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Das sind Sensationsmeister Europas von 1970 – 2019. Keiner hatte sie auf dem Zettel

Das sind die Sensationsmeister Europas von 1977 – 2019. Keiner hatte sie auf dem Zettel. Gladbach, derby County, Kaiserslauterm, Stuttgart, Wolfsburg, Nottingham, Leicester, Lens, Atletico, Bursaspor, Aarau, Obilic, Nottingham, La Coruna, Boavista, Alkmaar, Montpellier, Verona

In der Bundesliga gewinnt seit Jahren immer Bayern München die Meisterschaft. In Spanien sind es entweder „Barca“ oder Real und in Italien und Frankreich dominieren Juventus Turin und Paris St. Germain seit Jahren die Titelvergabe. In England haben sich die „Reichen-Klubs“ FC Chelsea und Manchester City als erste Anwärter auf die Meisterschaft positioniert, seit 2018 meldet auch der Klopp-Klub FC Liverpool, gestählt durch die Millionen eines US-amerikanischen Investors, neue und alte Ansprüche an. In Schottland gilt Celtic Glasgow seit dem zwischenzeitlichen Zwangsabstieg seines einzigen Titel-Rivalen Rangers FC als gesetzt. Langweilig, oder?

Dass es mit nicht immer so und ist auch nicht immer so ist, zeigen gerne auch mal diejenigen Klubs die Meisterschaft, die nur zum erweiterten Favoritenkreis gehören. Und dann gibt es ab und an auch die großen Sensationen. Die Nobodys, die eher als Abstiegskandidaten gelten und plötzlich und ganz überraschend Meister werden. Das kommt nicht so häufig vor. Aber das hat es schon gegeben. Und nicht nur in den zweitklassigen Ligen Europas.

Deshalb haben wir die Geschichte von 26 Sensationsmeistern in den europäischen Ligen seit 1970 einmal zusammengefasst. Eine Meister-Zeitreise durch fünf Jahrzehnte. Alle großen Ligen sind dabei – die Bundesliga, die Premier League, die Primera Division, die Serie A und die französische Ligue 1. Dazu einige kleinere Ligen.Die Bundesliga ist gleich vier Mal vertreten. Zweimal sind es Trainer, die gerade vom FC Bayern entlassen worden sind und die den Südmännern zeigen, dass das mit der Entlassung nun keine so gute Idee war. Aber auch der dritte Sensations-Meistercoach hat lange vor seinem Triumph Stress mit dem FC Bayern – in Form eines abgelehnten Praktikums.

Vielleicht hätte man wenigstens zurückschreiben sollen! Der Vierte im Bunde ist einer, der zwar nicht zu 100 Prozent Sensations- aber doch Überraschungsmeister wird. Zuvor ist er aber beim „deutschen Real Madrid“ als Trainer im Unfrieden geschieden.

Wir gestalten unsere Zeitreise chronologisch und starten im Jahr 1970. Das bedeutet: Mit der Überraschung des Klubs, den sie am Rhein „Die Bauern“ nannten und mit dessen Titelgewinn ein neuer Dualismus im deutschen Fußball beginnt. Ein Trainer, der mit seiner Unberechenbarkeit der Albtraum jedes Vereinschefs ist, führt in einer anderen Top-Liga gleich zwei No-Name-Klubs ganz nach oben. Dafür, so denkt er sich, kann man schon mal den Urlaub unterbrechen…

Unser absoluter Favorit ist natürlich der Klub des Nearly Man, der es im Jahr 2016 schafft, alle Fat Cats der größten Liga der Welt zu besiegen – und das dank der Leichtigkeit eines Torjägers, der einmal mit einem Bein im Knast gestanden hat. Sagen Sie uns, wo es solche Geschichten sonst noch gibt außer im Fußball? Hier sind Europas Sensationsmeister…Hennes Weisweiler ist im Sommer 1969 ungehalten. „Wenn wir wieder nicht Meister werden, gehe ich“, sagt der knorrige Rheinländer, der Borussia Mönchengladbach 1965 entgegen aller Widerstände in die Fußball-Bundesliga geführt hat.

Mit seinem offensiven Fußball und jungen, hungrigen Spielern aus der Region, unter anderem dem blonden Spielmacher Günter Theodor Netzer, Hans-Hubert („Berti“) Vogts und Herbert „Hacki“ Wimmer, hat er in den vorangegangenen Jahren zwei Mal Platz drei belegt. Das reicht dem strengen Taktikfuchs nicht.

Er holt mit Ludwig „Luggi“ Müller vom gerade aus der Bundesliga abgestiegenen Meister 1. FC Nürnberg und den Stuttgarter Klaus-Dieter Sieloff († 2011) zwei Defensivspieler, die die Abwehr stabilisieren sollen.

Besser werden die Dinge nach dem ersten Spieltag trotzdem nicht. Borussia Mönchengladbach verliert mit 0:2 beim FC Schalke 04. Die Wende folgt nur eine Woche später: Im achten Versuch schlagen die Gladbacher endlich ihren damaligen Mit-Aufsteiger FC Bayern München (2:1) und am elften Spieltag sichert man sich durch ein 5:1 gegen Alemannia Aachen erstmals die Pole Position. An Weihnachten 1969 stehen Weisweilers Jungs mit satten fünf Punkten Vorsprung vor dem Titelverteidiger von der Isar an der Tabellenspitze.

 

Die Bundesliga erlebt ein Novum

„General Winter“ hat die Bundesliga 1970 fest im Griff. Am 10. Januar 1970 muss erstmals in der Liga-Historie ein kompletter Spieltag abgesagt werden. Schnee und Eis auf den Spielfeldern – damals gibt es noch keine Rasenheizung – lassen die Rasenfläche zum Morast werden. „Wer taut die Bundesliga auf?“, fragt die Sport-Illustrierte verzweifelt. Das fragen sich wohl auch die Gladbacher, die in der Folge des entstandenen Termin-Chaos zwischen dem 15. und dem 21. April 1970 drei Mal als Verlierer vom Platz gehen.

Das Unternehmen „Meisterschafts-Premiere“ gerät noch einmal in Schieflage. Am 30. April 1970 ist die Überraschung perfekt: Zwar geben sich „die Fohlen“, wie die ungestüme Mannschaft von den Fans genannt wird, beim 4:3 nach 4:0-Führung gegen den Hamburger SV wankelmütig, doch es reicht. Borussia Mönchengladbach wird zum ersten Mal Deutscher Meister und leitet eine neue Ära im deutschen Fußball ein. In den folgenden sieben Jahren werden nur die Vereinsnamen der Gladbacher und des FC Bayern in die DFB-Meisterschale eingraviert. Mit Müller und Sieloff, die beide je 33-mal zum Einsatz kommen, stellt Mönchengladbach bei nur 29 Gegentreffern die stärkste Abwehr der Liga.

Ganz Mönchengladbach feiert die Titel-Premiere – und auch der Klerus ist euphorisiert. Nach dem 4:3 gegen den HSV läuten im Stadtteil Eicken, wo die Borussia einst gegründet worden ist, die Kirchenglocken.Derby County führt in den beschaulichen East Midlands bis 1967 ein Schattendasein in der Zweitklassigkeit des englischen Fußballs.

Das ändert sich, als er kommt. Brian Howard Clough (1935 – 2004), der Trainer, dessen Wirken Jahre später ein Skandalbuch (The Damned United von David Peace, 2006) und der gleichnamigen Kinofilm mit Michael Christopher Sheen als Clough aus dem Jahr 2009 aufgreifen werden.

Clough bringt seinen Assistenten Peter Taylor mit nach Derby. Das Erfolgsgespann wird Derby zu einem der größten Überraschungsmeister im englischen Fußball machen. Immerhin: Der letzte große Erfolg der „Rams“, der Widder, ist schon ein paar Tage her: FA Cup-Sieger 1946.

Die Erwartungen an den erst 41 Jahre alten Coach sind gering. Erst im zweiten Jahr seines Wirkens in Derby gelingt „Cloughie“, wie sie den schrullig-eigensinnigen Coach auf der Insel liebevoll nennen, der Aufstieg in die First Division. Als Glücksgriff auf dem Weg in Liga 1 wird sich dabei die Verpflichtung von Mittelfeldspieler Dave Mackay von Tottenham Hotspur erweisen. Der Regisseur führt Derby 1969 in die First Division und wird FWA Footballer of the Year. Ein typischer Clough-Transfer, ist Mackay bei seinem Wechsel doch bereits 33 Jahre alt…

 

Urlaub vorm Saisonfinale: Clough wäre heute wohl der „King of Cool“

Die Mannschaft landet in Mackays letztem Jahr 1970/71 vor dem Abschied auf Rang vier. Aber: Der Klub darf aufgrund „finanzieller Unregelmäßigkeiten“ nicht im Europapokal antreten. Ein Faktum, dass Clough und seine Truppe nur noch mehr anstachelt.

Es wird eine Saison mit vielen Eigenheiten. Clough setzt mit 16 Spielern die wenigsten Akteure aller 22 Klubs ein. Seine Profis geben sich knauserig in Sachen Tore: Nur 69-mal netzen John O‘ Hare (13 Saisontreffer) in 42 Liga-Spielen ein. Am letzten Spieltag ist die Sensation perfekt. Mit einem 1:0 gegen den FC Liverpool springen die „Rams“ von Rang drei auf eins – und sind Meister. Clough hat vorher einen Schachzug parat, der ihm heute wahrscheinlich den Titel „King of Cool“ einbringen würde. Kurz vor Saisonschluss fährt er mit seiner Familie in Urlaub und schickt seine Mannschaft – schon damals populär – zur Fußball-Sauftour nach Mallorca. Zu Hause auf der Insel patzen die Titel-Konkurrenten Leeds United und der FC Liverpool entscheidend, sodass Derby es am letzten Spieltag, dem 8. Mai 1972, im direkten Duell mit den „Reds“ in der eigenen Hand hat.

Dass Clough („Meine Herren, das ist ein Fußball – kommen Sie damit klar?“) es mit der Derby-Nummer durchaus ernst meint, zeigt die folgende Saison. Zwar landet Derby County in der englischen Liga nur auf Rang sieben, doch im Europapokal der Landesmeister schafft man es bis ins Halbfinale. Dort ist Juventus Turin eine Nummer zu groß, doch Clough zeigt wieder ein Mal seine Unberechenbarkeit. Er wirft dem italienischen Rekordmeister Bestechung vor und beschimpft die „Juve“-Stars um Helmut Haller als „cheating bastards“, als betrügerische Bastarde. Die Wortwahl in der wenig später folgenden und nur wenige Minuten dauernden Unterredung mit dem Präsidium könnte im Zweifelsfall ähnlich deftig gewesen sein, denn Clough verlässt Derby County 1973 zum Entsetzen der Fans – und wechselt zum Erzrivalen Leeds United. Alle Versuche, den Sturkopf noch umzustimmen, scheitern. Schon 1976 steigt Derby County ab. Clough selbst hält sich bei Leeds United nur 44 Tage im Sattel, nachdem er sich mit seinem alten Rivalen, Leeds-Boss Don Revie („The Gaffer“) und den Stars um den Schotten Billy Bremner († 1997) und den englischen Weltmeister Norman „Bites yer legs“ Hunter heillos zerstritten hat. Filmreifer Stoff.Nottingham Forest schafft in der Saison 1977/78 eine echte Sensation in England.

In dieser Spielzeit feiert das Team unter Trainer Brian Clough als Aufsteiger in die First Division Das ist gleichzeitig der erste Titel der Vereinshistorie. Besonders kurios ist, dass Nottingham nur 16 Spieler in der Saison einsetzt, die wenigsten in der gesamten Liga. Exakt dieses Kunststück hat Clough fünf Jahre vorher auch bei Derby County gebracht. Mit Mini-Kader zum Titel. Es ist nur eine Episode rund um den eigenwilligen Meistertrainer. Nottingham Forest und Kult-Trainer Brian Clough verblüffen Fußball-Europa mit modernem Kurzpass-Spiel.

Vor der Meistersaison herrschen im Sommerurlaub der „Tricky Trees“, der trickreichen Bäume aus Nottingham, im Badeort Cala Millor auf der spanischen Baleareninsel Mallorca ersthafte Zweifel. Die Spieler versuchen sich, die Abstiegsangst weg zu saufen. „Wir haben uns während dieser Reise ernsthaft gefragt, ob wir in der Lage sind, überhaupt ein Jahr in der ersten Liga zu überstehen“, erzählt Forest-Mittelfeldspieler Martin O‘ Neill Jahre später. Was der gutmütige Nordire O‘ Neill und seine Kollegen nicht wissen: Der kauzige Trainer Brian Clough hat mit unkonventionellen Methoden schon längst für Verstärkung gesorgt. Er schickt seinen Assistenten und Schattenmann Peter Taylor mit Schlapphut und Brille verkleidet auf eine Hunde-Rennbahn, um mit dem Stürmer Kenny Burns von Birmingham City zu verhandeln. Burns hat keinen guten Ruf. Er gilt als Trinker und Zocker. Doch Clough holt ihn für umgerechnet 175.000 Euro – und schult den Schotten zum Verteidiger um.

 

Trainerlegende: „Holt Euch den Titel!“

Wenig später erlebt die Mannschaft die nächste Überraschung. Am 20. August 1977 taucht in der Halbzeitpause der ersten First-Division-Partie beim Titelfavoriten FC Everton (3:1) unvermutet ein Gast in der Kabine auf. Es ist Liverpools Trainerlegende Bill Shankly. Der in Ehren ergraute Meistercoach lässt mit einer spontanen Ansprache beim Berufs-Außenseiter aus Nottingham die Wände wackeln. „Spielt nicht nur in der ersten Liga“, brüllt Shankly die verdutzten Spieler an, „geht raus und holt euch den Titel.“

Als weiterer Top-Transfer von Clough erweist sich vor allem die Verpflichtung von Torhüter Peter Shilton von Stoke City. Der englische Nationalkeeper dirigiert in der Saison 1977/78 die beste Abwehr der Liga. Nottingham Forest kassiert in 42 Spielen nur 24 Gegentore – und holt als Aufsteiger sensationell die englische Meisterschaft. Viv Anderson, ein 21-jähriges Defensiv-Juwel mit exzellentem Stellungsspiel, wird der erste farbige Nationalspieler Englands. „Es war absolut unfassbar, die Meisterschaft zu gewinnen, wenn man bedenkt, wo wir noch ein Jahr zuvor standen“, sagt Martin O‘ Neill 2013 in einer TV-Dokumentation. Nur Clough bleibt cool: „Es ist nur ein erledigter Job.“

1979 stürmt Nottingham ins Europapokalfinale der Landesmeister. Ein Flugkopfballtor von Trevor Francis hievt Forest im Münchner Olympiastadion gegen die Schweden von Malmö FF (1:0) auf Europas Fußballthron. Ein Jahr später wiederholen die Engländer im Landesmeister-Wettbewerb mit einem 1:0 gegen den Hamburger SV in Madrid ihren Erfolg. Wird Nottingham 1979 in der englischen Liga noch Vizemeister, so steht man am Ende der zweiten Europapokalsaison nur noch auf Platz fünf. Clough holt in seiner zweiten Amtszeit 1989 und 1990 noch einmal mit Forest den englischen Ligapokal, formt mit Roy Keane und Teddy Sheringham zwei weitere Superstars. Aber den Abstieg aus der neu geschaffenen Premier League kann der Altmeister 1993 nicht verhindern. 2001 steigt der Verein sogar wieder ab. Seitdem feiert Nottingham nur mäßige Plätze und Erfolge. Rekordverdächtig: Ab November 1977 bleibt das Team Saison übergreifend in 42 Ligaspielen ungeschlagen. Erst der FC Arsenal stellt den Rekord 2004 ein.Der Klub aus dem Elsass ist erst 1977 wieder in die französische Eliteliga Division 1 zurückgekehrt.

Als die Liga am 28. Juli 1978 loslegt, rechnen Fans und Experten mit Titelverteidiger AS Monaco oder dem zuvor drei Mal in Folge erfolgreichen AS St. Etienne (ASSE). In der Mannschaft von Racing Straßburg, die von dem Schweizer Trainer-Hirnli und Ex-Stuttgart-Profi Gilbert Gress trainiert wird, stehen zwei Spieler, die es Jahre später selbst als Coach sehr weit bringen werden.

Es sind der 1949 in Straßburg geborene Arsene Wenger, der bereits im Zenit seiner Profikarriere steht, und der drei Jahre jüngere Raymond Domenech. Wenger, der ab 1980 als korrekt-perfekter Jugendtrainer von Racing Straßburg ins Trainergeschäft schnuppern wird, erlangt als Coach des FC Arsenal mit drei englischen Meisterschaften und sieben FA-Cup-Titeln in 22 Jahren in London Legendenstatus.

Domenech steht als französischer Nationalcoach einerseits für den Sprung ins WM-Finale 2006, andererseits wird sein Name aber auch auf ewig mit der Spieler-Meuterei bei der „Equipe Tricolore“ bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in Verbindung gebracht.

 

Domenech und Wenger glänzen in Straßburgs Abwehr

Wie auch immer: Sowohl für Wenger als auch für Domenech ist der Titelgewinn mit Straßburg die einzige französische Fußballmeisterschaft als Spieler. Domenech absolviert im Meisterjahr 37 Spiele, Wenger nur zwei. Aber: Im Abwehrverbund mit Léonard Specht und Jean-Jacques Marx lassen sie nur 28 Gegentore zu – beste Defensivleistung der Liga in der Saison.

Straßburg liefert sich 1978/79 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem späteren Vizemeister FC Nantes und St. Etienne. Am fünften Spieltag steht Racing erstmals auf Rang eins und hat im November 1978 drei Punkte Vorsprung auf Titelverteidiger Monaco und fünf auf Saint-Étienne. Dann aber verlieren die Elsässer bei Paris SG, damals noch Tabellendreizehnter übrigens, leisten sich gegen Laval im heimischen Meinaustadion einen Punktverlust und verlieren in Nantes mit 0:3.

Am 38. und letzten Spieltag gelingt mit einem 3:0 bei Olympique Lyon das Meisterstück. In der „Festung“ Stade de la Meinau bleibt Racing Straßburg unbesiegt.Für das bis 2020 größte Fußballwunder in Italien sorgt Hellas Verona 1985.

Die Mannschaft aus dem Norden wird nur drei Jahre zuvor noch italienischer Zweitligameister, steigt dann in die Serie A auf und gewinnt kurze Zeit später prompt die Meisterschaft. Mit dabei der deutsche Europameister Hans-Peter Briegel.

Durch diesen Erfolg wird die „Walz aus der Pfalz“, wie der bullige, aber doch athletische Abwehrspieler genannt wird, sogar in Deutschland zum „Fußballer des Jahres“ gewählt. 1984 hat Briegel den 1. FC Kaiserslautern nach zehn Jahren in der Jugend und als Profi verlassen und mit 28 Jahren noch einmal im Ausland eine neue Herausforderung gesucht. Der Vize-Weltmeister der Jahre 1982 und 1986 wird der erste Spieler, dem außerhalb der Bundesliga diese Ehre zukommt, „Fußballer des Jahres“ zu werden. Überreicht wird ihm die Trophäe bei einem Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern am Betzenberg im Sommer 1985. Viel besser kann man nicht heim kommen…

Bis heute ist die Meisterschaft 1985 allerdings der einzige Titel von Verona. Briegel kann 1988 in Diensten von Sampdoria Genua noch die Coppa Italia, den italienischen Pokal, gewinnen.

 

Hellas Verona blamiert Italiens Großklubs

Die Serie-A-Saison 1984/85 sieht am Ende zwei Außenseiter vorn. Hellas Verona sichert sich den Meistertitel vor dem AC Turin, der ebenfalls nicht zu den ausgemachten Spitzenklubs gehört. Die Big Spender aus dem Piemont und der Lombardei, Inter und AC Mailand sowie Juventus Turin, sind blamiert. Sie landen nur auf den Rängen drei, fünf und sechs. Hellas Verona hat mit Guiseppe Galderisi (11 Saisontreffer) nur einen echten Torjäger, ist aber beileibe keine Mannschaft der Namenlosen!

Neben Briegel und dem italienischen Nationalspieler Antonio di Gennaro blitzt im Kader von Trainer Osvaldo Bagnoli ein Name auf: Preben Elkjaer-Larsen. Der dänische Stürmer wird ein Jahr nach dem Meistercoup mit „Danish Dynamite“ bei der WM-Premiere der Skandinavier für Furore sorgen.

Vor heimischer Kulisse geizt Hellas Verona mit Toren. Von 15 Saison-Heimspielen enden drei 0:0. Drei Mal siegt man mit dem knappsten Vorsprung, 1:0. Für den Klub ist es seitdem ein ständiges Auf und Ab. 2010 spielen sie noch in der dritten Liga, ab 2013 dann wieder in der ersten. In der Saison 2015/2016 erreichen die Norditaliener nur den letzten Platz in der Serie A und spielen in der Saison 2016/2017 nur zweitklassig. Dort werden sie allerdings Zweiter. Und in der Saison 2019/2020 spielen sie wieder in der Serie A. Wenn auch nicht um den Titel.AE Larisa wird erst 1964 im Rahmen einer Vereinigung von vier in Larisa ansässigen Fußballvereinen gegründet.

Der AE Larisa sorgt in seiner Meistersaison 1987/88 für viel Aufmerksamkeit und eine verrückte Geschichte. Das Team spielt sich zunächst an die Spitze der Tabelle. Kurz vor Ende der Saison werden dem Klub in aussichtsreicher Position vier Punkte abgezogen – aufgrund eines Dopingverdachtes gegen mehrere Spieler.

Der Klub und seine Fans protestieren daraufhin tagelang. Beispielweise wird die Autobahn von Athen nach Thessaloniki fünf Tage lang blockiert. Und tatsächlich: Die Regeln werden geändert. Statt des Punktabzuges gegen den Verein werden nur die einzelnen Spieler mit Strafen versehen.

So schafft es AE Larisa letztendlich doch noch, griechischer Meister zu werden. Die Götter müssen verrückt sein!

 

Beinahe in die 4. Liga abgestürzt

Einige der damals erfolgreichen Spieler sind: Giannis Galitsios, Georgios Mitsimponas, Michalis Ziogas, Ioannis Alexoulis und Vassilios Karapialis. Wappentier des Vereins ist das Pferd, das auch im Altertum Symbol der Stadt Larissa war, aufgrund der bedeutendsten Pferdezucht Griechenlands.

Zu diesem unglaublich anmutenden Erfolg kommen seitdem (Stand: April 2020) nur die griechischen Pokalsiege von 1985 und 2007. Im gleichen Jahr gelingt auch einem deutschen Team eine verrückte Episode in seiner nicht eben langweiligen Vereinshistorie: Der 1. FC Nürnberg schafft im UEFA-Pokal als amtierender DFB-Pokalsieger in Larisa im letzten Vorrundenmatch (3:1) unter der Regie von Kult-Coach Hans Meyer noch den Sprung in die K.o.-Runde.

Da hat Larisa das schwärzeste Kapitel der Vereinshistorie schon hinter sich: In der Saison 2002/2003 wird der Abstieg des Sensationsmeisters von 1988 in die 4. Liga gerade noch abgewendet. Vier Jahre später ist man wieder obenauf: Griechischer Pokalsieger durch ein 2:1 über den Branchenriesen Panathinaikos Athen. Übrigens: Larisa ist bis heute der einzige Verein aus einer Provinz, der Meister in Griechenland wurde.
Auch unsere Nachbarn aus der Schweiz haben mindestens einen Sensationsmeister.

Der FC Aarau feiert 1993 unter der Schweizer Trainerlegende Rolf Fringer überraschend seinen dritten Meisterschaftstitel. Die Erfolge zuvor liegen lange zurück. 1912 und 1914, als der Fußball laufen lernt, kann der Klub zuletzt den nationalen Titel feiern.

1985 wird die Mannschaft schon mal Schweizer Cupsieger. Und zwar am für den Schweizer wie für den deutschen Fußball bedeutsamsten Ort: Im Wankdorfstadion von Bern, 1:0 gegen Xamax Neuchatel – und das unter der Regie eines gewissen Ottmar Hitzfeld.

 

Auch Hitzfeld hat in Aarau gewirkt

Der Lörracher coacht Aarau bis 1988, ehe er über den Grasshopper Club Zürich 1991 zu Borussia Dortmund kommt. Der Rest ist Geschichte. Auch in Aarau. Der Titel 1993 ist deshalb so überraschend, weil Aarau im Jahr zuvor fast abgestiegen wäre und überhaupt nur durch ein Wunder die Klasse hält. Der er aus Schaffhausen abgeworbene Coach Rolf Fringer verhindert den Absturz des Vereins, der in der Schweiz immer als „unabsteigbar“ angesehen wird.

Er formt aus dem Provinzverein eine Spitzenmannschaft, rund um Abwehrchef Mirko Pavlicevic und Roberto di Matteo, der später eine Weltkarriere macht, und Torjäger Petar Alexandrov.

Nach der Qualifikationsrunde belegt das Team 1993 zunächst nur Platz fünf, ehe in der Finalrunde in 14 Spielen neun Siege gelingen – bei nur einer Niederlage! Damit und dank der besten Offensive (21 Tore) verdrängt der Verein aus dem Aargau die Topmannschaften Genf und Young Boys Bern auf die folgenden Plätze.

„Es gibt kein Halten mehr. Es beginnt die erfolgreichste Zeit in der Geschichte des FC Aarau: Fünf Mal in Folge qualifiziert man sich für den Europacup. Lange her“, bilanziert die Aargauer Zeitung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Triumphs 2018, „deutlich weniger rosig ist die Realität. In den letzten Jahren tingelt der Verein immer wieder zwischen der 1. und 2. Liga hin und her.“ 2015 steigen die Aarauer mal wieder in die Zweitklassigkeit ab, wo sie in der Folgesaison einen 4. Platz belegen.Die Blackburn Rovers setzen in der dritten Saison der 1992 neu gegründeten englischen Premier League das erste Ausrufezeichen.

Sie werden der erste Underdog, der sich den neuen englischen Meisterpokal sichert – und das an einer Stätte, wo bis 1990 fast jährlich die Meisterpartys steigen, an der legendären Anfield Road in Liverpool.

Meistermacher ist einer, der genau weiß, wie es geht und der die Liverpooler Erfolgsstory mitgeprägt hat: Kenny Dalglish. Der Stahl-Magnat Jack Walker, der den Verein 1991 erworben hat, kann den Schotten in den Ewood Park holen.

 

Blackburn landet den Rekord-Transfer

Noch markanter sind Walkers Millionen-Transfers. Für die damalige britische Rekordsumme von umgerechnet 4,5 Mio. Euro holt er 1992 den Mittelstürmer Alan Shearer vom FC Southampton. Dazu kommen im gleichen Jahr die ebenfalls nicht zum Nulltarif wechselnden Graeme Le Saux vom FC Chelsea (1,05 Mio. Euro) und Flügelspieler Stuart Ripley vom FC Middlesbrough für 2 Mio. Euro. 1994 folgt der damals 21-jährige Stürmer Chris Sutton von Norwich City, für den man 7,5 Mio. Euro hinlegt. Sutton bildet mit Shearer fortan den SAS-Sturm („Shearer and Sutton“).

Blackburn avanciert dank dieser Millionentransfers innerhalb von drei Jahren vom Aufsteiger zum Spitzenteam. Die Krönung ist die überraschende Meisterschaft in der englischen Liga 1994/95. Dabei beginnt die Saison mit vielen Enttäuschungen. Die Rovers scheiden frühzeitig aus sämtlichen Pokalwettbewerben aus. Umso mehr konzentriert sich Blackburn auf die Liga und liefert sich dort einen Zweikampf mit dem Rekordmeister Manchester United. Mit zwei Punkten Vorsprung geht es in den letzten Spieltag.

Überraschend verlieren die Rovers mit 1:2 in Liverpool. Da aber Manchester bei West Ham United im Upton Park auch nur 1:1 spielt, sichert sich der Underdog erstmals seit 1914 den Titel in England. Überragender Akteur ist damals Stürmer Alan Shearer mit insgesamt 34 Saisontoren. Im Anschluss rutscht Blackburn aber direkt wieder in die unteren Ränge ab. Das Online-Fußballmagazin El Arte del Futbol würdigt Blackburn2019 als „den am wenigsten geschätzten Meister der Premier League.“

Mittlerweile ist der Verein als erster früherer Premier-League-Meister in die Drittklassigkeit abgestürzt. Denn die Rovers bleiben 2017 trotz eines 3:1 (2:0)-Erfolges beim FC Brentford am 46. und letzten Spieltag der Championship auf dem drittletzten Tabellenplatz, da der punktgleiche Konkurrent Nottingham Forest 3:0 (1:0) gegen Ipswich Town siegt. Zwar schaffen sie 2018 den direkten Wiederaufstieg in die Championship, doch vom Ruhm von 1995 ist nicht mehr viel übrig. Kein Meister der Premier League ist bisher in die 2. englische Liga oder noch tiefer abgestürzt – außer den Blackburn Rovers.Selbst in Frankreich geschehen Wunder – zumindest im Fußball. Solch eines schaffte der Racing Club Lens mit der Meisterschaft 1998. Ein Außenseiter, wie er kaum größer sein kann, holt den Titel im WM-Jahr.

Zehn Jahre zuvor kann der Verein den Abstieg gerade verhindern, ehe man doch den Weg in die Zweitklassigkeit antreten muss. Nach zwei Spielzeiten in Frankreichs Liga zwei schafft Lens den Aufstieg und kehrte zurück in die Ligue 1. Dort etablierte sich der RCL im oberen Tabellenfeld und nimmt zweimal in Folge am internationalen Wettbewerb teil.

Nach einem enttäuschenden 13. Platz 1997, scheint Lens wieder abzurutschen. Doch im Gegenteil. Der RC Lens spielt die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Im französischen Pokal wird das Finale erreicht und in der Liga springt sensationell die Meisterschaft heraus.

Diese ist ein Herzschlagfinale. Erst am letzten Spieltag mit dem 1:1 beim UEFA-Cup-Anwärter AJ Auxerre und nur dank des um fünf Treffer besseren Torverhältnisses gegenüber dem FC Metz holt Lens erstmals seit der Gründung 1906 den Titel in Frankreich. Dass dies gelingt, liegt wohl am Ende am überragenden Angriff. Der jugoslawische Nationalspieler Anton Drobnjak (14 Saisontreffer), Tony Vairelles (9 Buden) und der tschechische Mittelfeldspieler Vladimir Smicer (8 Tore) sorgen für 55 Saisontore. Das ist gemeinsam mit Auxerre die beste Tor-Ausbeute der Liga.

 

Der Meister stellt keinen französischen WM-Spieler

Erster Meilenstein ist der 3:2-Erfolg bei Olympique Marseille am vierten Spieltag mit drei Toren von Drobnjak gegen den deutschen WM-Torhüter Andreas Köpke. Der spätere BVB-Keeper Guillaume Warmuz hält für Lens noch einen Elfer von Laurent Blanc – es ist der erste von neun Auswärtssiegen für den Racing Club. Am 14. Spieltag trifft man zu Hause im Stade Felix Bollaert auf den Titelkonkurrenten FC Metz. Die Lothringer sind wie die „Lensois“ nicht eben ein Spitzenteam… es fällt keine Vorentscheidung, nur 1:1. Am 29. Spieltag geht es gegen das große PSG: Es endet in einer Blamage für den Hauptstadtklub. 3:0, unter den Torschützen sind Publikumsliebling Tony Vairelles, der Jahre später unvermutet unter Mordverdacht gerät, und der Kameruner Marc-Vivien Foé, der beim Confederations Cup 2003 in Frankreich auf dem Rasen des Stade de France in Paris verstirbt.

Im letzten Heimspiel gegen Bastia spielt sich die Mannschaft von Trainer Daniel Leclerq in einen Rausch: 5:1 mit drei Toren von Vairelles – und macht eine Woche später in Auxerre alles klar. In den Weltmeisterschaftskader der „Equipe Tricolore“ 1998 schafft es kurioserweise kein Spieler aus dem Team von Lens.In Deutschland unvergessen ist das Fußballmärchen vom 1.FC Kaiserlautern. Die „Roten Teufel“ schaffte einen Erfolg, der bis heute in der Bundesliga einmalig ist. 1998 wird der Verein unter Trainer Otto Rehhagel als Aufsteiger überraschend Deutscher Meister.

Rückblende: Nur zwei Jahre zuvor beendet ein 1:1 im direkten Duell bei Bayer Leverkusen am letzten Spieltag nach 33 Jahren die Ära des 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga. Die Bilder vom weinenden Andy Brehme an der Schulter seines Weltmeister-Kollegen Rudi Völler von Bayer Leverkusen sind legendär.

Die Pfälzer schaffen in ihrer ersten Saison in der 2. Bundesliga den sofortigen Wiederaufstieg und werden dann sensationell Meister. Am 9. Mai 1998 darf Brehme bei seinem Karriere-Ende in seiner Heimatstadt Hamburg mit den Kaiserslauterern die Meisterschale stemmen. Das 1:1 beim HSV ist der denkwürdige Schlusspunkt einer unvergesslichen Saison. „In der Pfalz gibt es kein Bier mehr, alles ist leer“, sagt der quirlige Brasilianer Ratinho bei RAN – SAT 1-Fußball mit Blick auf die mehreren zehntausend mitgereisten Fans.

Eine Woche zuvor bebt der „Betze“. Mit einem 4:0 (1:0)-Heimerfolg gegen Mitaufsteiger VfL Wolfsburg – diesen Fact wollen wir mal nicht unterschlagen – wird der FCK zum zweiten Mal nach 1991 Meister in der Bundesliga-Ära. Tore von Olaf Marschall (2), Martin Wagner und Jürgen Rische sorgen an diesem 2. Mai 1998 für unglaubliche Jubelszenen auf dem Betzenberg. So mancher jugendlicher Fan wird gar von Weinkrämpfen geschüttelt. Marschall verpasst mit 21 Saisontoren am Ende zwar knapp die Torjägerkrone, darf aber mit Deutschland zur WM. Mit 32.

Gleich am ersten Spieltag besiegen die Männer vom Betzenberg Bayern München auswärts und stehen ab Spieltag vier ununterbrochen an der Tabellenspitze. Für den Branchenprimus aus München fallen die beiden Spiele gegen den personell fast unverändert in die Saison gegangenen Aufsteiger in die Reihe „Hüte dich vor der Rache der Geschmähten, FC Bayern!“ Denn nur etwas mehr als eineinhalb Jahre vor dem 1:0-Erfolg im Münchner Olympiastadion am ersten Spieltag (Tor: Michael Schjönberg) haben die Bayern „König Otto“ mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Sie bringen ihn um den sicheren Triumph im UEFA-Cup, Franz Beckenbauer übernimmt für den geschassten Rehhagel, der bei den strengen Münchner Boulevardmedien keinen Stich bekommt. „Ich wollte nur ein Fußballspiel gewinnen“, betont Rehhagel am Abend des Triumphs bei den Bayern dann im ZDF-Sportstudio in Mainz… nehmen wir es dem Altmeister mal so ab.

 

Die einstigen Kartoffel-Kicker werden zum Liebling der Liga

Der FCK 1997/98, das ist nicht mehr der Hau-Ruck-und-wir-warten-auf-die-Nachspielzeit-Fußball der ersten Meisterschaft von 1991 unter Kalli Feldkamp. Rehhagels FCK, glänzend organisiert von Regisseur Ciriaco Sforza und mit den unermüdlichen Läufern Andy Buck und Wagner auf den Außenbahnen, setzt auch spielerische Glanzlichter. Wie beim 3:0 gegen den FC Schalke 04 am vierten und beim 4:3-Spektakel gegen den VfB Stuttgart am 6. Spieltag.

Erst am 16. Spieltag kassiert Lautern beim 1:2 in Wolfsburg seine erste Auswärtsniederlage. Zu Hause im Fritz-Walter-Stadion düpiert Werder Bremen die „Roten Teufel“ am 8. Spieltag – 3:1. Am Betzenberg holen die Pfälzer am 18. Spieltag zum großen Schlag aus: 2:0 im Rückspiel gegen die Bayern und nun sieben Punkte vor den Münchnern. Die Trapattoni-Bayern spielen so, wie der italienische Maestro es in seiner legendären Wutrede im März 1998 radebrechend formuliert: „Schwach wie eine Flasche leer!“ Aber: Die so angestachelten Bayern kämpfen sich bis zum 32. Spieltag bis auf einen Punkt ran – bei besserer Tordifferenz. Erst ein 0:0 des FC Bayern in Duisburg und Lauterns Urknall gegen Wolfsburg machen die Sensation perfekt. Als Aufsteiger Deutscher Meister – Andy Buck hat es früh gespürt, wie er in einem Kicker-Interview verrät. „Das war am 23. Spieltag, als wir in Stuttgart 1:0 siegten und die Bayern gleichzeitig in Berlin unterlagen. Da schoss mir erstmals der Gedanke durch den Kopf: Mensch, es ist sogar mehr möglich als die UEFFA-Cup-Teilnahme“, so der Schwabe.

„Dieser Titel ist deshalb spektakulär“, philosophiert Otto Rehhagel im Sommer 1998 im Kicker-Special Finale 1997/98, „weil wir aus der Zweiten Liga durchmarschiert sind und über zwei Jahre fast ununterbrochen Tabellenführer gewesen sind. Das unterscheidet sich schon gewaltig von den Meisterschaften mit Bremen 1988 und 1993, denn da gehörte der SV Werder schon vor der Saison dem Kreis der Titelanwärter an.“ 20 Jahre später treffen sich die Helden von `98 zum Jubiläumsspiel. Voller Melancholie, denn seit 2012 ist der FC Kaiserslautern durchgehend in der 2.Bundesliga zu finden. Damit ist 2018 Schluss. Es wartet die 3. Liga – und finanziell steht der Sensationsmeister von einst vor einer düsteren Zukunft.Seit vielen Jahrzenten dominierten in Serbien die Vereine von Partizan und Roter Stern Belgrad die Liga.

Doch 1998 schafft der FK Obilic in dem vom Bürgerkrieg ausgebluteten Land als Aufsteiger überraschenderweise auf Anhieb den Meistertitel. Allerdings ist dieses Kunststück nicht ohne kritische Stimmen.

Denn der Vorteil damals ist, dass der Verein im Gegensatz zu den anderen Vereinen viel Geld hat, was vermutlich aus Kriegsbeute und Blutgeld stammt. Zusammengerafft von einem, der als „Arkan, der Tiger“ zu den meist gehassten Figuren des jugoslawischen Bürgerkriegs gehört: Zeljko Raznatovic († 2000). Der „Psycho mit dem Babyface“, wie ihn eine History-Dokumentation tituliert, hat schon lange vor dem Krieg den jugoslawischen Fußball kriminalisiert.

Zunächst sieht alles ganz legal aus. Er gründet in Belgrad eine Firma, welche die ausschließlichen Rechte für die Vermarktung von Fanartikeln des populärsten jugoslawischen Fußballklubs Roter Stern Belgrad erhielt. 1989 wird er Vorsitzender des Fanclubs der Delije, einem als nationalserbisch bekannten Fußballklub. Für diese Funktionen hat er politische Protektion des mächtigen serbischen Politikers Slobodan Milosevic.

 

Ein Klub als Geldwasch-Anlage

„Arkan“ ist in der Fanszene des Fußballklubs tätig und setzt seine ihm ergebenen Hooligans für politisch motivierte Aktionen ein. Wie im Mai 1990, bei den schlimmen Ausschreitungen im Stadion Maksimir gegen das kroatische Team Dinamo Zagreb. Ein Vorbote des fünf Jahre anhaltenden Bürgerkriegs, der 1992 dazu führt, dass Jugoslawien nicht an der EURO in Schweden teilnehmen darf.

Mit seiner serbischen Freiwilligen-Garde „Arkans Tigers“, die sich ebenfalls aus Hooligans rekrutiert haben soll, zieht Raznatovic während des Krieges eine blutige Spur durch drei jugoslawische Teil-Republiken. Mit Hilfe seines im Krieg und durch seine mannigfachen kriminellen Aktivitäten erlangten Vermögens erwirbt Ražnatović den Belgrader Fußballklub FK Obilić, den er auch zur Geldwäsche nutzt. Die Auswärtsspiele seines Teams in den europäischen Wettbewerben, unter anderem im August 1998 in München, kann er nicht besuchen, da er aufgrund des vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal ausgestellten Haftbefehls im Ausland mit seiner Verhaftung rechnen muss. Unter Raznatovic gelingt dem FK Obilic 1998 als Aufsteiger der Gewinn der serbischen Meisterschaft.

„Seinen wundersamen Aufstieg verdankt der FK Obilic einem Mann, dessen Name für die Brutalität des Bosnien-Krieges steht: Zeljko Raznatovic, genannt Arkan („Raubkatze“) – ehemaliger Tschetnik-Führer, international gesucht wegen Schutzgelderpressung, Raub und Drogenhandels“, schreibt DIE WELT am 12. August 1998 über den serbischen Emporkömmling, „angeblich steht er als mutmaßlicher Kriegsverbrecher auf einer geheimen Fahndungsliste des Haager Tribunals.“ Und nicht nur dort. Raznatovic haben noch ganz andere Leute auf der Liste. Am 15. Januar 2000 wird „Arkan“ nebst zwei Leibwächtern in der Lobby des Hotels Intercontinental in Belgrad von vier Männern regelrecht hingerichtet. Den Absturz seines Vereins, den man 2002 zum letzten Mal im UEFA Intertoto-Cup sieht und der1998/99 die Champions-League-Gruppenphase durch ein 1:5 in der Addition gegen den FC Bayern München verpasst, erlebt der zweifelhafte Gönner nicht mehr mit. Heute ist der FK Obilic in der Versenkung verschwunden. In der Saison 2019/2020 spielt er in der 7. Liga Serbiens. Die offizielle Webadresse steht zum Verkauf.Spanien kann auch Fußball-Wunder. Deportivo La Coruna wird vielen Fans inzwischen kein Begriff sein, denn sie spielen in der Primera Division eher eine untergeordnete Rolle. Aber in der Saison 1999/2000 sieht das ganz anders aus.

2000 feiert der Verein seine bisher einzige spanische Meisterschaft und setzt sich gegen sämtliche Topteams durch. Ein Erfolgsfaktor dafür ist mit Sicherheit auch der spätere Bayern-Stürmer Roy Makaay, der in dieser Saison neu bei den Spaniern ist und gleich mal 22 Treffer anlegt. Bis zu seinem Wechsel an die Isar (2003) wird der Holländer in 133 Liga-Spielen 79 Tore markieren.

Mit fünf Punkten Vorsprung setzt sich La Coruna am Ende vor dem Vorjahressieger FC Barcelona durch. Und das, obwohl sich das Team aus dem Estadio Riazor in der Defensive anfällig erweist. 44 Gegentreffer sind die meisten im Spitzentrio mit „Barca“ und dem FC Valencia. Ebenfalls bemerkenswert sind elf Auswärtsniederlagen und nur fünf Siege in fremden Stadien.

Aber: Im Riazor ist La Coruna eine Macht. Die beiden Titel-Konkurrenten aus Barcelona (2:1) und Valencia (2:0) werden dort ebenso geschlagen wie das große Real Madrid (5:2), das am Ende nur auf Rang fünf der Tabelle steht.

 

Der vielleicht ungewöhnlichste Millenniums-Meister in Europas Top-Ligen

Prunkstück der Mannschaft von Trainer Javier Irureta ist eindeutig das Mittelfeld mit dem brasilianischen Weltmeister Mauro Silva, dessen Landsmann Flavio Conceicao, Deportivo-Klublegende und Teamkapitän Fran (550 Liga-Spiele zwischen 1988 und 2005) und Victor Sanchez.

Der Gewinn der Meisterschaft 2000, die in Spanien als „El Centenariazo“ firmiert, ist für den Klub von der Atlantikküste etwas ganz Besonderes. Millenniums-Meister, diesen Titel will jeder Topverein holen! In anderen europäischen Top-Ligen übernehmen die Arrivierten diesen Job, wie Bayern München in der Bundesliga oder in England Manchester United. Nicht so in Spanien. Am Ende triumphiert mit La Coruna (250.000 Einwohner) die zweitkleinste Stadt nach San Sebastian (180.000), die je in Spanien einen Meistertitel feiern darf. (Stand: April 2020). „Die Fußball-Hauptstädte Barcelona und Madrid wurden von einem Provinzklub gedemütigt“, stellt das Portal thesefootballtimes.co fest, „ein Triumph der De-Zentralisierung.“

In den nächsten Jahren wird der Verein sogar noch zwei Mal Vize-Meister und zwei Mal Dritter, bevor es dann stetig bergab geht. Am Ende der Saison 2010/2011 muss der einst so stolze Millenniums-Meister Spaniens in die zweite Liga.Dass der Meister in Portugal aus Porto oder Lissabon kommt, ist jetzt nicht sonderlich überraschend. Doch 2001 kommt es dann zu einer Sensation, denn bis dato heißen die Sieger Sporting oder Benfica Lissabon oder FC Porto.

Auf einmal holt der kleine aufmüpfige Verein Boavista Porto die Meisterschaft und ärgert damit die großen Drei. Das Erfolgsrezept ist damals zum einen die gute Defensive und zum anderen die Heimstärke.

Im kleinen, bis zum Umbau für die EURO 2004 in Portugal schlecht ausgeleuchteten Estadio do Bessa Seculo XXI. ärgert man die Großen. Boavista verliert nur ein Spiel im eigenen Stadion, 1:2 gegen Sporting Braga. Die Offensive gewinnt die Spiele, die Defensive die Titel. Nur 22 Gegentore machen Boavista zur besten Abwehr der portugiesischen Liga 2000/2001 und zum Meister.

 

Boavistas Star kennt man auch in Deutschland

Im Mittelfeld der Mannschaft von Trainer Jaime Pacheco gefällt einer, der 2002 von Benfica Lissabon abgeworben wird und später beim 1. FC Köln Kultstatus erlangt: Es ist der Portugiese Petit, der in 26 Liga-Einsätzen drei Tore zum Meisterstück beisteuert. Sicherer Rückhalt ist der 2001 erstmals in die portugiesische Nationalmannschaft berufene Torhüter Ricardo.

Wie schwer es ist, bei dem wesentlich weniger bekannten Klub aus Porto zu bestehen, erleben vor und nach dem Meisterjahr auch deutsche Spitzenteams. Borussia Dortmund verliert 2001 und 1999 jeweils in der Champions-League-Gruppenphase bei Boavista (1:2 und 0:1) – und ist raus. Hertha BSC verspielt 2002/2003 im UEFA-Cup-Achtelfinale den 1:0-Hinspielsieg – 2:3. Am Ende steht für Boavista mit dem Erreichen des Halbfinales (1:1 und 0:1 gegen Celtic Glasgow) der größte internationale Erfolg.

Aktuell kämpft Boavista nach dem Zwangsabstieg 2008 – „Beeinflussung von Schiedsrichtern“ lautet der böse Vorwurf – und dem Wiederaufstieg 2014 in die höchste Spielklasse regelmäßig entweder gegen den Abstieg oder versucht, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. Es geht auf und ab. In der portugiesischen Liga NOS steht man im Frühjahr 2020 auf Rang elf.Es ist der 17. Mai 2004. Der Grazer AK ist zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte österreichischer Fußball-Meister. Durch ein 1:1 im heimischen Arnold-Schwarzenegger-Stadion gegen den SV Pasching ist den „Athletikern“ nach dem 35. und vorletzten Spieltag der Titel nicht mehr zu nehmen.

Titelverteidiger Austria Wien hat zeitgleich beim SV Mattersburg mit 1:4 gepatzt. Der GAK hat auf dem Weg zum Titel nur sechs Spiele verloren – niedrigster Wert in der Liga – und stellt mit Roland Kollmann (27 Treffer) den besten Torjäger der Saison 2003/2004.

„Ich muss das erst einmal realisieren, ich habe das noch nicht verarbeitet. Lediglich ein Freudegefühl kommt in mir auf, ich muss einmal zwei Nächte darüber schlafen, um ein gescheites Interview geben zu können“, jubelt GAK-Trainer Walter „Schoko“ Schachner, den die begeisterten Fans auf den Schultern vom Platz tragen, hinterher, „die Nervosität war zu diesem Zeitpunkt sehr groß.“

Klub-Präsident Rudi Roth bemüht gar höhere Mächte: „Ein Traum ist wahr geworden. Mein Dank geht an den Herrgott, an Schachner, an die Mannschaft und an die Fans.“ Abwehrchef Emanuel „Mad Dog“ Pogatetz trägt sich schon in der Stunde des Erfolges mit anderen Gedanken: „Der GAK wird bereit sein, eine Ablösesumme an Leverkusen zu zahlen. Aber wenn mich Leverkusen-Trainer Augenthaler unbedingt will, werde ich die Chance wahr nehmen.“

 

Der Grazer AK holt auch das „Double“

Der Linksverteidiger, 2001 von Bayer Leverkusen verpflichtet, ist nur auf Leihbasis in Graz, wird aber erst im März 2005 an den Rhein zurückkehren. Allerdings als österreichischer Double-Sieger, denn der GAK holt sich am 23. Mai 2004 in Wals-Siezenheim durch ein 5:4 im Elfmeterschießen gegen Vizemeister Austria Wien auch den ÖFB-Pokal.

Wals-Siezenheim. Hier ist im März 2003 ein neues Stadion eröffnet worden, das schon sehr bald dem neuen Branchenriesen des österreichischen Fußballs Heimstatt sein wird. Mit dem Einstieg des Getränke-Giganten Red Bull im April 2005 als 100-prozentiger Anteilsnehmer der Salzburg Sport AG des SV Austria Salzburg beginnt ein neues Fußball-Kapitel in der Alpenrepublik.

Der Grazer AK scheitert 2004 in den Qualifikationsspielen zur Champions League zwar am großen FC Liverpool, doch der Titel-Triumph wird bereits wenige Jahre später nicht hoch genug einzuschätzen sein. Schon 2006 werden die „Roten Bullen“, die ähnlich wie ab 2016 in Deutschland RB Leipzig die Fußballfans des Landes in Hater und Bewunderer spalten, als Vizemeister hinter Austria Wien ihre Führungsansprüche anmelden. Ab 2007 platziert sich Red Bull Salzburg als Abonnement-Meister Österreichs und betoniert die Liga. Für Meisterwunder wie das vom GAK ist wenig Spielraum…Einen Meister wie den VfB Stuttgart in der Saison 2006/2007 hat die Fußball-Bundesliga selten gesehen.

„Das Wunder von Stuttgart: Der Nicht-Titel-Tipp VfB Stuttgart ist Deutscher Meister. Wie konnte das geschehen?“, schreibt der Münchner Merkur, „die Macher sind ein ehemaliger Spieler des TSV 1860 – und ein früherer Praktikant der Münchner Löwen.“

Beim Tabellenneunten der Vorsaison rechnen viele Skeptiker mit dem gleichen Lauf der Dinge wie unter den letzten beiden Trainern Giovanni Trapattoni und Matthias Sammer, die beide nicht länger als jeweils ein Jahr im Amt bleiben. Der Start geht schon mal gründlich daneben: 0:3 gegen den 1. FC Nürnberg, der den Schwaben auch im Pokalfinale eine Niederlage zufügen wird, und damit Tabellenletzter. Umgekehrt wird man am letzten Spieltag auf Rang eins stehen. Schwäbische Logik.

 

VfB-Coach als Favorit auf den ersten Rauswurf

Aber: Trainer Armin Veh gilt schon nach den erste 90 Saisonminuten als Kandidat auf die erste Entlassung der Saison. Doch mitnichten! Am neunten Spieltag bezwingen die Schwaben den späteren Titel-Konkurrenten FC Schalke 04, der am 26. Spieltag und nach dem 1:0 im Rückspiel mit sieben Punkten vorn ist. Zum Zeitpunkt des Heimsieges gegen S04 ist der VfB, der die jüngste Mannschaft der Liga stellt, schon auf Rang vier. Tiefer wird es in dieser Saison nicht mehr gehen. Aber höher.

Die „jungen Wilden“, die sich 2003 als Vizemeister hinter den Bayern in die Herzen der Fans im Ländle und in ganz Fußball-Deutschland gespielt haben, mit Spielern wie Andreas Beck, Mario Gomez, Timo Hildebrand, Serdar Tasci und Sami Khedira, liefern ihr Meisterstück. Das 0:1 auf Schalke ist der letzte Punktverlust und ein hochdramatisches 3:2 beim VfL Bochum und gleichzeitiger Niederlage der Schalker beim Erzrivalen Borussia Dortmund (0:2 / „Nur gucken, nicht anfassen“) bringt das Team aus der Autobauerstadt am 33. Spieltag auf den Fahrersitz. Ein Sieg im Heimspiel gegen Energie Cottbus – und der VfB Stuttgart ist zum dritten Mal nach 1984 und 1992 Meister in der Bundesliga. Mit 2:1 gewinnt man gegen das Team aus der Lausitz, stürzt Schalke ins Tal der Tränen und feiert mit hunderttausenden von Fans bei hochsommerlichen Temperaturen mit Live-Musik von den Fantastischen Vier eines der kuriosesten Meisterstücke der Liga-Historie.

Meistertrainer Armin Veh und Manager Horst Heldt können besonders stolz sein. Veh, in Stuttgart anfangs als „Übergangslösung“ gehandelt, hat es allen Kritikern gezeigt. 1995 als Praktikant vom FC Bayern München und Otto Rehhagel schnöde und ohne Antwortschreiben abgelehnt, ist der Augsburger nun Meistertrainer. FC Bayern, hüte dich vor der Rache der Geschmähten… Und Horst Heldt? Von Trapattoni nicht mehr berücksichtigt, erweist sich die erste Amtshandlung des neuen VfB-Managers, den zuvor bei Hansa Rostock gescheiterten Veh als Nachfolger zu holen, als Glücksgriff. „Bis auf den ersten Spieltag hatten wir die ganze Saison Spaß“, sagt Heldt.Zwei Stunden, mehr nicht. Exakt diese Zeitspanne lässt Mintimer Schaimijew dem siegestrunkenen Meisterteam von Rubin Kasan, um ins Flugzeug zu steigen und zur Audienz in die mehr als 700 Kilometer entfernte Heimat zu fliegen.

120 Minuten zuvor hat die Mannschaft aus der autonomen Republik Tatarstan die größte Sensation in der 2001 novellierten russischen Premjer-Liga geschafft. Mit einem 2:1-Erfolg bei Saturn Ramenskoje mit dem deutschen Trainer Jürgen Röber hat Rubin Kasan am drittletzten Spieltag, an diesem 2. November 2008 die Meisterschaft klar gemacht.

Auf dem Platz tanzen die Spieler von Trainer Gurban Berdiýew, der den Verein erst 2002 in die russische Fußball-Eliteliga geführt hat, mit landestypischen Mützen, den so genannten goldenen Tjubeteikas, den Meistertanz. In der Kabine gibt es ein eiliges Glas Champagner, dann duschen und ohne Check-in oder Sicherheitskontrollen am Flughafen ab zum Verwaltungschef Tatarstans. Einen Mann wie ihn lässt man nicht warten.

Schaimijew führt die Stadt am Zusammenfluss von Wolga und Kasanka wie ein Gutsherr. Sein Konterfei hängt, wie unter den Kommunisten, in jeder Amtsstube. In den 90er-Jahren hat er den Klub nach dem Ausstieg seines Hauptsponsors kurzerhand verstaatlicht.

 

„Gott sind für ihn die Dollar-Noten“

Autoritär und als Sportdirektor sein eigener Chef, dirigiert Trainer Berdijeew, seit 2001 im Amt, das Team. Es gibt nicht wenige Spieler, die vor seiner Art von Menschenführung die Flucht ergriffen haben. Wie der 55-fache russische Nationalspieler Roman Schirokow, der im Meisterjahr schon für Zenit St. Petersburg spielt. „Entlassen kann sich Berdijew nur selbst“, glaubt Schirokow, „er ruft ständig Allah akbar, Allah ist groß. Aber eigentlich ist Gott für ihn Mister Franklin  auf der 100-Dollar-Note.“ Berdijew und sein Team umgibt ein Gewirr von Gerüchten um angebliche Korruption und finsterste Machenschaften. Dass Sportdirektor Rustem Saimanow ein Jahr vor dem Meisterstück auf dem Trainingsgelände als mutmaßlicher Auftraggeber von vier Mafia-Morden verhaftet wird, passt so gar nicht in die heile Tataren-Welt, wo das Team artig zum Empfang beim Landeschef kommt und die Hostessen in Tracht an der Gangway stehen.

Es ist die Stunde der großen Gesten. „Yes we can“, steht auf der Baseballkappe von Coach Berdijew. Eine Reminiszenz an den Wahlspruch des im gleichen Jahr ins Weiße Haus eingezogenen US-Präsidenten Barack Obama. „Wir werden für Überraschungen sorgen“, verspricht Berdijew für die erste Champions-League-Saison 2009. Und er wird Recht behalten. In einer Gruppe mit dem späteren Sieger Inter Mailand, dem FC Barcelona und dem ukrainischen Rivalen Dynamo Kiew belegt Rubin Platz drei. Absolute Highlights sind die beiden Spiele gegen „Barca“. Am 20. Oktober 2009 überrumpelte Rubin Kasan im Estadio Camp Nou den Titelverteidiger aus Barcelona…

2009 kann Kasan seinen Meistertitel verteidigen und auch vom Fußball-Boom zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland profitiert die märchenhaft-verspielt wirkende Stadt. Kasan erhält als sechstgrößte russische Stadt bei der WM-Endrunde insgesamt sechs Spiele. Nicht ohne Sensationscharakter: Am 27. Juni 2018 sorgt das bereits aus dem Turnier ausgeschiedene Südkorea beim 2:0 in Kasan für das historische Vorrunden-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Der VfL Wolfsburg holt 2009 im letzten, wirklich spannenden Saisonfinale am letzten Spieltag die Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga. Bis es wieder soweit sein wird, dass ein Deutscher Meister am 34. Spieltag gekürt wird, dauert es bis 2019. Eine ganze Dekade. Das wertet den Triumph der Magath-Elf auf.

Es ist die erste und bislang einzige deutsche Meisterschaft für den VfL Wolfsburg. Die „Wölfe“ mutieren in ihrer Meistersaison zur Tor-Maschine. Sie erzielen 80 Saisontreffer. Der letzte Deutsche Meister vor ihnen, der 80 oder mehr Tore erzielt, ist 1985/86 der FC Bayern München. 54 Treffer gehen dabei auf das Konto des überragenden Sturm-Duos der Wolfsburger, Edin Dzeko und Grafite.

Der bullige Brasilianer holt sich mit 28 Treffern die Torjägerkanone der Saison 2008/2009 und übertrumpft mit dem um zwei Buden schlechteren Bosnier einen Uralt-Rekord der Liga, die 53 Saisontore von Gerd Müller und Uli Hoeneß beim FC Bayern in der Meister-Saison 1971/72. „Vor dem letzten Spieltag wurden wir von Journalisten immer wieder auf Gerd Müller und Uli Hoeneß angesprochen“, erinnert sich Edin Dzeko im Sommer 2009 in einem Kicker-Interview, „natürlich wussten wir, dass sie einst zusammen 53 Tore erzielt hatten und wir beide waren uns auch im klaren darüber, dass wir diese Marke knacken konnten.“ Bester Vorlagengeber im Team ist ein gebürtiger Münchner. Zvjezdan „Zwetschge“ Misimovic bereitet insgesamt 20 VfL-Wolfsburg. Der Schweizer Nationaltorhüter Diego Benaglio bleibt in 298 Minuten und insgesamt elf Spielen ohne Gegentor. Vier Spiele gewinnt Wolfsburg nach Rückstand und stellt mit dem höchsten Saisonsieg, dem 5:0-Auswärtserfolg bei Hannover 96 am 33. Spieltag die Weichen auf Sensation.

Wolfsburg landet schließlich mit einem 5:1 (3:1)-Erfolg gegen Werder Bremen den größten Meister-Coup im deutschen Fußball nach Lautern 1998 und Eintracht Braunschweig 1967. Mit kurzem Anlauf. Als nach zwei desaströsen Jahren in der Bundesliga mit dem 15. Platz 2007 Felix Magath kommt, geht es mit den „Wölfen“ steil bergauf. Erst ein guter fünfter Rang und dann sogar die Meisterschale. Seitdem ist der Verein fast immer auf den internationalen Plätzen vertreten. 2015 schaffen es die Wölfe sogar Vize-Meister zu werden, mehr ist seitdem aber nicht mehr drin, bzw. „war seitdem nicht mehr drin gewesen“, wie Felix Magath sagen würde…

 

Magaths stille Rache an den Bayern

Der Erfolg damals wird vor allem dem Trainer Magath zugesprochen, der eine Mischung zwischen erfahrenen und jungen Spielern findet. Noch spektakulärer mutet der Triumph an, weil Wolfsburg nach der Hinrunde noch auf Platz neun liegt und in der Rückrunde richtig explodiert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist auch der 5:1-Erfolg gegen den Verfolger FC Bayern München am 26. Spieltag mit einem unfassbaren Hacken-Tor von Grafite. Magath selbst setzt auch einen Nadelstich gegen seinen Ex-Klub: In der 89. Minute demütigt er die Münchner, in dem er Ersatztorhüter André Lenz für Benaglio einwechselt… Wieder gilt: FC Bayern, hüte dich vor der Rache der Geschmähten! Übrigens: Der VfL Wolfsburg trägt sich als erster Verein nach 39 Jahren neu in die Liste der Deutschen Meister ein.

„Wolfsburg wird Meister“, gibt VfL-Trainer Felix Magath nach dem Spiel in Hannover im Sky-Arena-Talk das Orakel. Ausgerechnet Magath! Sein doppeltes „Double“ aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg 2005 und 2006 ist den gestrengen Machern beim FC Bayern München nicht genug. Im Januar 2007 muss Magath gehen.

In der Autostadt findet der Europameister von 1980 eine neue Aufgabe. „Magath hat in Wolfsburg alle Machtbefugnisse bekommen und sehr viel Geld, das darf man nicht vergessen“, mahnt Reporterlegende Fritz von Thurn und Taxis vor dem Meisterstück am 23. Mai 2009, „es wurde für rund 60 Millionen Euro investiert und das war genau das, was er sich gewünscht hat: Die Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenstellen.“Feierbiest sei Dank! Am 19. April 2009 wird AZ Alkmaar erstmals nach 28-jähriger Abstinenz wieder niederländischer Fußballmeister.

Drei Spieltage vor dem Saisonende liegt die Mannschaft des ehemaligen „Barca“- und Bondscoach Aloysius Paulus Maria „Louis“ van Gaal uneinholbar mit elf Punkten Vorsprung vor Ajax Amsterdam auf Rang eins der holländischen Eredivisie.

Ein Erfolg, der ganz im Stile von Van Gaal („Ich bin ein Feierbiest“) zelebriert wird. Mit bengalischen Feuern bejubeln die Fans ihr Team, als es auf Booten durch die Grachten der etwas mehr als 100.000-Einwohner-Stadt in der Provinz Noord-Holland fährt und stolz die Meisterschale präsentiert. Im selben Jahr als Wolfsburg in der Bundesliga überrascht, hat sich in dieser Saison 2008/2009 auch in den Niederlanden eine Sensation abgespielt. Nach einer enttäuschenden Spielzeit mit dem elften Platz will der eigenwillige Coach Louis van Gaal, ewig auf Kriegsfuß mit den Journalisten („Die meisten von ihnen haben keine Ahnung von Fußball“) bei Alkmaar eigentlich schon aufhören.

Dass man die ersten beiden Saisonspiele verliert, ist nicht gerade stimmungsfördernd. Dann aber leitet ein 1:0 gegen den PSV Eindhoven am dritten Spieltag die Wende ein.

 

„Erfrischend für den gesamten holländischen Fußball“

Alkmaar bleibt in den folgenden 28 Spielen ungeschlagen, kassiert in 10 Partien in Serie kein Gegentor und holt die erst zweite Meisterschaft seiner Vereinsgeschichte. Damit endet die 28-jährige Herrschaft von dem Trio Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven oder Feyenoord Rotterdam an der Spitze. Beim letzten Meistertriumph von AZ steht man 1981 auch im UEFA-Cup-Finale gegen Ipswich Town aus England.

„AZ hatte einen richtigen Lauf“, erinnert sich Henk Kesler, Boss des niederländischen Fußballverbands an Alkmaars Meistersaison, „der Erfolg des so genannten Außenseiters war erfrischen für den gesamten holländischen Fuß ball.“ Berufs-Underdog ist Van Gaals Team nicht.

Der Coach und seine Spieler nutzen die Meisterschaft mit AZ Alkmaar, um sich international ins Schaufenster zu stellen. Van Gaal wechselt nach der Meistersaison zum FC Bayern München, wo er 2010 erster niederländischer Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte wird. Niklas Moisander (Werder Bremen) und Ragnar Klavan (FC Augsburg) wirken ab 2012 ebenfalls in der Bundesliga. AZ-Stürmer Mounir El Hamdaoui, mit 23 Toren Schützenkönig der niederländischen Eredivisie 2008/2009, zieht es 2010 zu Ajax Amsterdam. Torhüter Sergio Romero kann Alkmaar bis zu seinem Wechsel 2011 (Sampdoria Genua) halten, ebenso wie den Italiener Graziano Pelle, der sich im gleichen Jahr dem FC Parma anschließt.Die türkische Liga wird normalerweise von drei Vereinen aus Istanbul dominiert, die den Titel unter sich ausmachen: Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas.

Einzig und allein Bursaspor schafft es, seit 1984 für Abwechslung zu sorgen. In der Saison 2009/2010 gewinnen die Grün-Weißen überraschend die türkische Meisterschaft. Trabzonspor hat zuletzt 1983/84 als bis dahin einziger Verein die Phalanx der Istanbuler Vereine durchbrochen.

Dass dies nun auch der Mannschaft von Trainer Ertugrul Saglam gelingt, liegt an einem Patzer von Fenerbahce mit dem deutschen Trainer Christoph Daum am letzten Spieltag und einem Sieg von Bursaspor gegen Besiktas.

 

Der Tag, der Bursa veränderte…

„Der 16. Mai 2010 hat das Leben in Bursa verändert“, schreibt SPORT BILD-Ikone Torsten Rumpf im Sommer 2010, „mehrere Zehntausend Fans feierten zwei Tage lang ausgiebig die erste Meisterschaft von Bursaspor Kuluübü in der türkischen Süper Lig. Eine Sensation.“

Eine reguläre Meisterehrung ist im Bursa-Atatürk-Stadion gar nicht möglich, weil die euphorisierten Fans den Platz gestürmt haben. Kapitän Ömer Erdogan erhält die Meistertrophäe somit erst später, auf dem Doppeldecker-Bus, der das Siegerteam durch die 1,4 Millionen Einwohner-Stadt in der Westtürkei fährt.

Mit einem vergleichsweise geringen Budget von nur 8 Millionen Euro hat Bursa das Titelrennen gegen das Istanbul-Trio aufgenommen – und gewonnen. Große Stars sucht man in der Mannschaft von Ertugrul Saglam vergebens. Bester Torschütze wird Ali Tandogan mit zwölf Saisontreffern. Der Stürmer bleibt allerdings nur Insidern des türkischen Fußballs ein Begriff, macht er doch nur ein einziges Länderspiel. Aber: Auch die Jahre nach der Titel-Sensation hält sich der Verein im oberen Drittel der Tabelle auf. An die Magie des 16. Mai 2010 kommt man in Bursa allerdings nie mehr heran. Der Titel blieb allerdings bis heute der einzige des Klubs, danach dominieren wieder die Vereine aus Istanbul die Liga.Marius Stan merkt man den Stolz an, als er vor dem Champions-League-Spiel gegen Manchester United mit dem Kamerateam des offiziellen TV-Magazins der UEFA einem Rundgang durch das kleine Stadion von Otelul Galati macht.

„Manchester United feiert 25 Jahre mit Sir Alex Ferguson, wir feiern 25 Wochen dieses Flutlicht“, scherzt der Präsident des vermutlich größten Überraschungsmeisters aus Rumänien vor dem Champions-League-Auswärtsmatch am 2. November 2011 im Old Trafford bei den „Red Devils“.

Der Klub hat sich nach dem sensationellen Titelgewinn eine Flutlichtanlage für sein nur 13.900 Zuschauern Platz bietendes Stadion Otelul (Dt.: Stahl) gegönnt. Dass man die Champions-League-Gruppenspiele im rund 240 Kilometer südwestlich gelegenen Nationalstadion in der rumänischen Hauptstadt Bukarest austragen muss, ist schon vor dieser Anschaffung klar. Otelul Galati ist einer von vier Klubs aus der rumänischen Liga 1, der ohne Flutlichtanlage auskommen muss.

Aber: Die „Stahlwerker“ blamieren die Hauptstadt-Klubs Rapid, Steaua oder Dinamo Bukarest und den aufstrebenden CFR Cluj zuvor in der Meisterschafts-Saison 2010/2011 auch bei Tageslicht.

 

Auf dem „Mount Everest“ des Fußballs

Vater des Fußball-Wunders aus Ost-Rumänien ist ein alter Bekannter aus der Bundesliga: Der ehemalige Profi vom 1. FC Köln und vom VfL Wolfsburg, Dorinel Munteanu. Er führt Otelul zum größten Erfolg in der Vereinsgeschichte, predigt die Tugenden, die er in Deutschland verinnerlicht hat: Bescheidenheit, Disziplin, Teamgeist. „Der Schlüssel ist Kontinuität, Stabilität und harte Arbeit“, so Munteanu. Damit und mit echtem Minimalistenfußball – Galati erzielt in 34 Meisterschaftsspielen nur 46 Tore und hat keinen Spieler unter den Top Vier der Torjägerliste – verblüfft er die Liga. „Zu sagen, dass Otelul Galatatis Marsch an die Tabellenspitze in Rumänien ein Schock war, ist noch untertrieben“, kommentiert Bukarest-Korrespondent Paul-Daniel Zaharia bei uefa.com. Perfekt wird der Meistercoup am vorletzten Spieltag mit einem 2:1 gegen Poli Timisoara. Marius Pesa erzielt das historische Meistertor. Am Ende liegt man vier Punkte vor dem international jetzt auch nicht Kneipen füllenden FC Vaslui – und zieht dank der UEFA-Fünfjahreswertung direkt in die Champions League ein. „Das ist der Mount Everest des Fußballs“, glaubt FCO-Kapitän Sergiu Costin. „Für uns ist es surreal, gegen die größten Teams Europas zu spielen“, sagt Klubsprecher Danut Lungu.

Munteanus Meisterteam ist eingespielt. Der Kern der Mannschaft ist seit fünf Jahren zusammen. Insgesamt 15 Spieler aus seinem Meisterkader sind seit der Jugend im Verein. Nach der Finanzkrise Jahre nur ein Jahr zuvor ist der Coup der Mannschaft von den Ufern des Danube alles, aber nicht vorhersehbar.

Mit einem Mini-Budget von 3,3 Millionen Euro und vornehmlich ablösefrei geholten Neuzugängen jongliert Klubchef Marius Stan Otelul Galati zum Meistercoup. Er hat eine eigenartige Philosophie. „Ich kann ihnen versichern, dass Fußball bei mir an erster Stelle kommt, noch vor der Familie. Der Witz ist, dass erst meine dritte Frau das verstanden hat…“In der französischen Liga gibt es seit dem Einstieg eines Konsortiums aus dem Golfstaat Katar vor allem einen dominierenden Verein: Paris Saint Germain. Der Hauptstadtklub hat (bis 2019) und seit 2012 sechs von sieben möglichen Meisterschaftstiteln gewonnen.

Davor schafft es 2012 überraschend der HSC Montpellier bis ganz an die Spitze. Es scheint die Ligue1 in Frankreich auszuzeichnen, dass nach der goldenen Ära von Olympique Lyon (2002 bis 2008) jedes Jahr der Meister wechselt. Girondins Bordeaux beendet 2009 die Vorherrschaft der „Lyonnais“, Marseille gibt 2010 ein Meister-Comeback, der OSC Lille überrascht 2011.

Dann probt Montpellier den Gipfelsturm. Erst 2009 ist der Verein aus Südfrankreich in die Ligue 1 aufgestiegen. 2011 kämpft der HSC sogar gegen den Abstieg und nur ein Jahr darauf gibt es dann die Sensation.

Bis zum Schluss liefern sich die Klubs aus Montpellier und Paris einen Zweikampf um die Meisterschaft. Es ist ein Duell David gegen Goliath, denn im Gegensatz zu dem Scheichklub aus der Hauptstadt hat Montpellier nur den vierzehnthöchsten Etat der Ligue 1. Erst am letzten Spieltag entscheidet der Außenseiter das Titelrennen für sich. Besonders verrückt ist dabei, dass das letzte Spiel bei AJ Auxerre (2:1) wegen Zuschauerausschreitungen mehrfach unterbrochen wurde. Tennisbälle und bengalische Feuer fliegen im Hexenkessel des Stade Abbé Deschamps auf den Rasen, die Polizei muss schließlich den Ultra-Block der Gastgeber stürmen.

 

Werksverein des Mülleimer-Giganten…

Aufhalten kann das Montpellier nicht mehr, mit 82 Punkten und drei Zählern vor dem großen PSG gelingt der Meister-Wurf. Und das mit einem der kleinsten Etats der Liga. Gerade mal auf 35 Mio. Euro beläuft sich das Budget für die Saison bei den Südfranzosen, die als Werksverein von Louis Nicolin (ES Nettoiement) keine wirkliche Strahlkraft haben.

Wer will auch Anhänger eines Klubs sein, dessen Chef, der joviale Louis Nicolin, der größte Versorger mit Abfalleimern ist? Gut, 300 Millionen Euro Umsatz, damit lässt sich im Profifußball was machen, selbst Stars wie Roger Milla aus Kamerun, der Kolumbianer Carlos Valderrama, Erich Cantona oder Julio Cesar, später Deutscher Meister mit Borussia Dortmund, lassen sich locken.

Den größten Star der Meistersaison 2011/2012 kann man nicht halten: Der spätere französische Weltmeister Olivier Giroud, der 21 Tore zum Titelgewinn beisteuert, wechselt für 12 Mio. Euro zum FC Arsenal. Der Rest ist für die Tonne.Atletico Madrid ist zwar mit (Stand: April 2020) insgesamt zehn Meisterschaften einer der erfolgreichsten Vereine in der spanischen Liga, aber dennoch ist der Titelgewinn 2014 eine kleine Sensation in der Fußballwelt.

Eigentlich gibt es in der Primera Division immer nur zwei Mannschaften, die um den Titel spielen – der FC Barcelona und Real Madrid. Seit 2003 hat immer einer beiden Topklubs die Meisterschaft geholt. Doch als Diego Simeone 2011 die „Rojiblancos“ übernimmt, wird aus dem Zweikampf ein Dreikampf, der La Liga belebt.

2014 holt sich Atletico überraschend den spanischen Pott. Durch ein Unentschieden am letzten Spieltag ausgerechnet im direkten Duell in Barcelona sichert sich Atletico die sensationelle Meisterschaft.

Warum? Weil Meister-Architekt Diego „El Cholo“ Simeone endlich die perfekte Mischung gefunden hat. Der heißblütige Argentinier, an der Seitenlinie oft wie ein Derwisch, setzt auf totale Identifikation mit dem Klub, Herz, Leidenschaft.

 

2014 hat Atlético die beste Defensive der spanischen Liga

Sein bester Torjäger ist ein echter Sturm-Bulle: Es ist der in Brasilien geborene und für Spaniens Nationalmannschaft auflaufende Diego Costa, der sich mit 27 Treffern besten Torschützen bei „Atléti“ aufschwingt – und dann zum FC Chelsea wechselt. Besser als Costa sind in dieser Saison nur die Unvermeidlichen: Lionel Messi vom FC Barcelona (28 Saisontreffer) und Cristiano Ronaldo von Real Madrid (31).

Besonders die Defensive überragte bei den Madrilenen. In 20 von 38 Ligaspielen kassieren sie kein Gegentor und stellen mit nur 26 Gegentreffern die beste Defensive in La Liga. Seither schafft es der Verein immer mit den beiden Top-Vereinen mitzuhalten.

Lediglich die absolute Krönung bleibt den Rot-Weiß-Blauen versagt: Die Champions-League-Finals 2014 und 2016 verlieren sie gegen den Stadt- und Erzrivalen Real Madrid in der Verlängerung und – noch bitterer – im Elfmeterschießen.Von Spanien springen wir weiter nach Skandinavien. Eine dänische Sensation schafft der FC Midtjylland 2015 mit seinem Meisterschaftstitel.

Erst 1999 wird der Verein erst durch den Zusammenschluss zweier anderer Vereine, gegründet, Herning Fremad und Ikast FS. Der älteste dieser beiden Vorgängerklubs ist 1918 aus der Taufe gehoben worden.

Nach dem direkten Aufstieg in die höchste Spielklasse erreicht der Klub besonders durch die außergewöhnliche Transferpolitik Aufmerksamkeit. Denn der FC bezieht mathematische Modelle mit ein – damit widerspricht man doch glatt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef und Abteilung „Offenes Wort“ beim FC Bayern, der 2007 einmal konstatiert, dass „Fußball keine Mathematik“ ist.

Scheinbar doch! Die separate Betrachtung klassischer Fußballstatistiken und Parameter, die im Scouting immer wichtiger werden, wie Passquote, Anzahl von Ballaktionen oder Laufleistung einzelner Akteure spielen in der Spielanalyse der Dänen keine zentrale Rolle. Das Bauchgefühl der Verantwortlichen („Den müssen wir holen“) ebenfalls nicht.

 

Mit „Mathe-Fußball“ zum Erfolg…

Als Vorbild dient die Sabermetrics-Methodik aus dem Baseball, bei der zahlreiche Werte mit Hilfe von Algorithmen in Beziehung zueinander gesetzt werden. Daraus ergibt sich eine kombinierte Betrachtung von Taktik, Technik, Physis und Psyche auf wissenschaftlicher Basis. Die Vereinsführung von Midtjylland beurteilt die Performance ihrer Profis demnach mithilfe von so genannten Key Performance Indicators. „Wir glauben, dass diese langfristig ein besserer Erfolgsindikator sind“, sagt der Vorstandsvorsitzende Rasmus Ankersen der britischen Zeitung The Guardian.

Selbstverständlich werden auch potentielle Neuzugänge nach KPI-Vorgaben gescoutet. „Auf dem Transfermarkt regiert Ineffizienz. Wir wollen ihn auf intelligentere Art und Weise nutzen“, sagt Ankersen.

Vordenker beim FC Midtjylland ist Klubeigner Matthew Benham, der sich mit dieser Methodik einen Ruf als „Fußball-Revoluzzer“ sichern will. „Zahlen sind für mich der Heilige Gral“, erklärt Benham der Berliner Zeitung DIE WELT, „wenn es darum geht, im Klub eine Entscheidung zu treffen, vertraue ich immer den Zahlen. Sie lügen nicht.“ Da wären wir dann wieder bei Otto Waalkes. Dänen lügen nicht. Im Fall des FC Midtjylland sowieso nicht. Mit 64 erzielten Treffern stellt Dänemarks Überraschungsmeister von 2015 die beste Offensivreihe der Liga, allein Morten Rasmussen netzt 13-mal ein. Zudem hat man den Titel schon drei Spieltage vor Schluss in der Tasche. Mit einem Drittel des Etats von Liga-Primus FC Kopenhagen lässt man den dänischen FCK als Vizemeister hinter sich. Allen Berechnungen zum Trotz schafft man es trotzdem nicht in die Champions League. In der dritten Qualifikationsrunde ist gegen APOEL Nikosia aus Zypern Schluss. Da wären wir dann wieder bei Karl-Heinz Rummenigge: „Fußball ist keine Mathematik, was man berechnen kann.“Viele deutsche Fans reiben sich im Februar 2016 verwundert die Augen, als es für den VfL Wolfsburg im Achtelfinale der Champions League gegen den KAA Gent geht.

Der belgische Verein ist nicht der populärste, die meisten kennen aus dem deutschen Nachbarland im Westen eher die Spitzenteams FC Brügge, RSC Anderlecht oder Standard Lüttich. Aus diesem Kreis kommt normalerweise auch der Meister.

Nur der KRC Genk, nicht zu verwechseln mit dem KAA Gent, hat 2011 und 2019 diese Reihe durchbrochen (Stand: April 2020). 2014/2015 wirbelt der KAA Gent das Titelrennen durcheinander. Zum ersten Mal in der 115-jährigen Geschichte holt der Klub mit dem Sioux-Häuptling im Wappen die Meisterschaft in Belgien. Dieses eigentümliche Wappen hat der Verein deshalb, weil der große Westman Buffalo Bill Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem Wildwest-Zirkus die Menschen in der Stadt begeister hat.

Die „Büffel“ schaffen das gut 100 Jahre später auf dem Rasen. Sie stellen als amtierender Meister in der Champions League den FC Valencia (1:0), Olympique Lyon (1:1) und Zenit St. Petersburg vor unlösbare Probleme. Im Achtelfinale ist der VfL Wolfsburg dann zu stark. Die „Wölfe“ gewinnen mit 3:2 in der Ghelamco Arena und behalten auch im Rückspiel am 8. März 2016 die Oberhand (1:0).

 

Ein Meistermacher namens Vanhaezebrouck

Nach der Hauptrunde 2014/2015 liegt Gent in der belgischen Jupiler Pro League noch auf Platz zwei, in der Finalrunde legt man dann nochmal ordentlich nach und sichert sich durch einen 2:0-Sieg gegen Lüttich vorzeitig den ersten Platz. Der Triumph ist vor allem mit einem Namen verbunden: Hein Vanhaezebrouck. Der Coach, der die „Büffel“ 2014 übernommen hat, führt den Außenseiter zum Titel und erstmals in die Champions League. „Mit ihm haben wir eine neue Ära eingeleitet“, freut sich Klubchef Ivan de Witte nach dem Meisterstück.

In der sechs Vereine umfassenden Meisterrunde ist sein Team mit 18 Treffern das torgefährlichste. Laurent Depoitre wird mit 12 Treffern drittbester Torschütze der Saison.Der Klub aus dem Süden Schwedens ist besonders in der Zeit zwischen 1943 und 1963  erfolgreich.

„Die Kameraden“, wie der Verein genannt wird, holt ab 1943 insgesamt 12 schwedische Meisterschaften, die letzte 1989. Danach kommt nicht mehr viel. Seit 2003 pendelt Norrköping regelmäßig zwischen erster und zweiter Liga. Andere Teams wie AIK Solna, Malmö FF oder der IFK Göteborg dominieren die „Allsvenskan“, die höchste schwedische Fußballliga.

26 Jahre nach dem letzten Meistertitel schaffte es Norrköping nun wieder. Erst vier Spieltage vor Schluss überholt der IFK den Konkurrenten Göteborg. Zuvor ist besonders der Saisonstart danebengegangen. Vier Punkte aus vier Spielen gibt es nur für Norrköping, ehe man einen sensationellen Spurt hinlegt.

Am letzten Spieltag sichert sich der IFK ausgerechnet durch den Sieg gegen das Topteam aus Malmö, den Meister der beiden vorangegangen Jahre, den Titel.

Und das mit einem Team, das selbst in der „Allsvenskan“ mit einem Marktwert von nur neun Millionen Euro als Billig-Truppe durchgeht.

 

Die Tor-Fabrik der „Kameraden“

Zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte. Emir Kujovic wird mit 21 Treffern Torschützenkönig der „Allsvensskan“. Sein Stürmerkollege Christoffer Nyman, 2016 bis 2018 mit einem Gastspiel bei Eintracht Braunschweig, steuert 10 Tore und vier Vorlagen bei.

Angeführt wurde die Truppe in dieser Saison von Kapitän Andreas Johansson, der von 2009 bis 2012 das Trikot des VfL Bochum in Deutschland trägt. Weitere Leistungsträger sind Torwart David Mitov Nilsson (je ein Länderspiel für Mazedonien und Schweden) und der 36-fache finnische Nationalspieler Henrik Daniel Sjölund, früher FC Liverpool.

Den Titel holt man sich durch die fantastische Heimstärke. Denn der nun 13-fache schwedische Meister kann elf seiner 15 Heimspiele in der „Allsvenskan“ in der Saison 2015 gewinnen. Zwei weitere Partien enden remis, bei zwei Niederlagen. Dazu kommt die Nervenstärke: Das Überraschungsteam kann in der entscheidenden Meisterschaftsphase Ruhe bewahren und seine Außenseiterrolle bis zum Schluss bestens spielen. Neun der letzten zehn Spiele werden gewonnen, das ist nicht schlecht für eine Billig-Truppe…In der englischen Premier League passiert in der Saison 2015/16 etwas Außergewöhnliches. Etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Und wenn doch, dann haben zumindest die Wettkönige unter diesen richtig Kasse gemacht. Leicester City ist von Platz 14 der Vorsaison zum englischen Meistertitel marschiert.

Das kostet richtig. Der später bei einem tragischen Helikopter-Unglück am King Power Stadion ums Leben gekommene thailändische Klubchef Vichai Srivaddhanaprabha spendiert seinen Profis für kolportierte 8,3 Millionen Euro eine Reise ins Spielerparadies Las Vegas, dazu gibt es für die Meister-Helden blaue Luxus-Sportwagen der Marke BMW im Wert von 2,5 Mio. Euro.

Auch der Erfolgstrainer, mit 64 fast schon in der Fußball-Rente, darf sich freuen. Der Italiener Claudio Ranieri erhält von Vichai eine Meisterprämie in Höhe von 8,5 Mio. Euro. Die hat er sich auch redlich verdient. Ranieri gilt auf der Insel und auch in Italien als „Nearly Man“, als Beinahe-Meistercoach. 2004 ist er mit dem FC Chelsea in der Premier League, 2009 mit Juventus Turin und 2010 mit der AS Rom in der italienischen Serie A nur Vizemeister geworden – und meist wenig später entlassen worden. Als ihn Leicester City im Juli 2015 verpflichtet, kann es der einstige Superstar der „Foxes“, Gary Lineker, kaum glauben. „Claudio Ranieri, wirklich???“, twittert der WM-Torschützenkönig von 1986. Immerhin ist Leicester City die 16. Trainerstation für den stillen Italiener…

Tatsächlich glauben mag man das, was sich 2015/2016 in Leicester abspielt, nicht immer. Es wird das surreale Fußballmärchen der Premier-League-Geschichte. Im Zeitalter der Mega-Transfers und medialen Zweitwährungen wie „Followers“ und „Likes“ hält Leicester City mit Kampfgeist und mannschaftlicher Geschlossenheit dagegen. Man holt die Meisterschaft gegen die Konkurrenten Arsenal, Chelsea sowie die beiden Manchester-Klubs City und United. Gary Lineker muss seine live im TV angebotene Wette einlösen und bei BBC tatsächlich in der Unterhose moderieren…

 

Der real gewordene Albtraum für die Buchmacher

„Für den gewöhnlichen Fußballfan scheint es schwer, die Absurdität des Titelgewinns von Leicester City in der englischen Premier League zu verstehen“, schreibt die renommierte New York Times am 1. Mai 2016, einen Tag, bevor die Sensation perfekt ist. „Ein Weg, den unwahrscheinlichen Titel-Weg Leicesters zu verfolgen, sind die Wettquoten“, so das Blatt. Genau, erklären Sie das, was sich in Leicester abspielt, oder gar die Aktion von Lineker, mal einem Amerikaner! Vor dem Saisonstart gibt es für ein Pfund den 5.000-fachen Einsatz zurück, wenn man auf die „Foxes“ als Meister setzt. Das Wettbüro William Hill muss beispielsweise am Saisonende mehr als 2,9 Millionen Euro Gewinn auszahlen. Ein Zocker, der nicht voll auf Risiko geht, zieht im März die Cash-out-Option – und gewinnt mehr als 75.000 Euro.

Da hat das Wunder schon längst Fahrt aufgenommen. Am 29. Dezember 2015 steht man nach einem 0:0 gegen Manchester City erstmals auf Platz eins. Die Außenseiter um den deutschen Ex-Nationalspieler Robert Huth, Torhüter Kasper Schmeichel und den für nur 500.000 Euro von Le Havre AC verpflichteten Algerier Riyad Mahrez werden die Spitze nicht mehr abgeben. Die nächste Blamage für die milliardenschweren Star-Ensembles der „Big Guns“, wie die großen Klubs in England, FC Arsenal, Manchester United, Manchester City, FC Chelsea und FC Liverpool, genannt werden, folgt am 6. Februar 2016: 3:1 im Scheichtum der Premier League, im Etihad Stadium von Man. City. „We’ re gonna win the League“, skandieren die mitgereisten Fans erstmals. Am 3. April 2016 sind es bereits sieben Zähler Vorsprung und nach dem 1:0 über den FC Southampton serviert Coach Claudio Ranieri Pizza für seine Stars. Das 2:0 beim FC Sunderland am 10. April 2016 ist das sechste Zu-Null in den letzten sieben Spielen.

Auch ohne den 24-fachen Torschützen Jamie Vardy, dem Mann, der nach vielen Eskapaden in der fußballerischen Versenkung verschwunden ist, zwischendurch eine elektronische Fußfessel tragen und von Justizbeamten zum Training eskortiert werden muss und bei Leicester die letzte Chance als Fußballprofi am Schopf packt, gelingt am 24. April 2016 ein 4:0 gegen Swansea City. Verfolger Tottenham Hotspur patzt gegen West Bromwich. Am 2. Mai 2016 bittet Vardy bei sich zu Hause zur Meister-Party. Vor dem Fernseher wird die Kult-Truppe englischer Meister, weil Chelsea dem Londoner Rivalen Tottenham beim 2:2 die entscheidenden Punkte abtrotzt. „Blue done it“, Blau hat es geschafft, titelt das Massenblatt The Sun am nächsten Tag und zeigt den Moment, in dem die überglücklichen Spieler, u. a. die Ex-Bundesligaprofis Christian Fuchs und Shinji Okazaki, wissen, dass sie es geschafft haben! Mit ganz geringen Transferkosten überzeugt der Klub vor allem durch seine spielerische Leidenschaft und seinen Kampfgeist und stellt damit andere Top-Vereine über die komplette Spielzeit in den Schatten. Ein englischer Meister wie kein anderer.


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