Emil Walter – Der deutsche Kapitän des ersten Meisterteams des FC Barcelona



Emil Walter - Der deutsche Kapitän des ersten Meisterteams des FC Barcelona

Die Meistermannschaft des FC Barcelona von 1928/29 mit Emil Walter.
Die Meistermannschaft des FC Barcelona von 1928/29 mit Emil Walter. Foto: Wikipedia.de

Emil Walter aus Pforzheim spielte zehn Jahre für den FC Barcelona. Moment mal! Emil wer? Emil Walter! Er war Kapitän von „Barca“, gewann dreimal die Copa del Rey und die erste Meisterschaft des Klubs.

Erfolge, die auch Jahre nach seinem Abschied aus der katalanischen Metropole noch nachwirkten. Man könnte sogar sagen: Emil Walter wird von den „Penyas“ kultisch verehrt.

Als er am 26. März 1950 zum Stadtderby gegen Espanyol anreiste, hatte die Polizei in Barcelona Mühe, die begeisterten Menschenmassen im Zaum zu halten. Nur unter massivem Personenschutz konnte Emil Walter überhaupt ins Stadion gelangen, wo 40.000 Zuschauer versammelt sind. Das „Ehrenspiel“ für Emil Walter hatte die Massen mobilisiert – wie zu Walters aktiver Zeit beim FC Barcelona zwischen 1924 und 1933, mit 242 Pflichtspielen.

Emil Walter, inzwischen 50 Jahre alt, durfte den Anstoß ausführen – unter dem tosenden Jubel der Fans. Einen Tag später sah eine spanische Regionalzeitung ein spätes Heldenstück: „Spanien hat einen Mann empfangen, wie noch kein Fußballer der alten Generation jemals von einer Stadt, einem Verein, einem ganzen Land empfangen wurde.“ – „Schon an der Grenzstation jubelten ihm Tausende zu, die von überall herbeigeströmt waren“, schrieb eine deutsche Sportzeitschrift damals, „Auf jedem Bahnhof standen die Menschen, um auch nur für einen Augenblick den Mann zu sehen, dem ganz Fußball-Katalonien einst zu Füßen lag.“

 

Die erste Meisterschaft

Mehr Huldigung geht eigentlich gar nicht! Aber woher kam diese überbordende Begeisterung für „Emilio“, wie die katalanischen Fans den deutschen Fußballer aus Pforzheim nannten? Nun, Emil Walter setzte die vielleicht wichtigsten Meilensteine in der frühen Geschichte des spanischen Fußballs. Er gewann fünf katalanische Meisterschaften, er war dabei, als in Spanien 1926 der Profifußball eingeführt wurde, als 1928 die Primera Division startete, und als der FC Barcelona 1929 die erste Meisterschaft gewann. Die Siegermedaille gab es für die stolzen Katalanen übrigens aus der Hand des spanischen Königs Alfons XIII.

Zwischenzeitlich gewann Walter mit dem FCB drei Mal die Copa del Rey – 1925, 1926 und 1928 – und nahm an Länderspielen der eigenständigen katalanischen Nationalelf teil. Allerdings sind die Quellen dazu widersprüchlich. Einige sprachen Walter Wettbewerb übergreifend 242 Spiele zu, andere bezifferten die Zahl seiner Spiele auf 600. „Ein Autor schreibt sogar, dass Walter 1940 als Soldat in den Pyrenäen stationiert gewesen und eines Tages mit einem Motorrad der Wehrmacht zum Camp de Les Corts gefahren sei, um sich mit einem Freund zu treffen“, schreibt das Fußballmagazin 11 FREUNDE am 25. Juni 2017 über den „Barca-Star, den keiner kannte“, „in seinem Wehrpass ist allerdings vermerkt, er sei nach seiner Rückkehr nach Deutschland nur bedingt tauglich gewesen.“ Das Camp de Les Corts ist Barcelonas erstes Stadion, hier residiert „Mes que un Club“ von 1922 bis 1957. Aus Walters Arbeitspapieren geht hervor, dass er während des Zweiten Weltkriegs bei Daimler in Gaggenau beschäftigt war. Es mischen sich also Dichtung und Wahrheit.

 

Vom Einwanderer zur „Barca“-Legende

Das gilt auch für Walters Karriere-Ende. 1930 oder 1933 – auch hierzu gibt es unterschiedliche bzw. widersprüchliche Aussagen und Quellen – beendete Walter seine Spielerlaufbahn – wohl wegen eines Knieschadens. Er starb am 1. März 1952 in seiner Heimatstadt Pforzheim.

Dort wird bis heute mit dem Jugendturnier „Emilio-Walter-Cup“ an den „Barca“-Pionier erinnert. Ansonsten blieb Walter in Deutschland ist er nahezu unbekannt. Ein Jugendspieler des örtlichen Fußballklubs Germania Brötzingen aus der fußballerisch nur wenig beschlagenen Stadt im Nordwesten Baden-Württembergs, der auszog, um zur Barcelona-Legende zu werden!

Er war Verteidiger und hatte einen ordentlichen Bums, so dass er bereits im Alter von 16 Jahren in der ersten Mannschaft mitspielen durfte. „Walter war groß, hatte blonde Haare, die Nase etwas eingequetscht, eine massige Brust. Er war sicher im Antritt, hatte einen starken Abwehrschuss, war korrekt im Spiel, schnell und unermüdlich“, charakterisierte ihn eine Vereinschronik. Nach seiner Schullaufbahn arbeitete er zunächst als Kaufmann, doch weil es im Deutschland der frühen 1920er-Jahre wenig bis nichts zu verdienen gab, nahm er das Jobangebot einer Firma in Katalonien an.

 

Walter sagte „Barca“ zuerst ab…

Das Fußballspielen wollte er dort nicht aufgeben, also spielte er beim Amateurklub Unió Esportiva Figueres vor. Und er überzeugte. In einer Vereinschronik ist ein Zitat des damaligen Managers Josep Jou zu lesen: „Wenn Emilio abzog, erzitterte die Luft.“ In einem Spiel soll er sogar mal das Tornetz durchlöchert haben – ein Schuss, der ihn über Nacht zumindest in Katalonien bekannt machte. Am nächsten Tag stand nämlich der FC Barcelona vor der Tür und lotste den Deutschen in die 150 Kilometer südlich gelegene Metropole. „Barca“ hat, wie das Beispiel Walter belegt, noch nie lange gefackelt, wenn es darum ging, spektakulär auftretende Spieler zu verpflichten.

„Barca“-Coach Jack Greenwell –nur Johan Cruyff war später als Trainer des FC Barcelona im Amt als der 1942 verstorbene Engländer – soll Walter angeblich gefragt haben, ob er sich einen Wechsel vorstellen könne. Mehr als 20 Jahre nach dieser Anfrage berichtete der Pforzheimer Kurier: „Der biedere Kaufmann hielt den Verpflichtungswünschen zunächst stand. Er fühlte sich seinem Figueresschen Chef verpflichtet.“ Aber so ganz wollte Walter den Verein, der schon zu diesem vergleichsweise frühen Zeitpunkt seiner Klubhistorie 10.000 Mitglieder zählte, nicht abblitzen lassen. Er stellte dem FC Barcelona „Verhandlungen nach Ablauf seines Vertrages“ bei UE Figueres in Aussicht. Zwei Jahre später wurde der Wechsel dann doch noch vollzogen.

Auf der Verteidiger-Position setzte sich Emil Walter gegen acht Mitbewerber durch und wurde in den Gründerzeiten der spanischen Primera Division neben Ricardo Zamora („Der Göttliche“ / † 1978), dem legendären Torhüter, der für „Barca“, Espanyol Barcelona und Real Madrid und sowohl für die katalanische als auch für die spanische Nationalmannschaft spielte, zum ersten Star der jungen Liga.

 

Mehr als ein Club: Nach dem Krieg: „Barca“ vergisst den Helden nicht…

Beim FC Barcelona blieb die Erinnerung an „Emilio“ lebendig. Die Fans der „Blaugrana“ glauben bis heute, dass er, Messi hin, Suárez her, Walter einer der besten Spieler gewesen sei, die je das Trikot von „El Gigante“ getragen hätten.

„Er war ein Idol der 1920er-Jahre“, so Klubhistoriker Carles Santacana in 11 FREUNDE, „nach dem Krieg haben wir für ihn einen Hilfsfond eingerichtet. Der Verband schickte ihm Essen.“ Würdigungen seiner Leistung gab und gibt es viele. Im Vereinsmuseum des FC Barcelona findet sich Emil Walter in der „Hall of Fame“ wieder. Zu seiner aktiven Zeit wurde er in Katalonien auf Sammelbildern verewigt, die spanische Post brachte angeblich eine Sondermarke mit seinem Konterfei heraus, die bis heute bei Sammlern heiß begehrt ist, und 1949 wurde er auch zum 50-jährigen Vereinsjubliäum als Ehrengast eingeladen. Walter durfte jedoch aufgrund eines „Veto“ der alliierten Besatzungsmächte nicht aus Deutschland ausreisen. Diese Ehre wurde ihm erst 1950, zum besagten Stadtderby gegen Espanyol, zuteil.

 

„Er wirkt wie eine Märchenfigur“

Es mutet schon eigenartig an, dass dieser Werdegang – anders als beispielsweise die Lebensläufe der beiden in England zu Berühmtheit gekommenen Torhüter Bernd Trautmann oder Lars Leese – kaum beachtet wurde. Dabei ist die Geschichte von Emil Walter beim FC Barcelona nicht minder reif für ein Buch oder gar einen Kinofilm.

Die oft fragmentarischen Quelltexte, Daten und Bilder von Emil Walter zusammenzufügen, war und ist für seinen Enkel Andreas Walter, Jahrgang 1968, Architekt in Pforzheim, „wie eine Schatzsuche“, wie er 11 FREUNDE verriet.

„Mein Opa wirkt darin wie eine Märchenfigur“, sagte Walter der Zeitschrift, „es ist ein märchenhaftes Bild, das entsteht, wenn man von den Reisen mit der Mannschaft nach Südamerika liest, sich die Stadt in den Zwanzigern vorstellt, mit der Weltausstellung 1929, und die ziemlich bunte Mannschaft“ Andreas Walter weiter: „Ich glaube, mein Opa hatte in Barcelona die beste Zeit seines Lebens und sicher wäre er dort geblieben, wenn nicht der Spanische Bürgerkrieg, der Zweite Weltkrieg und die Krankheit alles zunichte gemacht hätten.“

 

Mit Barcelona auf großer Schiffsreise nach Argentinien…

Zuvor erlebt „Emilio“ Walter in der Tat Dinge, von denen ein Fußballspieler im wirtschaftlich arg gebeutelten Deutschland der 1920er-Jahre nur träumen kann. Zwischen dem 4. August und dem 1. September 1928 absolvierte Walter mit dem neuen Star-Klub aus Europa insgesamt acht Spiele in Argentinien und Uruguay Emil Walter stand dabei in allen acht Partien auf dem Platz. (QuelleLa Nácion). Ein Tor gelang ihm allerdings nicht.

„Seine abenteuerlichste Reise“, heißt es 2017 bei 11 FREUNDE, „unternimmt der Pforzheimer 1928. Über mehrere Wochen war die Mannschaft mit dem Schiff nach Südamerika unterwegs. Buenos Aires schlägt sie unter anderem die Boca Juniors und den amtierenden Olympiasieger Uruguay. Auch die dortigen Fußballanhänger sind begeistert von dem Deutschen.“ Scheinbar war „Barca“ einer der ersten Global Player des Fußballs – und mittendrin der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Deutsche. Die Zeitung El Diario de Buenos Aires tat sich in einer Kritik schwer mit Walter: „Er ist ein Spieler mit wechselhaften Leistungen, in einigen Spielen vollkommen, in anderen wiederum eher schwach.“ Seiner Popularität in Südamerika schadete dies jedoch nicht. Mehrere Tage lang grüßte Walter mit einem jungen uruguayischen Fan von den Titelseiten der großen Zeitungen in Montevideo.

Zu Walters Vermächtnis, das sein Enkel Andreas in Pforzheim nach Jahren verwaltete und Stück für Stück zusammentrug, gehören Postkarten und Fotos von dieser in der Fußballwelt als legendär geltenden Südamerika-Reise des FC Barcelona. Auf die Rückseite der Bilder notierte der „Barca“-Spieler die Mannschaftsaufstellungen und schloss meist mit „Grüße, Euer Schlemihl“.

 

Ein Länderspiel für Deutschland blieb Walter verwehrt

Dass der deutsche Fußballpionier und Journalist Walther Bensemann 1929 erfreut war, „bei diesem Spiel einen Landsmann in so angenehmer Rolle wirken zu sehen“, konnte Emil Walter, der an diesem Tag beim 4:0 der Auswahl Kataloniens gegen die Bolton Wanderers geglänzt hatte, jedoch nicht in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bringen. Auslandsprofis stand man – bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg – beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ablehnend gegenüber.

Wie Walter, so machte auch der in englische Kriegsgefangenschaft geratene, später bei Manchester City zur Legende gewordene Torhüter Bernd „Bert“ Trautmann nie ein Länderspiel für Deutschland.

Die kurze „Ära“ der Deutschen in Barcelona war mit Walters Rückkehr nach Deutschland beendet. Bis nach Emil Walter wieder ein deutscher Spieler im Dress des FC Barcelona auflief, dauerte es fast 50 Jahre. Erst 1980 wechselte ein gewisser Bernd Schuster zu den Katalanen…

Die Systematik der Videostory auf Ligalivenet

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Wer die Story mit vielen zusätzlichen Texten, Bildern und allen Videos lesen und schauen will, dem empfehlen wir unser Dossier “Neun Deutsche, zwei Österreicher und zwei Schweizer schafften es zum FC Barcelona. Aber nur Vier werden kultisch verehrt – ihr Ende war tragisch”. Bitte hier entlang.

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NUR DIESE NEUN DEUTSCHEN, ZWEI ÖSTERREICHER UND ZWEI SCHWEIZER SCHAFFTEN ES ZU BARCA - EINZELVIDEOS

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