Gerd Müller – Stürmer des Jahrhunderts, Alkoholiker, Alzheimer-Patient



Gerd Müller - Stürmer des Jahrhunderts, Alkoholiker, Alzheimer-Patient

Kaum zu glauben: Diese im Bild festgehaltene Auswechslung am 3. Februar 1979 im Frankfurter Waldstadion beendete das Wirken von Gerd Müller beim FC Bayern München. Rechts: Martin Jol.
Kaum zu glauben: Diese im Bild festgehaltene Auswechslung am 3. Februar 1979 im Frankfurter Waldstadion beendete das Wirken von Gerd Müller beim FC Bayern München. Rechts: Martin Jol. Foto: Imago Images / Horstmüller
Gerd Müller ist an Alzheimer erkrankt. Der „Bomber der Nation“, „kleines dickes Müller“, so nennt ihn sein erster Trainer im Profibereich, Zlatko „Tschik“ Cajkovski († 1998) – das sind seine Spitznamen, die bis heute jedem Fan geläufig sind. Gerd Müller ist physisch nicht der imposanteste Stürmer – auch nicht zu seinen Glanzzeiten. Aber für eine gewisse Zeit ist er der beste Mittelstürmer der Welt.

Gerd Müller erzielt insgesamt 398 Tore in 453 Ligaspielen für den FC Bayern. Dabei ist er mit 365 Toren aus 427 Einsätzen auf ewig Rekord-Torschütze der Bundesliga. Und er schafft 68 Länderspieltore für Deutschland in 62 Länderspielen, das macht einen Schnitt von mehr als einem Treffer pro DFB-Einsatz. Als er in einer Ad-hoc-Aktion zurücktritt, ist und bleibt er bis 2014 (Miroslav Klose) deutscher WM-Torschützenkönig mit 14 Toren. Mit 10 Treffern holt er sich 1970 bei der WM in Mexiko den Titel des besten Schützern. Was ihn besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, sich auf engstem Raum zu bewegen, Gegner stehen zu lassen und aus den unmöglichsten Situationen heraus, Tore zu erzielen.

Das kann kein Stürmer auf der Welt so gut wie er. Warum? Weil Gerd Müller für einen bestimmten Typ Mittelstürmer steht. Statt durch Größe oder physische Präsenz glänzt er mit unglaublicher Wendigkeit, großem Reaktionsvermögen und blitzschneller Antizipation. Gerd Müller kann Tore vorausahnen. So gut sich Gerd Müller auf dem Platz zu Recht findet, so schlecht kommt er nach der Karriere im richtigen Leben zurecht. Auch ihn verschlägt es Ende der 1970er Jahre in die USA, wo es für Fußball-Altstars aus Europa wie Franz Anton Beckenbauer, George Best oder Johan Cruyff noch mal schnelle Dollars zu verdienen gibt. Aber Müller geht nicht nach New York, sondern nach Florida. Und dort beginnt wohl auch schon das Verhängnis mit dem Alkohol.

Tragisch wird Gerd Müllers Karriere ab 1979. Als er im Zorn über eine Auswechslung nach Florida auswandert, findet der „Bomber der Nation“ nach seinem letzten Spiel für die Weltmannschaft von den Orlando Smith Brothers in Fort Lauderdale keinen richtigen Platz mehr im Leben. Jedenfalls keinen, der ihn ausfüllt. Nach fünf Jahren in den USA bei drei Klubs kehrt er zehn Jahre, nachdem er Deutschland am 7. Juli 1974 zum Weltmeistertitel geschossen hat, nach München zurück und steht vor dem persönlichen (nicht dem finanziellen) Nichts.

Im September 1991 werden Müllers Probleme öffentlich. Als Kiebitz beim Bayern-Training ist er angetroffen gesichtet worden, seine Ehefrau will die Scheidung und auch die Steuerfahnder sind ihm auf der Spur – und wollen 2 Eigentums-Wohnungen pfänden. Müller steckt mit Mitte 40 in der Lebenskrise. Er hat nicht das Zeug zum autoritären Trainer, cleveren Manager oder eloquenten TV-Experten, das wissen alle, die den gelernten Weber kannten. „Du bist kein Mann der großen Worte. Du hast die Tore geschossen, ohne viel zu reden“, so charakterisiert ihn 2003 Franz Beckenbauer in seiner Laudatio, als Gerd Müller zum wertvollsten Bundesliga-Spieler aller Zeiten gekürt wird.

 

Der Held einer Generation nur noch eine Witzfigur

Der Held einer Generation nur noch eine Lachnummer – das können die Bayern nicht mit ansehen. Und da reicht ihm der „Mia-san-Mia“-Klub, der sich selbst als große Familie sieht, die Hand. Gute Freunde kann eben niemand trennen. Es ist bitter nötig, denn Gerd Müller ist ganz unten. „Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Du bist oben, schwebst im Himmel. Und fällst und fällst. Plötzlich bist du in der Hölle“, sagt er in einem Interview, „ich habe sehr gelitten, und ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich es wohl nicht geschafft.“

Seine Freunde: allen voran „der Uli, der Franz und der Kalle“, wie er die Kameraden von einst nennt. Hoeneß, Beckenbauer, Rummenigge – alle haben sie mit ihm gespielt, gesiegt und gefeiert. Nun gilt es, zurückzugeben. Aber nach diesen Toren reißt sich eben 1984 niemand mehr um den „Bomber der Nation“. Jetzt gibt es die Rummenigges und die Völlers, denen die Fans zujubeln. „Nur nichts tun. Den ganzen Tag einfach nur rumsitzen und nichts Sinnvolles machen – das war das Verderben“, räsoniert er selbst über seine Flucht in den Alkohol.

Bei Prominenten-Spielen, erzürnt sich sein Weggefährte Uli Hoeneß, hätten sie ihn abgefüllt und sich dann über ihn lustig gemacht. Also überreden ihn die Bayern-Freunde, eine Entziehungskur zu machen, auch psychiatrische Hilfe nimmt er in Anspruch. Und seine Frau überlegt sich das noch mal mit der Scheidung. Die größte Hilfe aber ist der wohl am schlechtesten bezahlte Vertrag, den ihm der FC Bayern je gegeben hat: Seit 1992 ist er wieder angestellt bei dem Klub, für den sein Herz schlägt und er gibt wieder andere Interviews:„Ich bin vollkommen glücklich, und ich bin beschäftigt“, sagt er 1993, als er die A-Jugend trainieren darf.

Er ist auch schon Sponsorenbetreuer, Talentsucher, Stürmer- und Torwarttrainer, Co-Trainer bei den Profis und zuletzt bei den Amateuren. Doch dann schlägt die Alzheimer-Erkrankung zu. Das ist im Oktober 2015. Der letzte Abschnitt im traurigen Leben des Bombers.

 

Erfolge

Mit der deutschen Nationalmannschaft:

Weltmeister: 1974, Dritter 1970

Europameister: 1972

Mit dem FC Bayern München:

Regionalliga-Meister: 1965

Deutscher Meister: 1968/69, 1971/72, 1972/73, 1973/74

DFB-Pokal-Sieger: 1966, 1967, 1969, 1971

Europapokalsieger der Pokalsieger: 1967

Europapokalsieger der Landesmeister: 1974, 1975, 1976

Weltpokalsieger: 1976

 

Persönliche Auszeichnungen (Auswahl)

Bundesliga-Torschützenkönig (7-mal): 1966/67 (28 Tore), 1968/69 (30 Tore), 1969/70 (38 Tore), 1971/72 (40 Tore), 1972/73 (36 Tore), 1973/74 (30 Tore), 1977/78 (24 Tore)

DFB-Pokal-Torschützenkönig (3-mal): 1967 (9 Tore), 1969 (7 Tore), 1971 (11 Tore)

Torschützenkönig im Europapokal der Landesmeister (4-mal): 1973 (12 Tore), 1974 (9 Tore), 1975 (5 Tore), 1977 (8 Tore)

Bester Torschütze Europas (2-mal): 1970 (38 Tore), 1972 (40 Tore)

WM-Torschützenkönig: 1970 (10 Tore)

Deutschlands Fußballer des Jahres: 1967, 1969

Ballon d’Or: 1970 (Dritter 1969, Zweiter 1972, Dritter 1973)

Mitglied der FIFA 100 (Liste der besten lebenden 125 Spieler der Welt, erstellt von Pelé am 4. März 2004)

Berufungen in die offizielle FIFA-Auswahl: 1971, 1972, 1973

Nominierung in die UEFA-Auswahl: 1973

FIFA-Verdienstorden 1998

Die Systematik der Videostory auf Ligalivenet

Videoinhalte – Der Video-Player oben zeigt zunächst das Video über Gerd Müller, danach automatisch folgend alle weiteren Videos unseres Dossiers: “Diese 11 Fußball-Ikonen endeten tragisch.”

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Wer die Story mit vielen zusätzlichen Texten, Bildern und allen Videos lesen und schauen will, dem empfehlen wir unser Dossier “Erst verdienten sie Millionen, doch dann wurde es “schwierig”. Diese Fußballstars gerieten in finanzielle Turbulenzen”. Bitte hier entlang.

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DIESE FUßBALL-IKONEN ENDETEN TRAGISCH - EINZELVIDEOS

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