Euro 2008: Jogi randaliert und muss auf die Tribüne



Jogi Löw und Hickersberger - hinterher hatten sie sich wieder lieb

Platzverweis für den deutschen und österreichischen Trainer.
Platzverweis für den deutschen und österreichischen Trainer. Foto: Imago Images

„Die Mannschaft“ und ihr Coach Joachim Löw sind ab 2006 das scheinbar perfekt durchgestylte Vorzeigeprodukt des deutschen Fußballs. Pflegeleicht, authentisch, unverbindlich, die Weltmeister von nebenan.

Bundestrainer Joachim Löw („Mit högschder Disziplin“) lebt diese Einstellung vor. An der Seitenlinie und in den Interviews gibt sich der Badener oft generös, beinahe staatsmännisch. Selten bis nie wird er, selbst in brenzligen Situationen, allzu emotional. Der Espresso-Trinker ist die Ruhe selbst.

Das ändert sich am 16. Juni 2008 in Wien. Im Ernst-Happel-Stadion kommt es am dritten Spieltag der Gruppe B zum Showdown zwischen EURO-Co-Gastgeber Österreich und Deutschland. Die ÖFB-Auswahl, die mit nur einem Punkt (1:1 gegen Polen) in diese entscheidende Partie geht, kann mit einem Sieg für ein „zweites Cordoba“ sorgen und den favorisierten großen Nachbarn 30 Jahre danach wieder aus einem großen Turnier kegeln.

Es steht nicht gut um „Die Mannschaft“. Sie hat den Vorteil nach dem 2:0-Starterfolg gegen Polen mit einem 1:2 gegen Kroatien direkt wieder aus der Hand gegeben.

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Ein Platz im VIP-Bereich für Jogi Löw.
Ein Platz im VIP-Bereich für Jogi Löw. Foto: Imago Images

Endspiel in Wien unter ungünstigen Vorzeichen

Kein zweites Cordoba - Österreich schied bei der Heim-EURO schnell aus. Foto: Imago Images

Der erblondete Führungsspieler Bastian Schweinsteiger hat gegen die Kroaten Rot gesehen und kann nicht helfen. Er plauscht in Wien auf der Ehrentribüne mit Kanzlerin Dr. Angela Merkel, die ARD-Kommentator als „Libero zwischen den Welten“ einpreist. Was auch immer damit gemeint sein mag… Das Spiel beginnt jedenfalls mit einer unfassbaren Torchance für die deutsche Mannschaft – und Riesen-Gelächter im weiten Rund. Mario Gomez gelingt nach fünf Minuten es nicht, den Ball aus weniger als einem Meter Entfernung im Tor von Jürgen Macho unterzubringen. Die Stadion-Regie in Wien verstärkt diesen Effekt, in dem sie die Szene kurz darauf auf der Video-Anzeigetafel wiederholt. „Die deutsche Mannschaft hat sich einen schlechten Dienst erwiesen, indem Gomez dieses Tor nicht macht, das ist ja unglaublich, dass er den Ball nicht über die Torlinie gebracht hat“, sagt ein sichtlich geschockter TV-Experte Günter Netzer in der Halbzeitpause.

Ebenfalls kein Verständnis hat der Europameister von 1972 und aus der Tiefe des Raumes kommende Spielgestalter a. D. für die Aktion von Schiedsrichter Manuel Mejuto González aus Spanien. „Das hat die Stimmung noch aufgehetzt“, ist Netzer sicher. Der spanische Referee schickt in der 41. Minute beide Trainer, den Disziplinfanatiker Joachim Löw auf deutscher Seite, und den ebenfalls nicht für Temperamentsausbrüche bekannten Österreicher Josef „Pepi“ Hickersberger, auf die Tribüne. Ein Skandal.

Was ist passiert? Löw und Hickersberger liefern sich in der Coaching Zone ein verbales Scharmützel. Aber eben eines, wie es in einem „Endspiel“ wie diesem 100-mal vorkommt. Keine Schreierei, keine abfälligen Gesten. „Sowas gehört zum Fußball dazu“, lautet die entsprechende Floskel. „Ich bin ein absoluter Gegner davon, dass die Schiedsrichter sich zur Hauptperson eines so wichtigen Spiel machen, da kann nicht Derartiges passiert sein, dass beide auf die Tribüne müssen! Das ist eine Nummer zu groß“, hat Günter Netzer eine klare Meinung. Er hätte auch sagen können: Was der Schiedsrichter da gemacht hat, grenzt an Profil-Neurose.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit übernimmt einer, der sich ab November 2019 auch als Chefcoach des FC Bayern München einen Namen machen wird: Löws Assistent Hans-Dieter Flick. Der Tribünen-Jogi und der ebenfalls auf die besten Plätze verbannte Hickersberger sehen derwall äh… derweil in der 49. Minute die spielentscheidende Szene aus einer anderen Perspektive. DFB-Kapitän Michael Ballack jagt einen Freistoß aus mehr als 20 Metern ins rechte obere Tor-Dreieck, 1:0, Deutschland ist im Viertelfinale. Löw, DFB-Manager Oliver Bierhoff und der gesperrte Schweinsteiger gehen oben auf der Tribüne ebenso aus dem Sattel wie die deutschen Fans im Ernst-Happel-Stadion und auf den Public-Viewing-Plätzen.

 

Wir hatten gar keinen Disput

„Wir hatten keinen Disput miteinander“, stellt Löw im anschließenden Interview in der Mixed Zone klar, „wir wollten uns einfach nur frei bewegen, wie es uns zusteht. Letzten Endes wissen wir beide nicht, warum wir des Feldes verwiesen worden sind.“

Die UEFA stützt jedoch die Entscheidung ihres Referees. Die Reaktion des Verbandes lässt nicht lange auf sich warten. Sie kommt einen Tag vor dem Viertelfinale am 19. Juni 2008 gegen Portugal in Basel. Bundestrainer Joachim Löw muss diese Partie von der Tribüne aus verfolgen.

„Die Kontroll- und Disziplinarkommission des Europäischen Fußball-Verbandes (UEFA) hielt an der Sperre für ein Spiel fest und sorgte damit vor dem K.-o.-Spiel für einen zusätzlichen Schock und reichlich Ärger im Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft“, schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu. „Das ist eine traurige Entscheidung, schlecht für den Fußball und für mich unverständlich“, kritisiert Team-Manager Oliver Bierhoff.

Ohne Löw und erneut mit Flick an der Seitenlinie, liefert „Die Mannschaft“ nun im St.-Jakob-Park von Basel ihr bestes Spiel bei diesem Turnier: 3:2 dank der Tore des ins Team zurückgekehrten Schweinsteiger, Miroslav Klose und Ballack. Was macht Löw? In einer der Logen des Stadions verfolgt er die Partie – und kehrt zur Coolness zurück. Der Bundestrainer raucht in „högschder Gemütsruhe“ die Sieger-Zigarette.

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