Erst verdienten sie Millionen, doch dann wurde es “schwierig”


DIE STORY IN KURZEN VIDEOS

DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Pleitier 5 – Pleitier 1: Von Eike Immel bis zu einem, der sich selbst zerstörte

5. Eike Immel

Eike Immel (l.) flog auch für Manchester City – hier gegen den FC Arsenal und den englischen Nationalspieler David Platt.
Eike Immel (l.) flog auch für Manchester City – hier gegen den FC Arsenal und den englischen Nationalspieler David Platt. Foto: Imago Images / Colorsport

In Toni Schumachers Skandalbuch Anpfiff von 1987 gibt es viele programmatische Sätze. Einer aber steht über allem: „Immel pokerte wie ein Süchtiger.“

Nicht eben diskret. Nicht gerade liebevoll, diese Enthüllung vom „Tünn“ über den 19-fachen deutschen Nationaltorhüter, Europameister von 1980 und zweimaligen Vize-Weltmeister. Aber schon in den Achtzigerjahren beobachten Schumacher und wohl auch viele andere Nationalmannschaftskollegen den scheinbar ungebremsten Hang des damaligen Dortmunder Keepers Eike Immel zu Kartenspiel und Wettgeschäften mit Sorge. Nicht ohne Grund.

Eike Immel (56), der beim VfB Stuttgart mit Deutscher Meisterschaft (1992) und UEFA-Cup-Finale (1989) seine sportlich erfolgreichste Zeit hat, erlebt einen unfassbaren Niedergang.

Nach der EURO 1988 im eigenen Land vom sieben Jahre jüngeren Bodo Illgner aus der Nationalmannschaft gedrängt, muss Immel 1995 beim VfB Nachwuchskeeper Marc Ziegler Platz machen. Er flüchtet nach England, in die Premier League zu Manchester City. Nur ein Jahr später ist Schluss: Immel muss nach einem Hüftschaden seine aktive Karriere beenden. Bis 2005 sieht man ihn als Torwart-Trainer bei Besiktas und Fenerbahce Istanbul und bei Austria Wien.

Zwei Mal in der Insolvenz – und spurlos verschwunden

Mit Sicherheit eines der ungewöhnlichsten Duos der deutschen Schlager-Geschichte: Ex-Nationaltorhüter Eike Immel und Bata Illic 2008 im ZDF-Fernsehgarten.
Mit Sicherheit eines der ungewöhnlichsten Duos der deutschen Schlager-Geschichte: Ex-Nationaltorhüter Eike Immel und Bata Illic 2008 im ZDF-Fernsehgarten. Foto: Imago Images / Hoffmann

Im April 2008 muss Immel zum ersten Mal Privatinsolvenz anmelden – hochriskante Immobiliengeschäfte, teure Autos, Spielschulden und eine Ehescheidung haben für einen sechsstelligen Fehlbetrag gesorgt.

Seine im gleichen Jahr eröffneten Fußballschulen liegen auf Eis. Zu diesem Zeitpunkt – Immel entgeht nur knapp einer Verurteilung wegen Betrugs – lebt der bei seinem Länderspiel-Debüt im Oktober 1980 mit 19 jüngste deutsche Nationaltorhüter aller Zeiten von gerade mal 1.200 Euro im Monat. Ebenfalls nicht nachweisbar ist 2012 der Vorwurf eines Dortmunder Gerichts, wonach Immel in 78 (!) Fällen Kokain zum Eigenbedarf erworben hat. Seinen peinlichsten Auftritt hat Eike Immel da schon hingelegt.

Im Januar 2008 sieht man ihn singend an der Seite des greisen Schlagerbarden Bata Illic im RTL-„Dschungelcamp“. Die 70.000 Euro, die der einstige Klassekeeper für Ekel-Prüfungen kassiert, gehen komplett an den Insolvenzverwalter.

Im Mai 2015 füllt Eike Immel wieder die Klatschspalten. Nach seiner zweiten Insolvenz ist er spurlos verschwunden, nachdem er zuvor zeitweise nur noch bei Freunden gewohnt hat. Einem Haftbefehl entgeht er nur knapp.

EINE ANDERE LIGALIVE STORY?

4. Paul Merson: Wie ein Tornado

Paul Merson spielte in seiner Karriere unter anderem für Arsenal und Aston Villa.
Paul Merson spielte in seiner Karriere unter anderem für Arsenal und Aston Villa. Foto: Imago Images / Colorsport

„Merse!“ – im März 2010 blickt Arsenals Legende Tony Adams bei einem Interviewtermin mit SPORT BILD in London mit Erstaunen auf das Foto eines verwegenen Kumpels: Paul Merson.

„Er ist ein einzigartiger Charakter und ich bin ihm dankbar, dass er mich in die richtige Richtung geführt hat, auch wenn seine eigene Reha ein einziges Auf und Ab war“, berichtet der selbst im Alkoholismus gelandete, ab 1996 erfolgreich therapierte einstige Weltklasse-Abwehrspieler. Dann schmunzelt er: „Aber als wir beide noch getrunken haben, waren wir wie zwei Tornados – in verschiedenen Teilen von London.“

Während „Rodders“ Adams im East End und in seinem Heimatort Romford die Korken knallen lässt, ist „Merse“ in der britischen Hauptstadt fast überall zu Hause, wo man einen sicherstellen kann. Mit einem gravierenden Unterschied: Während der Alkoholiker Adams Hilfe findet und gesundet, verspielt der zu allem Elend auch Kokain- und spielsüchtige Trinker Paul Merson Haus und Hof.

1989, bei der von Nick Hornby im Bestseller Fever Pitch liebevoll literarisierten Meisterschaft des FC Arsenal, liefert sich Merson im noblen Grosvenor Hotel in London eine Schlägerei mit seinen Teamkollegen, erhält die erste von mehreren Suspendierungen durch den Verein.

Mersons Hochzeitstag endet böse…

26. Mai 1989: Im Anschluss an diese Meisterfeier des FC Arsenal in Liverpool mit (v. l.) Tony Adams, Martin Hayes und David Rocastle, rastet Paul Merson (r.) komplett aus.
26. Mai 1989: Im Anschluss an diese Meisterfeier des FC Arsenal in Liverpool mit (v. l.) Tony Adams, Martin Hayes und David Rocastle, rastet Paul Merson (r.) komplett aus. Foto: Imago Images / Colorsport

„Der Erfolg und die Bonuszahlungen machten für mich keinen Unterschied“, schreibt Merson 1995 in seiner vom Independent on Sunday als „ausgesprochen fesselnd“ bezeichneten Lebensbeichte Rock Bottom, „je mehr ich hatte, desto mehr gab ich aus.

Wenn der Suff ein Problem war, war dies nichts gegen meine Spielsucht.“ Schon 1990 verwettet Merson das Haus, das er mit seiner ersten Ehefrau Lorraine bewohnt, umgerechnet fast 150.000 Euro sind versenkt! Mit 22 Jahren gibt er Lorraine das Ja-Wort. Allerdings nicht, ohne sich vor der Hochzeit in einem Londoner Pub acht doppelte Wodka-Orange ein zu kippen. Der 11. Juni 1990 ist auch sonst ein gebrauchter Tag für Merson. Bevor es zur Kirche geht, platziert er noch schnell eine Wette auf einen Sieg Schottlands im WM-Gruppenspiel gegen den krassen Außenseiter Costa Rica – und verliert 900 Euro. Es gibt noch mehr Zahlen des Grauens: Bis zu 700 Euro versäuft Merson täglich ab 17 Uhr nach den Trainingseinheiten mit Arsenal. Sein wöchentliches Budget für Kokain liegt bei 2.500 Euro. Die Alkoholprobleme des Paul Merson, der mit 18 bei den „Gunners“ debütiert und von den englischen Sportmedien als „Wunderkind“ gefeiert wird, sind auf der Insel bald ein offenes Geheimnis. „Doing a Merson“ – die Hand wie mit einem Bierglas zum Mund bewegen – ist 1993 beim Ligacupfinale in Wembley eine eindeutige Botschaft der Fans an den stetig absaufenden Star-Kicker.

Dabei bleibt es nicht. Im Januar 1994 schnupft Merson auf einer Kneipentoilette in Herfordshire zum ersten Mal Kokain. Die flüssige Unterlage dazu: Neun Bier. Seine Wettsucht hat er schon seit 1993 nicht mehr unter Kontrolle. Er platziert täglich (!) Wetten zwischen 7.500 und 12.500 Euro . In seinen Glanzzeiten beim FC Arsenal – später spielt Merson u. a. für Aston Villa, den FC Middlesbrough und den FC Portsmouth – verdient er etwa 55.000 Euro wöchentlich. Dem stehen unglaubliche Verluste von 45.000 Euro an einem einzigen Tag nach erfolglosem Setzen auf American-Football-Teams gegenüber!

Der Wahnsinn geht weiter: Im November 1994 legt Merson in der Sun eine Drogen-Beichte ab: „Ich bin kokainsüchtig!“ England unter Schock. Der englische Fußball-Verband (FA) organisiert eine dreimonatige Reha, doch wirklich erfolgreich ist weder diese noch eine spätere Entziehungskur 2004 in Arizona. Obwohl Merson behauptet, „niemals bankrott gewesen“ zu sein, beläuft sich die Summe, die er für Alkohol, Drogen, Wetten und die Unterhaltszahlungen an seine beiden Ex-Frauen aufbringen muss, heute auf fast neun Millionen Euro. 2008 ist alles weg. Merson, mittlerweile TV-Experte bei Sky Sports, muss sein zweites Haus aufgeben, weil er die Raten nicht mehr bedienen kann. Auch seinen Range Rover hat er auf Pump gekauft. Er zieht zurück in die Wohnung seiner Eltern.

3. Ailton: Vom „Fußballer des Jahres“ zur Lachnummer

Ailton war 2004 als Deutscher Meister – im Bild nach dem 3:1-Meisterstück in München, DFB-Pokalsieger, Bundesliga-Torschützenkönig und „Fußballer des Jahres“ und war mit Werder Bremen extrem erfolgreich.
Ailton war 2004 als Deutscher Meister – im Bild nach dem 3:1-Meisterstück in München, DFB-Pokalsieger, Bundesliga-Torschützenkönig und „Fußballer des Jahres“ und war mit Werder Bremen extrem erfolgreich. Foto: Imago Images / Contrast
Im Dezember 2010 ist Schluss mit lustig. Fußball-Deutschland sieht einen neuen Ailton. Es ist nicht mehr der radebrechende „Kugelblitz“, wie der wendige, aber nie austrainiert wirkende brasilianische Stürmer genannt wird. Es ist nicht mehr der zu Scherzen aufgelegte „Freibad-Toni“. Ailton wirkt nachdenklich, beinahe zurückhaltend.

Sportlich läuft es nicht wirklich. Ailton kickt inzwischen – nach 10 Klubs in sechs Jahren – beim Tabellensechzehnten der Regionalliga Nord, dem Bremer Stadtteilverein FC Oberneuland. 2012 verzückt er die Fans von Hassia Bingen sogar zwei Klassen tiefer, in der sechstklassigen Verbandsliga Südwest.

Nur, damit wir uns richtig verstehen. Ailton, das ist der „Fußballer des Jahres“ von 2004, der mit Werder Bremen das Double mit Meisterschaft und DFB-Pokal abgeräumt und sich selbst dabei mit 28 Treffern – bester Wert in der Bundesliga seit Klaus Allofs 1985 – die Torjägerkanone sichert.

Um dieses Ding geht es, als 2007 die ersten Meldungen um finanzielle Nöte von Ailton Gonzalves da Silva aufpoppen. Werner Helleckes, ehemaliger Berater von Ailton, bietet die Torjägerkanone bei einem Online-Auktionsportal an. Das Gebot für das gute Stück liegt bereits bei 600.000 Euro, als Ailton die Auktion mit einstweiliger Verfügung stoppen lässt.

Der „Freibad-Toni“ versenkte mehr als eine Million Euro

Nach seiner Zeit bei Werder lief es für Ailton aber fußballerisch nicht mehr so richtig rund. Bei Hassia Bingen kickte er 2012 in der Verbandsliga Südwest immerhin wieder gegen Kaiserslautern – allerdings nur gegen die TSG…
Nach seiner Zeit bei Werder lief es für Ailton aber fußballerisch nicht mehr so richtig rund. Bei Hassia Bingen kickte er 2012 in der Verbandsliga Südwest immerhin wieder gegen Kaiserslautern – allerdings nur gegen die TSG… Foto: Imago Images / Martin Hoffmann

Dennoch muss er Ende 2010 gestehen: „Ich habe in meinem Leben mehr als eine Million Euro verprasst.“

Mit teuren Markenklamotten, horrenden Handy-Rechnungen, nicht beglichenen Ausständen bei Autohändlern und Darlehen an Freunde und Bekannte aus Brasilien und Mexiko, die natürlich nie zurückgezahlt wurden, ist Ailton ins finanzielle Abseits geraten. Dabei gilt der bullige Angreifer, der sich nach anfänglichen Problemen in Bremen mit Konditionspapst Felix Magath von Jahr zu Jahr steigert und schließlich im Double-Jahr 2004 zum überragenden Mann bei Werder wird, als Top-Verdiener der Branche. Allein bei Besiktas Istanbul, wo er 2005 nach einem missglückten Gastspiel auf Schalke aufschlägt und nur 14 Spiele macht, kassiert er bei der Verpflichtung eine Million Euro Handgeld.

Auf Schalke hat er zuvor drei Mio. Euro im Jahr verdient – netto. Selbst dem in die 6. Liga abgestürzten Ex-Bundesligisten KFC Uerdingen sind seine Dienste 2009 noch 330.000 Euro im Jahr wert.

„Ich habe vielen Leuten vertraut, die mir dann in den Rücken gefallen sind. Ich weiß nicht einmal, wie viele dieser Bekannten nun Immobilien besitzen, die ich gezahlt hab“, verliert er irgendwann den Überblick. Um die marode Kasse aufzubessern, macht sich Ailton im Januar 2012 in der RTL-Dschungelshow Ich bin ein Star, holt mich hier raus zur Lachnummer. Aber ein Star ist Toni da schon lange nicht mehr…

2. Paul Gascoigne: Guter Paul, böser Gazza…

Paul Gascoigne spielte drei Jahre für die Glasgow Rangers. Mit dem „Nine in a Row“-Meisterstück machte er sich 1997 bei den Schotten unsterblich.
Paul Gascoigne spielte drei Jahre für die Glasgow Rangers. Mit dem „Nine in a Row“-Meisterstück machte er sich 1997 bei den Schotten unsterblich. Foto: Imago Images / Mary Evans
Paul Gascoigne hat noch einmal Glück gehabt. Im Juli 2016 kann der inzwischen 49 Jahre alte ehemalige Superstar des englischen Fußballs eine Steuerschuld in Höhe von 55.000 Euro bezahlen und den Bankrott gerade noch abwenden. Offen ist die Steuerrechnung der königlichen Steuerbehörde übrigens seit 2011…

Gut steht es um Paul Gascoigne im Sommer 2016 dennoch nicht. Wenn er mit seinen Kumpels auf dem Weg zum Schnapskauf im Supermarkt abgelichtet wird, wirkt der WM-Star von 1990 – mit den „Three Lions“ auf Rang vier – zerlumpt, völlig am Ende. Gascoigne sammelt Bierdosen, bessert die Tageskasse mit Pfandgeld auf. Bei einem Spaziergang durch Bournemouth erwischen die Fotografen, wie der hagere Ex-Fußballprofi von Freunden gestützt werden muss. Ein Bild des Jammers. Die Kosten für seine diversen Entziehungskuren zahlt seit 1998 zu einem Gutteil der englische Fußballverband (FA). Immerhin hat Gascoigne in seinen 57 Auftritten im Nationaltrikot alles gegeben – seine bitteren Tränen nach der WM-Halbfinal-Niederlage 1990 im Elfmeter-Krimi gegen Deutschland rühren die Fußballwelt.

„Gazza“ liebt England und England liebt „Gazza“. Seine Späße, ein Klassiker wäre „Geländewagen in schottischen Hochlandseen versenken“, mit denen er 2004 sein Buch Mein verrücktes Lebenfast allein füllt, gelten auf der Insel als legendär. Oder wie wäre es mit der Ostasien-Reise des englischen Nationalteams im Sommer 1996? Am Abend vor dem Rückflug aus Hongkong haben Paul Gascoigne und Teddy Sheringham mal wieder gezecht wie die Amtmänner. Als die Stimmung auf dem Höhepunkt ist, lehnen sie sich im Sessel zurück, spielen „Zahnarztstuhl“ und kippen sich wechselseitig hochprozentige Getränke direkt in den Rachen. Im Flugzeug zerlegt Gascoigne dann ohne viel Federlesen die Inneneinrichtung. Nur dank des beherzten Eingreifens der Flugbegleiter können schlimmere Turbulenzen verhindert werden. „Gazza“ bleibt locker: „Das Programm im Bord-Fernsehen hat mir nicht gefallen.“

Dem ebenso hart arbeitenden wie kreativ aufspielenden Mittelfeld-Allrounder kann man im Prinzip nie wirklich böse sein – egal, was er gerade angestellt hat. „Paul ist der lockerste Typ, mit dem ich je gespielt habe“, sagt Christian Ziege, der mit Gascoigne 1998/99 beim FC Middlesbrough zusammen kickt, „er ist ein verrückter Kerl im positiven Sinne.“

Ein ewiger Patient

Paul Gascoigne wird nach wie vor verehrt. Wie hier in der Fankurve von Lazio Rom.
Paul Gascoigne wird nach wie vor verehrt. Wie hier in der Fankurve von Lazio Rom. Foto: Imago Images / Action Plus

Aber Paul Gascoigne ist auch ein ewiger Patient. Mehr als 30 Operationen muss er in 18 Profi-Jahren bei Newcastle United, Tottenham Hotspur, den Glasgow Rangers oder dem FC Everton über sich ergehen lassen.

2003 wird bei einem Klinik-Aufenthalt in Arizona eine bipolare Störung diagnostiziert.„Es gab einen Gazza auf dem Platz, den die Fans geliebt haben, und es gab Paul Gascoigne abseits des grünen Rasens“, erzählt Gascoigne wenig später freimütig dem Rangers-Klubmagazin, „außerhalb des Stadions wollte ich immer Gazza sein, aber das ging nicht. Deswegen habe ich getrunken, damit ich glücklich bin. Damit ich Gazza bin.“

Und „Gazza“ kann immer noch die Diva raushängen lassen. Im Oktober 2002 lässt er ein als perfekt gemeldetes Engagement beim Drittligisten Exeter City platzen, wo der Magier Uri Geller das Sagen hat. Gazza danach wütend: „Dieser Löffelbieger hat keine Ahnung.“ Ein Jahr später, nach einem Kurz-Auftritt in der zweiten Mannschaft der Wolverhampton Wanderers ist klar: Profifußball ist nichts mehr für Gascoigne. Im Winter 2002/2003 will ihn wohl auch der FC St. Pauli verpflichten. Die immer noch strammen Gehaltsvorstellungen des „berühmtesten Thekenfußballers der Welt“ (The Times) schrecken die Kiez-Kicker jedoch mehr ab als der Gedanke, Gascoigne jeden Tag in einer anderen Bar auf der Reeperbahn auflesen zu müssen. Der alkoholkranke Fußballstars trinkt täglich bis zu zwei Liter Gin und 15 Dosen belgisches Bier. Sein kurzzeitiger Mitbewohner Shane Abbott (36) berichtet 2013 im Daily Mail, dass noch etwa 30 Tabletten Valium und Kokain per Spritze dazukommen…

Der verzweifelte Kampf gegen seine Dämonen frisst Gascoignes Geld. 2013 belaufen sich die Rechnungen für seine verschiedenen Krankenhaus-Behandlungen auf mehr als 130.000 Euro. Ein Klinikaufenthalt in Southampton kostet ihn 2014 fast 8.000 Euro pro Woche.


„Sein Leben ist immer in Gefahr, weil er Alkoholiker ist“, sagt sein Berater Terry Baker im Februar 2013 in einem Radio-Interview, „wahrscheinlich kann ihn niemand retten.“

1. George Best (1946 – 2005): Seine Mission hieß Selbstzerstörung

2005 wurde in Manchester um George Best getrauert.
2005 wurde in Manchester um George Best getrauert. Imago Images / Hoch Zwei

„Den größten Teil meines Geldes habe ich für Schnaps, schnelle Autos und Weiber ausgeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“


An einem lauen Sommerabend im Jahr 2003 ist George Best auf dem Weg zu seiner letzten Mission. Grau geworden, mit leerem Blick, sitzt der ehemalige Stürmerstar von Manchester United, Idol einer ganzen Generation britischer Fußballfans, auf der Rückbank eines silbergrauen Mercedes. Best ist auf der Flucht – vor sich selbst.

Wenig später gibt Bests Berater Phil Hughes mal wieder einen Alkohol-Rückfall des einstigen Weltklassefußballers vor der Presse bekannt. „Nach einigen Weinschorlen“ hat Best in einem Landhotel in der Nähe seines Wohnorts Lower Kingswood, 25 Kilometer südlich von London, randaliert – und anschließend auf einer Polizeiwache genächtigt.

George Best ist das ewige Enfant terrible und der erste Popstar des britischen Fußballs. Die Eskapaden des technisch hochbegabten Außenstürmers von Manchester United (178 Tore in 466 Spielen) sind so legendär wie seine Dribblings. Freundinnen und Nobel-Karossen wechselte Best wie die Handtücher. Seine Alkoholexzesse machen ihn zum Dauergast der Klatschspalten. Seine Sprüche („Ich habe 1969 aufgehört zu trinken und mich mit Weibern zu beschäftigen – es waren die schlimmsten 20 Minuten meines Lebens“) sind Kult. Mit 17 gibt der Sohn eines Hafenarbeiters aus Belfast sein Debüt bei Manchester United. Er wird mit den „Red Devils“ englischer Meister und Europapokalsieger der Landesmeister und „Fußballer des Jahres“ 1968. Das Londoner Wembleystadion ist im Finale gegen Benfica Lissabon (4:1 n. V.) die größte Bühne des George Best: Mit seinem unnachahmlichen Hüftschwung tanzt er Torhüter Enrique aus, schiebt den Ball ins leere Tor. „Eigentlich“, gesteht der Leichtfuß hinterher, „wollte ich den Ball noch einmal jonglieren und dann über die Linie köpfen, aber ich habe mich nicht getraut.“ Mehr muss man über das Spiel des George Best nicht wissen…

Seit den frühen Siebzigerjahren führt Best längst das Leben eines Jet-Setters und Playboys. Die Klatschpresse fotografiert ihn oft und gerne beim Befüllen der Champagner-Pyramiden oder halbnackt mit den ebenfalls nur leicht bekleideten Starlets auf dem Hotelsofa. Sein Spruch „Ich habe den größten Teil meines Geldes für schnelle Autos, schöne Frauen und Schnaps ausgegeben – den Rest habe ich einfach verprasst“ wird zum Programm.

Bei diesen Orgien ist Best eigentlich nicht er selbst

George Best 1977 in seinem letzten Länderspiel für Nordirland.
George Best 1977 in seinem letzten Länderspiel für Nordirland. Foto: Imago Images

Bei diesen Orgien ist Best eigentlich nicht er selbst. „George war nicht anders, als wir alle“, sagt Pat Jennings, der wie Best am 15. April 1964 in Swansea gegen Wales (3:2) sein Länderspiel-Debüt für Nordirland gibt und vor allen 37 Länderspielen des George Best mit ihm das Hotelzimmer teilt, „nur wurde er mit den Jahren immer populärer und konnte schließlich nicht einmal mehr die einfachsten Dinge unbeobachtet tun.

In diesen Tagen sind wir oft nach dem Training losgezogen, mal in London, mal in Belfast oder anderswo, aber George war oft scheu und saß lieber in seinem Zimmer und hat fern gesehen, weil er genau wusste, dass sie ihn foltern würden, wenn er herauskam. Die Leute haben ihn regelrecht gejagt, um an Autogramme und Fotos zu kommen.“

Bests Abstieg beginnt 1971. Manchester United suspendiert ihn erst, weil er nach durchzechter Nacht den Zug zu einem Auswärtsspiel in London verpasst. Ein Jahr später wird George erneut suspendiert – diesmal hat er das Training verschlafen. Die „Red Devils“ zwingen ihn, sein Haus in Cheshire zu verlassen und stattdessen in eine Mietwohnung in der Nähe des Old Trafford-Stadions zu ziehen. Im Sommer 1974 hat man in Manchester genug von seiner lange geduldeten Trunksucht und den ewigen Extravaganzen. United-Trainer Tommy Docherty wirft ihn raus. Nach seinem Abschied von Manchester United wechselt Best auch die Klubs im Jahres-Rhythmus und spielt bis 1984 bei elf Teams, darunter u. a. Stockport County, FC Fulham, Fort Lauderdale Strikers – zusammen mit Gerd Müller – und Hibernian Edinburgh.

Der freie Fall des „fünften Beatle“, wie George Best wegen seiner Riesen-Popularität genannt wird, geht ohne Netz und ohne doppelten Boden weiter. Seine Ehe scheitert. Es folgt eine Reihe von geschäftlichen Fehlschlägen – sein Reisebüro und zwei Lokale in Manchester gehen Pleite. 1998 muss er sein mit Hypotheken überladenes Haus im noblen Londoner Stadtteil Chelsea verkaufen. Weihnachten 1984 verbringt George Best im Knast. Nach einer Trunkenheitsfahrt und einem Angriff auf einen Polizeibeamten landet der gefallene Superstar, der sich inzwischen mit der Leitung eines Fußball-Camps verdingt, für drei Monate im Gefängnis von Pentonville in Greater London. „Ich bin bei meiner Geburt mit einer großartigen Gabe beschenkt worden“, beschreibt er später sein Dilemma, ,,aber mit so einem Talent kommen auch selbstzerstörerische Triebe. So wie ich auf dem Platz alle ausstechen wollte, wollte ich das auch machen, wenn ich abends weg ging.“ 1990 kaspert Best betrunken in einer Fernsehshow herum, doch ganz unten angekommen ist er noch nicht. „Ich trinke nur noch Mineralwasser“, sagt er bei der Veröffentlichung seiner Autobiografie Blessed im Sommer 2001. Von wegen. Um überhaupt überleben zu können, braucht der Alkoholiker im Dezember 2002 eine Leber-Transplantation. Diese Operation und mehrere Entziehungskuren können George Best nicht mehr helfen.

Ausverkauf von Bests Pokalen im Internet

Nach seinem Abschied von Manchester United wechselte Best auch die Klubs im Jahres-Rhythmus und spielt bis 1984 bei elf Teams – 1979 stürmte er zusammen mit Gerd Müller (l.) für die Fort Laudertdale Strikers.
Nach seinem Abschied von Manchester United wechselte Best auch die Klubs im Jahres-Rhythmus und spielt bis 1984 bei elf Teams – 1979 stürmte er zusammen mit Gerd Müller (l.) für die Fort Laudertdale Strikers. Foto: Imago Images / Fred Joch

Im Sommer 2003 verschleudert George Best die Trophäen und Auszeichnungen seiner großen Fußballerkarriere im Internet. „Mir liegt nichts mehr daran“, kommentiert er knapp, „ich möchte mir nur ein Ferienhäuschen in Korfu damit finanzieren.“

Daraus wird nichts. Der Vorfall im Sommer 2003 ist der vorletzte Akt auf George Bests Mission „Selbstzerstörung“. Bei mehreren Flaschen Weißwein pro Tag. Am 25. November 2005 ist die letzte Mission des George Best beendet. Nach fast vier Wochen Todeskampf stirbt er in einem Krankenhaus in London nach kollektivem Organversagen.

„Er war ohne Zweifel der größte Spieler aller Zeiten“, sagt Manchester Uniteds Coach Sir Alex Ferguson, „es gibt niemanden, der mit ihm vergleichbar wäre.“ Sein ehemaliger Mitspieler und Kumpel Denis Law ist traurig:


„Er wäre noch besser gewesen, wenn er die Nachtclubs ähnlich elegant umspielt hätte, wie er den Ball weitergegeben hat.“


Schade.

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