EURO 2000: Die peinliche Leistung der deutschen Mannschaft



EURO 2000: Die peinliche Leistung der deutschen Mannschaft

Erich Ribbeck (re), Egidius Braun und Uli Stielicke (li) - die Protagonisten der Seifenoper-Ernennung des Bundestrainers.
Erich Ribbeck (re), Egidius Braun und Uli Stielicke (li) - die Protagonisten der Seifenoper-Ernennung des Bundestrainers. Foto: Getty Images

Die EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden ist das erste Turnier, das in diesem Wettbewerb in zwei Ländern ausgespielt wird. Für den Nachbarn aus Deutschland wird es zum historischen Desaster.

Zwischen dem Abgang des nie wirklich glücklich wirkenden Europameister-Trainers Berti Vogts im September 1998 und dem „Aus“ gegen die B-Elf von Portugal am 20. Juni 2000 in Rotterdam liegen 21 Monate, die ein Fest für alle Kritiker und Hater des deutschen Nationalteams sind. Es beginnt mit dem wohl berühmtesten One-Night-Bundestrainer und endet mit einer peinlichen Party bei einem In-Italiener in Köln im Anschluss an die Pleite gegen die Portugiesen.

Der Mann, der sich für eine Nacht als Bundestrainer fühlen darf, ist einer, der in Sachen Kritik immer „den Finger in Wunden gelegt hat, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären“: Paul Breitner. Der Europameister von 1972 hat in Sachen DFB selten ein Blatt vor den Mund genommen. Mitte September 1998 klingelt bei den Breitners in Brunnthal abends gegen halb Neun das Telefon. „Papa, ein Herr Braun ist dran“, meldet Breitners Sohn Max, damals 17, das Telefonat. Der 73-jährige DFB-Präsident Egidius Braun sucht einen neuen Bundestrainer – und er macht Breitner das Angebot, diesen Job zu übernehmen. „Mir hab scho a Spaß g’habt dahoam“, frohlockt Max Breitner, „es kommt ja net oft vor, dass der Vater Bundestrainer wird.“ Breitner Senior fragt sich indes: „Bin ich wahnsinnig?“ Er ist es nicht! Der Mann, der dem jovialen Aachener Braun jegliche Kompetenz abgesprochen hat, soll jetzt den deutschen Fußball retten? Breitner ist bereit – doch Braun rudert zurück. „Vergessen Sie es“, scheint dem greisen DFB-Boss rund 24 Stunden dann doch Breitners Scharfzüngigkeit noch einmal eingefallen zu sein. Bevor er Breitner angerufen hat, empfängt er in Aachen dessen Ex-Mitspieler Jupp Heynckes. Der ist trotz Champions-League-Sieg bei Real Madrid gefeuert worden, lehnt aber trotzdem ab.

Am 9. September 1998 präsentiert Braun dann doch einen Vogts-Nachfolger. Einen, der in Deutschland nach mehr als zweijähriger Abstinenz nach seiner Entlassung bei Bayer Leverkusen kaum noch im Bewusstsein der Fans ist: „Sir“ Erich Ribbeck. Der smarte Rheinländer wird vom DFB aus der Rente auf Teneriffa geholt. Er bringt Uli Stielike mit, der mit einem dezent modischen Sakko zur Vorstellungs-Pressekonferenz in Frankfurt erscheint. Stielike wird beim EM-Desaster 2000 allerdings nicht mehr dabei sein.

Unter Trainer-Veteran Ribbeck quält sich die deutsche Mannschaft regelrecht durch die Qualifikation. Beim 0:0 gegen die Türkei im letzten Quali-Spiel im Münchner Olympiastadion erlebt sie im Oktober 1999 das nächste Desaster. In der WM-Arena von 1974 sind mehr türkische als deutsche Fans, die die DFB-Auswahl gnadenlos auspfeifen. Bei der Endrunde in Holland und Belgien setzt Renten-Ribbeck auf Lothar Matthäus, der seinerseits mit 39 Jahren vor der Fußball-Rente steht. Neben der Türkei ist Deutschland das einzige Team bei der EURO, das noch mit dem veralteten System mit Libero antritt. Das 1:1 gegen Rumänien zum Start ist kaum zum Anschauen. Mehmet Scholl rettet Deutschland mit dem einzigen Tor in diesem Turnier schon vor dem Duell gegen die Engländer vor dem Fehlstart.

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Tja, sie hatten es nicht leicht: Bundestrainer Erich Ribbeck (l.) und sein Assistenzcoach Horst Hrubesch beim ersten Spiel gegen Rumänien (1:1) während der EM 2000. Foto: Imago Images / Pressefoto Baumann

Krawalle in Charleroi

Und dann die permanente Fangewalt. Foto: Getty Images

Am 17. Juni 2000 kommt es im belgischen Charleroi zum ewig jungen Duell mit den „Three Lions“. Die Engländer haben sich erst über die Playoffs gegen Schottland (2:0 / 0:1) zur Endrunde gezittert. Sie nehmen erfolgreich Revanche für das „Aus“ bei der Heim-EM 1996 im Elfmeterkrimi gegen Deutschland.

Alan Shearer entscheidet das glanzlose Spiel mit dem 1:0 für England – und lässt die Insel-Presse jubeln. „Wir habens geschafft. Und so kam es denn, in der einfachen und simplen Stadt Charleroi, dass die Fußballer Englands endlich ihren ältesten und unbequemsten Geist verbannten. Glorreich“, jubelt der Mail on Sunday. „Ausschreitende Fans nehmen den Glanz von Englands Sieg. Shearer zerschmettert den deutschen Fluch. Nur Tränen als Souvenirs für Deutsche. Captain Marvel (Shearer) feuert ein Tor und gegen seine Kritiker“, schreibt die Sunday Times. In Charleroi hat es vorab Schlägereien zwischen deutschen und englischen Fans im asterixinischen Ausmaß gegeben. Ein tieferer Tiefpunkt, um es mit Günter Netzer zu sagen…

Aber: Auch das passt zu diesem unglückseligen Turnier. Der im Team umstrittene Ribbeck hat vor dem letzten Spiel gegen Portugal nur noch wenig zu melden. Bei seinen Monologen in der Pressekonferenz („Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen. Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, dann werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen.“) weiß man selten, ob man im richtigen Film ist…

Um das Viertelfinale noch zu erreichen, bräuchte Deutschland einen Erfolg gegen die Portugiesen um ihren überragenden Spielmacher Luis Figo, und zeitgleich einen Sieg Rumäniens gegen die Engländer. Das ist ein bisschen zu viel Spielglück für ein Team, das kein Spielglück verdient hat und das zu keinem Zeitpunkt in dieser Endrunde bereit war, sich dieses zu erarbeiten. Wer Jens Jeremies, Carsten Jancker oder den eingebürgerten Brasilianer Paulo Rink durch das Turnier stolpern sieht, denkt in diesen Tagen an vieles, aber sicher nicht daran, dass diese Mannschaft zwei Jahre später im WM-Finale von Yokohama steht… 0:3 heißt es am Ende durch drei Tore von Sergio Conceicao und die ultimative Demütigung folgt in der 90. Minute. Portugals Nationalcoach Humberto Coelho tauscht Torhüter Pedro Espinha, ohnehin schon die Nummer zwei hinter dem legendären Vitor Baía, gegen den dritten Keeper Quim aus.

Bei der deutschen Mannschaft hätten an diesem Abend elf Auswechslungen nicht gereicht. „Ich habe schon viel erlebt in meiner Karriere, aber das war das Bitterste. Ich schäme mich“, sagt DFB-Torhüter Oliver Kahn anschließend. Ob der Bayern-Keeper bei der nächtlich-peinlichen Sause seiner Teamkollegen in einem italienischen Restaurant in Köln dabei ist, ist nicht überliefert.

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