WM Geschichten

Unvergessliche WM-Momente: Als Roy Keane Irland im Regen stehen ließ

Roy Keane wird für immer als Legende von Manchester United bekannt sein. Aber hat der ehemalige Spieler der Republik Irland den gleichen Status für sein Land? 67 Einsätze für die “Boys in Green” lassen darauf schließen, dass dies tatsächlich der Fall ist, aber seine Aktionen im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2002 lassen etwas anderes vermuten.

Das größte Turnier der Welt kurz nach der Jahrtausendwende sollte für ganz Irland eine freudige Angelegenheit werden, denn die Fans waren bereit, den erst dritten Auftritt ihres Landes auf der großen Bühne zu verfolgen. Zuvor war man bereits 1990 und 1994 nach Italien und in die USA gereist, wobei sich Irland in beiden Turnieren gegen die Weltelite behaupten konnte.

In Italia '90 wurde das Viertelfinale erreicht, und in den USA '94 schaffte man es bis ins Achtelfinale. Danach verpasste Irland jedoch die Qualifikation für das Turnier 1998 in Frankreich. Als 2002 Japan und Südkorea an der Reihe waren, war Irland bereit, dem Weltfußball erneut seinen Stempel aufzudrücken.

Irland beeindruckt in der WM-Qualifikation

Der Weg zur WM-Endrunde war für Irland alles andere als einfach. Das Gegenteil war der Fall. In der UEFA-Qualifikationsgruppe 2 stellten sich ihnen die europäischen Schwergewichte Portugal und die Niederlande in den Weg.

Doch Irlands Mut und Entschlossenheit brachten das Team auf einen fantastischen zweiten Platz hinter Portugal. Beide Nationen blieben in der Gruppe ungeschlagen, gewannen sieben Mal und spielten drei Mal unentschieden.

Die torhungrigen Portugiesen setzten sich jedoch aufgrund ihrer besseren Tordifferenz an die Spitze, mit Stars wie Luis Figo, Pauleta und Nuno Gomes in ihren besten Zeiten. Das Trio schoss zusammen 21 Tore. Irlands bester Torschütze war überraschenderweise Mr. Keane selbst, der vier Treffer aus dem Mittelfeld erzielte.

Der Fußball war vielleicht nicht ganz so schön wie der von Portugal oder den Niederlanden, die beide die Iren in der Gruppenphase übertrafen, aber Irlands strenge Verteidigung beschränkte die Zahl der Gegentore auf unglaubliche fünf und half den tapferen Jungs in Grün, sich den zweiten Platz in der sehr schwierigen Gruppe zu sichern.

Leider reichte diese Leistung nicht aus, um sich automatisch für die Endrunde zu qualifizieren, so dass Irland in einem Playoff-Duell mit dem Iran antreten musste. Doch Ian Harte und Robbie Keane sorgten dafür, dass das Land nach dem ersten Spiel den bestmöglichen Start erwischte. Auf den 2:0-Sieg in Dublin folgte eine 0:1-Niederlage in Teheran, so dass Irland dank eines 2:1-Gesamtsiegs auf der größten aller Bühnen stand.

Mick McCarthy war der Mann auf der Trainerbank, der von der ganzen Nation dafür verehrt wurde, dass er sich einen Platz unter den großen Spielern des Weltfußballs gesichert hatte. Es war Partyzeit, und alles war rosig auf der Smaragdinsel…

Ein miserabler Start ins Leben in Japan

Die Fröhlichkeit währte jedoch nicht lange, denn die Spannungen nahmen von Anfang an zu. Es war die erste Fußballweltmeisterschaft, die in Asien stattfand, die erste außerhalb Amerikas oder Europas, und auch die erste, die von mehr als einer Nation gemeinsam ausgerichtet wurde. Außerdem nahmen China, Ecuador, Senegal und Slowenien zum ersten Mal an diesem Wettbewerb teil.

Ein gewisser Ronaldo stand an der Spitze einer äußerst talentierten brasilianischen Mannschaft, in der auch Spieler wie Roberto Carlos, Ronaldinho und Rivaldo standen. Für die Medien gab es also reichlich Stoff zum Diskutieren, aber all das interessierte die Berichterstatter in Irland nicht. Sie konzentrierten sich auf eine Sache, und nur auf eine Sache: Roy Keanes dramatisches Ausscheiden aus dem Turnier, bevor überhaupt ein Ball gespielt worden war.

Alles begann am Flughafen, als Keane den Lesern seiner Autobiografie von der Reise aus Irlands Hauptstadt erzählte: “Der Flughafen von Dublin ist so voll, dass man sich nicht bewegen kann. Wir bugsieren das Gepäck eines ganzen Monats durch die Haupthalle. Wir checken ein. Wir reisen mit KLM, über Amsterdam und Tokio, auf dem Landweg. Fans, Journalisten, Spieler und Offizielle mischen sich unter uns. Das Bild der Pauschalreise kommt mir wieder in den Sinn. Inmitten des Chaos trifft der Premierminister Bertie Ahern ein, um uns zu verabschieden.

Von da an wurde es immer schlimmer. Keane zeigte sich bei seiner Ankunft auf Saipan, dem irischen Stützpunkt auf der Insel, der eine Woche lang für ein leichtes Training vor den Spielen genutzt wurde, sofort unbeeindruckt. Die Trainingsausrüstung der Mannschaft, die medizinische Versorgung und die Fußbälle waren nirgends zu sehen, und es stellte sich bald heraus, dass sie nicht mit der Mannschaft angekommen waren. Dann stellten die Spieler fest, dass der Boden viel zu hart war, um darauf zu trainieren.

Zu allem Überfluss kam es dann auch noch zu einem Streit zwischen Keane und Torwarttrainer Packie Bonner, so dass dem Mittelfeldspieler nichts anderes übrig blieb, als die Mannschaft zu verlassen und nach Manchester zurückzukehren, wo er seinen Vereinsfußball spielte.

Zum Glück für McCarthy und Co. beruhigte sich Keane schließlich und konnte zum Bleiben überredet werden. Zur gleichen Zeit war jedoch sein Landsmann Colin Healy aus Cork damit beschäftigt, zu Hause seine Koffer zu packen, da er als Ersatz für den offenbar ausscheidenden Keane einberufen worden war.

Doch im Moment hatte der Mann von Man United sein Schicksal noch selbst in der Hand. Aber auch das hielt nicht lange an. Der hartgesottene irische Held hatte sich an die Presse gewandt und deutlich gemacht, wie unzufrieden er mit der Situation auf Saipan war, wobei die schlechten Einrichtungen der Hauptgrund für seine Frustration waren.

Ein unzufriedener McCarthy soll dann unter anderem seinen Spieler vor der gesamten Mannschaft und dem Trainerstab zur Rede gestellt haben. Doch was dann geschah, entsprach sicherlich nicht den Vorstellungen des Managers.

Der Vorfall

Ob es nun für die Anwesenden überraschend war oder nicht, es folgte eine unerbittliche Rede von Keane. Die Worte, die aus Keanes Mund direkt in Richtung seines Chefs schossen, klangen Berichten zufolge in etwa so: “Du bist ein “f*cking w*nker”. Ich schätze dich nicht als Spieler, ich schätze dich nicht als Manager und ich schätze dich nicht als Mensch. Du bist ein verdammter “W*nker” und du kannst dir deinen Weltpokal in den Arsch stecken. Ich habe keinen Respekt vor dir. Der einzige Grund, warum ich mit dir zu tun habe, ist, dass du irgendwie der Manager meines Landes bist. Du kannst es dir in den Arsch stecken.”

Es überrascht nicht, dass McCarthy daraufhin verkündete, dass er seinen Kapitän nach Hause geschickt hatte, und dieses Mal kehrte Keane nicht mehr zurück. Seine Koffer waren gepackt und der Mann von ManUnited war weg. Irland hatte seinen Anführer, seinen Kapitän, seinen grundsoliden Mittelfeldspieler verloren und war nun gezwungen, sich ohne den Mann auf den Turnierauftakt vorzubereiten, der so entscheidend dazu beigetragen hatte, dass das Team überhaupt antreten konnte.

Die Enttäuschung bei den “Boys in Green” wurde noch größer, als sie erfuhren, dass die FIFA-Frist für die Nominierung des Kaders abgelaufen war und Healy nicht als Ersatz für den ausgeschiedenen Keane benannt werden konnte.

Es war nicht das erste Mal, dass der Mittelfeldspieler seine Missbilligung gegenüber dem Irischen Fußballverband (FAI) zum Ausdruck brachte, indem er immer wieder dessen dilettantische Vorgehensweise bei der Spielvorbereitung kritisierte und darauf hinwies, dass der Verband Spieler aus Dublin gegenüber solchen aus Cork, wo er geboren und aufgewachsen ist, bevorzugt.

Wie die FIFA zeigt, hat nicht jeder Fußballverband eine saubere Bilanz, und die FAI ist da nicht anders, was allein schon durch die Taten des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden John Delaney deutlich wird. Der Unterschied war jedoch, dass der unverblümte Keane bereit war, die Organisation öffentlich zu beschämen.

Irland kämpft auch ohne Kapitän Keane weiter

Irland hielt in Japan und Südkorea auch ohne seinen Kapitän durch, vor allem dank eines anderen Keane in Form des talentierten Stürmers Robbie, der das Turnier als Irlands bester Torschütze mit drei Treffern beendete.

Doch es war Matt Holland, der das erste irische WM-Tor seit dem Treffer von John Aldridge gegen Mexiko im Jahr 1994 erzielte. Hollands Treffer sicherte ein 1:1-Unentschieden gegen Kamerun in Niigata. Dieses Ergebnis wiederholte sich im nächsten Gruppenspiel gegen Deutschland in Kashima, als Robbie Keane in letzter Minute den Ausgleichstreffer erzielte, nachdem Miroslav Klose die Deutschen in Führung gebracht hatte.

Im letzten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien in Yokohama traf Keane erneut ins Netz. Neben dem Stürmer trugen sich auch Gary Breen und Damien Duff in die Torschützenliste ein und sicherten Irland einen 3:0-Sieg und damit den Einzug ins Achtelfinale gegen Spanien.

Robbie Keane war einmal mehr der Held, als er in den letzten Sekunden des Spiels einen Elfmeter zum 1:1-Unentschieden verwandelte, nachdem sein Sturmpartner Fernando Morientes die Spanier in Führung gebracht hatte. Doch der Erfolg der Iren war diesmal nur von kurzer Dauer, denn sie schieden im Elfmeterschießen aus.

Es überrascht nicht, dass Stürmer Keane und Außenverteidiger Steve Finnan den Elfmeter verwandelten, aber Holland, David Connolly und Kevin Kilbane hatten nicht so viel Glück. Wären die Dinge anders verlaufen, wenn der knallharte Roy Keane an diesem Tag dabei gewesen wäre?

Die Nachwehen

Man könnte sagen, dass der temperamentvolle Keane das letzte Wort in dieser Geschichte hatte, denn McCarthy trat nicht lange nach dem Turnier von seinem Posten zurück. Das Land hatte sich auf der größten Bühne der Welt bewundernswert präsentiert, doch die Niederlagen gegen Russland und die Schweiz in der Qualifikation für die Euro 2004 holten die Mannschaft mit einem Knall auf den Boden der Tatsachen zurück und führten zum Rücktritt des Trainers.

Dies ebnete nicht nur den Weg für Brian Kerr, der das Amt des Trainers übernahm, sondern auch für Keane, der 2004 in die Mannschaft zurückkehrte. Doch die Rückkehr ins Rampenlicht verlief nicht ganz nach Plan, denn kurz nach dem Scheitern Irlands bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2006 gab Keane seinen Rücktritt bekannt.

Der Fußball entwickelt sich schnell weiter, und Irland wurde scheinbar abgehängt, da sich die Nation bis heute nicht für eine weitere Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Zuletzt belegte sie den dritten Platz in ihrer Qualifikationsgruppe für das kommende Turnier 2022 in Katar.


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