Renitenz gegenüber jeder Form von staatlicher Obrigkeit prägt die Unioner Fanszene noch heute“, schrieb Matthias Koch 2020 bei Ligalive.net.

Die Fan-Szene von Union Berlin pflegt(e) folglich innerhalb Berlins erbitterte und wohlbekannte Rivalitäten, allen voran zum insbesondere zum ,,Stasi-Klub“ BFC Dynamo und in den späten 190er-Jahren zum ,,Klassenfeind“ Tennis Borussia Berlin aus Charlottenburg. Auch wenn sich der BFC Dynamo und Union Berlin schon lange nicht mehr auf Augenhöhe begegnen. Dynamo kickt in der Regionalliga und Union im bezahlten Fußball. Das war zu DDR-Zeiten ganz anders und der BFC Dynamo „schredderte“ die Köpenicker regelmäßig. Was wenige heute noch wissen. Es gab zwischen Dynamos und Union von 1976 bis 1989 keine Heimspiele. Denn aus „Sicherheitsgründen“ fanden alle Ortsderbys im Stadion der Weltjugend in der Stadtmitte und damit auf neutralem Boden statt. Ausnahme war das Pokal-Viertelfinale Union – BFC im Dezember 1988. Doch auch das half den Köpenickern wenig. Sie verloren mit 0:2 vor 20.000 Fans in der Alten Försterei.

Frank Willmann, Autor von Stadionpartisanen – Fans aus der DDR beschreibt die Rivalität zwischen den Unionern und den Dynamos im Magazin 11 FREUNDE so: „Tatsächlich sind die ersten Dinge, die mir zu diesem Derby ein­fallen, nicht wirklich festlich: 2006 stürmten BFC-Fans beim bislang letzten Derby der beiden ersten Mannschaften den Platz und zettelten eine Massenhauerei an, und im vergangenen Jahr wollten Union-Fans anlässlich eines Altherren-Turniers die Dynamo-Halle entern und schlugen dabei eine Ordnerin zusammen.“ Die Abneigung der Union-Fans gegen den BFC Dynamo geht so weit, dass man nicht einmal den Vereinsnamen aussprechen will. „Die da“, so nennen die Unioner den BFC. Umgekehrt sind Union-Anhänger für die nach dem Ende der DDR-Zeit so brutal abgestürzten Serien-Meister vom BFC nur „Waldmenschen“ oder „Uriner.“
Der Rasenballsportverein Leipzig (AKA Red Bull Leipzig oder Dead Bull Leipzig) zählt zu den unbeliebtesten Vereinen Deutschlands.

Vor allem die enge Beziehung zum Energy-Drink Hersteller Red Bull sorgt bei den Fans der weniger erfolgreichen Traditionsvereine im Osten für Ärger und fußballerischen Hass. Aber nicht nur dort. „RB Leipzig“, weiß Fan-Experte Johannes Mäling, „ist deutschlandweit ein Feindbild.“

Doch das kümmert die RB-Fans eigentlich wenig. Zu groß ist die Euphorie über die Erfolge der letzten Jahre. Ausgeprägte Rivalitäten bestehen so mit den Anhängern von Dynamo Dresden, Chemie und 1. FC Lokomotive Leipzig, FC Carl Zeiss Jena, FSV Zwickau, etc. Fast alle Ost-Klubs haben sich gegen RB Leipzig verschworen. Wäre man böse, würde man sagen: Der Neid der Besitzlosen… Fan-Freundschaften gibt es deshalb umgekehrt auch nur wenige und wenn können sich diese auf Dauer wohl eher mit ähnlich strukturierten Vereinen ergeben. 1899 Hoffenheim wäre ein Kandidat.

Dennoch bleibt der Hass auf die ostdeutschen Emporkömmlinge, den viele Fans vorwiegend im Westen der Republik pflegen, schwierig zu verstehen. In Hannover versucht ein Hörgeräte-Unternehmer den Verein komplett zu schlucken, in Hamburg wird der Klub durch die Spenden eines greisen Milliardärs am Leben gehalten. Und in Hoffenheim lebt der Verein nur aufgrund der Gelder eines ebenfalls betagten Software-Milliardärs. Gegen ihn liefen die Fans der so genannten Traditionalisten in Ost und West Anfang 2020 und wenige Wochen vor dem Corona-Lockdown des deutschen Fußballs ebenfalls Sturm. Wo also ist der Unterschied?

Tradition ist, wenn man’s trotzdem macht!

RB Leipzig ist unbeliebt. Warum? Weil man nicht alles anders, sondern vieles besser gemacht hat als die „traditionellen“ Vereine aus dem Osten der Republik. Sicher, diese wurden in den ersten Nach-Wende-Jahren von der Dynamik und dem Geschäftsgebaren des Profifußballs überrollt. Aus den Fehlern der Anfangsjahre lernten sie jedoch nur wenig. Einziger Fußball-Leuchtturm im Osten wurde Hansa Rostock, das zwischen 1995 und 2005 als bis heute einziger Verein aus der ehemaligen DDR 10 Jahre lang durchgehend in der Bundesliga spielte.

Es gilt als sicher, dass RB Leipzig diesen Rekord übertreffen wird. Eine Bestmarke, erster „Herbstmeister“ der Bundesliga aus Ostdeutschland (2019), haben die „Roten Bullen“ schon sicher. Auch waren sie 2017 erster Champions-League-Teilnehmer und Vizemeister aus dem Osten.

Gerade wegen des nachhaltigen Konzepts, das Schwaben, Österreicher und Sachsen erfolgreich in der Bachstadt umsetzen, und ob der traurig-peinlichen Historie der Ost-Vereine in der Bundesliga muss man sagen: Hätte man vielen der Traditionsklubs im Osten und Westen der Republik das Doppelte der Gelder zur Verfügung gestellt, die der Brausefabrikant seinen Mitarbeitern zum Investieren gegeben hätte, dann wäre wahrscheinlich nichts außer reichen Spielerberatern und mangelnden Erfolgen bei dem Unterfangen herausgekommen… Die meisten Traditionsklubs üben sich im modernen Fußball nur noch in der Geldverbrennung: Kaiserslautern, RW Essen, 1860 München, etc. lassen grüßen.Der FC Hansa Rostock und Dynamo Dresden waren 1991 die ersten DDR-Vereine, die nach der politischen und sportlichen Wiedervereinigung Deutschlands in die Fußball-Bundesliga aufgenommen wurden.

In der Mammut-Saison 1991/92 mit 38 Spieltagen, an deren Ende Rostock trotz eines 2:1-Erfolgs gegen den gestürzten Meister-Favoriten Eintracht Frankfurt direkt wieder absteigen musste, waren massive Polizeieinsätze, Pyro-Attacken und Krawalle auf den Rängen der damals noch maroden Stadien in Dresden und Rostock eine traurige Begleiterscheinung. Diese wogen zu schwer, als dass die anfänglichen Erfolge gegen die Großen der Liga – Rostock schlug erst die Bayern auswärts und dann den BVB zu Hause – ihnen Sympathie bei den Fans im Westen einbrachte.

1991/92 blieb die bis heute einzige gemeinsame Saison der Ost-Rivalen in der Bundesliga, aber in der 2. und 3. Liga begegneten sie sich seitdem immer wieder.

Leverkusens Manager-Legende Reiner Calmund, später Berater von Dynamo Dresden, sagte 2010 beim Ost-Derby Dresden gegen Rostock im Rudolf-Harbig-Stadion völlig zu Recht: „Bei diesem Spiel geht es um mehr als 3 Punkte.“

Ein „Hochrisiko-Spiel“

Trotz des mittlerweile komfortablen Umfelds und moderner Stadien ist die Brisanz dieses Spiels ungebrochen. Hansa gegen Dresden das war und wird ab Sommer 2020 wieder ein Hochrisiko-Spiel sein.

Im SPIEGEL-Fanatlas von 2018 kommen 60.000 befragte Fußball-Anhänger zu Wort. Von den abstimmenden Dresdner Fans nennen 393 den FC Hansa Rostock als größten Rivalen, neben dem 1. FC Magdeburg und dem bei vielen Ost-Vereinen ungeliebten BFC Dynamo.Der FC Hansa Rostock nennt im Norden zwar auch den anfangs befreundeten Hamburger SV als Rivalen, doch eine tief greifende Feindschaft gibt es eher zu den „Kiez-Kickern“ vom FC St. Pauli.

Eine politisch begründete Rivalität, die seit fast 30 Jahren schwelt. Angefangen hatte alles gut ein halbes Jahr nach den rechtsradikal motivierten Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Am 13. März 1993 trafen sich Hansa Rostock und der FC St. Pauli zur damaligen Zweitliga-Partie im Ostseestadion. Im Stadion befanden sich erstmals die als politisch links bekannten St. Pauli-Fans aus Hamburg und ein nicht minder übler Mix von Neonazis und Hooligans auf Rostocker Seite. Das sportliche Kräftemessen beider Nord-Klubs verlor Mitte der zweiten Halbzeit an Relevanz und wurde aus politischer Ideologie heraus missbraucht. Zirka 400 Neonazis und Hooligans versuchten während des Spiels den Block der Gästefans zu stürmen. Auf beiden Seiten nutzen „Fans“ Wurfgeschosse. Es kam zum Einsatz von Wasserwerfern und letztlich zu diversen Festnahmen durch Ordnungskräfte, der Anfang einer intensiven Verachtung und Abneigung, Spielansetzungen gegeneinander gelten bis heute als risikoträchtig und ziehen gewaltbereite Personen an, die keinem der beiden Fanlager angehören.

Einen handfesten Skandal gab es auch im ersten der insgesamt nur 6 Spiele in der ersten Bundesliga. Am 23. September 1995 wollten Randalierer im Ostseestadion mit einer Rauchbombe für einen Spielabbruch sorgen. Der DFB reagierte. Aber, wie wir heute wissen, mal wieder falsch! Hansa musste, da Platzverein, für ein Heimspiel ins Berliner Olympiastadion ausweichen. Am 28. Oktober 1995 machten sich 20.000 Hansa-Anhänger auf den Weg in die Bundeshauptstadt – insgesamt lockte die Partie gegen Eintracht Frankfurt (1:1) mehr als 58.000 Zuschauer an. „Hansa macht Kasse“, bemerkte das Ran-Bundesligabuch `96 dazu. „Phantastisch, dieses Publikum“, freute sich Rostocks Star Stefan Beinlich. Schöne Bestrafung.

Fanfeindschaften der Bundesliga-Vereine – Was fällt uns dazu als erstes ein? Natürlich. Dortmund gegen Schalke. Dass sich die beiden Giganten aus dem Revier feindlich gegenüberstehen, das war nicht immer so!

Die Geschichte der „Mutter aller Fußballspiele“ im Revier begann mit einem 4:2. Der FC Schalke besiegte Borussia Dortmund im Mai 1925 klar und deutlich – und niemand wunderte sich. Der BVB krebste zu dieser Zeit in der „Kreisklasse Dortmund-Herne“ herum, Schalke ist der dominierende Westverein und wird 9 Jahre später erstmals deutscher Meister. Auf dem Rückweg von Berlin stoppte die Reichsbahn 35 Kilometer vor Gelsenkirchen. In offenen Autos fuhren die Schalker Spieler durch die Dortmunder Innenstadt, wurden von einer Menschenmenge umjubelt und trugen sich als erste Fußballmannschaft ins goldene Buch der Stadt ein.

„Es herrschte eine tiefe Sympathie zwischen beiden Vereinen“, sagt der ehemalige BVB-Sprecher und Archivar, Gerd Kolbe Jahre später. Tiefe Sympathie? Viele jüngere Fans wissen darüber wenig bis nichts.

Denn: Längst ist eine tiefempfundene Feindschaft daraus geworden. Noch nicht einmal aussprechen wollen die Fans den Namen des Gegners: Die Schalker nennen den BVB „Lüdenscheid-Nord“, die Borussen kontern mit „Herne-West“. Die Wendepunkte im Verhältnis der beiden Vereine markierten das Jahr 1943 und die 1950er Jahre.

In der Wirtschaftswunder-Zeit folgte auch die Wachablösung im Revier

Im November 1943 gab es nach bis dahin reihenweise „Packungen“ den ersten Sieg des BVB über den bislang dominierenden Rivalen – und der erste Nationalspieler des BVB namens August Lenz schoss das 1:0-Siegtor. Nach Kriegsende entwickelte sich der BVB dann endgültig zum ernstzunehmenden Kontrahenten von Schalke 04. Bereits die erste Partie nach dem Inferno konnte Borussia Dortmund für sich entscheiden und wurde 1947 durch einen 3:2-Erfolg Westfalenmeister.

In den Wirtschaftswunder-Jahren und in der Ära der Oberliga West endete die Vorherrschaft der Schalker: Borussia Dortmund wurde 2-mal in Folge, 1956 und 1957, Deutscher Meister. Seit 1958 wartet man auf Schalke vergeblich auf die Meisterschale, die der BVB „Königsblau“ 2007 vollkommen nachbarschaftlich unkollegial und nonchalant weg schoss – 2:0 am 12. Mai 2007. „GE“ revanchierte sich 2019. Ein 4:2 in Dortmund war für Schalke der Höhepunkt einer schwachen Saison und für den BVB ein mit entscheidender Punktverlust im Meisterschaftsrennen mit Bayern München.

Der BVB löste im Anschluss an eine 4-jährige Durststrecke in der Regionalliga und der 2. Bundesliga Nord in der Folgezeit den Revier-Rivalen als Nummer 1 im Pott ab. Einigen Pokalsiegen des S04 stehen diverse Meisterschaften und der Gewinn der Champions-League beim BVB gegenüber.

Das Derby ist Teil der Fußball-Folklore – nicht nur im Ruhrgebiet. Protagonisten beider Seiten heizen die Stimmung an. Der von vielen Spielern praktizierte Seitenwechsel von „Lüdenscheid-Nord“ nach „Herne-West“ oder umgekehrt sorgte immer wieder für zusätzliche Brisanz. Deshalb wünscht man als Dortmund-Fan den Blauen aus „Herne-West“ auch den Abstieg nicht, denn eine Bundesliga ohne die Gelsenkirchener ist für die BVB-Anhänger eigentlich nicht darstellbar. Auch wenn die wenigsten von ihnen das jemals zugeben würden…Wenn aus der Nummer 1 im Pott die Nummer 2 wird und wenn einfach keine deutsche Meisterschaft gelingen will, dann muss man sich auf der Ebene der Fan-Feindschaften auf das Wesentliche konzentrieren.

Und das ist Borussia Dortmund – oder „Lüdenscheid-Nord“ wie der Schalke-Fan sagt. Dass die Schalker sich im Sommer 2000 nichts mehr als einen Abstieg der verhassten Biene-Maja-Elf wünschten, spricht Bände. Ein Plakat beim „Deppen-Derby“ – Schalke wurde am Ende 14. – und landete gar noch hinter dem vom Trainer-Rentner Udo Lattek betreuten BVB (Platz 12) – sagt alles: „Schießt den BVB in die 2. Liga – und wir verzeihen Euch!“

Aber: Bei so viel regionaler Rivalität mit dem Derby als scheinbar einzig wichtigen Spiel der Saison – für andere Großklubs wie den FC Bayern oder RB Leipzig sind die „Knappen“ nur noch ein Sparringspartner – bleibt dann einfach kein Platz und keine Zeit für eine gepflegte Feindschaft zu Hertha BSC. Da können sich die Berliner noch so bemühen!

Ernst genommen als Feind werden sie auf Schalke nicht. Selbst der Wechsel von S04-Ikone Huub Stevens an die Spree änderte daran nichts. Er war ja auch hinreichend erfolglos in Berlin. Der Niederländer in seiner lesenswerten Biografie Niemals aufgeben (Verlag: DIE WERKSTATT, 2017) über das Missverständnis in Berlin: „Doch als viel größeres Problem sollte sich die Rivalität zwischen Hertha und Schalke herausstellen. Niemand hatte mich darüber informiert. Assauer hatte nur zu mir gesagt, es wäre besser für mich, auf Schalke zu bleiben. Ich spürte, dass die Fans nicht auf meiner Seite waren.“

Ohne Dank, Huub! Dass die Fans ihn bei Rückkehr mit offenen Armen empfingen und dass sie ändert aber nichts daran, dass Schalke mit dem vorhandenen Geld in den letzten knapp 20 Jahren schlecht gehaushaltet hat. Gemessen am Potenzial sind die Erfolge einfach zu dünn. Das kann der BVB einfach besser. Auch wenn die Blau-Weißen in der Saison 2017/2018 vor den Schwarz-Gelben landeten. In den Spielzeiten danach zeigte der BVB, wer zurzeit die Nummer 1 im Ruhrpott ist.Der VfL Bochum und Arminia Bielefeld trugen die Mehrzahl ihrer 49 Pflichtspiele gegeneinander trotz, teilweise ein Jahrzehnt lang währender Abstinenz in der ersten Bundesliga aus – 28-mal standen sich die Westfalen und die Ostwestfalen hier gegenüber.

Offenbar genügte ein Vorfall, um das Spiel zwischen den auf den ersten Blick unspektakulär wirkenden westfälischen Fußballklubs, die immer im Schatten von Borussia Dortmund und Schalke 04 standen, zum Hochrisiko-Spiel werden zu lassen.

Was war passiert? Dariusz Wosz – „Wosz & Go“, Fußball-Talent aus dem Osten, Nationalspieler beider deutscher Verbände, Publikumsliebling des VfL Bochum – wurde mutmaßlich zum Auslöser einer mehr als soliden Rivalität. Der VfL-Profi machte einen auf Stefan Effenberg und zeigte den Bielefelder Fans den „Stinkefinger“. Das war am 2. August 1997. Am Saisonende stieg Bielefeld wieder mal ab, aber die Effenberg-Gedächtnis-Geste soll das Fass unter den beiden Rivalen zum Überlaufen gebracht haben.

Für die Bochumer Fans war der nur 169 cm große Wosz („Die Zaubermaus“) spätestens seit dieser Aktion der King. Bei einer späteren Partie rollten die Bochumer ein Spruchband aus, wonach die Arminen vor „König Dariusz“ niederknien sollten. 2002 reagierte die Bielefelder Südtribüne: „Eure Liebe, unser Hass.“

Der Tiefpunkt war am 3. Mai 2008 erreicht. Da zündeten die Bochumer auf der Alm einen kolossalen Polenböller. Es gab mehrere Verletzte, ein Stadionordner wurde schwer verbletzt, trug bleibende Kopfverletzungen davon. Nein, dieses Mal hatte der am 8. Juni 1969 in Piekary Śląskie in Polen geborene Dariusz Wosz nichts damit zu tun! Der 17-malige Nationalspieler und EM-Teilnehmer von 2000 hatte den VfL da schon verlassen.

Weiter ging es im Dezember 2016: In der schmucken Schüco-Arena versuchten Bielefelder Krawallos, im Gästeblock eine Bochum-Fahne zu stehlen. Bei diesen Ausschreitungen wurden laut der Zeitung Neue Westfälische insgesamt 31 Straftaten registriert. Erneut Ausschreitungen gab es in Bochum im Mai 2017, als mitgereiste DSC-Fans die Polizei mit Flaschen und Steinen angriff. Das sind natürlich Dinge, die man weder in Bochum noch in Ostwestfalen billigen kann…
Eintracht Frankfurt litt ähnlich wie der 1. FC Köln am Fading Platzhirsch Syndrom.

Dass Mainz 05 sich für einige Jahren zur Co-Nummer 1 in der erweiterten Region aufgeschwungen hatte, war für den Eintracht-Fan ja noch irgendwie zu akzeptieren.

Aber dass Darmstadt 98 in der Endabrechnung der Spielzeit 2015/2016 vor der Eintracht durchs Ziel lief, das ging auch dem leidgeprüften Eintracht-Fan zu weit. Dessen Feindbilder sind traditionell eher der 1. FC Kaiserslautern und die Offenbacher Kickers, beide gehören damit in die Kategorie der regionalen Rivalitäten. Dazu natürlich der ehemals ewige Zweitligist Mainz 05, der mittlerweile ein gestandener Bundesligaverein ist und den Frankfurtern in schöner Regelmäßigkeit das Derby vermiest.

2015/2016 – Eine Saison, in der man zumindest tabellarisch gesehen nur noch die Nummer 3 in Hessen und Rheinhessen zu sein, das war, also ob die deutsche Börse nicht mehr in Frankfurt beheimatet wäre, sondern in Offenbach oder Mainz. Das änderte sich schnell wieder. Die „launische Diva“ stellte in den letzten Jahren die alten Machtverhältnisse wieder her – sportlich und vom Zuschauerzuspruch her.

Frankfurt ist wieder die unumstrittene Nummer 1 der Region

Eintracht-Karten in der Commerzbank Arena – insbesondere für die Europa-League-Nächte – sind in Frankfurt inzwischen höher gehandelt als manche Aktien. Nachdem Slowhand Bruchhagen durch Fredi Bobic ersetzt wurde und erst der Dynamiker Nico Kovac, dann der akribisch arbeitende Österreicher Adi Hütter das Sagen am Main hatte, ging es wieder aufwärts.

„Frankfurt ist ein schwieriger Fall“, sagt Johannes Mäling über den Klub, der sich 2012 selbst zum „Deutschen Randale-Meister“ kürte, „die regionalen Rivalen wie Darmstadt, Offenbach oder Kaiserslautern spielen nicht mehr in der Bundesliga und das Spiel gegen Mainz wird nicht als echtes Derby wahrgenommen.“ Weitere Klubs, mit deren Fans man in Frankfurt nie einen Äppelwoi trinken gehen würde, sind der Karlsruher SC, der 1. FC Nürnberg und der VfB Stuttgart.Eintracht Frankfurt, SV Wehen-Wiesbaden und der 1.FC Kaiserslautern – das sind die Fan-Feinde von Mainz 05. Alles regional geprägt. Und das zeigt auch, wo der FSV Mainz eigentlich her kommt!

Bevor Jürgen Klopp und Thomas Tuchel unter der Herrschaft des Ex-Gebrauchtwagenhändlers Christian Heidel den Verein auf genialische Art und Weise erst in der Bundesliga etablierten und dann der Herr Schmidt die „Null-Fünfer“ den europäischen Wettbewerb brachte, war der FSV, wie Ex-Präsident Harald Strutz es in einer SWR-Dokumentation (2014) ausdrückte „die graueste aller grauen Mäuse.“ Nachdem der Verein lange Dauergast in der 2. Bundesliga war, schickte er sich an, zwei der arrivierten Teams der Bundesliga, die jahrelang ihre Region dominiert hatten, das Wasser abzugraben – Frankfurt und Lautern. Wehen-Wiesbaden sieht man sowohl in Mainz als auch in Frankfurt unter dem Motto: „Was, es gibt Fußball in Wiesbaden?“

Was die Rivalität zum 1. FC Kaiserslautern betrifft, so kann man sogar so weit gehen: Mit der Ankunft von Mainz 05 in der Bundesliga, mit seinen gut gelaunten Fans, dem coolen Trainer Jürgen Klopp und dem cleveren Christian Heidel war Lautern, zu diesem Zeitpunkt schon sportlich und finanziell in großen Schwierigkeiten, als Sympathieträger der Region abgelöst.

Dem 1. FC Kaiserslautern etwas weiter westlich und der Eintracht aus Frankfurt etwas östlich gefiel der Aufstieg des „Karnevalsvereins” natürlich keineswegs. Die „Roten Teufel“ hatten mit ihren 2 Bundesliga-Meisterschaften, die Eintracht mit dem UEFA-Cup-Sieg 1980 deutsche Fußballgeschichte geschrieben. Ähnliche Heldentaten sind von den Mainzern, bei allem Respekt vor ihrer Konsolidierung in der Bundesliga, nicht zu erwarten. Kein Wunder also, dass sich die Fans der Klubs nicht gerade lieben. Eine Fanfreundschaft besteht zwischen den Fans aus Mainz und denen aus Mönchengladbach. Auch zum SC Freiburg und Borussia Dortmund unterhalten Teile der Mainzer Anhängerschaft freundschaftliche Beziehungen.
Der VfB Stuttgart wird regional eigentlich mehr gehasst (fußballerisch), als dass seine Fans Andere hassen. Das ist auch gar nicht Schwaben like. Wobei einiges von dem Fußball-Hass, den sich der Verein durch seine Erfolge sehr wohl verdient hatte, zwischenzeitlich in Anteilnahme oder sogar Mitgefühl – manchmal allerdings auch in Häme – umgeschlagen war.

In den letzten Jahren war der VfB Stuttgart nicht gerade vom Pech begünstigt. Abstieg 2016, Wiederaufstieg 2017 und 2019 ging es schon wieder in Liga 2. Das bedeutete aber auch, dass in der Saison 2019/2020 der Derby-Klassiker aus Sicht der Stuttgarter wieder stieg: Schwaben gegen Gelbfüßler – oder: VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC.

Diese Rivalität ist regional bedingt, klar. Die Schwaben mögen die Badener nicht so gerne und nennen diese schon mal gerne „Badenser“ oder „Gelbfüßler“. Diese Bezeichnung geht auf den Greif im Wappen von Baden zurück, mit seinen gelben Klauen. Die Rivalität zum Stadtrivalen Stuttgarter Kickers spielt nach dem Absturz der „StuKis“, zwischenzeitlich ging es bis in die 5. Liga, beim VfB heute keine Rolle mehr.

VfB gegen den KSC – Das ist auch eine Personen bezogene Rivalität. Dass der mächtige VfB-Boss Gerhard Mayer-Vorfelder („MV“ / † 2015), ein gebürtiger Badener übrigens, 1998 ausgerechnet Trainer Winfried „Winnie“ Schäfer vom KSC als Cheftrainer verpflichtete, brachte die VfB-Fans auf die Barrikaden. „Wild Winnie“ hatte schon lange vorher für Ärger beim treuen Stuttgarter Publikum gesorgt, als er behauptete, dass der Höhenflug des KSC hinter der Deutschen Meisterschaft des VfB Stuttgart 1992 „nicht genügend gewürdigt“ würde. Vermutlich wollte er den goldenen Gelfüßler-Orden in Weiß für den 8. Tabellenplatz der Saison 199/92. Auch glaubte Schäfer, dass sich VfB-Coach Christoph Daum „über den Aufwärtstrend beim KSC lustig machen“ würde. Beide Meinungen hatte er exklusiv.

Rivalität zum KSC machte sich in Stuttgart an „Wild Winnie“ Schäfer fest

Nach Daums Wechsel-Fehler 1992 im Champions-League-Qualifikationsspiel bei Leeds United, der den VfB Stuttgart Millionen kostete, legte Schäfer nach: „Der Daum tönt aus Stuttgart, wir seien wie der Hund, der halt zwischendurch mal mit dem Schwanz wedelt. Warum hat er uns dann nicht als Blindenhund mit nach Leeds genommen?“ Oder er giftete: „Wir haben keinen Daimler, der uns ein Stadion baut“. Das waren dann ein paar Sprüche zu viel. Schäfer hatte beim VfB-Anhang von Anfang keine Chance, trotz eines 2:1-Erfolgs zum Einstand gegen Borussia Dortmund und Andy Möller, einem anderen Intimfeind von Schäfer. „Wild Winnie“ wurde von den eigenen Fans abgelehnt und ruinierte sich seine Karriere als Bundesliga-Trainer. Schon am 4. Dezember 1998 war für Winfried Schäfer Schluss in Stuttgart. Seine Anstellung beim VfB hatte die Rivalität zum Karlsruher SC zusätzlich befeuert.Politisch korrektes Fan-Hassen ist gar nicht so einfach. Das muss erst ausdiskutiert werden, am besten im Stuhlkreis. Danach muss natürlich abgestimmt werden. Und wenn man dann noch Gender-Aspekte beachten muss…. Deshalb gibt es gar nicht so viele Fan-Feindschaften bei den Freiburger Fans.

Wie gut, dass es den Daimler gibt bzw. den von ihm mäzenierten VfB Stuttgart. Die finanziellen Zuwendungen des Automobil-Riesen aus Untertürkheim sieht man im Fan-Lager des etwas anderen Bundesliga-Klubs, der einst von einem „Bettelkönig“ und einem „linken“ Lehrer aus Norddeutschland in die Belle Etage des deutschen Fußballs geführt wurde, natürlich kritisch. Ein bisschen Kapitalismus-Kritik geht immer.

Deshalb ist der VfB auch der größte Fan-Feind der Freiburger. Da ist man sich im „Ländle“ ziemlich einig, wenn es gegen den Verein aus der Landeshauptstadt geht. Zumindest im badischen Teil dieses liebensgewürzigen deutschen Bundeslandes. Die Schwaben sehen das ganz anders.

Die Badener vom KSC können bei den Freiburgern nicht als echtes Feindbild durchgehen, weil diese Begegnung sowohl in der 1. als auch in der 2. Bundesliga zu selten stattfand, genauer gesagt im „Oberhaus“ nur 8-mal und in Liga 2 insgesamt 14-mal.Der 2008 in die Bundesliga geschossenen TSG 1899 Hoffenheim fehlt nach Meinung ihrer Kritiker vieles. Tradition, Titel, Seele – und vor allem ein klarer Derby-Gegner.

Wenn es gegen den Klub geht, der mit den Millionen des Software-Milliardärs Dietmar Hopp in den Bundesliga-Orbit gejagt wurde und in eine Region implantiert wurde, in der es vor Traditionsklubs nur so wimmelt, sind sich alle einig.

Der VfB Stuttgart, der Karlsruher SC, Waldhof Mannheim, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Kaiserslautern und mit Abstrichen auch der pazifistische SC Freiburg (man musste erst abstimmen, ob man mitmacht…) haben das gallische Dorf aus dem Kraichgau regelrecht „umzingelt“.

Von den selbst ernannten Gralshütern der Fußball-Tradition von Borussia Dortmund und Bayern München mal ganz abgesehen: Es ist im Prinzip egal, wer sich in der Anfang 2009 fertig gestellten Rhein-Neckar-Arena von Sinsheim vorstellt. Es sind irgendwie immer gefühlte 17 Erzrivalen. So verwundert es nur wenig, wenn der Sportökonom- und Manager Johannes Behrendt gegenüber dem SPIEGEL (März 2018) eine bestimmte These laut werden lässt: „Rivalität ist ein zentraler Teil der Fan-Identität. Fans definieren sich nicht nur darüber, wer sie sind, sondern auch darüber, wer sie nicht sind. Gegenseitige Frotzeleien machen auch den Genuss des Fan-Seins aus.“

„Schade für die TSG-Fans, denn ohne Erzrivale fehlt dir was“

In Hoffenheim, so Behrendt zweiter, konnten bei einer Befragung Erzrivalen „nicht eindeutig bestimmt werden“, auf die entsprechende Frage nannten die TSG-Fans entweder den VfB Stuttgart oder Eintracht Frankfurt. Der Verein aus dem Kraichgau sei somit „ein klassischer Fall, bei dem eigentlich kein Erzrivale vorläge“, so Behrendt, der dies bedauert: „Das ist schade für die TSG-Fans. Ohne Erzrivale fehlt einfach etwas.“ Ja, eigentlich schade. Ob diese ominöse Umfrage allerdings von DJ Mike an einem Samstagabend in der Dorf-Disco durchgeführt wurde, wissen wir nicht…
Der 1. FC Nürnberg pendelt regelmäßig zwischen der 1. und der 2. Bundesliga.

1996/97 firmierte der stolze „Club“ sogar in der drittklassigen Regionalliga. Die Rivalität zu den Münchner Bayern schien plötzlich Lichtjahre entfernt.

Dass sie nie wieder die Intensität der frühen Bundesliga-Jahre – auf dem Weg zum Meistertitel 1968 „batschte“ der „Club“ die Emporkömmlinge aus München mit 7:3 (3:0) – erreichte, lag im Wesen der „Glubberer“. Sie gingen immer meist einen Schritt vor, um dann direkt wieder 2 Schritte zurück zu gehen.

Und wenn man mal zu erfolgreich gewesen ist, dann folgte sofort die große Katastrophe. Deshalb ist der „Glubb“-Fan auch der einzige Fan in der Bundesliga, der so richtig Angst davor hat, wenn sein Verein mal einen Titel holt. Denn dann steigt der Verein in der Folgesaison ab – so geschehen 1969 als amtierender Deutscher Meister – und 2008 als DFB-Pokalsieger.

1999: Ein „abgekartetes Spiel“ zementiert die Feindschaft mit Frankfurt

Daneben hat es der häufiger mal übellaunige Fan gar nicht gern, wenn er als Nordbayer bezeichnet wird und man sich über seine Sprache mit den fehlenden Buchstaben (P, K, etc.) lustig macht. Da das aber doch einige tun, sitzt der Stachel tief und ist die Fanrivalität groß. Vor allem, wenn es gegen den übermächtigen FC Bayern geht. Und gegen die Nachbarn aus Fürth. Neben diesen regionalen Fanfeindschaften gibt es aber seit 1999 auch ein Ereignis bezogene Fanfeindschaft. Die zu Eintracht Frankfurt.

Vor dem letzten Spiel der Saison 1998/99 schien der 1.FC Nürnberg als Tabellenzwölfter gerettet, doch am Ende stiegen die Franken doch noch ab. Denn Eintracht Frankfurt gewann seine letzte Partie 5:1 gegen den 1.FC Kaiserslautern und schickte die Nürnberger, die 1:2 zu Hause gegen den SC Freiburg verwachsten, dank des Übersteiger-Tores von Jan Age Fjörtoft in letzter Minute doch noch in die 2. Liga. Die entsetzten „Club“-Fans sprachen auf der Tribüne von einem „abgekarteten Spiel“. Einer forderte gar martialische Konsequenzen für die FCN-Versager: „Abg’schlacht g’herrn die!“ Dieser 29. Mai 1999 ist für Frankfurt und Nürnberg ein unvergesslicher Tag und blieb im kollektiven Gedächtnis der beiden Fangruppen. Umso mehr, als der 1. FC Nürnberg in der Relegation 2015/2016 eben genau an der Eintracht aus Frankfurt scheiterte.Das Duell 1. FC Nürnberg gegen SpVgg Greuther Fürth fand seit 1961 insgesamt 44-mal in verschiedenen Wettbewerb statt – aber nur 2-mal in der Bundesliga.

In Fürths einziger BL-Saison 2012/2013 lebte „die Mutter aller Derbys“ in der deutschen Fußball-Eliteliga auf. Mit 1:0 und 0:0 gingen beide Duelle in der Addition an das „Kleeblatt“ aus Fürth. Trotz Abstieg wurde dies auf Fürther Seite euphorisch bejubelt.

Doch woher kommt diese Rivalität? „Nicht-Franken verstehen das nicht. Wie so vieles, was in dem ebenso kernigen wie lieblichen Landstrich zwischen Hessen und Oberbayern so vor sich geht“, schrieb Ulf Poschardt 2009 in der WELT, „selbst Unter- und Oberfranken verstehen nicht, warum die Rivalität zwischen Nürnberg und Fürth derart scharf und unversöhnlich wirkt. Das hat viel mit Geschichte zu tun.“

Genauer gesagt: Mit den Anfangsjahren des deutschen Fußballs. In den 1920er-Jahren gingen 5 deutsche Meisterschaften an den 1. FC Nürnberg (1920, 1921, 1924, 1925, 1927) und 2 an Fürth (1926, 1929), das zuvor schon 1914 den Titel geholt hatte. Fränkische Dominanz zweier Städte, die nur 10 Kilometer auseinander liegen – lange, lange, bevor Bayern München, Gladbach oder Borussia Dortmund die Szenerie betraten.

Das „Frankenderby“ wurde bis 2020 insgesamt 265-mal ausgespielt, so oft wie kein anderes Derby in Deutschland. Mit Start-Vorteil für die Fürther, die als erster der beiden Franken-Rivalen 1914 den Meistertitel gewannen. Die Rivalität der beiden Teams machte auch vor der deutschen Nationalmannschaft nicht halt. 1924 bestand sie nur aus Spielern aus Fürth und Nürnberg, die sich partout weigerten, zum Länderspiel gegen Holland im Amsterdam gemeinsam anzureisen. Der DFB musste die verfeindeten Parteien in 2 getrennten Eisenbahn-Waggons unterbringen und auch im Hotel ging man sich strikt aus dem Weg. Dass das 1:0-Siegtor von einem Fürther erzielt wurde, konnte die Nürnberger in der Startformation nicht begeistern. Sie wandten sich ab, statt zu jubeln und sprachen auch auf der Rückfahrt kein einziges Wort mit ihren Nationalmannschaftskollegen…Das Derby 1860 München gegen den FC Bayern haben jüngere Fans nicht mehr wirklich auf dem Radar.

Seit 2019 spielt es sich wieder in der 3. Liga ab – die „Löwen“, der stolze Klub aus München-Giesing, tritt im altehrwürdigen Stadion an der Grünwalder Straße gegen die 2. Mannschaft der Harlachinger an.

Begonnen hat diese Rivalität schon lange vor dem 2. Weltkrieg. Arbeiter gegen Schickeria – und eine, so glauben zumindest einige Historiker, frühe Vereinnahmung des Löwen-Klubs durch die NS-Machthaber als beim FC Bayern. Der TSV 1860 sieht sich als traditioneller „Arbeiterverein“ und als Klub der einfachen Leute – nicht nur in München. Die Bayern gelten als Schickeria-King und Liebling der High Society. Wer dabei sein will, muss Bayern-Fan sein.

Die Grünwalder Straße markiert auch eine Art Trennlinie der Gebiete der beiden Stadtrivalen. Rechts der Grünwalder Straße hat sich mit dem FC Bayern der neben Borussia Dortmund einzige Global Player des deutschen Fußballs etabliert, der Titel-Hamster, Branchenriese und Innovator. Zur Linken: Die ehemalige Nummer 1 der bayerischen Landeshauptstadt, die vom Europapokalfinalisten zur Lachnummer mutierte. Bankrott, 2-mal mit Lizenzentzug bestraft, von 1982 bis 1992 fast ein Jahrzehnt lang durchgängig in der drittklassigen Bayernliga, hat „Sechzig“ seine Vormachtstellung in der eigenen Stadt längst eingebüßt.

Auch in der Bundesliga-Ära unter Werner Lorant waren die „Löwen“ bis auf eine einzige Saison – 2 Derby-Siege 1999/2000 – Kanonenfutter für die großen Bayern.

2017: „Auszugsmarsch“ für 1860 aus der Allianz Arena

Nach dem Umzug vom ohnehin nicht sonderlich beliebten Olympiastadion in die 2005 eingeweihte Allianz Arena kam es sogar noch schlimmer.

Die „Löwen“ wurden im Münchner Fußballtempel zum Untermieter des FC Bayern. Tiefer kannst du als Lokalrivale nicht sinken. Na ja, Hauptsache, das Bier schmeckt.

Einen Seitenhieb auf den Auszug des Erzrivalen im Sommer 2017 konnte sich Bayern-Macher Uli Hoeneß nicht verkneifen: „Wir haben immer gesagt, dass wir die Kapelle bestellen, wenn es soweit ist, und die ist bereits im Anmarsch.“ Nicht im Anmarsch ist 2020 ein neues Derby der Bayern-Profis gegen 1860 München.
Feindschaften unter Fans sind das eine, Feindschaften und Freundschaften unter den Hooligans und Ultra der Bundesligavereine sind zum Teil etwas ganz anderes.

Größere Unterschiede zwischen Ultra-Feindschaften und normalen Fan-Rivalitäten gibt es im Prinzip nicht. Die Unterschiede sind fein. „Traditionelle Fan-Feindschaften bleiben auf der Ebene der Ultra-Bewegungen gleich, es kommen aufgrund einiger Ereignisse noch neue Feindschaften dazu. Die Hauptrivalität ergibt aus den Derbys“, erklärt Johannes Mäling von Faszination-Fankurve.de, „die Rivalitäten, die auf Kuttenfan-Ebene bestanden existieren auf Ultra-Ebene weiter.“

Der Diplom-Politologe Jonas Gabler von KoFas (Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport bezogene soziale Arbeit) in Hannover, dessen Forschungs-Schwerpunkte Fußballfankulturen, insbesondere Ultras, Konflikte und Dialog zwischen Clubs und ihren organisierten Fans wie Gestaltung von Sicherheit rund um Fußballspiele und Fußballfans und Polizei sind, sieht es ähnlich. „Es gibt kaum große Unterschiede, sondern wenn überhaupt nur in der Intensität, wie die Rivalität ausgelebt wird“, sagt Gabler bei Ligalive, „Ultras leben das in Graffitis, Stickern und Choreographien aus, diese Dinge gibt es erst durch die Verbreitung der Ultra-Kultur. Früher gab es die Badges auf den Jeansjacken. Die Unterschiede sind nicht so groß in der Abneigung, die Unterschiede sind die Auslebung.“

Auch Mäzene, Verbände und die Polizei sind im Visier der Ultras

Die Kontrahenten der Ultras sieht Gabler jedoch nicht nur im gegnerischen Block: „Es gibt vielerlei Gegner-Schaften in der Ultra-Szene, man könnte auch die Verbände oder die Polizei dazu nehmen oder bestimmte Personen wie Dietrich Mateschitz, Dietmar Hopp, Martin Kind oder Unternehmen wie Red Bull, früher war es Bayer oder VW, die eben symbolisch für die Entwicklung im Fußball stehen, die die Ultras eben kritisieren. Es ist schwierig, diese Priorisierung vorzunehmen. Wenn man sich gegen die Kommerzialisierung wendet, also gegen Kind, dann sind sich die Ultras von Hannover, Braunschweig oder andere wieder einig. Es gibt Feindbilder, die die Ultras leben – wie die Verbände, Repressionen und Kommerzialisierung, Sponsoren, Fernsehanstalten oder gar Zeitungen.“

Johannes Mäling nennt auch den Investor Hasan Ismaik beim Drittligisten und Deutschen Meister von 1966, 1860 München, als ein mögliches Feindbild der „Löwen“-Ultras.

Innerhalb der Rivalitäten der Ultras gelten die gleichen Kategorien wie bei den Fan-Rivalitäten, also regional, Personen oder Ereignis bezogen. Jonas Gabler sieht aber noch eine andere Variante: „Man kann hier ein Phänomen wie „Der Feind meines Feindes ist mein Freund beobachten.“ Ultras verbrüdern sich mit den Gegnern ihrer Erzrivalen.

Die ungewöhnliche Freundschaft der Bayern-Ultras

Es ist somit schwierig bis unwahrscheinlich, als dass Freundschaften entstehen zwischen 2 Ultra-Gruppierungen, zwischen denen noch eine dritte, verfeindete Gruppe steht.

Ausschlaggebend für eine Zusammenarbeit oder eine Feindschaft zwischen Ultra-Gruppierungen können ähnliche oder eben komplett konträre Vorstellungen von Ultra-Kultur und politische Einstellungen sein. „Ultras, die sich gegen Diskriminierung engagieren, finden eher eine gemeinsame Welle“, erklärt Gabler, „umgekehrt gilt das auch für Ultras aus dem extremen rechten Spektrum. Es können auch andere Ähnlichkeiten sein, wie Vorstellungen von Support, Fan-politischem Engagement. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man Fan-Freundschaften zwischen Ultra-Gruppierungen aus unterschiedlichen Ligen hat. Das hat den Reiz, dass man auch eine andere Welt des Fußballs erleben kann.“

Beispiele für diese Art von Ultra-Beziehungen wären Eintracht Frankfurt und Chemie Leipzig oder die erfolgsverwöhnten Bayern-Ultras von der „Schickeria München“, die als einzelne Gruppe Kontakte zum FC Carl Zeiss Jena, einem Abstiegskandidaten in der 3. Liga, unterhält.

Hertha und KSC – Wieso mögen die sich?

Ein enges Verhältnis haben die Ultras von Hertha BSC und vom Karlsruher SC. Viele KSC-Ultras besuchten die 125-Jahr-Feier von Hertha im Jahr 2017. Was sie verbindet, ist die gemeinsame Abneigung gegen Eintracht Frankfurt. Die Ultras der SGE hatten 2017 versucht, eine Ultra-Kneipe in Berlin zu stürmen. Verbündet sind auch die Ultras von Borussia Mönchengladbach und Union Berlin.

Als „Beispiel für die neueren Fan-Feindschaften“ sieht Johannes Mäling die Ultra-Verbindung 1. FC Köln und Borussia Dortmund. Ebenso Gruppen bezogen wie ungewöhnlich: Die „Schickeria München“ und die „Ultras St. Pauli“.

Unversöhnlich stehen sich auch auf Ultra-Ebene die Anhänger von Borussia Dortmund und Schalke 04 gegenüber. Getragen wird diese Rivalität von den Gruppierungen „The Unity“ (BVB), sowie von den „Ultras GE“ und den „Hugos“ auf Schalker Seite.

HSV-Ultras schicken „System Profifußball“ in Quarantäne

„Poptown“ nennt sich eine Ultra-Gruppierung des Hamburger SV, die traditionell im Clinch mit den Ultras von Werder Bremen und des FC St. Pauli steht.

Dazu kommt die Gruppe „Castaways“, die die Corona-Pause im Frühjahr 2020 zu einer Generalabrechnung mit der DFL und dem „System“ Profifußball nutzte. „Mit der Entscheidung für Geisterspiele hat sich die DFL und das gesamte System Profifußball endgültig zu dem bekannt, was vielen Fans seit Jahren bewusst ist: Aus den Übertragungsrechten in der ganzen Welt generiertes Geld ist wichtiger als Fans im Stadion“, zitiert die Zeitung Hamburger Morgenpost am 8. Mai 2020 eine Stellungnahme der Gruppe, „wir können die Geisterspiele nicht verhindern, aber wir werden kein bisschen dazu beitragen, diesen Spielen einen positiven Rahmen zu verleihen. Wenn die Verantwortlichen Geisterspiele wollen, dann sollen sie diese auch in ihrer reinsten Form bekommen … Das System Profifußball gehört weiter in Quarantäne.“

Eine Gruppierung, die sich sowohl im Norden und im Osten die Ultras von St. Pauli, Dynamo Dresden, Chemie Leipzig und FC Carl Zeiss Jena zum Gegner auserkoren haben, sind die „Suptras Rostock“ vom FC Hansa. Diese Rivalität zählt zu den stärksten innerhalb der Szene.[svc_carousel_layout car_autoplay=”yes” dexcerpt=”yes” dmeta_data=”yes” dsocial=”yes” query_loop=”size:16|order_by:date|order:DESC|post_type:post|categories:17077″ grid_thumb_size=”200X172″ svc_class=”bigger-slider” title=”MEHR LIGALIVE – DIE GEHEIMNISSE DER BUNDESLIGA-KLUBS” pbgcolor=”#e2e2e2″ car_navigation_color=”#20bc1e”]„Hertha Frösche“, „Essener Löwen“, „Borussenfront“, „Streetfighters Köln“, „Adlerfront“, „Presswerk“ Frankfurt, „Gelsen-Szene“, „First Class“ Kaiserslautern oder „Hamburg Ultras“ – diese Gruppennamen hat wohl jeder Stadiongänger in Deutschland schon einmal gehört.

Es sind die mit berüchtigtsten Hooligan-Gruppierungen und über Jahrzehnte standen die meisten von ihnen als Synonym für Gewalt rund ums Stadion. Die größte Feindschaft im Westen besteht – wie auf allen anderen Ebenen auch – zwischen Schalke und Dortmund.

„Hooligan-Rivalitäten“, erklärt Johannes Mäling, „spielen im gesamten Kontext der Fan-Rivalität eine große Rolle, denn sie sind bei der Entstehung von Fan-Feindschaften entscheidend und werden von Generation zu Generation weiter getragen.“

Bayern und 1860? Das geht nur „unter Hools“…

Aber auch hier gilt: Rivalität ist nicht gleich Rivalität. Es gibt Fälle, bei denen sich die Hools zweier Klubs kappeln, die Ultras aber vergleichsweise gut miteinander auskommen. Eintracht Frankfurt und Waldhof Mannheim sei als Beispiel genannt.

Die Hooligan-Rivalität hat sich allerdings vom Spieltag-Alltag entkoppelt. Die großen Hooligan-Feindschaften, BVB vs. Schalke, Dresden gegen Rostock, KSC und Mannheim gegen Kaiserslautern, Frankfurt gegen Nürnberg oder Schalke gegen Köln bestehen weiter. Ab 2020 könnte auch die Rivalität zwischen Lautern und dem 1. FC Saarbrücken in Liga 3 wieder aufflammen.

Die Saarbrücker beklagten im September 1988 im Anschluss an ein Zweitliga-Spiel gegen den FC Schalke 04 übrigens den „vergessenen Toten“. Der FCS-Fan Frank Bayer (20) geriet im Anschluss der Partie zwischen die Fronten der Hooligans und starb wenig später an den erlittenen Kopfverletzungen. Der Fall geriet erst Monate später in den Fokus der Medien, als ein der Mönchengladbacher Szene zuzuordnender Mann als Täter ausgemacht – und zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Eine von vielen schlimmen Episoden, die die einstigen, in die Jahre gekommenen Protagonisten inzwischen literarisieren.

Das Aktionsfeld der Hooligans ist heute nicht mehr das Stadion, sondern man trifft sich auf Feldern, auf Wiesen und im Wald. Dadurch bekommen solche Feindschaften andere Bedeutung und sie rücken aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Man verabredet sich in Parks oder auf Autobahn-Parkplätzen zu den „Matches“ und kämpft gegen einen gemeinsamen Gegner. „Die Spielbesuche spielen heute eine untergeordnete Rolle, viel wichtiger sind die Kämpfe. Das gibt es auf jeden Fall immer noch“, betont Jonas Gabler.

Eine sehr spezielle „Freundschaft“ gab es auf dem Hooligan-Sektor in München. Das Hooligan-Bündnis AFM („Alles für München“) vereinte bis Ende der 1990er-Jahre Schläger vom FC Bayern und von 1860 München, was unter normalen Umständen undenkbar wäre, da Bayern und die „Löwen“ eine klassische lokale Rivalität verbindet.

BVB-Hooligans bedrohten auch Watzke

Die größte Hooligan-Allianz ist eine Verbindung von Hooligans des BFC Dynamo, des 1. FC Magdeburg, Hertha BSC und Lok Leipzig.

Im Westen haben sich Anhänger von Schalke, Oberhausen und Duisburg verbündet. Als Gegner gelten Dortmund, Essen und Köln. Im Südwesten prallen aufeinander Stuttgart/Kaiserslautern sowie Karlsruhe/Zürich.

In den letzten Jahren ließen sich jedoch auch immer mehr Auflösungen von Hooligan-Gruppen nachverfolgen. So gab die Dortmunder „Riot0231“, die auch schon BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim („Aki“) Watzke in Form einer expliziten Mord-Drohung in Form eines Graffitis im Visier hatte, 2017 ihre Auflösung bekannt. Eine entsprechende Erklärung zur Auflösung gab man in einem offenen Brief an das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen, die Polizei und das Internetportal Faszination-Fankurve.de weiter. Möglicherweise, so wurde spekuliert, wollte man mit der Auflösung einem Verbot der Gruppe zuvorkommen. Wie der Reviersport berichtete, rekrutierte sich die Gruppe aus verbannten Mitgliedern anderer Dortmunder Ultra-Gruppen, aber auch aus Externen, die offenbar einfach Lust auf Gewalt hatten. Am 10. April 2018 zog überraschend auch die Gruppe „Boyz Köln“ nach.

Nach 25 Jahren löste sich 2015 auch die „Standarte“, Bremens älteste Hooligan-Gruppierung, auf. Ein Urteil des Bundes-Gerichtshofes (BGH) in Karlsruhe hatte „die Standarte“ als kriminelle Vereinigung eingestuft.


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