Diese 11 Fußball-Stars endeten tragisch


DIE STORY IN KURZEN VIDEOS

DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Tragik 2 – 1: Vom kleinen, dicken Sturm-Genie bis zum Paradiesvogel

2. Gerd Müller, der Suff und Alzheimer

Der Bomber vor leeren Rängen: Gerd Müller (vorn) schreibt in Diensten der Fort Lauderdale Strikers in den USA Autogramme für die wenigen anwesenden Fans.
Der Bomber vor leeren Rängen: Gerd Müller (vorn) schreibt in Diensten der Fort Lauderdale Strikers in den USA Autogramme für die wenigen anwesenden Fans. Foto: Imago Images / Rolf Hayo

Gerd Müller ist an Alzheimer erkrankt. Der „Bomber der Nation“, „kleines dickes Müller“, so nennt ihn sein erster Trainer im Profibereich, Zlatko „Tschik“ Cajkovski († 1998) – das sind seine Spitznamen, die bis heute jedem Fan geläufig sind. Gerd Müller ist physisch nicht der imposanteste Stürmer – auch nicht zu seinen Glanzzeiten. Aber für eine gewisse Zeit ist er der beste Mittelstürmer der Welt.

Gerd Müller erzielt insgesamt 398 Tore in 453 Ligaspielen für den FC Bayern. Dabei ist er mit 365 Toren aus 427 Einsätzen auf ewig Rekord-Torschütze der Bundesliga. Und er schafft 68 Länderspieltore für Deutschland in 62 Länderspielen, das macht einen Schnitt von mehr als einem Treffer pro DFB-Einsatz. Als er in einer Ad-hoc-Aktion zurücktritt, ist und bleibt er bis 2014 (Miroslav Klose) deutscher WM-Torschützenkönig mit 14 Toren. Mit 10 Treffern holt er sich 1970 bei der WM in Mexiko den Titel des besten Schützern. Was ihn besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, sich auf engstem Raum zu bewegen, Gegner stehen zu lassen und aus den unmöglichsten Situationen heraus, Tore zu erzielen.

Das kann kein Stürmer auf der Welt so gut wie er. Warum? Weil Gerd Müller für einen bestimmten Typ Mittelstürmer steht. Statt durch Größe oder physische Präsenz glänzt er mit unglaublicher Wendigkeit, großem Reaktionsvermögen und blitzschneller Antizipation. Gerd Müller kann Tore vorausahnen. So gut sich Gerd Müller auf dem Platz zu Recht findet, so schlecht kommt er nach der Karriere im richtigen Leben zurecht. Auch ihn verschlägt es Ende der 1970er Jahre in die USA, wo es für Fußball-Altstars aus Europa wie Franz Anton Beckenbauer, George Best oder Johan Cruyff noch mal schnelle Dollars zu verdienen gibt. Aber Müller geht nicht nach New York, sondern nach Florida. Und dort beginnt wohl auch schon das Verhängnis mit dem Alkohol.

Tragisch wird Gerd Müllers Karriere ab 1979. Als er im Zorn über eine Auswechslung nach Florida auswandert, findet der „Bomber der Nation“ nach seinem letzten Spiel für die Weltmannschaft von den Orlando Smith Brothers in Fort Lauderdale keinen richtigen Platz mehr im Leben. Jedenfalls keinen, der ihn ausfüllt. Nach fünf Jahren in den USA bei drei Klubs kehrt er zehn Jahre, nachdem er Deutschland am 7. Juli 1974 zum Weltmeistertitel geschossen hat, nach München zurück und steht vor dem persönlichen (nicht dem finanziellen) Nichts.

Im September 1991 werden Müllers Probleme öffentlich. Als Kiebitz beim Bayern-Training ist er angetroffen gesichtet worden, seine Ehefrau will die Scheidung und auch die Steuerfahnder sind ihm auf der Spur – und wollen 2 Eigentums-Wohnungen pfänden. Müller steckt mit Mitte 40 in der Lebenskrise. Er hat nicht das Zeug zum autoritären Trainer, cleveren Manager oder eloquenten TV-Experten, das wissen alle, die den gelernten Weber kannten. „Du bist kein Mann der großen Worte. Du hast die Tore geschossen, ohne viel zu reden“, so charakterisiert ihn 2003 Franz Beckenbauer in seiner Laudatio, als Gerd Müller zum wertvollsten Bundesliga-Spieler aller Zeiten gekürt wird.

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Der Held einer Generation nur noch eine Witzfigur

Gerd Müller (links) und Mehmet Scholl 2009 in Erfurt.
Gerd Müller (links) und Mehmet Scholl 2009 in Erfurt. Foto: Imago Images / Gerhard König

Der Held einer Generation nur noch eine Lachnummer – das können die Bayern nicht mit ansehen. Und da reicht ihm der „Mia-san-Mia“-Klub, der sich selbst als große Familie sieht, die Hand. Gute Freunde kann eben niemand trennen. Es ist bitter nötig, denn Gerd Müller ist ganz unten. „Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Du bist oben, schwebst im Himmel. Und fällst und fällst. Plötzlich bist du in der Hölle“, sagt er in einem Interview, „ich habe sehr gelitten, und ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich es wohl nicht geschafft.“

Seine Freunde: allen voran „der Uli, der Franz und der Kalle“, wie er die Kameraden von einst nennt. Hoeneß, Beckenbauer, Rummenigge – alle haben sie mit ihm gespielt, gesiegt und gefeiert. Nun gilt es, zurückzugeben. Aber nach diesen Toren reißt sich eben 1984 niemand mehr um den „Bomber der Nation“. Jetzt gibt es die Rummenigges und die Völlers, denen die Fans zujubeln. „Nur nichts tun. Den ganzen Tag einfach nur rumsitzen und nichts Sinnvolles machen – das war das Verderben“, räsoniert er selbst über seine Flucht in den Alkohol.

Bei Prominenten-Spielen, erzürnt sich sein Weggefährte Uli Hoeneß, hätten sie ihn abgefüllt und sich dann über ihn lustig gemacht. Also überreden ihn die Bayern-Freunde, eine Entziehungskur zu machen, auch psychiatrische Hilfe nimmt er in Anspruch. Und seine Frau überlegt sich das noch mal mit der Scheidung. Die größte Hilfe aber ist der wohl am schlechtesten bezahlte Vertrag, den ihm der FC Bayern je gegeben hat: Seit 1992 ist er wieder angestellt bei dem Klub, für den sein Herz schlägt und er gibt wieder andere Interviews:„Ich bin vollkommen glücklich, und ich bin beschäftigt“, sagt er 1993, als er die A-Jugend trainieren darf.

Er ist auch schon Sponsorenbetreuer, Talentsucher, Stürmer- und Torwarttrainer, Co-Trainer bei den Profis und zuletzt bei den Amateuren. Doch dann schlägt die Alzheimer-Erkrankung zu. Das ist im Oktober 2015. Der letzte Abschnitt im traurigen Leben des Bombers.

 

Erfolge

Mit der deutschen Nationalmannschaft:

Weltmeister: 1974, Dritter 1970

Europameister: 1972

Mit dem FC Bayern München:

Regionalliga-Meister: 1965

Deutscher Meister: 1968/69, 1971/72, 1972/73, 1973/74

DFB-Pokal-Sieger: 1966, 1967, 1969, 1971

Europapokalsieger der Pokalsieger: 1967

Europapokalsieger der Landesmeister: 1974, 1975, 1976

Weltpokalsieger: 1976

 

Persönliche Auszeichnungen (Auswahl)

Bundesliga-Torschützenkönig (7-mal): 1966/67 (28 Tore), 1968/69 (30 Tore), 1969/70 (38 Tore), 1971/72 (40 Tore), 1972/73 (36 Tore), 1973/74 (30 Tore), 1977/78 (24 Tore)

DFB-Pokal-Torschützenkönig (3-mal): 1967 (9 Tore), 1969 (7 Tore), 1971 (11 Tore)

Torschützenkönig im Europapokal der Landesmeister (4-mal): 1973 (12 Tore), 1974 (9 Tore), 1975 (5 Tore), 1977 (8 Tore)

Bester Torschütze Europas (2-mal): 1970 (38 Tore), 1972 (40 Tore)

WM-Torschützenkönig: 1970 (10 Tore)

Deutschlands Fußballer des Jahres: 1967, 1969

Ballon d’Or: 1970 (Dritter 1969, Zweiter 1972, Dritter 1973)

Mitglied der FIFA 100 (Liste der besten lebenden 125 Spieler der Welt, erstellt von Pelé am 4. März 2004)

Berufungen in die offizielle FIFA-Auswahl: 1971, 1972, 1973

Nominierung in die UEFA-Auswahl: 1973

FIFA-Verdienstorden 1998

1. Garrincha – Brasiliens gefallener Fußball-Gott

Wenn Pele mit Garrincha in der Selecao spielte, blieb Brasilien ohne Niederlage.
Wenn Pele mit Garrincha in der Selecao spielte, blieb Brasilien ohne Niederlage. Foto: Imago Images / United Archives International

„Dieux du Brésil – Brasilianische Fußballgötter“, so lautet der Titel einer der bekanntesten Film-Dokumentationen von Jean-Christophe Rosé aus dem Jahr 2002 über Pelé und Garrincha. Der eine: Der strahlende, ewig Tore erzielende Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé. Der andere: Manuel Francisco dos Santos, genannt Mané Garrincha.

Er hat stets eine Schräglage. Aufgrund zweier krummer Beine. Das eine Bein ist zudem noch sechs Zentimeter kürzer als das andere Bein. Dadurch scheint es ständig so, als würde er gleich sein Gleichgewicht verlieren. Doch Garrincha fällt nie, oder erst dann, wenn die Gegner ihm mehrfach in die Beine getreten haben.

Manuel Francisco dos Santos hat in seinem kurzen Leben viele Namen bekommen, Garrincha, auf Deutsch „kleiner Vogel“, wird er wegen der Leichtigkeit seines Spiels genannt. Weil er von Geburt an ein O- und ein X-Bein hat, nennen sie ihn „Engel der krummen Beine“. Und als er berühmt wird, ist er der „Alegria de Povo“, die Freude des Volkes. Der Schriftsteller Nelson Rodrigues hat ihn in seinen Chroniken den „Charlie Chaplin des Fußballs“ genannt. Ungefähr so Slapstick mäßig sieht es auch aus, wenn man sich den tanzenden Außenstürmer in den wenigen alten Filmaufnahmen anschaut, die es von Garrincha gibt.

Meistens ist es der gleiche Trick: Er täuscht an, einmal, zweimal, wippt mit dem Oberkörper, springt vor und zurück, wartet ab, und plötzlich zieht er am Gegner vorbei. Manchmal hält er dann inne, damit ihn der Verteidiger wieder einholen kann, um einmal mit dem Ball um ihn zu kreisen und erneut an ihm vorbei zu flitzen. Garrincha ist ein „Malandro“, ein Schlitzohr, ein Schlingel – eine Figur, die im brasilianischen Fußball bis heute kaum wegzudenken ist. Spieler wie Edmundo und Romário gelten ebenfalls als „Malandros“.

Auch Josimar ist einer. Jener Rechtsverteidiger, der bei der WM 1986 aus dem Nichts auftaucht, zwei unglaubliche Tore fast von der Eckfahne erzielt und dann wieder aus dem Rampenlicht verschwindet und im Drogensumpf endet. Der Godfather aller „Malandros“ aber war und ist Garrincha, 1958 und 1962 mit Brasilien zwei Mal in Folge Weltmeister, Rechtsaußen von Botafogo in Rio, ein „Malandro“ und ein „Mulherengo“, ein ausgemachter Frauenheld, aus dem kleinen Städtchen Pau Grande. In Brasilien sagt man, Pelé werde zwar geschätzt. Vergöttert werde aber primär „Mané“ Garrincha. Brasiliens so unterschiedliche Fußballgötter eben.

Als Garrincha aktiv spielt, gibt es noch keine Gelben Karten und er wird ständig getreten und gefoult, ohne dass es geahndet wurde. Ob er heute besser wäre und eine große Nummer im verdichteten Mittelfeld des modernen Fußballs und im Blitzlicht der elektronischen Medien? Fraglich! In dem Moment, in dem Garrinchas Stern 1958 während der Weltmeisterschaft in Schweden aufgeht, sind es zuerst die Zuschauer in den Stadien, die begriffen haben, dass hier ein außergewöhnlicher Fußballer sein internationales Debüt feiert.

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

Er erfand Tricks

Garrincha (l.) war kaum zu stoppen.
Garrincha (l.) war kaum zu stoppen. Foto: Imago Images / United Archives International

So etwas hat man bis dahin noch nicht gesehen, all die Tricks, die Finten, diese ursprüngliche, fast naiv anmutende Freude am Spiel. Er erfand Tricks, entwickelt andere weiter, macht intuitiv Dinge, die andere Spieler über Jahre einstudieren müssten.

Der Titelgewinn 1958, der das Trauma der im eigenen Land verlorenen WM von 1950 mildert, macht Garrincha fast über Nacht zur nationalen Identifikationsfigur. Er versammelt die Bevölkerung eines Landes hinter sich, das von einer politischen Krise in die nächste taumelt. Eine eigentlich stolze Nation, die sich aus eigener Kraft aus der portugiesischen Kolonialherrschaft befreit hatte. Die „Seleção“ eint das Volk. Und Garrincha wird verehrt, obwohl seine Schwierigkeiten mit dem Leben jenseits des Fußballplatzes offensichtlich sind. Früh schon beginnt er zu trinken, wohl auch, um die Schmerzen in seinen verkrüppelten Beinen zu ertragen. Er ist in mehrere Autounfälle verwickelt, kommt mit dem Geld nicht aus. Wenig erstaunlich also, dass Porträts Garrincha stets als genialen Fußballer, aber bescheidenen Geist darstellen.

Doch Garrincha ist anders – ein dem Alkohol verfallener empfindsamer Mensch, der sich auf dem Land wohlfühlt. Als er sich 1966 von seiner Frau und sechs Kindern trennt, um mit der skandalumwitterten Sängerin Elza Soares zusammenzuleben, die er bei der erfolgreichen WM 1962 in Chile kennengelernt hat. Die Liaison des Fußballkönigs mit einer Mulattin aus bitterarmen Verhältnissen, das entspricht im katholischen Brasilien nicht dem guten Ton. Das Volk auf den Straßen hingegen lässt nicht von seinem Idol. Und stürzt prompt in eine tiefe Depression, als Garrincha 1966 Abschied von der Nationalmannschaft nimmt. 1973 beendet er mit einem Abschiedsspiel im Maracanã seine Karriere. Und gerät bald in Vergessenheit.

Die schmale Rente reicht hinten und vorne nicht. Als er am 20. Januar 1983 als erst 49-Jähriger an einer Alkoholvergiftung, ohne einen Pfennig in der Tasche, stirbt, hinterlässt Garrincha mindestens 14 Kinder und ein Publikum, das sich nun wieder an ihn erinnert. Den Weg zum Grab säumen tausende Anhänger. Es ist kein Zufall, dass Garrinchas Tod zeitlich mit dem Ende jenes „futebol arte“ zusammenfällt, des klassischen brasilianischen Kunstfußballs, der den Fußball in spielerischer Vollkommenheit inszenierte.

Ein Jahr vor Garrinchas Tod, bei der WM 1982 in Spanien, ist die traumhaft aufspielende Nationalmannschaft Brasiliens um Zico, Sócrates und Falcão an den cleveren Italienern bereits im Achtelfinale gescheitert. Übrigens: Stehen Pele und Garrincha – die beiden außergewöhnlichsten Kicker Brasiliens – zusammen in der Nationalelf, geht kein einziges Spiel verloren. Garrincha muss in seiner Länderspielkarriere sowieso nur eine Niederlage hinnehmen – in seinem letzten Spiel für Brasilien (insgesamt 50 Einsätze, 12 Tore) beim WM-Vorrunden-Aus für den Titelverteidiger am 15. Juli 1966 in England gegen Ungarn (1:3).

Sein Grabstein auf dem Friedhof „Cemiterio Raiz da Serra“ von Rio de Janeiro trägt die Inschrift:

Descanse em paz, que era a alegria do povo – Mané Garrincha. (Dt.: Hier ruht in Frieden der, der die Freude des Volkes war – Mané Garrincha).

 

Erfolge

Nationalmannschaft Brasiliens:

Fußballweltmeister 1958, 1962

O’Higgins Cup: 1955, 1959, 1961

Oswaldo Cruz Cup: 1960

Botafogo:

Internationale Titel

World Champion Clubs (Paris Intercontinental Championship): 1963

International Quadrangular Turnier: 1954

Interclub Turnier Pentagonal Mexiko: 1958

International Turnier von Kolumbien: 1960

International Turnier in Costa Rica: 1961

Pentagonal (Mexiko): 1962

Goldenes Jubiläums Turnier des Fußballverbandes von La Paz: 1964

Ibero-Amerikanisches Turnier: 1964

Panamaribo Cup: 1964

Nationale Titel

Brasilianischer Meister: 1962 und 1964

Torneio Rio-São Paulo: 1962 und 1964

Interstate Cup Champions Club: 1962

Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro: 1957, 1961, 1962

Individuelle Titel (Auswahl)

WM Torschützenkönig: 1962

Bester Spieler der brasilianischen Meisterschaft: 1962

Bester Spieler Rio-São Paulo Turnier: 1962

Bester Spieler Interstate Club Champions Cup: 1962

Bester Spieler Staatsmeisterschaft von São Paulo: 1957, 1961, 1962

Brasilianische Ruhmeshalle des Fußballs

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