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Diese 20 Fußballer kamen aus dem Nichts


DIE STORY IN KURZEN VIDEOS

DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Kategorie 3: Als Profi schon gescheitert – und grandios zurückgekehrt

10. Kevin Pannewitz: Die „gefühlte zehnte Chance“ – und am Ende ist doch alles Panne

Kevin Pannewitz kehrte aus den Untiefen des Amateurfußballs in die 3. Liga zurück. Bildnachweis: Imago Sportfoto

Am 20. Januar 2018 vollzieht sich beim Spiel des FC Carl Zeiss Jena bei Fortuna Köln in der 3. Liga eines der irrsten Comebacks der deutschen Fußballgeschichte. Kevin Pannewitz (27), ehemalige Profi von Hansa Rostock, kehrt nach 2.099 Tagen oder beinahe sechs Jahren in den bezahlten Fußball zurück!

Fast 30 Kilo hat der Defensiv-Allrounder, einst als eines der größten Talente in den DFB-Sichtungslehrgängen gepriesen, zuvor abgenommen, um wieder auf Wettkampfniveau zu kommen. „Für mich war es gefühlt die zehnte zweite Chance“, erklärt der Berliner anschließend, „aber es war sehr schön.“

Pannewitz kämpft sich mit bewundernswerter Disziplin ins Rampenlicht zurück, nachdem er nach seiner Vertragsauflösung beim VfL Wolfsburg 2012 vom Planeten gekippt zu sein scheint. Er kickt zeitweise in der 6. Liga, arbeitete als Kühlschrankschlepper und Hausmeister, wiegt bei einer Körperlänge von 1,85 m bis zu 125 Kilo. Das ist mehr als nur die Figur eines Thekenfußballers. Kevin Pannewitz – Dass der Moppel am 28. Januar 2018 mit dem FC Jena gegen den Halleschen FC noch einmal zu einem Profispiel einlaufen würde, hätten nur wenige Beobachter gedacht. Am wenigsten wohl er selbst. „Ich habe nur gegen mich selbst verloren“, erklärt der als „schlampiges Genie“ in der Bundesliga durchgefallene Defensivspieler, nachdem der VfL Wolfsburg ihn 2012 rauswarf. Disziplinfanatiker Felix Magath gibt ihn auf: „Pannewitz ist Panne.“

Zuvor hat er mit 17 beim FC Hansa Rostock debütiert. Sauftouren und Übergewicht führen an der Ostsee mehrfach zur Suspendierung. Nun meldet er sich zurück. Sein Arbeitsprotokoll in der Drittliga-Spielzeit 2018/2019: 11 Pflichtspiele und 2 Tor-Beteiligungen. Das ist alles andere als Panne. Es ist leider aber auch nicht von Nachhaltigkeit. Der FC Carl Zeiss Jena trennt sich am 9. Januar 2019 nach eineinhalb Jahren wieder von Pannewitz und löst den Vertrag mit dem inzwischen 27-Jährigen auf. Wie der Drittligist bekannt gibt, wird dem Panne-Profi „außerordentlich gekündigt“. Vor Saisonbeginn haben die Thüringer das Arbeitspapier mit dem defensiven Mittelfeldspieler noch bis zum Sommer 2020 verlängert. Bis zur Kündigung macht Pannewitz für Jena neun Ligaspiele.

Wie die Zeitung Thüringer Allgemeine berichtet, soll der körperliche Zustand des Profis ausschlaggebend für die vorzeitige Trennung sein. Pannewitz sei nach der Winterpause mit einem „deutlichen Übergewicht“ ins Mannschaftstraining eingestiegen. Einen Fitnesstest habe der Spieler sogar abbrechen müssen. Ziemlich Panne alles.

9. Dean Windass: Ein Erbsenzähler gegen alle

Dean Windass (Hull City) celebrates the Ascent with his Trophy.
Dean Windass (Hull City) celebrates the Ascent with his Trophy. Photo: Imago

Der Mann hat was durchgemacht. Die Arme sind tätowiert und in seinem kantigen Gesicht wirkt jedes Lebensjahr wie eingemeißelt. Dean Windass, seines Zeichens Stürmer beim englischen Sensations-Aufsteiger Hull City, japst nach jedem Sprint nach Luft. Unter seinem Trikot wölbt sich ein Bierbauch. Eigentlich erfüllt dieser gemütliche Bursche damit das Anforderungsprofil eines englischen Fußball-Rabauken – nicht das eines hoch bezahlten Profis in der Premier League.

Im Jahr 2008 wirkt der müde Krieger Windass wie ein Relikt aus der Sauf- und Raufzeit des englischen Fußballs. Aber Windass (Dt.: Windarsch) ist Kult. Bei der Eröffnung des neuen Fanshops Ende Oktober 2008 in Hulls Innenstadt wird er von 3.000 Anhängern gefeiert. In Hull wissen sie, was sie Windass zu verdanken haben. Mit seinem 1:0-Siegtreffer im Play-off-Spiel gegen Bristol City am 24. Mai 2008 in Wembley schießt Deano die Tigers von Hull City erstmals in ihrer 104-jährigen Vereinsgeschichte in die höchste englische Liga und sichert dem Klub Mehreinnahmen von rund 90 Mio. Euro, die man nun in der Premier League scheffeln kann.

Der Geniestreich des Dean Windass, eine Direktabnahme aus 16 Metern, bringt den Klub und die Stadt europaweit in die Schlagzeilen und im Stadtrat von Hull dachte man laut darüber nach, dem Typen mit der Boxernase ein Denkmal zu setzen. Das lehnt Windass schroff ab: „Ich bin keine Legende“, poltert der Fußball-Veteran, „ich mag dieses Wort nicht. Die Leute, die wirklich alles geben für ihr Land, sind unsere Soldaten im Irak. Ich bin nur ein Fußballer, der eine Menge Geld für das bekommt, was ihm Spaß macht.“

 

Dean Windass – Um Spott musste er nie betteln…

Dabei ist für Windass eigentlich schon alles vorbei. Bevor er im Mai 2008 in Wembley jubeln darf, pflastern Skandale seinen Weg. Dean Windass, geboren am 1. April 1969 in Hull, aufgewachsen im Problemviertel Gipsyville, hat in seinem bewegten Leben nicht viel ausgelassen. „Der Junge namens Windarsch“, so der Autor Matthias Paskowsky in der Zeitschrift 11 FREUNDE, „hat vermutlich nie um Spott betteln müssen.“

Er ist Scheidungskind, arbeitet als Maurer und füllt bei seinen zahlreichen Gelegenheitsjobs u. a. in einer Fabrik gefrorene Erbsen in Konservenbüchsen. Dean Windass ist Trinker und Bettnässer, schlägt seine Frau, randaliert bei Auswärtsspielen auf dem Hotelzimmer – das volle Fußball-Proleten-Programm eben. Dean Windass – Seine eigenartige Karriere liefert genügend Stoff für ein Buch.

Die Autobiografie Deano – Von Gipsyville in die Premier League erscheint im Oktober 2007 – lange vor dem Aufstieg mit Hull in Englands Eliteliga. Vermutlich hat es der Autor schon vorher gewusst…

8. Sandro Wagner: Prototyp des Spätstarters

Hätten Sie ihn noch erkannt? Sandro Wagner im U21-EM-Finale 2009, Deutschland gegen England. (Photo by Joern Pollex/Bongarts/Getty Images)

Sandro Wagner wäre vermutlich auf dem Siegerfoto der U21-Europameister 2009 einer derjenigen geblieben, die es nicht bis ganz nach oben geschafft haben.

Zwischen den späteren Weltmeistern Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jérome Boateng, Mats Hummels, Mesut Özil und Sami Khedira wirkt der zweifache Torschütze aus dem Finale von Malmö 2009 später wirklich wie einer, der den Zug nach irgendwo verpasst hat. Sandro Wagner vom FC Bayern München, zur U21-EM schon beim MSV Duisburg unter Vertrag, wechselt in der Folgezeit die Vereine wie die Hemden.

Seine Stationen sind danach Werder Bremen und dabei auch die zweite Mannschaft der Hanseaten. Von Bremen aus geht es zum 1. FC Kaiserslautern, dessen Abstieg Wagner 2012 nicht verhindern kann. In 11 Bundesliga-Spielen für den FCK bleibt der Stürmer ohne Torerfolg. Bei Hertha BSC hält es ihn zwischen 2012 und 2015 bis dahin am längsten. Dass es vor dem Tor noch wagnert, zeigt er 2015/2016 in Diensten des Bundesliga-Aufsteigers SV Darmstadt 98. Nachdem die Hessen am 33. Spieltag ausgerechnet in Berlin den Liga-Erhalt schaffen, wird der als extrovertiert geltende Wagner im Olympiastadion nach Platzverweis ausgepfiffen. Noch immer gilt er als schwer vermittelbar. Das ändert sich 2016, mit dem Wechsel zu 1899 Hoffenheim.

 

Auch bei den Bayern hält es Wagner nicht ewig

Mit den Kraichgauern zieht Wagner, dem in 42 Liga-Spielen für die TSG 15 Tore gelingen, in die CL-Qualifikation ein – und wechselt im Winter 2017 zurück zum FC Bayern München. Dort wird er als „Backup“ für Stürmerstar Robert Lewandowski eingestellt.

Doch Wagner spielt sich mit 8 Toren in 18 Liga-Spielen endlich auch in die A-Nationalmannschaft. Joachim Löw nimmt ihn mit zum Confederations-Cup 2017 nach Russland, wo Wagner mit dem DFB-Team triumphiert. Mit der WM klappt es trotzdem nicht. Als ihn Löw 2018 nicht für die Endrunde nominiert, tritt Wagner beleidigt aus der Nationalmannschaft zurück.

„Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse“, gibt er Löw und Co. zum Schluss noch einen mit. Ende Januar 2019 wechselt der inzwischen 31-jährige Stürmer vom FC Bayern München zu Tianjin Teda in die Chinese Super League.

Ob ihn der deutsche Coach Uli Stielike oder die doch üppigen Verdienstmöglichkeiten im betagten Stürmeralter in Fernost überzeugt haben, ist nicht bekannt.

7. Lassana Diarra: Ein unglücklicher Fußballwanderer

Thomas Tuchel, hier mit Lassana Diara (l.), hält seine Pressekonferenzen in Paris ausschließlich in französischer Sprache ab. (Photo by Thananuwat Srirasant/Getty Images for ICC)
Lassana Diarra – In Paris geboren und ausgebildet, erlebt Mittelfeldspieler Jahre in der englischen Premier League bei Arsenal und Chelsea. Er holt Titel, glücklich wird er dort aber nie.

Dafür gibt es Gründe. Bei Chelsea soll Diarra unter dem exzentrischen Trainer José Mourinho in dessen zweiter Saison bei den „Blues“ ab 2005 langfristig zum Nachfolger von Claude Makélélé aufgebaut werden. Aber: Weder Makélélé noch Michael Essien lassen sich als Platzhirsche im defensiven Mittelfeld des englischen Fußballmeisters so leicht vertreiben. Die Folge: Spielpraxis sammelt Diarra nur im Reserveteam des FC Chelsea und in den Pokal-Wettbewerben. Seinen ersten Startelf-Einsatz erhält er erst am letzten Spieltag der Saison 2995/2006, als Chelsea bereits als alter und neuer Meister feststeht. Nur 10 Premier-League-Spiele veranlassen Diarra nach der Saison 2006/2007 zum Handeln. Er wechselt zum Londoner Stadt-Rivalen FC Arsenal, kann sich dort aber mit nur sieben Ligaspielen ebenfalls nicht durchsetzen. Stammspieler wird er erst auf bei seinem dritten Verein in England, dem FC Portsmouth.

Real Madrid, Anschi Machatschkala und Lokomotive Moskau – Diarra wird in der Folgezeit zum Fußball-Wanderer. In Moskau überwirft sich der Franzose mit Coach Leonid Kuchuk, bleibt dem Training fern – und kassiert 2014 die fristlose Kündigung. Es sind keine einfachen Zeiten für Lassana Diarra. Den schwärzesten Tag seiner Fußballerkarriere erlebt er am 13. November 2015. Bei den Terroranschlägen in Paris stirbt seine Cousine, während Diarra mit der französischen Nationalmannschaft im ebenfalls bedrohten Stade de France gegen Deutschland (2:0) spielt. Von Real Madrid zum schwer vermittelbaren Profi, die Fallhöhe des „Lass“ Diarra ist groß. Im Februar 2017 bei Olympique Marseille erneut gefeuert, kehrt er nach einer Saison am fußballerisch völlig unbedeutenden Persischen Golf und monatelanger Vereinslosigkeit zu einem der schillerndsten Klubs der Welt zurück: Paris St.-Germain!

 

„Ich sage nicht, dass ich alles perfekt gemacht habe“

Diarra wird auch in Paris nicht mehr glücklich. Am 8. Februar 2019 gibt der Hauptstadtklub die Trennung von Diarra bekannt. Daraufhin erklärt der 34-fache Nationalspieler Frankreichs das sofortige Karriere-Ende. Bis dahin hat eine Knieverletzung dafür gesorgt, dass Diarra, der ohnehin bei PSG-Trainer Thomas Tuchel nicht hoch im Kurs steht, auf lediglich drei Ligue-1-Einsätze kommt.

Es ist an der Zeit, die Schuhe aufzuhängen“, schreibt der inzwischen 33 Jahre alte Mittelfeldmann bei Instagram, „für den Fußball habe ich viel gegeben. Einen Dank des Fußballs habe ich viel erhalten. Ich sage nicht, dass ich alles perfekt gemacht habe, aber ich habe es mit Herz, Leidenschaft und Freundlichkeit getan.“

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

6. Oliver Bierhoff: Nur in der Bundesliga gescheitert

Oliver Bierhoff (l.) wurde weder bei Bayer 05 Uerdingen noch bei Borussia Mönchengladbach (mit Uli Borowka) glücklich... Copyright: imago/Kicker/Liedel
Oliver Bierhoff (l.) wurde weder bei Bayer 05 Uerdingen noch bei Borussia Mönchengladbach (mit Uli Borowka) glücklich... Copyright: imago/Kicker/Liedel
Oliver Bierhoff und die Bundesliga – das passt nicht. Vier Treffer in 31 Spielen für Bayer 05 Uerdingen, sechs Tore in 34 Einsätzen zwischen 1988 und 1990 beim HSV und acht Partien ohne Torerfolg für Borussia Mönchengladbach 1990 lassen selbst die größten Experten in Fußball-Deutschland zu Beginn der Dekade nicht im Traum daran denken, dass man den Siegtor-Schützen von Wembley 1996 ins Ausland vergrault.

Bierhoff wechselt zu Casino Salzburg nach Österreich. Die Luftveränderung im Salzburger Land tut ihm gut. Der 1,91 m große Angreifer kommt in 32 Bundesliga-Spielen in Österreich auf 23 Treffer, wird Torschützenkönig. Die Scouts aus der italienischen Serie A, regelmäßig auf den Tribünen der österreichischen Liga, haben genau hingeschaut. Inter Mailand verpflichtet den bereits 23-Jährigen, leiht ihn aber direkt an Ascoli Calcio aus. Für Bierhoff ist die Stadt in Mittelitalien genau der richtige Ort, um weiter Tore zu schießen. In vier Jahren in der Serie B macht Bierhoff mit 48 Buden in 117 Spielen noch einmal nachhaltig auf sich aufmerksam. Udinese Calcio greift zu und holte ihn in die Serie A.

In Diensten von Udinese geling Bierhoff der größte Erfolg seiner Karriere. In seinem 8. Länderspiel macht er Deutschland am 30. Juni 1996 mit zwei Treffern im Finale gegen Tschechien (2:1 n. V.) zum Europameister. Als Joker für Mehmet Scholl eingewechselt, wird Bierhoff durch sein historisches „Golden Goal“ über Nacht zum neuen Superstar des deutschen Fußballs.

 

Stolze Ablöse vom AC Milan

Seine Fabel-Quote von 57 Toren in 86 Spielen der Serie A für Udine führt 1998 zu seiner Verpflichtung durch den AC Mailand. 12,5 Mio. Euro für einen zu diesem Zeitpunkt 29-Jährigen sind kein schlecht angelegtes Geld.

Oliver Bierhoff zahlt bei Milan mit 21 Tor-Beteiligungen auf dem Weg zum Meistertitel 1998/99 zurück. Als er 2003 bei Chievo Verona in die Fußball-Rente geht, stehen Europameister, Vize-Weltmeister (2002) und „Fußballer des Jahres“ 1998 in Deutschland in seinem Lebenslauf. Bleibt die Frage: Warum hat in Uerdingen, Hamburg und Gladbach keiner gemerkt, was wirklich in Bierhoff steckt?

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