Die Rekordpleite des FC Bayern und die Rache ein Jahr später


Es ist Samstag, der 9. Oktober 1976. Tatort - das Olympia-Stadion München. Das Spiel: Bayern München – FC Schalke 04. Das Ergebnis:  0:7.

Sein Blick ging Mitte der zweiten Halbzeit zur Anzeigetafel des Olympia-Stadions. Da wurde Gerd Müller „angst und bange“. Dort, wo sonst immer sein Name stand, las er nun drei Mal „Fischer“ und den Zwischenstand von 0:5.

„Ich hab mich gefragt, wie soll das bloß ausgehen?“, gab der Bomber der Nation danach zu. 0:7 ging es aus – es war und ist noch immer das schlimmste, weil höchste Debakel in der mittlerweile 55jährigen Bundesliga-Historie der Münchner Bayern. Rund 50.000 Zuschauer wurden Zeuge des historischen Moments, aber die wenigsten gerieten ins Schwärmen. Sie hatten schon aus Gewohnheit, aber auch aufgrund der Tabelle – der Vierte empfing den Neunten – einen Heimsieg erwartet.

Immerhin waren ihre Bayern amtierender Europapokal-Sieger der Landesmeister, der vier Monate zuvor erst den historischen Hattrick in diesem wichtigsten internationalen Wettbewerb geschafft hatte.

Aber es war auch das letzte Jahr der legendären Achse Maier-Beckenbauer-Müller, eine Ära mit elf Titeln binnen eines Jahrzehnts ging zu Ende. Schon seit zwei Jahren hatten die Bayern mit der Meisterschaftsvergabe rein gar nichts mehr zu tun gehabt. Die große Mannschaft der Siebziger galt als satt.

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9. Oktober 1976: Bayern München verlor 0:7 gegen Schalke 04 - Die höchste Niederlage des FC Bayern in der Bundesliga. Foto: Imago Images

Das Ende einer Ära deutete sich an

Klaus Fischer traf als alter Spieler von 1860 München besonders gerne gegen den FC Bayern.
Klaus Fischer (links) traf als alter Spieler von 1860 München besonders gerne gegen den FC Bayern. Foto: Imago Images

Aber Trainer Dettmar Cramer schob den Reinfall hinterher vor allem auf die Personalnot. Der internationale Spielkalender war noch nicht in optimaler Weise abgestimmt und so mussten die Bayern ihre drei Skandinavier auf Länderspielreise schicken: Johnny Hansen kickte an diesem Tag für Dänemark, Björn Andersson und Conny Torstensson für Schweden.

Drei Ausfälle – damals selbst für einen FC Bayern zu viel. Cramer: „Wir haben nur einen ersten Anzug. Dahinter steht vorläufig nicht eine zweite, sondern nur eine dritte Garnitur.“ Und dann kam auch noch Pech dazu. Franz Beckenbauer hatte sich beim Länderspiel in Wales erkältet und ging verschnupft ins Spiel, auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, der in Cardiff debütiert hatte, hatte der Trip entkräftet.

Weltmeister Katsche Schwarzenbeck musste gar fit gespritzt werden und hielt nur eine Halbzeit durch. Außerdem prallte Torwart Sepp Maier mit Verteidiger Udo Horsmann zusammen, so dass der schon nach 15 Minuten am Unterarm verletzt war und nach dem Spiel ins Krankenhaus musste.

Es kam einfach alles zusammen, Manager Robert Schwan hatte es schon vorher geahnt: „Immer wenn Föhn ist, habe ich schlimme Gefühle.“

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Doch die Bayern nahmen schnell Rache

Im Jahr 1977 nahm der FC Bayern Rache und schlug Tabellenführer Schalke mit 7:1. Foto: Imago Images

Es fing schon seltsam an. Als Schiedsrichter Linn aus Altendiez anpfiff, stand Uli Hoeneß noch draußen und wechselte die Schuhe. Ein symbolischer Fehlstart. Die Schalker dagegen waren mit Anpfiff hellwach, Manfred Dubski traf schon in der zweiten Minute den Pfosten. Dann eröffnete Mittelstürmer Klaus Fischer, der Schwarzenbeck versetzte und Maier mit einem Roller überwand, die königsblaue Torejagd. Noch wehrten sich die Bayern, Gerd Müller scheiterte gleich dreimal knapp, dann schlug Schalke erbarmungslos zu. Eine Minute vor und eine Minute nach der Pause zu treffen ist ein probates Mittel, jeden Gegner zu demoralisieren. So geschah es: Nach einer Flanke von Hannes Bongartz köpfte Erwin Kremers das 0:2 und kaum wieder auf dem Rasen fiel ein für jene Dekade typisches Schalke-Tor: Flanke Abramczik, Kopfball Fischer – 0:3.

Was nun? Wechseln konnte Bayern nicht mehr, denn mit Wiederanpfiff hatte Cramer die Amateure Alfred Arbinger und Kjell Seneca ins Spiel geschickt – für Schwarzenbeck und Stürmer Rainer Künkel. Libero Franz Beckenbauer ging nun ins Mittelfeld, um zu retten was zu retten war, aber der Schuss ging nach hinten los. „Auch für Beckenbauer war es einer der schwärzesten Tage seiner Karriere“, schrieb der Münchner Merkur und im Kicker erhielt der sonstige „Einser-Schüler“ nur eine Drei – was immer noch die Bestnote war. Die entfesselten Schalker dagegen hatten nur Einser und Zweier im Fachblatt – kein Wunder bei dem Resultat. Denn als bei den geschwächten Bayern mangels Toren alle Hoffnung die Isar hinab schwamm, wurden die Schalker erst so richtig munter. Manfred Dubski, unbehelligt vor Maier, erhöhte auf 0:4 (64.), Fischer drosch eine Abramczik-Flanke volley ein (67.), Abramczik schloss einen Konter eiskalt ab (74.) und dann verwertete Fischer noch eine Bongartz-Flanke (82.). Das 0:7 entsprach sicher nicht ganz dem Spielverlauf. „Jeder Schuss ein Treffer“, sagte Dettmar Cramer, „solche Spiele gibt es“. Kollege Friedel Rausch befand höflich, so was könne mal passieren, „davon geht die Welt nicht unter“ und dass „Sepp Maier keine Schuld trifft“. Dennoch kassierte dieser erstmals in seiner Karriere sieben Tore in einem Bundesligaspiel.

Die Sorgen des ZDF-Teams erwiesen sich somit als unbegründet. Die Fernsehleute drehten an diesem Tag ein Feature über den Nationaltorwart und baten ihn noch vor dem Anpfiff, ein bisschen Show für die Kamera zu machen, sofern er nichts zu tun bekäme. Der Sepp versprach’s – doch es gab keine Notwendigkeit Phantomparaden zu machen. An diesem Tag war genug los vor dem Bayern-Tor – so viel wie nie.

Immerhin nutzten die gedemütigten Bayern die Chance, sich im nächsten Jahr kräftig zu revanchieren. Wieder war es ein Oktobertag, nun kam Schalke als Tabellenführer und Bayern stand im bedeutungslosen Mittelfeld. Trotzdem gewannen die Bayern im Jahr eins nach Beckenbauer mit 7:1. Doppelt sensationell, weil sie nach dem Platzverweis von Sepp Weiß 70 Minuten in Unterzahl spielten.

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