WM1982: Der Zorn des Scheichs



Der Scheich wütet sich zum Erfolg

Der Scheich aus Kuwait ist nicht einverstanden mit dem Spiel seines Teams.
Der Scheich aus Kuwait ist nicht einverstanden mit dem Spiel seines Teams. Foto: Imago Images

Die Macht der Öl-Fürsten vom Persischen Golf bekommt der Weltfußball schon lange vor der bis heute umstrittenen WM-Vergabe an Katar für 2022 zu spüren. Paris St. Germain und seine katarischen Investoren sind an diesem 21. Juni 1982 noch fußballerische Science Fiction. Oder doch nicht?

Bei der Weltmeisterschaft trifft Mitfavorit Frankreich in der nordspanischen Stadt Valladolid auf den krassen Außenseiter Kuwait. Für das Team vom Persischen Golf ist es die WM-Premiere. Zwischen 1974 und 1978 konnten sich „Al Azraq“, die Blauen, nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. Jetzt ist der Asienmeister von 1980 dabei – und landet gegen die CSSR einen echten Achtungserfolg. Faisal ad-Dachil trifft zum 1:1-Endstand. Star der Kuwaitis ist jedoch der Trainer: Carlos Alberto Parreira. Der damals 39-jährige Brasilianer wird 1994 mit der „Selecao“ Weltmeister. Kuwait ist sein zweites von insgesamt sechs Engagements bei einer Nationalmannschaft.

Und dann ist da noch Fahad Al-Ahmed Al-Jaber Al-Sabah. Der hoch dekorierte Offizier ist der Vorsitzende des Asiatischen Handball-Verbandes und Präsident des kuwaitischen Fußballverbands. Er guckt zwar immer ein bisschen grimmig, doch Al-Sabah kann durchaus großzügig sein. Das 1:1 gegen die Tschechen entlohnt er seinem Team fürstlich. Mit 175.000 US-Dollar Siegprämie. Pro Mann, versteht sich.

In Valladolid haben die TV-Kameras den Scheich auf der Tribüne ständig im Fokus. Mit jedem Tor der Franzosen verfinstert sich seine Laune. Bernard Genghini, Superstar Michel Platini und Didier Six haben nach 48 Minuten eine souveräne 3:0-Führung für Frankreich herausgeschossen. Abdullah Al-Buloushi (75.) bringt das Team vom Golf auf 3:1 heran.

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Das Team von Kuwait war bei der WM 1982 nicht konkurrenzfähig. Foto: Imago Images

Ein Scheich in Rage

Die Anhänger des kuwaitischen Teams bei der WM 1982.
Die Anhänger des kuwaitischen Teams bei der WM 1982. Foto: Imago Images

Fünf Minuten später erzielt Frankreichs Super-Dribbler Alain Giresse das vermeintliche 4:1. Zuvor sind die Spieler aus Kuwait offensichtlich auf einen Pfiff aus dem Publikum hereingefallen. Zu viel für den Scheich. Er drängt hinunter, aufs Spielfeld. Die spanischen Polizisten, mit ihren Baretts und ihren Fliegerbrillen wirklich autoritär wirkend, können ihn nicht aufhalten. Er tobt, er schimpft, er gestikuliert. Und er guckt grimmig.

Fast zehn Minuten ist die Partie unterbrochen. Wie ein Derwisch redet Al-Sabah auf Schiedsrichter Miroslav Stupar aus der Sowjetunion ein. „Scheiß FIFA, die ist schlimmer als die Mafia“, ist einer der überlieferten Flüche aus der Schimpfkanonade.

Wie sehr er damit richtig zu liegen scheint, zeigt sich erst viele Jahre später. Am 2. Dezember 2010 vergibt die FIFA völlig überraschend die WM 2022 an den Golfstaat Katar. Das Königreich, nicht eben mit Fußballtradition gesegnet, gerät schnell unter Verdacht, die Spiele mit seinen Öl-Dollars gekauft zu haben.

Die Zeitung Sunday Times legt 2014 erste, konkrete Beweise vor und löst damit eine Lawine aus. Korruption, Intransparenz, die FIFA gerät unter Druck. Der Skandal ist schon acht Jahre vor dem ersten Anstoß der im Winter 2022 stattfindenden Weltmeisterschaft perfekt und sorgt für einen Riesen-Imageschaden des Fußball-Weltverbandes.

 

Platini und Co. – Wiedersehen am Golf

Das Image ist Al-Sabah bei seinem legendären Auftritt in Valladolid egal. Der Scheich wütet sich zum Erfolg. Der Referee, der als einer der besten seiner Zunft gilt, nimmt den Treffer von Giresse tatsächlich zurück. Stupar lässt sich vom Scheich einschüchtern – und macht sich damit selbst die WM kaputt. Die FIFA suspendiert ihn am folgenden Tag für den Rest des Turniers mit der Begründung, er habe die Situation durch sein Verhalten selbst provoziert.

Als Al-Sabah wider auf seinem Tribünenplatz ist, lässt sich Maxime Bossis nicht zurückpfeifen. Der Abwehrspieler vom FC Nantes erzielt das nicht minder reguläre 4:1 für Frankreich. Denn auch am Treffer von Giresse gibt es keinen Makel. Wie auch immer: Kuwait ist draußen.

Zurück zu Al-Sabah. Seine Großzügigkeit spüren auch die französischen Sieger. Im Frühjahr 1990 lädt er Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft mit dem inzwischen zum Coach aufgestiegenen Platini ins Scheichtum ein. Als Wiedergutmachung sozusagen.

Wenige Monate später ist Al-Sabah tot. Er stirbt bei der irakischen Invasion Kuwaits am 2. August 1990. Mit nur 44 Jahren.

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