Justin Fashanu ( † 1998) 60 – Das Outing, der Verdacht, der Selbstmord



Justin Fashanu - Das Outing, der Verdacht, der Suizid

Justin Fashanu Outing Selbstmord
Justin Fashanu 1993 im Trikot von Hearts of Midlothian, seiner letzten Station als Fußballprofi in Großbritannien. Foto: Imago Images / Colorsport
Am Tag, als Justin Fashanu stirbt, spaziert er noch ein letztes Mal durch London East End. In Shoreditch, so wird später ermittelt, biegt er in die Fairchild Street ein. Dort besucht er gutgelaunt die Gay-Sauna „Chariots“. Das berichten jedenfalls Zeugen.

Am nächsten Morgen findet die Polizei Fashanu in einer Nebenstraße der Fairchild Street. Um seinen Hals ist ein Elektrokabel gewickelt. Er baumelt leblos von einem Holzbalken einer Garage. Am 3. Mai 1998 enden eine große Fußballerkarriere und ein tragisches Leben mit Höhen und Tiefen, die für mehr als zwei wirklich lange Leben ausgereicht hätten.

18 Jahre vor seinem Tod wird Justin Fashanu plötzlich nicht nur zum Star – er wird zum Superstar. Da ist er gerade 19 Jahre alt. Und der Grund dafür ist ein einziges Tor. Der Mittelstürmer von Norwich City schießt es in der Saison 1979/80 gegen den FC Liverpool. Und es ist ein phänomenal gutes Tor.

Fashanu steht in halbrechter Position etwas außerhalb des Strafraums vor dem gegnerischen Tor. Er erhält den Ball von einem Mitspieler und mit dem rechten Außenrist lässt er diesen zunächst auf Hüfthöhe abtropfen, dann dreht er sich und schießt den Ball volley mit links in den Winkel.

Der Wechsel war die schlechteste Entscheidung in seinem Leben

Die Kult-Sendung „Match of the Day“ (BBC) wählt den Treffer zum Tor der Saison, und Fashanu wechselt für mehr als eine Million Pfund zu Europapokalsieger Nottingham Forest. Doch das ist im Rückblick gesehen wohl die schlechteste Entscheidung in seinem Leben.

Die Presse berichtet fortan ausführlich über ihn, denn so viel Geld ist in England bis dahin noch nie an Ablösesumme für einen schwarzen Fußballer gezahlt worden. Fashanu tritt in Talkshows auf, schreibt fleißig Autogramme und glaubt, er sei ganz oben angekommen. Er kauft sich flotte Sportwagen und lässt sich für den Boulevard in roten Lederanzügen fotografieren. Auf dem Pitch gelingt ihm bei Nottingham Forest hingegen wenig bis nichts.

Für den Klub schießt er in 35 Spielen ganze drei Tore. Verzeiht man ihm in Norwich Fehlschüsse, tobten sie bei Forest bei jedem Ballverlust. Insbesondere Brian Clough, der knorrige Trainer der „Tricky Trees“, hat so seine Schwierigkeiten mit Fashanu.

Eines Tages findet Clough heraus, dass Fashanu in Schwulenbars verkehrt. Vor versammelter Mannschaft beschimpft er seinen Stürmer als „Schwuchtel“ und wirft ihn später aus dem Kader. Als Fashanu trotzdem beim Training erscheint, holt Clough die Polizei. In seiner Biografie („Walking on Water“) räumt er hinterher eine Mitschuld am Tod Fashanus ein.

Das Leben gerät aus den Fugen

Fashanus Leben gerät in der Folge komplett aus der Bahn. Er verletzt sich am Knie und verbringt Monate in der Reha. Er wechselt den Klub und versuchte Neuanfänge in den USA, eröffnet eine Schwulenbar in Los Angeles. Als ein Freund ihm sagt, dass nur Jesus ihm helfen könne, schließt er sich einer protestantischen Fundamentalisten-Gruppe an.
Er predigt fortan gegen die sexuelle Lust, hält sich aber weiterhin in der Schwulenszene auf, geplagt vom Glauben, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung eine schwere Sünde sei. Dann kommt der 22. Oktober 1990. Ein Tag, der England in Wallung versetzt. Das Massenblatt The Sun, schon ein Jahr zuvor bei der Stadion-Katastrophe von Hillsborough gegenüber den Fans des FC Liverpool nicht eben zimperlich, veröffentlicht ein Foto von Fashanu mit der Schlagzeile: „Eine Million Pfund teurer Fußballstar: ‚Ich bin schwul!“

Fashanu ist somit der erste englische Fußballprofi mit Superstar-Status, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Er erhält 80.000 Pfund für das Outing und zusätzliches Geld von der Sun für die folgenden Stories. Eine Summe, die ihm sein Bruder John zuvor ebenfalls angeboten hat, wenn er sich nicht outen würde.

Es folgt eine reißerische Serie in der Sun, die wohl eine Mischung aus Facts, Fiction und gezieltem Mobbing bzw. Fehlinformationen ist. Fashanu berichtet von Sex mit Popstars, Mitspielern und Abgeordneten des britischen Parlaments. Er verdient gut, denn für jede neue Story gibt es neues Geld. Der einstige Fußball-Held ist zurück im Rampenlicht, und es gefällt ihm. Er vermutet, dass ihn die Leute als Pionier sehen. Tatsächlich geht vielen sein Öffentlichkeitsdrang auf den Nerv. Sogar die schwarze Community kritisiert ihn für sein Auftreten, und einige ehemalige Mitspieler sagen, dass Homosexualität nicht zum Teamsport passen würde. Die letzten Freunde wenden sich ab, als Justin Fashanu öffentlich zugeben muss, dass er den Abgeordneten Stephen Milligan, mit dem er ein Verhältnis gehabt haben will, gar nicht kennt…

„Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da”

Danach lässt das Interesse an seiner Person nach. Fashanu wechselt wieder die Wohnsitze und die Vereine. Er spielt in Neuseeland, Schweden und Schottland. Nirgendwo bleibt er lang. 1998 heuert er als Trainer bei Maryland Mania in einer US-amerikanischen Amateurliga an.
Bekannten erzählt er, dass er Besitzer eines Clubs sei. Einer davon ist Donald H., ein 17-jähriger Junge, der eines Abends zu einer kleinen Party in Justins Wohnung erscheint. Sie trinken offenbar Bier, rauchen wohl auch Marihuana. Zwei Tage später steht ein Polizist vor Fashanus Tür und fragt, ob er homosexuell sei und in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1998 sexuellen Kontakt zu Donald H. gehabt hat. Fashanu verneint beide Fragen.

Wenige Tage später verlässt er die USA in Richtung London. Danach verliert sich seine Spur zunächst. Monate nach seinem Tod veröffentlicht eine Zeitung einen Abschiedsbrief: „Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe.“

Was ist geschehen? Fashanu ist in London unter dem Mädchennamen seiner Mutter untergetaucht, weil er über die Presse erfahren hat, dass Scotland Yard nach ihm fahndet. Ironie des Schicksals: Am Tag, als sich Justin Fashanu das Leben nimmt, stellt sich heraus, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. Man kann über Fashanu urteilen, wie man will. Aber er ist der erste Profi der Premier League, der sich traut, sein Schwulsein öffentlich zu machen. Dafür zahlt er einen sehr hohen Preis. Er bezahlt mit dem Leben…

Am 19. Februar 2021 wäre Justin Fashanu 60 Jahre alt geworden. ,,Er ist immer noch der einzige englische Profifußballer, der sich jemals geoutet hat”, schreibt das Magazin queer.de am 19. Februar 2021.

Homosexualität ist in der Glitzerwelt der Premier League, zwischen Fotomodels, teuren Autos und mondänen Bars, auch mehr als 20 Jahre nach Fashanus Tod offenbar noch immer ein absolutes Tabu. ,,Justin Fashanu wurde zur ikonischen Figur im Kampf gegen Diskriminierung im Fußball”, würdigt ihn Sky Sports UK zum 60.

Die Systematik der Videostory auf Ligalivenet

Videoinhalte – Der Video-Player oben zeigt zunächst das Video über Justin Fashanu, danach automatisch folgend alle weiteren Videos unseres Dossiers: “Diese 11 Fußball-Ikonen endeten tragisch.”

Alternativ kann jedes Video auch direkt aufgerufen werden durch Klicken auf das Bild, die Überschrift oder den Hinweis der weiter unten folgenden Vorschaubilder, Überschriften und Hinweise unter der Überschrift “Die Pleite-Profis – Einzelvideos”.

Wer die Story mit vielen zusätzlichen Texten, Bildern und allen Videos lesen und schauen will, dem empfehlen wir unser Dossier “Erst verdienten sie Millionen, doch dann wurde es “schwierig”. Diese Fußballstars gerieten in finanzielle Turbulenzen”. Bitte hier entlang.

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