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Diese 20 Fußballer kamen aus dem Nichts

Diese 20 Fußballer kamen aus dem Nichts. Die letzte Chance. Vardy, Rahn, Weydand, Pannewitz, Klose

Sie waren weg. Durchgefallen, verbannt, abgetaucht, eingesperrt. Oder: Sie kickten irgendwo, wo sie niemandem oder niemandem mehr auffielen. Auf staubigen Amateurplätzen, in leeren Traditionsstadien oder anderswo.

Es geht um die letzte Chance. Es geht um märchenhafte Fußballer-Karrieren, die alles andere als hoffnungsvoll begannen – und dann doch noch ein Happy End haben. Diese Geschichten sind fast schon filmreif. Es sind die Stories, die irgendwann in der Jugendmannschaft beginnen, wenn unter den Postern der Stars Fußballträume reifen – und es dann irgendwie doch nichts wird.

Die Schule, der Job, das Studium liegen plötzlich zwischen sich und der großen Karriere. Unter wie vielen Porträts steht in der Abi-Zeitung, es fällt einem oft erst nach Jahren auf, „Träumte vom Profi-Fußball, bis er den Alkohol kennen lernte“? Nicht professionell genug gelebt, zu wenig Ehrgeiz gehabt oder beim Scouting, beim „Vortanzen auf der Schwelle“, wie der ehemalige Fußballprofi und Autor Dieter Bischoff in seinem Buch Sellemols (1998) das Klinkenputzen eines Talents bei Profiklubs wie Hannover 96, beschreibt, nicht geglänzt. Die Wege von Talenten ins Rampenlicht oder ins fußballerische Abseits sind verschlungen. Es gibt aber auch andere Irrwege. Ein anderes Talent, schon in der Jugend von der Statur eines Boxers, beginnt, Blödsinn zu machen, landet hinter Gittern. Mehr kaputt kann ein Fußballertraum eigentlich nicht sein. Dann die wundersame Wende – über Oberliga oder Regionalliga zurück ins Profigeschäft und über Nacht doch noch ganz oben. Das ist ein Weg, den unsere Nobodys nehmen.

Dann gibt es die, die nach eigenem Bekunden „nie Profi werden wollten“, die sich mit einem gut dotierten „anständigen“ Beruf genügsam geben. Die netten Jungs von nebenan, die Oberliga-Kicker, die vor der Abfahrt zum Auswärtsspiel noch in die Kirche gehen und denen Nestwärme und ein geregeltes Auskommen mehr wert ist als die Glamour-Welt des schrillen Profigeschäfts. Polizei-Ausbilder, Auto-Verkäufer, angehende Juristen – für sie scheint der Profi-Fußball nur ein Traum zu sein, über den man beiläufig beim Umziehen in der Kabine bei der Amateur- oder Freizeitmannschaft spricht. „Hast du gestern Abend die Bayern im TV gesehen?“, heißt es dann. Oder: „So wie 1860 derzeit spielt, da könnte auch ich noch mitmischen.“ Und dann ergibt sich für einige wirklich die Gelegenheit. Sie stehen plötzlich bei den ganz Großen im Team.Das Gefühl, es geschafft zu haben, stellt sich oft auch bei Jungprofis ein. Sie stehen häufig schon früh in ihrer Karriere ganz oben – und ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus, wechseln danach die Klubs wie die Hemden. Andere werden als Profi gnadenlos von den Kritikern zerrissen – und schaffen es dann irgendwie doch, alle von ihren großartigen fußballerischen Fähigkeiten zu überzeugen.

Einer der profiliertesten deutschen Spieler der letzten 30 Jahre muss aus der Bundesliga regelrecht flüchten, um das mit dem Profi-Fußball doch noch hinzubekommen. Er nimmt dabei gleich 3 Ligen als Umweg, um an die Spitze zu kommen. Heute steht „Weltmeister“ auf seiner Visitenkarte.

Problematisch wird es dann, wenn einer schon ganz oben ist – und dann aus irgendwelchen, nicht immer erfindlichen Gründen durchknallt.

Profi-Fußball – das große Geld, der Promi-Bonus, die permanente Aufmerksamkeit, die schönen Frauen – das verführt so manchen. Und es führt oft auch in die Sackgasse. Ein englisches Fußball-Denkmal landet durch seine Trunksucht im Gefängnis – und kehrt märchenhaft zurück. Selbst ein deutscher Weltmeister hat erlebt, wie schal der Ruhm schmecken kann. Ein anderer, späterer Weltmeister, hat sich bequatschen lassen. Von denen, für die der Fußball nur Mittel zur wundersamen Geldvermehrung ist, von den dubiosen Geschäftemachern, den Männern aus den Hinterzimmern.

Fußballprofis aus dem Nichts. Wir unterscheiden in diesem Dossier zwischen Spielern aus 4 Kategorien:

  1. Spieler, deren Talent verkannt wurde – und die es über Umwege an die Spitze schafften
  2. Fußballer, die erst im Amateurbereich kickten oder als Quereinsteiger ganz nach oben kamen
  3. Profis, die als gescheitert galten und es allen Kritikern zeigten
  4. Spieler, die als Profi schon einen großen Namen hatten, von ganz oben nach unten stürzten und zurückkamen

Lars Leese – Die Geschichte des Torhüters aus dem Rheinland, der in England über Nacht zum „Mister Cinderella“ wird, hat Ronald Reng in Der Traumhüter 2002 wunderschön literarisiert. Das Buch wird ein Bestseller, weil es eine wahre Geschichte erzählt, die man sich eigentlich nicht schöner ausdenken kann, und die insgeheim wohl jeder Amateurfußballer träumt.

Und sie beginnt so: Das ist Lars Leese. Gut, er hat bei Bayer Leverkusen nie ein Bundesliga-Spiel gemacht und ist nur als 3. Torhüter auf dem Mannschaftsfoto zur Saison 1996/97 zu sehen. Aber selbst damit kann man im Westerwald noch angeben, oder?

An der Persönlichkeit liegt es nicht, dass es für Bayer 04 und Christoph Daum nicht reicht. Groß, charmant, eloquent, humorvoll, strahlt Lars Leese eine Aura aus, die irgendwo zwischen Torwart-Größen wie Uwe Kamps und Toni Schumacher liegt. Wie auch immer: Dieser Lars Leese wechselt 1997 völlig überraschend zu Premier-League-Aufsteiger FC Barnsley. Auf der Insel wird der 1,97 m-Hüne mit nur 18 Liga-Einsätzen zum Helden der Fans. Ein lokaler Schriftsteller namens Ian McMillan in Barnsley widmet ihm sogar ein Gedicht. Er hat beim Frisör in der Zeitung Barnsley Cronicle ein Foto von Leese neben einem kleinen Mädchen gesehen- und greift spontan zur Feder. Das freut Kenner des gepflegten Vierzeilers:

Lars Leese, tall as trees

That grow in Wombwell Wood,

Lars Leese, listen please:

We think, you’re very good.

Spaß beiseite: Dichtung und Wahrheit liegen bei Lars Leese gar nicht so weit auseinander. Er hat als Autoverkäufer im Westerwald, wo er in Neitersen seine ersten Karriere-Schritte macht, gearbeitet – und Barnsley weiß sehr schnell, dass man einen Torwart-Riesen geholt hat. Sein größtes Ding liefert „Der Traumhüter“ in der Saison 1997/98 an der Anfield Road in Liverpool ab. Gegen die „Reds“ treibt der deutsche Torwart-Riese die Star-Stürmer zur Verzweiflung. Leese kann es selbst nicht fassen: „Ich bin wie Phönix aus der Asche aufgestiegen, aus der Kreisliga in die Premier League. Da mache ich dann ein paar Begegnungen und habe dann entscheidenden Anteil daran, dass wir an so einer Kultstätte gewinnen.“

 

„Später in der Versenkung verschwunden“

Das Premier-League-Abenteuer geht für den Traumhüter mit dem Abstieg des FC Barnsley 1999 zu Ende. „Lars Leese ist wieder da, wo er herkam. Sein Ausflug in die Welt des Profisports währte nur drei Jahre – aber es wird immer eine einmalige Karriere bleiben. Denn Leese lebte den Jedermann-Traum.

Er machte wahr, wovon zehntausende Freizeitfußballer heimlich träumen: Plötzlich kommt einer und macht dich zum Profi“, schreibt Ronald Reng am 3. Januar 2001 in der taz. „Später bin ich dann wieder – um es krass zu formulieren – in der Versenkung verschwunden“, erzählt er Jahre danach. Preußen Köln, Borussia Mönchengladbach II und 1. FC Köln II sind seine weiteren Stationen.

Alles weitab der Bundesliga. Aus der Traum. „Aber“, sagt Leese, „Liverpool kann mir keiner mehr nehmen.“Es gibt Spieler, die könnten ein Leben lang spielen, ohne beachtet zu werden. Carsten Linke wäre fast so einer geworden.

Bis 1988, bis zu seinem 22. Lebensjahr, spielt der Defensiv-Allrounder beim – bei allem Respekt – nicht für fußballerische Heldentaten bekannten VfL Bad Zwischenahn im Ammerland. Mehr Fußballprovinz geht fast nicht. Über den VfB Oldenburg gelingt ihm 1988 relativ spät doch noch der Sprung in die 2. Liga. Nächste Station ist der FC Homburg, der zweimalige Erstligist aus dem Saarland spielt aber 1993 keine Geige mehr im deutschen Profifußball.

Linke wechselt 1995 nach Zwischenstation beim 1. FC Saarbrücken zu Hannover 96 und erlebt mit dem leck geschlagenen Traditionsklub so ziemlich alles mit. Abstieg in die Regionalliga, Rückkehr in die 2. Liga und schließlich – die Krönung – 2002 Aufstieg in die Bundesliga unter einem gewissen Ralf Rangnick.

Nach insgesamt 314 Spielen im „Unterhaus“ für Oldenburg, Homburg und Hannover macht der zumeist als Innenverteidiger eingesetzte Linke im zarten Alter von 36 Jahren sein erstes Bundesliga-Spiel. Am 11. August 2002 wird er beim 1:2 in Hamburg zum fünftältesten Debütanten der Liga-Geschichte. Die Fans von Hannover 96 rufen zu Linkes Namen bei der Aufstellung stets den magischen Zusatz „Fußballgott“ – und der verabschiedet sich 2003 nach 15 Erstliga-Einsätzen und einem Treffer beim 2:2 gegen den VfL Bochum in den wohl verdienten Ruhestand.Der FC Bayern als eiskalte Fußball-Maschinerie mit dickem Festgeldkonto? Dieses Klischee können wir glatt vergessen!

Der Jurastudent Nicolas Feldhahn zeigt, dass es auch beim Rekordmeister und Branchenriesen noch wundersame Spieler-Geschichten gibt. Feldhahn studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Jura. Nebenbei spielt er Fußball. Beim Ex-Bundesligisten SpVgg Unterhaching erhält er 2004 einen Profi-Vertrag. Nach dem Abstieg der Hachinger aus der 2. Liga ist dieser Kontrakt hinfällig. Auch am Ende seiner 2. Profistation, bei Erzgebirge Aue, steht für den Jura-Studenten der Abstieg aus dem Fußball-Unterhaus. Irgendwie soll es wohl nicht sein. Der defensive Mittelfeldspieler wechselt in die 3. Liga, zu Werder Bremen II, später zum VfL Osnabrück. Zuvor schließt er sich 2010 für insgesamt drei Jahre dem Ex-Bundesligisten Kickers Offenbach an, der zu diesem Zeitpunkt in der 3. Liga spielt und dort – man ahnt es – 2013 ebenfalls absteigen muss. Nach Lizenzentzug für die 3. Liga im Juni 2013. Feldhahn macht insgesamt 82 Liga-Spiele (5 Tore) für den DFB-Pokalsieger von 1970.

Drei Abstiege – und dann doch noch zum FC Bayern!

Eine überraschende Wende bietet sich dem Ex-Juniorenspieler von 1860 München im Sommer 2015. Feldhahn hat die Chance, seinen Vertrag in Osnabrück aufzulösen – und in seine Münchner Heimat zurück zu kehren. Er erhält einen Amateurvertrag beim FC Bayern München – und steht nach der EURO 2016 plötzlich im Rampenlicht. Im Supercup-Finale gegen Borussia Dortmund wird er vom neuen Bayern-Coach Carlo Ancelotti in den Kader geholt – und er darf nach dem Spiel den Pokal in Empfang nehmen. „Ein gigantisches Gefühl“, sagt er später der BILD-Zeitung. Im April 2017 nimmt ihn Ancelotti noch einmal mit – zum Champions-League-Viertelfinale nach Madrid. „Wenn ich gebraucht werde, bin ich bereit“, sagt Feldhahn. Doch zum Einsatz kommt er nicht – und die Bayern fliegen raus. Bereit ist Feldhahn für den FC Bayern seitdem in der zweiten Mannschaft, mit der er am Ende der Saison 2018/2019 den Aufstieg in die 3. Liga feiern darf. Als Mannschaftskapitän. Größter Erfolg des Juristen, der schon außen vor zu sein scheint, bleibt aber der DFL Supercup von 2016.Mit 23 bist du als Fußballer eigentlich raus. Kein Scout hat dich mehr auf der Liste, kein großer Trainer fasst dich noch mit der Kneifzange an.

Das gilt auch für Hendrik Weydandt. Der Torschützenkönig der Herrenmannschaft des TSV Groß Munzel (Niedersachsen) hätte mit seinen 23 Treffern in mindestens 25 Einsätzen in der Kreisliga Hannover-Land (Staffel 3) in der Saison 2013/2014 durchaus eine Mehrfachnennung verdient. Beim 1. FC Germania Egestorf/Langreder versucht sich der Stürmer ab 2014. In vier Jahren erzielt er dort 41 Tore in 97 Spielen.

2018 holt ihn Hannover in seine 2. Mannschaft. Diese spielt in der Regionalliga Nord. Weydandt erhält einen Amateurvertrag bis 2020. In der Vorbereitung nimmt ihn 96-Coach André Breitenreiter mit zu den Profis und setzt ihn auch in der 1. Pokalrunde, beim 6:0 beim Karlsruher SC ein. Der „Vertragsamateur“, der bis Mai noch 400 Euro pro Monat verdient hat, macht mit zwei Treffern in diesem Spiel im Wildparkstardion mehr als nur dezent auf sich aufmerksam.

 

Der BWL-Student, der Werder Bremen schockte

Die Belohnung: Am 25. August 2018 steht Weydandt beim Bundesliga-Auftakt bei Werder Bremen (1:1) in Hannovers Profikader. Es wird ein neues Wunder im Weserstadion. Nur 81 Sekunden nach seiner Einwechslung für Takuma Asano trifft er zum 0:1 für „Die Roten“ – schneller sind nur wenige Spieler bei ihrem Bundesliga-Debüt.

Zwei Tore in fünf Bundesliga-Spielen bringen ihm im September 2018 einen Profivertrag. Geht doch! Seine Bachelorarbeit im Fach Betriebs-Wirtschaftslehre legt Weydandt im September 2018 ab. Thema: „Verdeckte Gewinnausschüttungen in Konzernstrukturen.“ Fußball spielt er weiter – und zwar erstklassig. Unter Breitenreiter und seinem ab Januar 2019 in Hannover agierenden Nachfolger Thomas Doll macht der 1,95 m große Sturmtank 28 Bundesliga-Spiele und erzielt insgesamt sechs Tore.

Den Abstieg der „Roten“ aus der deutschen Fußball-Eliteliga verhindert er damit zwar nicht, aber Weydandt ist gekommen, um zu bleiben. Er geht mit Hannover 96 auch in die 2. Liga.Es soll keiner die Fußball-Pfalz schmähen! Fünf deutsche Weltmeister von 1954, US-Legende und WM-Kapitän Tom Dooley (1994), aber auch zwei aus dem erfolgreichen deutschen WM-Kader von 2014 haben hier das Kicken gelernt. Neben dem gebürtigen Pirmasenser Erik Durm (u. a. Borussia Dortmund, Huddersfield Town, Eintracht Frankfurt) krönt der in der Pfalz aufgewachsene Miroslav Klose 2014 mit dem WM-Titel seine unglaubliche Laufbahn.

Kloses Aufstieg – für die Zeitung Fußball BILD ist er „die wohl bekannteste Märchen-Geschichte“ des deutschen Fußballs. Bezirksliga Westpfalz bei Blaubach-Diedelkopf, Regionalliga in Homburg – das ist bis 1999 scheinbar die Welt des in Polen geborenen Stürmers. Es ist diese biedere, aber irgendwie „in Ordnung“ wirkende Welt im saarpfälzischen Amateurfußball, aus der man sich als ambitionierter Spieler nur schwerlich lösen kann.

Trainer-Grandseigneur Otto Rehhagel wird beim 1. FC Kaiserslautern erst spät auf den vom FC Homburg geholten Klose aufmerksam. Am 15. April 2000 wechselt „König Otto“ Klose im Bundesliga-Spiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals ein. In vier Jahren beim FCK wird es Klose auf 44 Tore in 120 Liga-Spielen bringen und mit seinem Tor-Salto beim Jubel die Fans am Betzenberg verzücken. Werder Bremen, Bayern München und Lazio Rom sind die weiteren Stationen einer Bilderbuchkarriere. Bei den „Laziali“ beendet Klose im November 2016 seine aktive Spielerkarriere.

 

Von Homburg über den „Betze“ ins Maracana – Miros Fußball-Traumreise

Was nur die wenigsten wissen: Am 24. März 2001 wird der stille Miro in Leverkusen im WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien sein Länderspiel-Debüt für Deutschland geben – und es mit dem 2:1-Siegtor und einem Salto beenden. Mit der Mannschaft, der der nicht an der WM 2002 teilnehmende Mehmet Scholl die Ausstrahlung abspricht, wird Klose ein Jahr später in Asien Vize-Weltmeister. Bis zu seinem Abschied nach der WM 2014 wird er neben Pelé und Uwe Seeler der einzige Spieler sein, der bei vier verschiedenen Weltmeisterschafts-Endrunden trifft. (Stand: März 2020). Keine schlechte Quote, wenn du dich vorher im Homburger Waldstadion  eigentlich schon damit abgefunden hast, dass es nichts mehr wird…

Nach zwei Mal Platz drei bei der Heim-WM 2006 und 2010 in Südafrika sind Klose und „Die Mannschaft“ am 13. Juli 2014 am Ziel: 1:0 gegen Argentinien in der Verlängerung und Weltmeister! Klose holt sich im Halbfinale gegen Brasilien (7:1) am 8. Juli 2014 mit seinem 16. Tor bei einer WM einen Rekord für die Ewigkeit. Und es gibt noch ein Kuriosum: Einer Nachwuchs-Nationalmannschaft des DFB hat der Spätentwickler übrigens nie angehört…
Kristian Böhnlein ist wohl das, was man einen „Feierabend-Fußballer“ nennt. Er ist 28 und arbeitet als Bankkaufmann in Bayreuth und spielt in seiner Freizeit Fußball. Dann ereilt ihn 2018 Der „Ruf“ der „Löwen“…

Böhnlein hat das mit dem großen Fußball bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich abgehakt. Kein Wunder, der defensive Mittelfeldspieler spielt bis 2009 in der Jugend eines Profivereins, der für seine Schusseligkeit, Talente einfach zu übersehen, berühmt ist. Fragen Sie mal nach bei Andreas Brehme, Stefan Effenberg oder Ivan Klasnic! Es ist der große Hamburger SV, bei dem Böhnlein 2009/2010 in der zweiten Mannschaft gerade mal vier Spiele absolviert.

Bei der zweiten Mannschaft der SpVgg Greuther Fürth sind es 2010/2011 schon 15 Liga-Spiele, ehe Böhnlein sich dem VfL Frohnlach anschließt. Mit dem Klub aus der Gemeinde Ebersdorf bei Coburg, „deep in 1. FC Nuremberg country“ sozusagen, schafft er 2012 die Qualifikation für die Regionalliga Bayern. In Frohnlach hat auch einer gespielt, der quasi den umgekehrten Weg gegangen ist: Erst Frohnlach, dann HSV. Es ist der legendäre Harald „Lumpi“ Spörl, der für die Hamburger 321-mal in der Bundesliga aufläuft. Auch der spätere Düsseldorfer Profi Karl „Karlo“ Werner, der die berühmt-berüchtigte „Karlo-Partei“ inspiriert haben soll, hat eine Frohnlacher Vergangenheit.

 

Banker, verkanntes Talent und „definitiv ein Spätzünder“

Für die SpVgg Bayreuth macht Böhnlein ab 2014 die meisten Spiele (126). „Wir waren in Bayreuth nur eine Feierabendmannschaft, haben drei, vier Mal in der Woche trainiert“, sagt Böhnlein der Münchner Abendzeitung. Oft kommt er mit Krawatte und Maßanzug direkt von der Bankfiliale zum Trainingsplatz.

Dann erfüllt sich ein Traum. Im Sommer 2018 wechselt Hobby-Kicker Böhnlein von der SpVgg Bayreuth zu seinem Herzensverein TSV 1860 München. Besonders hilfreich dabei: Böhnlein ist der Finanz-Berater von 1860-Sturmtank Sascha Mölders. Aus dem Fan, der mit seinem Vater und seinem Bruder jahrelang in der Kurve der „Löwen“ steht und dem Deutschen Meister von 1966 auch auswärts folgt, wird ein 1860-Spieler. „Ich bin definitiv ein Spätzünder, wusste nicht, dass ich es noch einmal zum Profi schaffe“, erklärt Böhnlein, der sein „Löwen“-Debüt im Pokalspiel gegen Holstein Kiel gibt.

In der 64. Minute wird er eingewechselt. Als Profi in der 3. Liga beim Rückkehrer 1860 München wird er in den zwei Jahren, in denen sein Vertrag läuft, nicht mehr als Banker tätig sein. Das Sechzig-Märchen geht dann auch für Böhnlein zu Ende. Er hat bereits im März 2020 beim ehemaligen Zweitligisten 1. FC Schweinfurt einen neuen Kontrakt unterschrieben.Viel düsterer als für Daniel Keita-Ruel kann es für einen Fußballer eigentlich nicht mehr aussehen. Fast vier Jahre seines Lebens hat der deutsch-französische Stürmer im Gefängnis verbracht.

Gemeinsam mit sieben Komplizen hat Keita-Ruel 2011 nachweislich zwei Postfilialen und einen Baumarkt ausgeraubt. Die Beute ist im Vergleich zu den Verdienstmöglichkeiten im Profifußball mickrig: 100.000 Euro sollen es gewesen sein. Für bewaffneten Raubüberfall erhält Keita-Ruel 2012 fünf Jahre Haft, von denen er drei Jahre im geschlossenen Vollzug absitzen muss. Der Stürmer aus Wuppertal erhält 2014 die oft zitierte „zweite Chance“.

„Ich war 21 Jahre alt. Mafiosi und Gestalten, die welche sein wollten, hatte ich bisher nicht kennengelernt. Im Fußballgeschäft gab es Träumer, Schwätzer, Schreihälse und Aufschneider. Aber Ganoven? Mein moralischer Kompass muss in dieser Zeit unter dem Frust der Gesamtsituation gelitten haben“, sagt Keita-Ruel. Das vermuten wir auch, aber schön, dass er selbst zu dieser Erkenntnis gelangt ist – und auch ein bisschen Glück hat. Der Oberligist Ratingen verpflichtet den Junioren-Spieler von Borussia Mönchengladbach, der bis zu seiner Haft für den Ex-Bundesligisten Wuppertaler SV und Bonner SC am Ball war – und der offensichtlich ein Kopfproblem hat. „Max Eberl hat mal über mich gesagt: Von Hals bis Fuß ist er Bundesliga, aber der Kopf ist Kreisliga“, erzählt Keita-Ruel einmal der W. A. Z. Im Sommer 2017 wechselt er in die 3. Liga, zum Ex-Erstligisten Fortuna Köln – und macht mit 15 Toren und 7 Assists nachhaltig auf sich aufmerksam.

 

Erst im Knast, dann gegen den BVB!

Der „Big Boy“, wie der 1,88 m große Stürmer, der die Statur eines Mittelgewichts-Boxers hat, auch genannt wird, wechselt 2018 zur SpVgg Greuther Fürth in die 2. Liga – und hat plötzlich die Chance seines Lebens.

Im DFB-Pokal-Erstrundenspiel gegen Borussia Dortmund (1:2 n. V.) steht Keita-Ruel in der Startelf der Fürther, für die er (Stand: März 2020) insgesamt 46 Zweitliga-Spiele (15 Tore) macht. Seine unglaubliche Geschichte bringt er im Januar 2020 zu Papier, mit der Autobiografie Zweite Chance: Mein Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball.Die große Flüchtlingswelle 2015 spült auch Bakery Jatta nach Deutschland. Der junge Mann aus Gambia kommt zunächst nach Bremen.

In seiner westafrikanischen Heimat hat Jatta zuvor nur in einer Art Fußballschule gespielt. Aber nie in einem Verein. Nach einem Probetraining bei Werder Bremen erhält der Offensivspieler zunächst einen Vorvertrag bei den Grünweißen. Die Dienste von Jatta sichert sich aber der Nord-Rivale Hamburger SV. Anfang Januar 2016 spielt Jatta nämlich auch beim HSV vor – und überzeugt Coach Bruno Labbadia. Er erhält einen Drei-Jahres-Vertrag in Hamburg. Die Erfolgsstory „Vom Flüchtling zum HSV-Profi“ schafft es weltweit in den Fokus der Medien.

Sein Bundesligadebüt absolviert Jatta am 16. April 2017 bei der 1:2-Auswärtsniederlage gegen Werder Bremen, als er in der 83. Minute für Filip Kostic eingewechselt wird. Insgesamt kommt er im ersten Jahr beim HSV auf sechs Bundesliga-Spiele. Am 4. Spieltag der Saison 2017/18 – einer 0:2-Auswärtsniederlage gegen Hannover 96 – steht der Afrikaner erstmals in der Startelf der Hamburger. Sein erstes Tor erzielt er am 14. November 2018 beim 3:1 bei Erzgebirge Aue – allerdings in der 2. Liga. Bakery Jatta gehört im Mai 2018 auch zu der unglückseligen Mannschaft, die den historisch ersten Abstieg des Hamburger SV aus der Bundesliga zu verantworten hat.

 

Schatten auf der Wunder-Story: Wer spielt wirklich für den Hamburger SV?

Das bleibt nicht der einzige Schatten auf der großartigen Story „Vom Flüchtling zum Bundesliga-Profi“. Im August 2019 kommen Zweifel an Jattas Identität auf. „Im Juni 2016 sagte Jatta in einem offiziellen Interview auf der Homepage des HSV: „Ich habe in Afrika in keinem Verein gespielt, das gab es dort nicht, höchstens mal am Wochenende konnte man ein betreutes Training mitmachen.

Ansonsten waren wir auf uns gestellt, wir haben auf der Straße Fußball gespielt und uns selbst die Dinge beigebracht.“ Das ist offenbar kompletter Unsinn. Nach SPORT BILD-Recherchen liegt der Verdacht nahe, dass Bakery Jatta unter falscher Identität in der Bundesliga spielt und bei seiner Einreise im Jahr 2015 seinen Namen und sein Geburtsdatum falsch angegeben hat. Und so stellt sich die Causa Jatta wohl im Nachhinein dar. lm Oktober 2014 erscheint ein erster Artikel über Bakary Daffeh mit einem Foto des Spielers. Dieser spielt zu diesem Zeitpunkt in Gambia – für Brikama United. In Wahrheit heißt Jatta wohl Bakary Daffeh und ist nicht am 6. Juni 1998 sondern am 6. November 1995 geboren.

Bei seiner Einreise nach Deutschland wäre er damit bereits volljährig gewesen. Das hätte das Verfahren zur Erlangung der Aufenthaltsgenehmigung deutlich erschwert.  Denn minderjährige, allein reisende Flüchtlinge erhalten in der Regel eine Duldung und dürfen im Land bleiben (§58 Abs. 1a Aufenthaltsgesetz), Volljährige nicht. Auf Basis seines falsch angegebenen Geburtsdatums wäre Jatta im Sommer 2015 17 Jahre alt gewesen, als er in der Nähe von Bremen aufgenommen wurde. Er wäre 18 Jahre alt gewesen, als er seinen ersten Profivertrag beim HSV unterschrieb. Wie BILD.DE im August 209 berichtet, spielt Jatta in Afrika bereits für mehrere Vereine in Gambia. Zudem war er wohl an Klubs in Nigeria und im Senegal ausgeliehen.

Er ist im Jahr 2014 sogar für die U20-Nationalmannschaft Gambias aktiv. Die Prüfung im „Fall Jatta“ durch den DFB ruft eine Welle von Solidarität für den Flüchtlingsprofi hervor. Auch das Einwohner-Zentralamt in Hamburg hat irgendwann keine Bedenken mehr: „Für uns war die Identität geklärt. Es gab keine Anhaltspunkte für einen gefälschten Pass.“TuS Sulingen bei Bremen, der VfB Oldenburg – und dann über den Betzenberg mit 26 in die Bundesliga! Das ist der Weg des Michael Schulz ins Fußball-Rampenlicht. Er wird zu einem der beliebtesten Autodidakten der Liga.

Dabei hätte der 1,94 m große Polizeibeamte den Dingen in norddeutscher Gemütsruhe ihren Lauf lassen können. Polizei-Ausbilder, irgendwann dann ein ruhiger Schreibtischposten und ein paar Jährchen später die Pension. Für den Profi-Fußball fühlt sich Schulz lange nicht berufen. Das ändert sich mit seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern. Robust und kopfballstark geht der Bulle im FCK-Dress vor – und spielt sich schnell in die Herzen der Fans am „Betze“. Mit dem FC Kaiserslautern wendet er den Abstieg aus der Bundesliga ab – und holt 1988 mit Deutschland Olympia-Bronze in Seoul.

Michael Schulz schließt sich 1989 dem DFB-Pokalsieger Borussia Dortmund an. Beim BVB avanciert er zum Nationalspieler und erlebt mit Schwarzgelb die legendären UEFA-Cup-Spiele 1992/93 und die Vizemeisterschaft 1992. Die BVB-Fans tragen Schulz in Duisburg nach dem letzten Spieltag trotz der wenige Minuten vor Schluss verlorenen Meisterschale auf Schultern vom Platz. Dieses Fußballjahr ist trotz dieses Makels die Krönung für den Langen: 1992 beruft ihn Berti Vogts ins EM-Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft. In Schweden wird Schulz mit dem DFB-Team Vize-Europameister. Sieben Länderspiele reichen, um in ein großes Finale zu kommen.

 

Fußball-Cop Schulz: Immer zur falschen Zeit beim richtigen Klub…

Ein Titel bleibt dem Quereinsteiger verwehrt, weil er es irgendwie immer fertigbringt, ein Jahr vor einem großen Erfolg den Verein zu wechseln. Das geht ihm 1989 in Lautern so und 1994 in Dortmund beim Wechsel zu Werder Bremen…Kaum ist Schulz weg, wird der FCK 1990 DFB-Pokalsieger.

Nach seinem Abgang aus Dortmund holt der BVB 1995 die erste Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga. 1997 macht der Fußball-Bulle die letzte Schicht und startet als Reporter beim Bundesliga-Broadcaster SAT 1 eine neue, dritte Karriere.Dieser Jamie Vardy! Geboren 1987 in Sheffield, ist er so etwas wie der berühmteste Partygänger der Premier League. Nichts, aber auch wirklich gar nichts deutet vor 2012 daraufhin, dass dieser hagere Typ, der in seinem Leben nichts ausgelassen hat, die englische Fußball-Elite verändern wird.

Bei Sheffield Wednesday wird er mit 15 abgelehnt. Zu schmächtig, heißt es. Vardy hat in einer Kohlefaserfabrik gearbeitet. Er wird Amateurkicker bei den Stocksbridge Park Steelers, bedient mit Sauf-Orgien und Fastfood von der Tankstelle sämtliche Klischees des Fußball-Prolls. Als sich Vardy 2007 eine Stadion-Schlägerei mit Körperverletzung leistet, muss er 6 lange Monate eine elektronische Fußfessle tragen, erhält zudem eine Ausgangssperre zwischen 6 und 18 Uhr. Das erschwert seine Einsätze auf dem Fußballplatz ungemein. Ein Justizbeamter ist immer an der Bande oder nahe der Umkleidekabine. „Ich musste schauen, dass ich rechtzeitig zu Hause bin“, erzählt Vardy im Oktober 2015 der Zeitung Leicester Mercury, „oft wusste ich nicht, wie unser Spiel ausging.“

Der siebtklassige Halifax Town FC lässt sich Vardys Torjägerqualitäten 2010 schließlich 170.000 Euro kosten. Ein lohnender Deal: Mit 27 Toren in 37 Liga-Spielen schießt Vardy den Klub zur Meisterschaft, 2011 wechselt er zu Fleetwood. „Wir wussten, dass er ein besonderer Spieler ist“, sagt Halifax’ damaliger Klubchef David Bosomworth über ihn, „er war hungrig, leidenschaftlich und extrem fleißig.“ Vardys Erfolgsformel scheint dies zu bestätigen. „Ich habe immer versucht, keine großen Träume zu haben und mich langsam hochzuarbeiten“, sagt der Spätberufene. Diese Zurückhaltung und seine Fan-Nähe – Vardy ist immer für einen Smalltalk mit den Anhängern auf dem Stadion-Parkplatz zu haben – machen ihn aus. Der Wechsel zu Leicester City vom fünftklassigen Klub Fleetwood Town ist schließlich im Sommer 2012 für Jamie Vardy so etwas wie so oft zitierte „letzte Chance“ im Profifußball. Mit 31 Saisontreffern und 17 Assists hat Vardy zuvor bei Fleetwood Town entscheidenden Anteil am ersten Aufstieg des Klubs in eine Profiliga. Kurios: Von den bis zu 30 Scouts und Spielerbeobachtern in Fleetwoods Highbury Stadium erkennt nur Leicester-Späher Nigel Pearson Vardys Potenzial. Er holt Vardy für 1,24 Millionen Euro – bis dahin ein Rekord im englischen Amateurfußball. Bei Leicester City steuert Vardy 2013/2014 insgesamt 16 Tore zur Rückkehr in die Premier League bei.

 

Debüt für die „Three Lions“ mit 28…

2015/2016 dann das Märchen-Jahr des Jamie Vardy: Premier-League-Meister mit Leicester City, Einstellung des Tor-Rekords von Ruud van Nistelrooy mit mindestens einem Treffer in 11 aufeinanderfolgenden Premier-League-Spielen. Die persönliche Krönung: Jamie Vardy wird Fußballer des Jahres 2016 in England! Seine Eskapaden sind längst passé. Sie sind Teil des Vardy-Kults, eben ganz so, wie man die Engländer kennt.

Als Fangesang Jamie Vardy’s having Party – Bring your Vodka and your Charlie (Dt.: „Jamie Vardy gibt eine Party, bringt Euren Wodka und Euer Kokain mit“) finden sie den Weg auf die Tribünen des King Power Stadium und zu den Spielen der englischen Nationalmannschaft, für die Vardy am 7. Juni 2015 im Alter von 28 Jahren debütiert. Größter Erfolg: Platz vier bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Da Vardy bei diesem Turnier auch für sich in Anspruch nehmen kann, Mitglied der englischen Nationalmannschaft gewesen zu sein, die erstmals bei einem WM-Turnier ein Elfmeterschießen – im Achtelfinale gegen Kolumbien ist es soweit – gewonnen hat, tritt er auch auf dem Höhepunkt ab.

Am 28. August 2018 verkündet er seinen Rücktritt aus der englischen Nationalmannschaft, nach 26 Länderspiel-Einsätzen und sechs Toren. Die Vardy-Party geht danach bei Leicester weiter. Natürlich, wie könnte es anders sein, mit einem Rekord für die Ewigkeit. Meister als Underdog 2016, das ist Vardy und den „Foxes“ zu wenig, um im Premier-League-Geschichtsbuch nicht überschlagen zu werden.

Am 25. Oktober 2019 fährt Leicester City beim 9:0 bei den bedauernswerten „Saints“ vom FC Southampton den bis dahin höchsten Sieg in der Premier-League-Geschichte ein. Jamie Vardy trifft allein drei Mal.
Am 20. Januar 2018 vollzieht sich beim Spiel des FC Carl Zeiss Jena bei Fortuna Köln in der 3. Liga eines der irrsten Comebacks der deutschen Fußballgeschichte. Kevin Pannewitz (27), ehemalige Profi von Hansa Rostock, kehrt nach 2.099 Tagen oder beinahe sechs Jahren in den bezahlten Fußball zurück!

Fast 30 Kilo hat der Defensiv-Allrounder, einst als eines der größten Talente in den DFB-Sichtungslehrgängen gepriesen, zuvor abgenommen, um wieder auf Wettkampfniveau zu kommen. „Für mich war es gefühlt die zehnte zweite Chance“, erklärt der Berliner anschließend, „aber es war sehr schön.“

Pannewitz kämpft sich mit bewundernswerter Disziplin ins Rampenlicht zurück, nachdem er nach seiner Vertragsauflösung beim VfL Wolfsburg 2012 vom Planeten gekippt zu sein scheint. Er kickt zeitweise in der 6. Liga, arbeitete als Kühlschrankschlepper und Hausmeister, wiegt bei einer Körperlänge von 1,85 m bis zu 125 Kilo. Das ist mehr als nur die Figur eines Thekenfußballers. Kevin Pannewitz – Dass der Moppel am 28. Januar 2018 mit dem FC Jena gegen den Halleschen FC noch einmal zu einem Profispiel einlaufen würde, hätten nur wenige Beobachter gedacht. Am wenigsten wohl er selbst. „Ich habe nur gegen mich selbst verloren“, erklärt der als „schlampiges Genie“ in der Bundesliga durchgefallene Defensivspieler, nachdem der VfL Wolfsburg ihn 2012 rauswarf. Disziplinfanatiker Felix Magath gibt ihn auf: „Pannewitz ist Panne.“

Zuvor hat er mit 17 beim FC Hansa Rostock debütiert. Sauftouren und Übergewicht führen an der Ostsee mehrfach zur Suspendierung. Nun meldet er sich zurück. Sein Arbeitsprotokoll in der Drittliga-Spielzeit 2018/2019: 11 Pflichtspiele und 2 Tor-Beteiligungen. Das ist alles andere als Panne. Es ist leider aber auch nicht von Nachhaltigkeit. Der FC Carl Zeiss Jena trennt sich am 9. Januar 2019 nach eineinhalb Jahren wieder von Pannewitz und löst den Vertrag mit dem inzwischen 27-Jährigen auf. Wie der Drittligist bekannt gibt, wird dem Panne-Profi „außerordentlich gekündigt“. Vor Saisonbeginn haben die Thüringer das Arbeitspapier mit dem defensiven Mittelfeldspieler noch bis zum Sommer 2020 verlängert. Bis zur Kündigung macht Pannewitz für Jena neun Ligaspiele.

Wie die Zeitung Thüringer Allgemeine berichtet, soll der körperliche Zustand des Profis ausschlaggebend für die vorzeitige Trennung sein. Pannewitz sei nach der Winterpause mit einem „deutlichen Übergewicht“ ins Mannschaftstraining eingestiegen. Einen Fitnesstest habe der Spieler sogar abbrechen müssen. Ziemlich Panne alles.Der Mann hat was durchgemacht. Die Arme sind tätowiert und in seinem kantigen Gesicht wirkt jedes Lebensjahr wie eingemeißelt. Dean Windass, seines Zeichens Stürmer beim englischen Sensations-Aufsteiger Hull City, japst nach jedem Sprint nach Luft. Unter seinem Trikot wölbt sich ein Bierbauch. Eigentlich erfüllt dieser gemütliche Bursche damit das Anforderungsprofil eines englischen Fußball-Rabauken – nicht das eines hoch bezahlten Profis in der Premier League.

Im Jahr 2008 wirkt der müde Krieger Windass wie ein Relikt aus der Sauf- und Raufzeit des englischen Fußballs. Aber Windass (Dt.: Windarsch) ist Kult. Bei der Eröffnung des neuen Fanshops Ende Oktober 2008 in Hulls Innenstadt wird er von 3.000 Anhängern gefeiert. In Hull wissen sie, was sie Windass zu verdanken haben. Mit seinem 1:0-Siegtreffer im Play-off-Spiel gegen Bristol City am 24. Mai 2008 in Wembley schießt Deano die Tigers von Hull City erstmals in ihrer 104-jährigen Vereinsgeschichte in die höchste englische Liga und sichert dem Klub Mehreinnahmen von rund 90 Mio. Euro, die man nun in der Premier League scheffeln kann.

Der Geniestreich des Dean Windass, eine Direktabnahme aus 16 Metern, bringt den Klub und die Stadt europaweit in die Schlagzeilen und im Stadtrat von Hull dachte man laut darüber nach, dem Typen mit der Boxernase ein Denkmal zu setzen. Das lehnt Windass schroff ab: „Ich bin keine Legende“, poltert der Fußball-Veteran, „ich mag dieses Wort nicht. Die Leute, die wirklich alles geben für ihr Land, sind unsere Soldaten im Irak. Ich bin nur ein Fußballer, der eine Menge Geld für das bekommt, was ihm Spaß macht.“

 

Dean Windass – Um Spott musste er nie betteln…

Dabei ist für Windass eigentlich schon alles vorbei. Bevor er im Mai 2008 in Wembley jubeln darf, pflastern Skandale seinen Weg. Dean Windass, geboren am 1. April 1969 in Hull, aufgewachsen im Problemviertel Gipsyville, hat in seinem bewegten Leben nicht viel ausgelassen. „Der Junge namens Windarsch“, so der Autor Matthias Paskowsky in der Zeitschrift 11 FREUNDE, „hat vermutlich nie um Spott betteln müssen.“

Er ist Scheidungskind, arbeitet als Maurer und füllt bei seinen zahlreichen Gelegenheitsjobs u. a. in einer Fabrik gefrorene Erbsen in Konservenbüchsen. Dean Windass ist Trinker und Bettnässer, schlägt seine Frau, randaliert bei Auswärtsspielen auf dem Hotelzimmer – das volle Fußball-Proleten-Programm eben. Dean Windass – Seine eigenartige Karriere liefert genügend Stoff für ein Buch.

Die Autobiografie Deano – Von Gipsyville in die Premier League erscheint im Oktober 2007 – lange vor dem Aufstieg mit Hull in Englands Eliteliga. Vermutlich hat es der Autor schon vorher gewusst…Sandro Wagner wäre vermutlich auf dem Siegerfoto der U21-Europameister 2009 einer derjenigen geblieben, die es nicht bis ganz nach oben geschafft haben.

Zwischen den späteren Weltmeistern Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jérome Boateng, Mats Hummels, Mesut Özil und Sami Khedira wirkt der zweifache Torschütze aus dem Finale von Malmö 2009 später wirklich wie einer, der den Zug nach irgendwo verpasst hat. Sandro Wagner vom FC Bayern München, zur U21-EM schon beim MSV Duisburg unter Vertrag, wechselt in der Folgezeit die Vereine wie die Hemden.

Seine Stationen sind danach Werder Bremen und dabei auch die zweite Mannschaft der Hanseaten. Von Bremen aus geht es zum 1. FC Kaiserslautern, dessen Abstieg Wagner 2012 nicht verhindern kann. In 11 Bundesliga-Spielen für den FCK bleibt der Stürmer ohne Torerfolg. Bei Hertha BSC hält es ihn zwischen 2012 und 2015 bis dahin am längsten. Dass es vor dem Tor noch wagnert, zeigt er 2015/2016 in Diensten des Bundesliga-Aufsteigers SV Darmstadt 98. Nachdem die Hessen am 33. Spieltag ausgerechnet in Berlin den Liga-Erhalt schaffen, wird der als extrovertiert geltende Wagner im Olympiastadion nach Platzverweis ausgepfiffen. Noch immer gilt er als schwer vermittelbar. Das ändert sich 2016, mit dem Wechsel zu 1899 Hoffenheim.

 

Auch bei den Bayern hält es Wagner nicht ewig

Mit den Kraichgauern zieht Wagner, dem in 42 Liga-Spielen für die TSG 15 Tore gelingen, in die CL-Qualifikation ein – und wechselt im Winter 2017 zurück zum FC Bayern München. Dort wird er als „Backup“ für Stürmerstar Robert Lewandowski eingestellt.

Doch Wagner spielt sich mit 8 Toren in 18 Liga-Spielen endlich auch in die A-Nationalmannschaft. Joachim Löw nimmt ihn mit zum Confederations-Cup 2017 nach Russland, wo Wagner mit dem DFB-Team triumphiert. Mit der WM klappt es trotzdem nicht. Als ihn Löw 2018 nicht für die Endrunde nominiert, tritt Wagner beleidigt aus der Nationalmannschaft zurück.

„Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse“, gibt er Löw und Co. zum Schluss noch einen mit. Ende Januar 2019 wechselt der inzwischen 31-jährige Stürmer vom FC Bayern München zu Tianjin Teda in die Chinese Super League.

Ob ihn der deutsche Coach Uli Stielike oder die doch üppigen Verdienstmöglichkeiten im betagten Stürmeralter in Fernost überzeugt haben, ist nicht bekannt.Lassana Diarra – In Paris geboren und ausgebildet, erlebt Mittelfeldspieler Jahre in der englischen Premier League bei Arsenal und Chelsea. Er holt Titel, glücklich wird er dort aber nie.

Dafür gibt es Gründe. Bei Chelsea soll Diarra unter dem exzentrischen Trainer José Mourinho in dessen zweiter Saison bei den „Blues“ ab 2005 langfristig zum Nachfolger von Claude Makélélé aufgebaut werden. Aber: Weder Makélélé noch Michael Essien lassen sich als Platzhirsche im defensiven Mittelfeld des englischen Fußballmeisters so leicht vertreiben. Die Folge: Spielpraxis sammelt Diarra nur im Reserveteam des FC Chelsea und in den Pokal-Wettbewerben. Seinen ersten Startelf-Einsatz erhält er erst am letzten Spieltag der Saison 2995/2006, als Chelsea bereits als alter und neuer Meister feststeht. Nur 10 Premier-League-Spiele veranlassen Diarra nach der Saison 2006/2007 zum Handeln. Er wechselt zum Londoner Stadt-Rivalen FC Arsenal, kann sich dort aber mit nur sieben Ligaspielen ebenfalls nicht durchsetzen. Stammspieler wird er erst auf bei seinem dritten Verein in England, dem FC Portsmouth.

Real Madrid, Anschi Machatschkala und Lokomotive Moskau – Diarra wird in der Folgezeit zum Fußball-Wanderer. In Moskau überwirft sich der Franzose mit Coach Leonid Kuchuk, bleibt dem Training fern – und kassiert 2014 die fristlose Kündigung. Es sind keine einfachen Zeiten für Lassana Diarra. Den schwärzesten Tag seiner Fußballerkarriere erlebt er am 13. November 2015. Bei den Terroranschlägen in Paris stirbt seine Cousine, während Diarra mit der französischen Nationalmannschaft im ebenfalls bedrohten Stade de France gegen Deutschland (2:0) spielt. Von Real Madrid zum schwer vermittelbaren Profi, die Fallhöhe des „Lass“ Diarra ist groß. Im Februar 2017 bei Olympique Marseille erneut gefeuert, kehrt er nach einer Saison am fußballerisch völlig unbedeutenden Persischen Golf und monatelanger Vereinslosigkeit zu einem der schillerndsten Klubs der Welt zurück: Paris St.-Germain!

 

„Ich sage nicht, dass ich alles perfekt gemacht habe“

Diarra wird auch in Paris nicht mehr glücklich. Am 8. Februar 2019 gibt der Hauptstadtklub die Trennung von Diarra bekannt. Daraufhin erklärt der 34-fache Nationalspieler Frankreichs das sofortige Karriere-Ende. Bis dahin hat eine Knieverletzung dafür gesorgt, dass Diarra, der ohnehin bei PSG-Trainer Thomas Tuchel nicht hoch im Kurs steht, auf lediglich drei Ligue-1-Einsätze kommt.

Es ist an der Zeit, die Schuhe aufzuhängen“, schreibt der inzwischen 33 Jahre alte Mittelfeldmann bei Instagram, „für den Fußball habe ich viel gegeben. Einen Dank des Fußballs habe ich viel erhalten. Ich sage nicht, dass ich alles perfekt gemacht habe, aber ich habe es mit Herz, Leidenschaft und Freundlichkeit getan.“Oliver Bierhoff und die Bundesliga – das passt nicht. Vier Treffer in 31 Spielen für Bayer 05 Uerdingen, sechs Tore in 34 Einsätzen zwischen 1988 und 1990 beim HSV und acht Partien ohne Torerfolg für Borussia Mönchengladbach 1990 lassen selbst die größten Experten in Fußball-Deutschland zu Beginn der Dekade nicht im Traum daran denken, dass man den Siegtor-Schützen von Wembley 1996 ins Ausland vergrault.

Bierhoff wechselt zu Casino Salzburg nach Österreich. Die Luftveränderung im Salzburger Land tut ihm gut. Der 1,91 m große Angreifer kommt in 32 Bundesliga-Spielen in Österreich auf 23 Treffer, wird Torschützenkönig. Die Scouts aus der italienischen Serie A, regelmäßig auf den Tribünen der österreichischen Liga, haben genau hingeschaut. Inter Mailand verpflichtet den bereits 23-Jährigen, leiht ihn aber direkt an Ascoli Calcio aus. Für Bierhoff ist die Stadt in Mittelitalien genau der richtige Ort, um weiter Tore zu schießen. In vier Jahren in der Serie B macht Bierhoff mit 48 Buden in 117 Spielen noch einmal nachhaltig auf sich aufmerksam. Udinese Calcio greift zu und holte ihn in die Serie A.

In Diensten von Udinese geling Bierhoff der größte Erfolg seiner Karriere. In seinem 8. Länderspiel macht er Deutschland am 30. Juni 1996 mit zwei Treffern im Finale gegen Tschechien (2:1 n. V.) zum Europameister. Als Joker für Mehmet Scholl eingewechselt, wird Bierhoff durch sein historisches „Golden Goal“ über Nacht zum neuen Superstar des deutschen Fußballs.

 

Stolze Ablöse vom AC Milan

Seine Fabel-Quote von 57 Toren in 86 Spielen der Serie A für Udine führt 1998 zu seiner Verpflichtung durch den AC Mailand. 12,5 Mio. Euro für einen zu diesem Zeitpunkt 29-Jährigen sind kein schlecht angelegtes Geld.

Oliver Bierhoff zahlt bei Milan mit 21 Tor-Beteiligungen auf dem Weg zum Meistertitel 1998/99 zurück. Als er 2003 bei Chievo Verona in die Fußball-Rente geht, stehen Europameister, Vize-Weltmeister (2002) und „Fußballer des Jahres“ 1998 in Deutschland in seinem Lebenslauf. Bleibt die Frage: Warum hat in Uerdingen, Hamburg und Gladbach keiner gemerkt, was wirklich in Bierhoff steckt?
Wohl jeder Fußballfan kennt seinen Namen – und den legendären Reporter-Schrei „Rahn schießt – Tor! Tooor! Tooor“ von Herbert Zimmermann vom 4. Juli 1954. Aber: Der Held aus dem WM-Finale 1954 in Bern muss „das dritte Tor“ anschließend wohl zu häufig an der Theke nacherzählen.

Rahn rutscht ab. Er hat Alkoholprobleme, handelt sich Disziplinarstrafen ein, verliert seinen Führerschein. Schließlich kassiert eine Gefängnisstrafe auf Bewährung. Nach einer Saison beim 1. FC Köln (1959/60) ist „Der Boss“ weg. Er wechselt zum niederländischen No-Name-Klub SC Enschede, scheint trotz 39 erzielter Tore in 69 Spielen wie von der Bildfläche verschwunden. Auslandsfußball taucht in deutschen Medien Anfang der 1960er-Jahre nur in den Ergebnisspalten der Fachmagazine auf.

Aus der Nationalmannschaft ist der Siegtorschütze zum WM-Titel 1954 schon 1960 zurückgetreten. 1963 beginnt in Deutschland ein neues Fußball-Zeitalter. Die Bundesliga geht am 24. August 1963 an den Start – und was kommt für die 16 Klubs in der Premieren-Saison da besser, als die noch aktiven Weltmeister von 1954 zu holen? Die Strahlkraft der „Helden von Bern“ ist auch fast 10 Jahre nach dem unglaublichen Triumph im Finale gegen Ungarn fast ungebrochen. Max Morlock läuft für den 1. FC Nürnberg in der neuen Eliteliga auf. Trainer Rudi Gutendorf gelingt es, Rahn aus Holland zurück zu holen und ihm zum Meidericher SV nach Duisburg zu lotsen.

Deutlich fülliger geworden, aber immer noch so torgefährlich wie einst in Bern zeigt es „Der Boss“ noch einmal allen. Acht Tore erzielt er in 18 Spielen in der Premieren-Saison der Bundesliga. Nicht schlecht für einen 34-Jährigen! Rahn wird mit dem MSV Deutscher Vizemeister. Die erste Meisterschale der Bundesliga-Ära darf sein Weltmeister-Kollege Hans „De Knoll“ Schäfer mit dem 1. FC Köln recken. Rahn stirbt 2003 in seiner Heimatstadt Essen. Vom Fußball-Rummel hat er sich da schon lange zurückgezogen. Die Premiere des Kinofilms Das Wunder von Bern mit seinen eigenen Heldentaten in der filmischen Umsetzung erlebt er nicht mehr.Sócrates. Der legendäre Brasilianer legt wohl die längste Pause von allen Profis, die wir hier vorstellen, ein.

Der 60-fache Internationale und Führungsspieler der „Selecao“ verschwindet wie kaum ein anderer in der Versenkung. Vielleicht hat es mit dem verschossenen Elfmeter im WM-Viertelfinale 1986 gegen Frankreich zu tun. Sócrates, dessen Markenzeichen aus dem Stand geschossene Elfer sind, vergibt seinen Ball gegen die „Equipe tricolore“. Brasilien weint nach 1982 ein weiteres Mal am Ende einer WM-Endrunde. Neben dem ungekrönten „weißen Pelé“ Zico und Falcao tritt auch Sócrates aus der brasilianischen Nationalmannschaft zurück. Die Spur des Kettenrauchers – Sócrates pafft bis zu 20 Zigaretten am Tag – und überzeugten Basisdemokraten verliert sich in den folgenden Jahren. 1988/89 ist er letztmalig gelistet – beim Pelé-Klub FC Santos.

Sócrates arbeitet in einem Krankenhaus in Ribeirão Preto im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo als Kinderarzt. Durch sein Medizinstudium hat er die Weltmeisterschaft 1978 verpasst. Als er am 21. November 2004 – fast 20 Jahre nach seinem letzten Länderspiel für Brasilien – völlig überraschend beim englischen Amateurklub Garforth Town auftaucht, bemühen die englischen Gazetten den Jubelschrei des TV-Reporters nach dem WM-Titelgewinn 1966 („They think, it’s all over now – It is now!“ / Dt.: Aus, Aus, Aus!). „Sócrates – They think, it’s was all over – it isn’t“, titelt der Daily Telegraph.

 

Ein trauriges Bild: Der große Sócrates bei einem englischen No-Name-Klub

Mit 50 läuft Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira mit Schmierbauch und grauem Bart tatsächlich noch einmal für den neuntklassigen englischen Klub auf. Es ist ein Freundschaftsdienst für Garforths Mäzen, ein Vertrag für einen Monat.

Fast schon zu viel für den Mann, der auf der Reservebank der Engländer wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt. Es bleibt bei einem einzigen Spiel. Am 4. Dezember 2011 verstirbt Sócrates in einem Krankenhaus in Sao Paulo an den Folgen einer Sepsis nach Darmblutung. Mit nur 57 Jahren.Arsenals Klublegende Tony Adams rammt in der Vorweihnachtszeit 1990 in seinem Wohnort Southend-at-Sea volltrunken mit seinem Wagen eine Mauer.

Die neuerliche Trunkenheitsfahrt des Arsenal-Kapitäns, der in Glanzzeiten in Bars und Kneipen Rechnungen von bis zu 8.700 Euro zahlt und mit seinem Teamkollegen Paul „Merse“ Merson einen treuen Zechkumpanen („Wir waren wie zwei Tornados – in verschiedenen Teilen von London“) hat, kommt „Big Tone“ teuer zu stehen. Das „Rodders“, wie der Lange auch genannt wird, trunksüchtig ist, hat sich in England längst herumgesprochen. Nun ist Schluss mit hochprozentig.

Adams landet für drei Monate im Gefängnis. Seine Alkoholprobleme werden existenzbedrohend. Seit 1985 ist Adams Profi bei den Gunners. Er ist mit 21 Jahren der jüngste Mannschaftskapitän in der Geschichte des Traditionsklubs aus dem Londoner Norden. Adams scheint nun, da hinter Gittern gelandet, endgültig verspielt zu haben. Aber: Coach George Graham begnadigt ihn Ende Februar. Tony kehrt in einem Reservespiel gegen den FC Reading am 16. Februar 1991 auf Verdacht zu Arsenal zurück. Die Reaktionen der Fans sind überwältigend. Tausende Zuschauer – völlig unüblich für die Reservespiele – haben sich in Highbury versammelt und singen „Es gibt nur einen Tony Adams.“

 

Trotz aller Eskapaden: Arsenal liebt „Big Tone“

Arsenal-Fan John Williamson erinnert sich 2018 „Normalerweise wurde für die Reservespiele nur die Osttribüne geöffnet, aber an diesem Tag drängelten sich schon eine halbe Stunde vor dem Öffnen der Stadiontore Tausende von Menschen in Richtung der Eingänge.

Adams wurde von den Zuschauern vor dem Warmlaufen regelrecht auf den Rasen geschrien.“ Getragen von so viel Unterstützung führt „Big Tone“ die „Gunners“ 1991 noch zum Meistertitel. Bis zu seinem Abschied im Jahr 2002 werden zwei weitere Meistertitel, zwei Erfolge im FA Cup und der Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1994 gegen den AC Parma in Kopenhagen dazukommen.Erst Wettskandal, dann Weltmeister! Ausgerechnet Paolo Rossi, der Stürmerstar von Juventus Turin ist 1979 in eine große italienische Wettbetrugs-Affäre verwickelt und wird für drei Jahre gesperrt.

Es geht um ein verschobenes Liga-Spiel im Dezember 1979, AC Perugia gegen US Avellino (2:2). Rossis Sperre wird später abgemildert und auf zwei Jahre verkürzt. Wenige Monate vor der WM 1982 wird der Stürmer begnadigt. Obwohl er keine Spielpraxis hat, setzte Nationalcoach Enzo Bearzot auf ihn und nimmt ihn mit zur WM nach Spanien. Rossi kann das Vertrauen zunächst nicht rechtfertigen.

In der Vorrunde, wo Italien ohne Sieg bleibt, gelingt ihm kein einziger Treffer. Erst in der 2. Finalrunde platzt der Knoten. Rossi erzielt gegen den haushohen Turnier-Favoriten Brasilien beim 3:2 alle drei Tore für die „Squadra Azzurra“. Mit sechs WM-Treffern schießt er Italien zum WM-Titel. Im Finale in Madrid gegen Deutschland (3:1) erzielt er das richtungweisende 1:0 – und räumt auch nach dem Titelgewinn so richtig ab. Der Torjäger der WM 1982 sichert sich auch den Titel „Bester Spieler des Turniers“- Zudem wird Rossi „Europas Fußballer des Jahres“.

Nach der WM 1982 erlebt Rossi auch auf Klub-Ebene die größten Erfolge seiner Karriere. Italienischer Pokalsieger 1983 und Europacupsieger der Cup-Gewinner ein Jahr später mit Juventus Turin, Meister in der italienischen Serie A und 1985 Europapokalsieger der Landesmeister mit „Juve“. 1987 zieht sich der Mann aus Prato nach einer letzten Saison bei Hellas Verona (20 Liga-Spiele / 4 Tore) zurück.They never come back? Nicht mit Diego Armando Maradona! Am 28. September 1992 feiert der Argentinier beim FC Sevilla seine Rückkehr in den Profifußball.

Diego Armando Maradona: Wer, wenn nicht er? Das Fußball-Genie aus Argentinien muss nach sieben erfolgreichen Jahren beim SSC Neapel 1991 eine 15-monatige Kokain-Sperre hinnehmen. Der Argentinier hat sich in Italien mit den wichtigen, aber letztlich mit den falschen Leuten abgegeben – und das falsche Zeug genommen.

Zuvor hat er den bis zu seiner Ankunft in Italien wahrlich nicht zu den Spitzenvereinen gehörenden SSC Neapel in ungeahnte Höhen geführt. Mit „El Diego“ – ob im Koks-Rausch oder auch nicht – gelingen Napoli Erfolge, die das Stadtbild unterm Vesuv bis heute prägen. Italienischer Meister 1990, Double-Sieger 1987 und UEFA-Cup-Sieger 1989 gegen den VfB Stuttgart. Auf Wand-Gemälden von Maradona, Ikonen, Poster in Schaufenstern sind die glorreichen 1980er-Jahre in Bella Napoli noch immer präsent. Es dürfte für jeden Spieler, der das Trikot des SSC Neapel trägt, auf ewig schwer bis unmöglich sein, diese Popularität zu toppen. Und Lionel Messi spielt nur ein Mal in Neapel. Das allerdings Anfang 2020 in Diensten des FC Barcelona.

 

Maradona – und die Nebel seines vergangenen Ruhms – mehr Melodramatik geht nicht!

Die Anzeichen, dass Italien von Maradona genug hat, mehren sich schon zur WM 1990. Gerüchte über seine Kokain-Sucht und über Steuerhinterziehung gibt es schon zu diesem Zeitpunkt. Nach dem mit Argentinien mit 0:1 gegen Deutschland verlorenen Finale in Rom pfeifen ihn die italienischen Zuschauer gnadenlos aus. „Maradona wäre gut beraten“, so der als Eurosport-Co-Kommentator agierende Ex-Inter-Profi Hansi Müller, „Italien zu verlassen.“

Diese Flucht lässt nicht lange auf sich warten. Nach seiner Rückkehr aus Italien wird Diego Armando Maradona in der argentinischen Heimat neben seiner Sperre zudem mi einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten belegt. Um irgendwie wieder auf Wettkampfniveau zu kommen, trainiert Diego mit einem anderen gefallenen Helden des Sports: Olympia-Dopingsünder Ben Johnson. Der von vielen Medien abgeschriebene Fußballstar schafft ein unglaubliches Comeback.

1992 kehrt Maradona zum FC Sevilla in die spanische Primera Division auf die große Bühne zurück. Selbst die zweite Doping-Sperre – wieder sind es 15 Monate für alle fußballerischen Aktivitäten weltweit – bei der WM 1994 kann den unverwüstlichen Argentinier nicht ausknocken. 1995 tritt Maradona unter unglaublichen Begeisterungsstürmen noch einmal bei seinem Stammklub Boca Juniors auf.

Er feiert sich in den Nebelschwaden des Stadions „La Bombonera“ noch einmal selbst. „Diego Maradona – und um ihn herum der Nebel seines vergangenen Ruhms“, kommentiert der Filmemacher Jean-Christophe Rosé 2006 in seiner von Maradona nicht autorisierten Dokumentation Maradona, der Goldjunge.


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