EURO 1968: Entscheidung im Spielertunnel – Italiens unfassbarer Finaleinzug



Entscheidung im Spielertunnel - Italiens unfassbarer Finaleinzug

Giacinto Facchetti war 1968 Italiens unumstrittener Kapitän.
Giacinto Facchetti war 1968 Italiens unumstrittener Kapitän. Foto: Imago Images / Sven Simon

Dino Zoff ist bis heute der einzige italienische Spieler, der Welt- und Europameister geworden ist. Am 6. Juni 1968 steht der Torhüter vom SSC Neapel bei einer der kuriosesten und im Nachgang skandalösesten EM-Entscheidungen auf dem Rasen.

Im Stadio San Paolo in Neapel, Zoffs Wohnzimmer, trifft Italien bei der Heim-EM im Halbfinale auf die Sowjetunion, den ersten Europameister von 1960. Die Arena, die erst durch das Wirken von Superstar Diego Armando Maradona beim SSC Neapel (1984 – 1991) zur Fußball-Kultstätte wird, erlebt eine unglaubliche Entscheidung.

Wirklich vorstellen, dass es so kommt, kann sich dies vor Spielbeginn sicherlich keiner der 68.000 Zuschauer im weiten Rund. Zuvor ist es um die Stimmung der nur fünf Spiele (das Finale muss wiederholt werden) umfassenden Endrunde nicht gerade überragend.

Zu tief sitzt in Italien noch die Schmach vom bitteren WM-„Aus“ 1966 gegen Nordkorea in der Vorrunde. Zudem wird das Land von Studentenunruhen und politisch motivierten Gewalttaten erschüttert. „Der italienische Fußball machte 1968 eine schwere Zeit durch“, erklärt Dino Zoff Jahre später in der Dokumentation UEFA EURO – The Official History, „deshalb war die Atmosphäre um uns herum nicht gut.“

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Dino Zoff im EM-Finale 1968 mit Italien gegen Jugoslawien im Stadio Olimpico in Rom. Foto: Imago Images / United Archives International

1968 - Schlechte Zeiten für Fußball

Giacinto Facchetti war ein One-Club Inter-Man. Foto: Imago Images

In so einer Umgebung fällt es schwer, Begeisterung zu erzeugen. Die deutsche Fußball-Öffentlichkeit nimmt von dem Turnier ohnehin kaum Notiz. Die DFB-Elf ist in Italien gar nicht erst dabei. In der Qualifikation hat sich die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön am 17. Dezember 1967 beim 0:0 in Albanien, der „Schmach von Tirana“, die bis 2020 größte Blamage erlaubt – und erstmals eine EM- oder WM-Endrunde auf sportlichem Weg verpasst. Aber das ist eine andere Geschichte im EM-Schwarzbuch…

Die unglaublichste Story dieser EURO schreibt Italien. Im Regen von Neapel wird das mit Spannung erwartete Spiel gegen die Sowjets im Regen von Neapel zu einer Nullnummer. Es sieht nicht gut aus für Italien. Giovanni „Gianni“ Rivera verletzt sich schon nach fünf Minuten am Oberschenkel. Der Spielmacher des AC Mailand muss 120 Minuten humpelnd durchhalten, weil 1968 noch keine Auswechslungen erlaubt sind.

Dem Druck der UdSSR halten die „Azzurri“ dennoch stand – und zwar dank Dino Zoff, dem die Tifosi später den Ehrentitel „Dino Nazionale“ geben werden, da er an vier Weltmeisterschaften teilnimmt und 112 Länderspiele für Italien absolviert. Bei jeder Parade jubeln die Fans in San Paolo wie bei einem Torerfolg der italienischen Mannschaft.

„Die wichtigste Sache war, dass die Fans hinter uns standen“, erinnert sich Dino Zoff, „sie haben die Sowjets bei jedem Ballkontakt ausgebuht.“ Nach 90 Minuten gibt es keinen Sieger: 0:0. Verlängerung.

 

Die Mini EM – 5 Tage müssen reichen

Als Inter Mailands Angelo Domenghini kurz vor dem Ende der Verlängerung den Pfosten trifft, ist klar: Die Entscheidung muss auf andere Weise fallen. Die UEFA-Statuten sehen etwas Einmaliges vor: Das Weiterkommen ins Finale wird per Münzwurf entschieden. Ein Wiederholungsspiel ist bei dem knappen Zeitplan – das Turnier mit nur vier Teilnehmern wird inklusive Final-Wiederholung in nur fünf Tagen über die Bühne gezogen – nicht drin.

Aber noch ist nicht klar, wer Jugoslawien (1:0 gegen England in Florenz) im Finale fordern wird. Der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher bittet nun die beiden Kapitäne, Italiens Giacinto Facchetti († 2006) und UdSSR-Teamführer Albert Alexejewitsch Schesternjow († 1994) in den Spielertunnel. Er zieht eine 10-Francs-Münze hervor und bittet Facchetti, dem im Team ein gewisses Geschick für Glücksspiel nachgesagt wird, und den Russen Schesternjow, ihre Wahl zu treffen. Kopf oder Zahl, das ist die Frage! Albert Schesternjew wählt Zahl, Giacinto Facchetti Kopf. Als Tschenscher die Münze auf seinen Handrücken knallt, hat Facchetti gewonnen. Kopf. Jubelnd stürmt er aus den Stadion-Katakomben.

„Wir waren im Spielertunnel und jeder hatte seine Ohren gespitzt“, erinnert sich Italiens Stürmer Pierino Prati (AC Mailand), „dann hörten wir den Jubel von Facchetti und dass wir es ins Finale geschafft hatten.“ Mit dem Trikot wedelnd, signalisiert Facchetti den Tifosi im Stadion: „Wir sind im Endspiel“. Am 10. Juni 1968 wird Italien durch ein 2:0 im Final-Wiederholungsspiel Europameister. Der Makel des Münzwurfs aber bleibt. Letztlich ist es ein Skandal geblieben. Ein Skandal, der wenige Jahre später für die Einführung des Elfmeterschießens sorgt.

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