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Die 25 größten WM-Skandale aller Zeiten

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DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Skandal 21 – 15: Vom leblosen Superstar in Paris bis zum Duce als Trickmaster

Skandal 21. Ronaldo allein in Paris

Ronaldo spielte im Finale, war aber nicht er selbst. (Photo by Henri Szwarc/Bongarts/Getty Images)
Ronaldo spielte im Finale, war aber nicht er selbst. (Photo by Henri Szwarc/Bongarts/Getty Images)

Roberto Carlos unterbrach sein Telefonat. Am anderen Ende der Leitung war sein französischer Freund Christian Karembeu. Der Mittelfeldspieler, am Abend immerhin Gegner im WM-Finale von Paris, musste warten. „Einen Moment, da ist etwas mit Ronny“, sagt Carlos und legt den Hörer weg. Irgendwas mit Ronny…

„Ronny“ ist kein anderer als Ronaldo Luiz Nazario de Lima, geboren am 22. September 1976 in Rio de Janeiro. Besser bekannt unter dem Namen Ronaldo. Der begehrteste Fußballer der Welt. Mit vier Toren und drei Assists in sechs WM-Spielen hat der gerade mal 21 Jahre alte Ronaldo die „Selecao“ erwartungsgemäß ins Finale gebracht.

Nun liegt „El Fenomeno“, das Phänomen des Weltfußballs, leblos auf dem Boden eines Zimmers im vornehmen Landhotel Chateau de grande Romaine in Lesigny, 34 Kilometer südöstlich von Paris. Es ist früher Nachmittag und vor dem großen Finale gegen den WM-Gastgeber wollten sich die Brasilianer eigentlich nur ausruhen. Edmundo ist als erster zur Stelle. Er und Cesar Sampaio finden Ronaldo und retten ihm mit seinen Erste-Hilfe-Maßnahmen möglicherweise das Leben.

„Als ich Ronaldo sah, habe ich sofort alle geweckt, es war ein Riesenschock für mich und meine Mitspieler“,

erzählt Edmundo 2018 in einer englischen Dokumentation zur WM 1998,

„wir haben ihm die Zunge aus dem Hals gezogen.“

Ronaldo ist nicht im Teambus, als die Mannschaft nach Paris abfährt.

„Glatzkopf, ich werde spielen“

Brasilien verlor das Endspiel. Foto: Getty Images
Brasilien verlor das Endspiel. Foto: Getty Images

Was dann passiert, ist nebulös und wird zum späten Skandal dieser WM. Während die französischen Fans erwartungsfroh zum neuen Fußballtempel im Pariser Vorort St. Denis kommen, sickern auf der Pressetribüne die ersten Gerüchte durch. „Ich kam am Stadion an und wurde sofort angesprochen: Hast du schon gehört? Ronaldo ist nicht dabei“, erinnert sich der inzwischen für BBC Sport arbeitende WM-Torschützenkönig von 1986, Gary Lineker.

Es stimmt. Auf der wenig später vom brasilianischen Verband (CBF) herausgegebenen Aufstellung fehlt Ronaldo. Die französische Mannschaft ist bereits beim Aufwärmprogramm, als der Heilsbringer der Brasilianer doch noch im Stadion eintrifft. Er steigt aus einem Taxi. Ronaldo ist kreidebleich. Er trägt Shorts, Tennis-Schuhe und hat nichts als einen Kulturbeutel bei sich. Er wirkt komplett entrückt. „Glatzkopf“, verkündet Ronaldo dem völlig perplexen Verbands-Pressesprecher Ricardo Stetyon, „ich werde spielen.“

Kurz darauf wissen es auch die Franzosen. „Ich ging nach dem Warm-up in die brasilianische Kabine und sagte zu Ronny: Wir können Euch unmöglich ohne dich schlagen“, so Youri Djorkaeff, 1998 gemeinsam mit Ronaldo und Inter Mailand UEFA-Cup-Sieger. „Keine Angst, mein Freund, wir sehen uns gleich auf dem Platz“, antwortet der Brasilianer. „Es wirkte so, als hätten sie ihm Aufputschmittel gegeben“, mutmaßt Edmundo, der Ronaldo im Hotel mit seinen Erste-Hilfe-Maßnahmen möglicherweise das Leben und die Karriere gerettet hat. „Ich will spielen, mir geht es gut“, wiederholt Ronaldo. Als Setyon den auf eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus entlassenen Ronaldo in die Kabine bringt, kann man eine Stecknadel fallen hören.

Zico, Brasiliens ungekrönter weißer Pelé, ist Delegationsleiter beim Weltmeister. Er kennt noch mehr Details zu Ronaldos Wunderheilung. „Nachmittags sagten sie Ronaldo könne nicht spielen, am Abend sagten sie, er könne spielen. Es war verrückt.“ Zeugen bestätigen, dass Zico Toledo am Hemd packte und drohte: „Wenn dem Jungen etwas passiert, bringe ich dich eigenhändig um.“ Der weiße Pelé setzt sich nicht auf die Bank und hat danach nie wieder für die brasilianische Nationalelf gearbeitet. „Ich hatte das ganze Spiel über Angst“, sagt Zico 2006. Tatsächlich läuft Ronaldo als letzter brasilianischer Spieler ins Stade de France ein. Das Finale, so hofft man auf Seiten des Titelverteidigers, ist trotz oder gerade wegen der Verwirrspielchen um den Superstar gerettet. Das Happy End für die Brasilianer, die sich nach dem Triumph von 1994 nun in Frankreich unmenschlich hohen Erwartungen gegenüber sahen, scheint zum Greifen nahe. Dank Ronaldo.

Bei Brasiliens Weltmeister regiert die Show…

Suker, Zidane und Ronaldo. Foto: Getty Images
Suker, Zidane und Ronaldo. Foto: Getty Images

„Wir waren davon überzeugt, dass Ronaldo es für uns schaffen würde“, sagt Romario, Star der Weltmeister-Mannschaft von 1994, in der Ronaldo vier Jahre zuvor in den USA nicht zum Einsatz gekommen war. Edmundo glaubt hingegen zu wissen: „Ronaldo hatte Knie-Probleme und konnte nicht richtig trainieren. Sie mussten ihn permanent behandeln.“ Ronaldos Dilemma liegt jedoch nicht nur auf dem Platz. Er ist mit seinen getrennten Eltern im gleichen Haus untergebracht. Zoff im Hause de Lima vom ersten Tag an…

Die oftmals inszeniert wirkende Harmonie im brasilianischen Team – sogar die Landung in Frankreich wird aus dem Cockpit heraus live in die Heimat übertragen – wackelt nach dem 1:2 im Vorrundenfinale gegen den Außenseiter Norwegen in Marseille bedenklich. Ronaldo trainiert kaum, zeigt sich lieber mit nacktem Oberkörper bei den Grillpartys des Teams im Hotelgarten.

Seine Fitness bleibt bis zum Ende das große Thema in der vollkommen überhitzten brasilianischen Medienlandschaft. „200 Millionen Menschen haben sich zuhause in Brasilien darauf verlassen, dass wir sie glücklich machen“, sagt der 39-fache brasilianische Nationalspieler Edmundo. „O Animal“, das Tier, wie der bullige Stürmer vom AC Florenz genannt wird, muss für Ronaldo im Finale entgegen der ersten Ansage von Coach Mario Zagallo auf die Bank. Er macht sie eine halbe Stunde vor dem Anstoß. Dass er nach 74 Minuten für Sampaio noch in die Partie kommt, ist wohl kein Trost für ihn.

Die Anspannung nach dem Drama und dem folgenden Possenspiel um Ronaldo können die Brasilianer in 90 Minuten nicht mehr lösen. „Der Vorfall war eine Belastung für das ganze Team“, glaubt Romario. Anders als Ronaldo ist Frankreichs Superstar auf den Punkt konzentriert. Zinedine Zidane trifft per Kopf zum 1:0 und lässt dass Stade de France beben. Nach Ronaldos Zusammenprall mit dem französischen Keeper Fabien Barthez verliert Brasilien die Kontrolle – und das Spiel. Erneut Zidane und Emmanuel Petit machen Frankreich beim 3:0 zum Weltmeister. Der Traum der Brasilianer von der ersten Titelverteidigung seit 1962 und vom überhaupt erst zweiten südamerikanischen Triumph in Europa nach 1958 ist geplatzt.

Ronaldos Einsatz bleibt ein Rätsel

Der Höhepunkt in der Karriere von Ronaldo - WM 2002. Foto: Getty Images

Brasilien sucht nach Antworten. „Er stand auf dem Platz, weil ich ihn aufgestellt habe“, wütet Zagallo bei der Pressekonferenz nach dem Spiel im Stade de France, „drehen Sie mir nicht die Worte im Mund herum!“ Denn: Raum für Verschwörungstheorien lässt der Skandal auf jeden Fall.

Der brasilianische Verband soll Druck ausgeübt haben, heißt es. Andere Quellen aus Brasilien besagen, die Sponsoren hätten auf Ronaldos Einsatz bestanden.

„Der Fall Ronaldo hat gezeigt, dass in Brasilien nicht die Menschen zählen, sondern nur die sportliche Leistung“,

sagt Edmundo heute. Aus seinen Worten spricht immer noch Verbitterung.

„Seit 20 Jahren erzählt mir jeder Taxifahrer, dass Brasilien das Spiel verkauft hätte, um die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu bekommen“, klagt Edmundo, „wenn das so war, dann habe ich nie meinen Anteil erhalten…“

Skandal 20. WM-Quali im Folter-Stadion? Die Sowjets sagen „Njet“

Die Mannschaft Chiles. Foto - Imago
Die Mannschaft Chiles. Foto - Imago
Carlos Caszely hebt am Mittelkreis die Arme hoch. Er tut so, als würde er in dem leeren Stadion in Richtung der Ränge grüßen. Es ist, als würde der in Ehren ergraute Fußballstar von einst noch einmal die eigenartige Atmosphäre im Nationalstadion von Santiago de Chile spüren. Er verharrt, blickt zum Himmel.

In der viel beachteten, von Frankreichs einstigem Enfant terrible Eric Cantona moderierten Fernseh-Dokumentation Les Rebelles du Foot (Dt.: „Rebellen am Ball“) berichtet der Chilene Caszely 2011 noch einmal von einem der größten WM-Skandale aller Zeiten. Und „Carlito“, wie der Mittelstürmer mit dem Wuschelkopf in seiner Heimat genannt wird, besucht für Cantona noch einmal den Ort der skurrilen Geschehnisse.

Es ist der 21. November 1973, Playoff-Spiel zur Weltmeisterschaft in der BR Deutschland. Chile gegen die UdSSR in Santiago, das ist die Paarung. Der Europameister von 1960 hat die Gruppe 9 auf dem eigenen Kontinent, Chile die Gruppe 3 in Südamerika gewonnen. Nach einem 0:0 in Moskau bestehen die Sowjets auf der Austragung des Rückspiels in einem anderen Land.

Zu Recht. In Chile regieren längst die Militärs. General Augusto Pinochet hat am 11. September 1973 den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt und geht rigoros gegen dessen Anhänger vor. Bereits in den ersten Stunden nach dem Putsch mehr als 12.000 Oppositionelle gefangen genommen.

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Cantona: „Fußball wurde Komplize der Diktatoren

Das Team der UDSSR. Foto: Imago
Das Team der UDSSR. Foto: Imago

Und in diesem Stadion soll nun WM-Qualifikation gespielt werden? Kaum vorstellbar. Dieser Umstand empört den schnell zu Überreaktionen neigenden Eric Cantona auch mehr als 30 Jahre später noch:

„Es wurde so getan, als wäre nichts passiert. Und dann folgt ein neues Spiel. Das ist nicht zynisch, das ist unmenschlich. Der Fußball darf nicht zum Komplizen der Diktatoren werden.“

Leider war der Sport dies in der WM-Historie allzu oft. Wie 1934 in Italien, 1978 in Argentinien oder bereits 1973 in Chile. Die Sowjets machen Druck. Sie fordern in ihrer Depesche die Verlegung. Andernfalls, so lässt Moskau verlauten, tritt die „Sbornaja“ nicht an. „Spiel in Chile ist unmöglich. Stopp. UdSSR-Fußballverband“, dies der ebenso knappe wie unmissverständliche Text des Telegramms vom 12. November 1973 an den Fußball-Weltverband.

Die FIFA lehnt eine Verlegung ab. Die Bedingungen, so heißt es im Antwortschreiben seien „regulär“. Mimica kann über derartige Formulierungen bis heute nur den Kopf schütteln. „Sie haben in diesem Stadion gespielt“, echauffiert er sich, „während die meisten Toten noch nicht einmal namentlich bekannt waren. Was hat sich die FIFA eigentlich dabei gedacht?“

„Carlitos Way“: Erst Geisterspiel, dann Rot bei der WM

Bei der WM 1962 schlug Chile die UDSSR. Foto: Imago
Bei der WM 1962 schlug Chile die UDSSR. Foto: Imago

Vermutlich nicht viel. Aber es kommt, wie es kommen muss. Die UdSSR reist nicht an, verzichtet damit auch auf die WM-Teilnahme. Es ist das erste Mal, dass sich die Fußball-Sputniks nicht für eine WM-Endrunde qualifizieren. Die FIFA zwingt Chile schließlich, das Match ohne Gegner zu spielen.

Vor 30.000 Zuschauern in Santiago und bei gespenstischer Atmosphäre. „Es war das Bescheuertste, was ich je erlebt habe“, sagt Carlos Caszely, „wir kamen auf den Platz und da war niemand. Keine gegnerische Mannschaft. Der Schiedsrichter pfeift Anstoß, wir laufen nach vorne, machen ein Tor und der Schiedsrichter gibt das Tor. Es war die absurdeste Aufführung, die man sich vorstellen kann und ich habe darin mitgewirkt.“ Um 19.34 Uhr trifft Chiles Kapitän Francisco „Chamaco“ Valdez zum 1:0 und setzte den Schlusspunkt unter der „absurdeste Spiel der Fußballgeschichte“, wie DER SPIEGEL 2007 sehr treffend titelte.

Carlos Caszely reist mit Chile schließlich zur WM nach Deutschland – und sieht im ersten Spiel gegen die Gastgeber nach einem Revanchefoul gegen Berti Vogts Rot. Schiedsrichter Dogan Babacan aus der Türkei zeigt Carlito die erste Rote Karte der WM-Historie. Zwar ist der zu diesem Zeitpunkt für Espanyol Barcelona spielende Angreifer im letzten Spiel gegen Australien wieder dabei, doch Chile ist nach der Vorrunde draußen.

Die 2001 eingesetzte Valech-Kommission zur Aufklärung der Verbrechen aus 17 Jahren Diktatur in Chile hat später 27.255 politische Gefangene anerkannt und mehrere zehntausend Folteropfer benannt. Das bizarre WM-Theater von 1973 bleibt für Carlos Caszely eine Mahnung der Geschichte: „Das Stadion wurde zu einem Konzentrationslager. In den Umkleiden wurde gemordet und vergewaltigt. Es ist eine Geschichte, an die man sich erinnern muss, damit so etwas nie wieder passiert.“

Skandal 19. Ghana will Cash im Koffer

Ghana spielte bei der WM zeitweise richtig gut. Foto: Getty Images
Ghana spielte bei der WM zeitweise richtig gut. Foto: Getty Images

Drei Millionen Dollar touren – live im Fernsehen gesendet – durch Brasilia. Das ist am 24. Juni 2014 keine Doku-Soap irgendeines Privatsenders. Es ist der Versuch des ghanaischen Fußballverbandes, seinen wenig erfolgreichen „Black Stars“ bei der WM in Brasilien doch noch auf die Sprünge zu helfen.

Leicht haben sie es nicht in ihrer Gruppe, die Westafrikaner. Ghana geht in der Gruppe mit dem späteren Weltmeister Deutschland, Portugal und den von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann betreuten USA nicht gerade als Favorit ins Turnier. Nach dem zweiten Spiel, einem mehr als achtbaren 2:2 gegen Deutschland, ist die Stimmung bei den „Black Stars“ auf dem Nullpunkt. Nur noch ein hoher Sieg in dritten Vorrundenmatch gegen Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo kann noch helfen. Was tun?

Die „Black Stars“ wollen nicht mehr. Sicher, sie könnten gegen das bisher so enttäuschende Portugal noch mal Dampf machen. Wollen sie aber nicht. Sie wollen nur noch eins: Ihr Geld. Sie wollen es gleich und in bar. Keine Tricks, keine ungedeckten Schecks.

Die Lieferung erfolgt, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F. A. Z.) schreibt, „unter filmreifen Umständen.“ Es geht um drei Millionen US-Dollar für den 23-köpfigen WM-Kader der Afrikaner. Für die Verbands-Oberen wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Sie packen die Summe eilig in 100-Dollar-Noten in eine Maschine, die vor dem Spiel abends um halb neun auf dem Flughafen Presidente Juscelino Kubitschek in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia landet.

Drei Millionen auf Tour – Reality TV made in Ghana

Deutschland freute es. Foto: Getty Images
Deutschland freute es. Foto: Getty Images
Der Geldtransport durch Brasilia wird live im Fernsehen gezeigt. Drei Millionen Dollar werden in aller gebotenen Gemütsruhe verladen und durch die Hauptstadt kutschiert. Eigentlich eine Einladung für jeden Gangster.

Aber: Nach Angaben des brasilianischen Senders Globo ist der Transport von 72 Militärpolizisten, 19 örtlichen Polizisten, 26 Soldaten, 14 Männern von der örtlichen militärischen Spezialeinheit, einem Piloten der polizeilichen Luftüberwachung der Luftwaffe, zwei Polizisten der Highway Patrouille und einer Einsatzkraft der mobilen Luftüberwachung aus Brasilia gesichert. Gut, dass wir drüber gesprochen haben…

So muss man sich also einen Zahltag für Ghanas Fußball-Nationalmannschaft vorstellen… Der Kies erreicht die Spieler des deutschen Gruppengegners gerade noch rechtzeitig. Die Partie gegen Portugal kann wie geplant stattfinden. Beine machen kann der Geldsegen aus der Heimat die „Black Stars“ nicht mehr. Sie verlieren mit 1:2 gegen Portugal – und fahren gemeinsam mit dem Star-Ensemble um „CR7“ nach Hause.

Zwei Spieler haben sich allerdings schon vorab verabschiedet. Es sind der in Berlin geborene Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng und Sulley Muntari vom AC Mailand. Kevin-Prince Boateng, zu diesem Zeitpunkt beim FC Schalke 04 unter Vertrag, hat bis 2009 für die deutschen Junioren-Nationalmannschaften gespielt. Erst 2010 entscheidet er sich für das Land seines Vaters und nimmt für Ghana an der WM in Südafrika teil.

Prügelei im Training: Der Prince dreht durch

Portugal und Ghana schieden aus. Foto: Getty Images .
Portugal und Ghana schieden aus. Foto: Getty Images .

Vor dem Spiel gegen die Portugiesen kommt es dienstags zuvor im Training zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen dem exzentrischen Boateng und Muntari.

Coach Appiah („So etwas wünsche ich keinem Coach“) wirft beide raus. Von der Suspendierung erfährt der Prince der Legende nach durch einen Zettel an seiner Hotelzimmertür. Stille Post made in Ghana.

Aber: Sowohl Muntari vom AC Mailand als auch Boateng weigern sich nach Angaben des ghanaischen Reporters Gary Al-Smith, der aus Brasilia für den Radiosender CitiFM in Accra berichtet, das Mannschaftsquartier zu verlassen.

Sie wollen ihr Geld. Erst, als sie es am Donnerstagmorgen nach dem Spiel gegen Portugal kassiert haben, verschwinden beide aus dem Hotel. Beide spielen nie mehr für die „Black Stars“. Zahltag in Ghana.

Skandal 18. 1966 – Pelés traurigste WM

Pele verlässt den Platz. Foto: Imago
Pele verlässt den Platz. Foto: Imago

„Das Ausscheiden kommt für uns einer Katastrophe gleich. Ohne Pelé ist Brasilien nicht einfach Brasilien!“

Vicente Feola, Nationaltrainer Brasiliens nach dem Aus bei der WM 1966 in England.

1966 soll die absolute Krönung für Brasiliens Fußballidol Pelé werden. Am 21. Februar des Jahres heiratet Edson Arantes do Nascimento, wie das Fußballgenie mit bürgerlichem Namen heißt, seine erste Frau, Rosemarie dos Reis Cholbi. In England will er im Sommer 1966 zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. Medienträchtig reist das Traumpaar des Fußballs auf Einladung von Pelé-Freund und Austria-Präsident Josef Brandstätter in einer offenen Kutsche durch Salzburg oder zeigt sich im bunten Karnevalstreiben von Rio. Überhaupt ist es die Hochzeit, auf die ganz Brasilien gewartet hat. Selbst eine Audienz bei Papst Paul VI. in Rom darf nicht fehlen. Im Sommer will sich Pelé in England mit dem dritten Weltmeister-Titel in Folge nachträglich selbst beschenken.

Denn das junge Paar hat in den turbulenten ersten Tagen seiner Ehe keine ruhige Minute. Doppel-Weltmeister Brasilien in den Vorbereitungen für das Turnier, Medienrummel, Terminstress. „Wenn wir uns drei Tage am Stück gesehen haben, war das schon viel“, erzählt Pelé freimütig. Motivieren kann ihn die Hochzeit nicht. Es ist nicht die Weltmeisterschaft des großen Brasilianers. Die „Selecao“ und ihr unumstrittener Fußball-König Pelé sehen sich einem vehementen Widerstand der Gegner ausgesetzt.

Das 2:0 zum Start gegen die No Names aus Bulgarien ist für Pelé, der zum 1:0 trifft, und seinen in die Jahre gekommenen, kongenialen Offensiv-Partner Garrincha, der das zweite Tor beisteuert, nicht mehr als eine Pflichtaufgabe. Die Bulgaren versuchen während der Partie, Pelé durch harte Fouls zu bremsen „Ich denke, die anderen Teams werden das genauso machen“, vermutet Bulgariens Coach Rudolf Vytlacil anschließend. Er wird Recht behalten.

Joao Morais: Neuer Staatsfeind Nummer eins in Brasilien

Pele in Paris. Foto: Imago
Pele in Paris. Foto: Imago
Am 15. Juli 1966 entzaubern die Ungarn mit den Puskas-Erben Florián Albert – 1967 als einziger Ungar „Europas Fußballer Europas“ – und János Farkas im Goodison Park von Liverpool den Weltmeister. Es ist der Anfang vom Ende.

„Die Generation von 58 und 62 verblasste, es waren nur noch Veteranen“,

stellt Brasiliens Stürmer Tostao 2018 fest, „mit Ausnahme von Pelé waren sie nicht mehr in der Verfassung, in der Nationalmannschaft zu spielen.“ Stimmt. Torhüter und Doppel-Weltmeister Gilmar ist 35. Abwehrchef Djalma Santos und Bellini, 1958 erster brasilianische Teamkapitän, der den WM-Pokal erhält, sind 36. Pelés kongenialer Partner Garrincha (32) wird, gezeichnet von Operationen und von seinem Alkoholismus, noch 1966 aus der Selecao zurücktreten.

Tor-Maschine Pelé hat in diesem Turnier viele Gegner. Der hungrigste ist am 25. Januar 1942 in Mosambik geboren. Sein Name: Eusébio da Silva Ferreira. Der „schwarze Panther“, wie der Mittelstürmer genannt wird, ist mit 317 Liga-Toren in 301 Spielen für Benfica Lissabon nicht minder legendär als Pelé bei seinem FC Santos. Eusébio wird diese WM zu seinem Turnier machen. Der Nationalspieler Portugals sichert sich mit neun Treffern den WM-Torschützentitel und hievt sein Land auf Rang drei. Es ist Portugals beste WM-Platzierung aller Zeiten. Das Duell zwischen Pelé und seinem europäischen Kontrahenten Eusébio soll am 19. Juli 1966 ein Höhepunkt dieser WM werden. Die einstigen portugiesischen Kolonialherren demütigen den Weltmeister. 3:1 – bei zwei Toren von Eusébio. Die Partie in Liverpool ist ein Spiegelbild der verkorksten WM Brasiliens.

„Die Südamerikaner waren schon harte Jungs, aber die Europäer waren auch nicht ohne“, erinnert sich Wolfgang Weber, Vize-Weltmeister von 1966, im November 2017 im Berliner Tagesspiegel, „Pelé hat das zu spüren bekommen gegen die Portugiesen, dabei hatten die das gar nicht nötig, das waren so großartige Fußballer mit Eusébio und Coluna und all den anderen von Benfica Lissabon.“

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

Aus in der Vorrunde – Für Brasilien das Ende der Fußball-Welt

Pele verletzt am Spielfeldrand. Foto: Imago
Pele verletzt am Spielfeldrand. Foto: Imago

„Brasilien kam als Titelverteidiger – doch dann kam für mich das Aus“, so Pelé. Der portugiesische Abwehrspieler Joao Morais trifft den Fußballkönig schwer am Knie – und foult ihn wenig später ein zweites Mal so hart, dass er zum Statisten degradiert wird.

Auswechslungen gibt es 1966 noch nicht. Pelé spielt weiter, doch er humpelt über den Platz. Seine Pässe kommen nicht an, Brasilien verliert – und ist draußen. Es ist bis heute das einzige Vorrunden-Aus für den Rekord-Weltmeister.

„Dass der zweimalige Weltmeister in der Vorrunde ausschied, war eine Katastrophe“, erinnert sich Tostao. Eine, auf die die Polizei und die Sicherheitskräfte in der Heimat vorbereitet sind. In Rio de Janeiro brechen nach Bekanntwerden des Ergebnisses gegen Portugal über die Radiogeräte Straßenkämpfe aus. Die Verbandszentrale in Barra da Tijuca und das Wohnhaus von Trainer Vicente Feola werden umgehend unter Polizeischutz gestellt.

„Als ich nach der Weltmeisterschaft 1966 zurückkehrte, war mein Herz nicht mehr beim Fußball“, verrät Pelé 2016 der britischen Zeitung The Guardian, „das Spiel hatte Unsportlichkeit und feige Schiedsrichterleistungen offenbart. Fußball war keine Kunst mehr, es wurde zum Krieg.“ Pelés bitteres Fazit: „1966 war sicher die traurigste WM. Für mich, für die Spieler, für alle Brasilianer.“

Skandal 17. Der Zorn des Scheichs

Kuwait vs. Frankreich. Dieses Spiel führte zum Skandal. Foto: Imago
Kuwait vs. Frankreich. Dieses Spiel führte zum Skandal. Foto: Imago

Die Macht der Öl-Fürsten vom Persischen Golf bekommt der Weltfußball schon lange vor der bis heute umstrittenen WM-Vergabe an Katar für 2022 zu spüren. Paris St. Germain und seine katarischen Investoren sind an diesem 21. Juni 1982 noch fußballerische Science Fiction. Oder doch nicht?

Bei der Weltmeisterschaft trifft Mitfavorit Frankreich in der nordspanischen Stadt Valladolid auf den krassen Außenseiter Kuwait. Für das Team vom Persischen Golf ist es die WM-Premiere. Zwischen 1974 und 1978 konnten sich „Al Azraq“, die Blauen, nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. Jetzt ist der Asienmeister von 1980 dabei – und landet gegen die CSSR einen echten Achtungserfolg. Faisal ad-Dachil trifft zum 1:1-Endstand. Star der Kuwaitis ist jedoch der Trainer: Carlos Alberto Parreira. Der damals 39-jährige Brasilianer wird 1994 mit der „Selecao“ Weltmeister. Kuwait ist sein zweites von insgesamt sechs Engagements bei einer Nationalmannschaft.

Und dann ist da noch Fahad Al-Ahmed Al-Jaber Al-Sabah. Der hoch dekorierte Offizier ist der Vorsitzende des Asiatischen Handball-Verbandes und Präsident des kuwaitischen Fußballverbands. Er guckt zwar immer ein bisschen grimmig, doch Al-Sabah kann durchaus großzügig sein. Das 1:1 gegen die Tschechen entlohnt er seinem Team fürstlich. Mit 175.000 US-Dollar Siegprämie. Pro Mann, versteht sich.

In Valladolid haben die TV-Kameras den Scheich auf der Tribüne ständig im Fokus. Mit jedem Tor der Franzosen verfinstert sich seine Laune. Bernard Genghini, Superstar Michel Platini und Didier Six haben nach 48 Minuten eine souveräne 3:0-Führung für Frankreich herausgeschossen. Abdullah Al-Buloushi (75.) bringt das Team vom Golf auf 3:1 heran.

Ein Scheich in Rage

Edel-Fans aus Kuwait. Foto: Imago
Edel-Fans aus Kuwait. Foto: Imago

Fünf Minuten später erzielt Frankreichs Super-Dribbler Alain Giresse das vermeintliche 4:1. Zuvor sind die Spieler aus Kuwait offensichtlich auf einen Pfiff aus dem Publikum hereingefallen. Zu viel für den Scheich. Er drängt hinunter, aufs Spielfeld. Die spanischen Polizisten, mit ihren Baretts und ihren Fliegerbrillen wirklich autoritär wirkend, können ihn nicht aufhalten. Er tobt, er schimpft, er gestikuliert. Und er guckt grimmig.

Fast zehn Minuten ist die Partie unterbrochen. Wie ein Derwisch redet Al-Sabah auf Schiedsrichter Miroslav Stupar aus der Sowjetunion ein. „Scheiß FIFA, die ist schlimmer als die Mafia“, ist einer der überlieferten Flüche aus der Schimpfkanonade.

Wie sehr er damit richtig zu liegen scheint, zeigt sich erst viele Jahre später. Am 2. Dezember 2010 vergibt die FIFA völlig überraschend die WM 2022 an den Golfstaat Katar. Das Königreich, nicht eben mit Fußballtradition gesegnet, gerät schnell unter Verdacht, die Spiele mit seinen Öl-Dollars gekauft zu haben.

Die Zeitung Sunday Times legt 2014 erste, konkrete Beweise vor und löst damit eine Lawine aus. Korruption, Intransparenz, die FIFA gerät unter Druck. Der Skandal ist schon acht Jahre vor dem ersten Anstoß der im Winter 2022 stattfindenden Weltmeisterschaft perfekt und sorgt für einen Riesen-Imageschaden des Fußball-Weltverbandes.

Platini und Co. 1990: Wiedersehen am Golf

Tumulte am Spielfeldrand. Foto: Imago
Tumulte am Spielfeldrand. Foto: Imago

Das Image ist Al-Sabah bei seinem legendären Auftritt in Valladolid egal. Der Scheich wütet sich zum Erfolg. Der Referee, der als einer der besten seiner Zunft gilt, nimmt den Treffer von Giresse tatsächlich zurück. Stupar lässt sich vom Scheich einschüchtern – und macht sich damit selbst die WM kaputt. Die FIFA suspendiert ihn am folgenden Tag für den Rest des Turniers mit der Begründung, er habe die Situation durch sein Verhalten selbst provoziert.

Als Al-Sabah wider auf seinem Tribünenplatz ist, lässt sich Maxime Bossis nicht zurückpfeifen. Der Abwehrspieler vom FC Nantes erzielt das nicht minder reguläre 4:1 für Frankreich. Denn auch am Treffer von Giresse gibt es keinen Makel. Wie auch immer: Kuwait ist draußen.

Zurück zu Al-Sabah. Seine Großzügigkeit spüren auch die französischen Sieger. Im Frühjahr 1990 lädt er Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft mit dem inzwischen zum Coach aufgestiegenen Platini ins Scheichtum ein. Als Wiedergutmachung sozusagen.

Wenige Monate später ist Al-Sabah tot. Er stirbt bei der irakischen Invasion Kuwaits am 2. August 1990. Mit nur 44 Jahren.

Skandal 16. „Großdeutsch“ in die Pleite

Das deutsche Team im Sommer 1938. Foto: Imago
Das deutsche Team im Sommer 1938. Foto: Imago

Die Weltmeisterschaft 1938 kommt für Österreichs ambitionierte Nationalmannschaft zu spät. Nach dem „Anschluss“ an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 ist im österreichischen Fußball nichts mehr, wie es einmal war. Die folgende WM in Frankreich wird zu einem einmaligen, historischen Fiasko.

Österreichs Fußballer sind bereits seit 1924 echte Profis. Matthias „Der Papierne“ Sindelar wirbt für Anzüge, Uhren und Molkereiprodukte. In Wien besitzt er später ein Café. Der Mittelstürmer Karl „Der Blade“ Sesta, wie sein Freund Sindelar Mitglied im legendären österreichischen „Wunderteam“ der frühen 1930er-Jahre, nimmt Schallplatten mit Wiener Liedern auf. Mit dem deutschen Einmarsch im März 1938 ändern sich die Dinge für die österreichischen Star-Kicker schlagartig.

Die Nazis verbieten nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich den „jüdischen“ Profifußball per Beschluss von 31. Mai 1938. Ihre „Vision“: Ein von Reichstrainer Sepp Herberger aufgestelltes „großdeutsches“ Team mit den Stars aus Wien, Schalke oder Nürnberg, das in Frankreich den ersten WM-Titel holt. Die WM-Premiere für Deutschlands 1934 ist mit Platz drei ein echter Achtungserfolg. Doch die neuen Machthaber wollen mehr.

Herberger bleibt nicht viel Zeit. Die Weltmeisterschaft beginnt am 4. Juni. Er muss bis dahin den mit einer Jüdin befreundeten Sindelar, aber auch andere österreichische Spieler für die „großdeutsche Mannschaft“ anwerben. Das misslingt. Sindelar provoziert die nationalsozialistischen Sport-Funktionäre bereits beim „Anschlussspiel“ am 3. April im Wiener Praterstadion mit einem Veitstanz vor der Ehrentribüne. Zuvor hat er als Kapitän angeordnet, dass die Österreicher noch einmal in ihrer traditionellen rot-weiß-roten Spielkleidung auflaufen. Sindelar weigert sich danach beharrlich, für das „großdeutsche Team“ zu spielen. Sesta oder Wunderteam-Kapitän Josef „Pepi“ Bican spielen ebenfalls nicht mit. „Der Papierne“ stirbt schon 1939 unter nie vollständig geklärten Umständen in Wien. Sesta wird 1941 mit 35 Jahren ältester Debütant aller Zeiten in der „deutschen“ Nationalmannschaft.

Ruhrpott-Stars ärgern die Wiener Fußball-Künstler

Die Schweiz schlägt Deutschland mit 4:2. Foto: Imago
Die Schweiz schlägt Deutschland mit 4:2. Foto: Imago

Mit sechs Deutschen und fünf Österreichern reist Herberger schließlich nach Frankreich. Das Unternehmen „großdeutsches Team“ wird zum Albtraum. „Bundestrainer Sepp Herberger wurde von der NS-Regierung gezwungen, die Österreicher zu integrieren“, heißt es dazu bei dfb.de, „das WM-System und die Wiener Schule paaren, schien unmöglich.

Disziplinierte Kämpfer hier, schlampige Genies da – Feuer traf auf Wasser. Jeder Experte sah das. Doch Herbergers Proteste beim „Fachamt für Fußball“ in Stettin verhallten ungehört.“ Die Spieler sind zerstritten. Die Wiener gehen den Deutschen konsequent aus dem Weg. Die Schalker verulken die Österreicher mit Ruhrpott-Schimpfwörtern. Der Reichstrainer muss bis in die Nacht im Hotel Littre in Paris zermürbende Diskussionen um seine Aufstellung mit den NS-Funktionären führen.

Eine personelle Überraschung wie später bei der erfolgreichen WM 1954, wird ihm nicht gelingen. Er macht den Wiener Hans Mock, der zuvor noch kein Länderspiel gemacht hat, zum Kapitän seiner Zweckgemeinschaft, die nie eine Mannschaft ist.

Der heimliche Kapitän, Schalke-Idol Fritz Szepan, sitzt derweil schmollend auf der Tribüne. Szepan kommt nur einmal zum Einsatz. Der Mannheimer Stürmer Otto Siffling, dem 1937 im berühmten „Breslau-Spiel“ gegen Dänemark (8:0) in 32 Minuten fünf Tore gelingen, bleibt ganz draußen.

Die deutschen Fans erleben erstmals in Frankreich puren Hass

Jubel über den Sieg in der Schweiz. Foto: Imago
Jubel über den Sieg in der Schweiz. Foto: Imago

Auch die deutschen Fans haben es in Frankreich nicht leicht. Die 2.000, mit Sonderzügen angereisten Anhänger werden schon bei der Ankunft in Paris angefeindet, beleidigt, bespuckt. Keiner mag die „neuen“ Deutschen. Vor dem Anpfiff des Achtelfinal-Spiels gegen die Schweiz am 4. Juni 1938 im Pariser Prinzenparkstadion regnet es faule Eier und Tomaten auf die Spieler herab.

Nach einem 1:1 nach Verlängerung muss fünf Tage später ein Wiederholungsspiel her. Die Schweizer gewinnen mit 4:2 – und „Großdeutschland“ ist blamiert. Für die gleichgeschaltete Presse sind es die Zuschauer, die im Hexenkessel des Prinzenparks erneut gegen die zusammengestoppelte Truppe Stimmung machen. „Wenn hier nach den Schuldigen zu fahnden ist, dann nur im Zuschauerraum“, glaubt die Fußball Woche.

Im umfangreichen Archiv von Sepp Herberger finden sich Notizen, die die Niederlage ganz anders deuten. Unter der Rubrik „Gründe für das Ausscheiden“ tritt Herberger übel gegen die Wiener nach.

„Der unzulängliche Einsatz unserer österreichischer Spieler in Szenen, wo alleine Kraft und kämpferisches Wollen ausschlaggebend gewesen wäre. Sie sind durch die Bank glänzende Spieler. Aber mit Spiel allein gewinnt man nicht. Am wenigsten eine Weltmeisterschaft.“

Skandal 15. 1934 – Der Duce korrumpiert die WM

Der faschistische Gruß. Foto: Getty Images
Der faschistische Gruß. Foto: Getty Images

Dem Weltmeisterschafts-Erfolg Italiens 1934 haftet ein ewiger Makel an. Die erste WM in einem faschistischen Land, die propagandistische Nutzung und die nachweisliche Einflussnahme der italienischen Machthaber um Benito Mussolini auf die Schiedsrichter werden zum ersten Ärgernis der Turnier-Historie.

Enrique Guaita, Luis Monti und Attilo de Maria – so heißen die drei Bösewichte. Alle drei sind in Argentinien geboren. Das macht sie per se nicht verdächtig. Leider spielten die Profis vom AS Rom, Ambrosiana-Inter (heute Inter Mailand) und Juventus Turin für Italien. Damit leistet sich die „Squadra Azzurra“ schon lange vor Turnierstart den ersten Regelverstoß.

Laut FIFA-Statuten hätte das argentinische Trio ab März 1931 in Italien leben und vor allem keine Länderspiele mehr für die „Albiceleste“ bestreiten dürfen. Taten sie aber trotzdem, Guiata sogar bis zum 5. Februar 1933, also etwas mehr als ein Jahr vor der zweiten Fußball-Weltmeisterschaft. Für die italienischen Organisatoren – das OK ist durchsetzt von faschistischen Funktionären – kein Problem. Schließlich, so argumentieren sie, hätte der Rumäne Iuliu Barátky früher auch für Ungarn gespielt.

Den WM-Zuschlag erhält Italien am 14. Dezember 1932 in Zürich. Der „Duce“, Benito Mussolini, der sich 1925 zum Diktator Italiens aufgeschwungen hat, stellt das notwendige Kleingeld für die insgesamt acht Stadien zur Verfügung. In Bologna, Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Rom, Triest und Turin rollt der Ball. Bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay wird nur in Montevideo gespielt. Mit der Investition in die WM-Stadien gaukelt Mussolini der Welt ein wachstumsstarkes Italien vor – dabei ist die Lira längst im inflationären Sinkflug. Zudem dienen ihm die neuen Arenen als perfekte Kulisse zur Selbst-Inszenierung. Wo Mussolini während der WM auftaucht, gibt es vorbereitete Jubelstürme.

Ab dem Viertelfinale wird Mussolinis Einflussnahme konkret

Mussolini war eigentlich Fan des Modernen Fünfkampfs. Foto: Imago
Mussolini war eigentlich Fan des Modernen Fünfkampfs. Foto: Imago

Damit auch sonst nichts schief geht, hat Mussolini seinen glühenden Anhänger Giovanni Mauro an die Spitze des italienischen Fußballverbandes gestellt. Mittelsmann zwischen Verband, FIFA und Partei ist Giorgio Vaccaro, seines Zeichens General einer faschistischen Miliz.

Italien 1934 ist eine WM, die nur im K.o.-System ausgetragen wird. Den ersten, krassen Skandal gibt es im Viertelfinale gegen Spanien. Die Italiener haben den iberischen Rivalen bei der WM-Vergabe ausgebootet. Das gelingt ihnen jetzt auch auf dem Rasen in Florenz – unter skandalösen Umständen.

Nach einem 1:1 nach Verlängerung wird nur einen Tag später ein Wiederholungsspiel angesetzt. Spaniens Torwart-Hexer Ricardo Zamora († 1978) kann verletzungsbedingt nicht dabei sein. Sein Vertreter Juan José Nogués wird beim entscheidenden 1:0 für Italien gleich von mehreren Spielern behindert – Italiens legendärer Stürmer Giuseppe Meazza stützt sich gar auf den Keeper auf.

Unglaublich, dass der Schweizer Schiedsrichter René Mercet dieses Tor gibt. Und noch unverständlicher, dass er den Spaniern in der zweiten Halbzeit zwei reguläre Tore verweigert.

Vor dem Halbfinale geht Mussolini auf Nummer sicher

Der Jubel des italienischen Teams. Foto: Getty Images
Der Jubel des italienischen Teams. Foto: Getty Images
Vor dem Halbfinale gegen Österreichs „Wunderteam“ mit dem legendären Matthias Sindelar geht Mussolini ganz auf Nummer sicher. Einen Tag vor dem Spiel lädt er den schwedischen Schiedsrichter Ivan Eklind als Ehrengast zu sich ein.

Mit am Tisch sitzen auch der Schweizer Mercet und der belgische Schiedsrichter Louis Baert. Im Spiel lässt Eklind es zu, dass Meazza und drei weitere Italiener den Ball mitsamt dem österreichischen Torhüter Peter Platzer über die Linie bugsieren. Eine Flanke auf den völlig freistehenden Österreicher Karl Zischek köpft der Referee gar selbst aus der Gefahrenzone. Keine Frage, mit so einer Schiedsrichterleistung „verdient“ man sich das Finale.

Im Endspiel gegen die Tschechoslowakei verweigert Eklind den Tschechoslowaken mehrere klare Elfmeter – Italien gewinnt mit 2:1 in der Verlängerung. Die Duce-WM ist gerettet.

Eine direkte Einflussnahme des faschistischen Politikers kann der italienische Sport-Historiker Marco Impiglia 2014 nicht nachweisen. Sehr wohl aber eine Allianz zwischen schwedischen und italienischen Sportfunktionären. „Die Indizienfülle spricht für eine zu Gunsten Italiens verschobene Weltmeisterschaft“, lautet sein Fazit. Das klingt fast ein wenig milde.

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