Marc-Vivien Foé (1975 – 2003): Ein afrikanischer Löwe stirbt niemals



Marc-Vivien Foé (1975 – 2003): Ein afrikanischer Löwe stirbt niemals

Marc-Vivien Foe wird bewusstlos mit einer Trage vom Spielfeld getragen.
Marc-Vivien Foe wird bewusstlos mit einer Trage vom Spielfeld getragen. Foto: Imago Images
Mit versteinerter Miene tritt Winfried Schäfer die Zugfahrt von Lyon nach Paris an. Der Blick des deutschen Trainers ist leer. Dass „Wild Winnie“ Kameruns Nationalmannschaft 2002 nach nur einem Jahr Amtszeit zur WM in Asien geführt und im Mali zum Afrikameister gemacht hat, das alles ist in diesen traurigen Sommertagen irgendwie ganz weit weg.

Im riesigen Stade de France von Paris-St. Denis, dem Reiseziel der „unbezähmbaren Löwen“ herrscht an diesem 29. Juni 2003 ebenfalls eine bedrückende Stimmung. Viele Plätze bleiben leer, im WM-Finalstadion von 1998 verlieren sich nur 51.000 Fans. Die Fußballwelt steht unter Schock – und trauert um einen Löwen. Marc-Vivien Foé ist tot. Der 62-fache Nationalspieler Kameruns, mit acht Treffern im Nationaltrikot und dekoriert mit zwei Afrika-Meisterschaften (2000, 2002) und zwei WM-Teilnahmen (1994, 2002) starb auf dem Platz.

Im Halbfinale zwischen den „unbezähmbaren Löwen“ und Kolumbien (1:0) bricht Foé in der 73. Minute ohne Fremdeinwirkung zusammen, erleidet einen Herzstillstand und stirbt rund eine Stunde, nachdem Ärzte und medizinisches Personal noch auf dem Rasen um sein Leben gekämpft haben, an Herzversagen.

Im medizinischen Zentrum von Lyon kann nur noch der Tod festgestellt werden. „Er fühlte sich trotz einer vorangegangenen Blutanalyse in der Klinik von St. Etienne nicht fit, wollte aber das Spiel trotzdem machen und wollte auch nicht vom Platz, als Winfried Schäfer ihn auswechseln wollte“, berichtet der ehemalige Frankreich-Profi Gernot Rohr am Finaltag bei Eurosport, „einige Spieler der französischen Mannschaft kennen Foé auch aus Lens und Lyon, stehen noch unter Schock.“

Es ist tragische Ironie, dass Foé im Stadt Gérland von Lyon stirbt. Hier, im Hexenkessel der „Lyonnais“ ist der stämmige Afrikaner zum Held und zur Identifikationsfigur geworden. In Diensten von Olympique Lyon holte er 2001 den Coupe de France und 2002 die Meisterschaft in der Ligue 1.

Begonnen hatte alles 1994. Foé unterschrieb seinen ersten Profivertrag – und auf seiner ersten Station in Frankreich wurde er 1998 mit dem Racing Club Lens sensationell Meister. Für Lens machte der 1,88 m-Hüne in 85 Liga-Spielen bis 1999 elf Tore. „Als er in Lens ankam, war er ein harter, ein ungeschliffener Spieler aus Afrika“, erinnert sich sein damaliger Teamkollege Guillaume Warmuz im Sommer 2003 in einem TV-Interview, „er wurde aber aufgrund seiner Tore und seiner physischen Stärke schnell zum Führungsspieler – und ich habe die Furcht in den Augen seiner Gegenspieler regelrecht sehen können.“

Nach einem Intermezzo bei West Ham United (38 Spiele, ein Tor) kehrte er 2000 nach Frankreich zurück und wurde bei Olympique Lyon schnell zu einem Führungsspieler. Auf Leihbasis wechselte er in der Saison 2002/2003 zu Manchester City in die Premier League, wo er neun Tore in 35 Spielen markierte. Foé galt als Marathon-Mann, als unermüdlicher Kämpfer und akribischer Fußballarbeiter auf dem Platz, introvertiert, ein Musterprofi, der nicht viele Worte brauchte, dem aber im Team jeder zuhörte und bei seinen Ansprachen förmlich an seinen Lippen hing. Sein Kollegen nannten ihn respektvoll „Mister 100 Prozent.“ Selten, aber eindrucksvoll waren Foés Interviews.

„Wir sind hier, um das Turnier zu gewinnen“, hatte Foé etwa zum Confed-Cup-Auftakt gesagt, „wir wollen die Herzen der Kameruner zurückgewinnen, weil wir sie zuletzt ein paar Mal enttäuscht haben. Dieses Turnier muss ein Weckruf sein, dass wir trotz des schlechten Abschneidens bei der WM 2002 noch da sind. Wir wollen hier niemanden enttäuschen, wir sind hier, um Afrika zu repräsentieren.“ In Asien 2002 waren Foé und Kameruns Löwen schon in der Vorrunde in einer Gruppe mit Deutschland und Irland sang- und klanglos ausgeschieden.

Was Foé so besonders machte, war seine authentische und aufrichtige Art. Einfache, aber klare Worte, die die Herzen der Fans in Westafrika immer erreichten. So sagte Foé etwa 2001 in einem Interview: ,,Es ist eine Ehre für mich, die Farben Kameruns tragen zu dürfen, Fußball ist meine Leidenschaft und ich möchte alle Menschen daran teilhaben lassen.“ Sein Credo: „Man muss immer sein Bestes geben, man darf die Fans einfach nicht enttäuschen. Wenn man verliert, wollen die Fans sehen, dass du alles gegeben hast – das sind die Qualitäten der unbezähmbaren Löwen.“ Sein Nationalmannschaftskollege Geremi: „Er hat uns immer sehr motiviert, weil er es verstand, die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Er hat unseren Fans und der Öffentlichkeit sehr viel Zeit geschenkt, jetzt ist er auf dem Rasen gestorben – Kamerun wird ihn nie vergessen.“

Nein. Kamerun vergisst den toten Löwen nicht. Schon bei den Nationalhymnen vor dem Finale gegen Confederations-Cup-Gastgeber Frankreich stehen die Spieler Kameruns mit ihren französischen Gegenspielern Arm in Arm, tragen ein großes Konterfei ihres verstorbenen Kollegen mit auf den Rasen von St. Denis. Weltmeister Robert Pires weiß um die immense Bedeutung dieser Augenblicke: „Er hat uns auf dem Feld verlassen, deshalb müssen wir jetzt jede Sekunde des Lebens genießen.“

Dass Frankreich per Golden Goal mit 1:0 gewinnt, interessiert an diesem Tag nur die wenigsten. Bei der Siegerehrung tragen alle Spieler Kameruns – ebenso wie Trainer Schäfer – Foés Trikot mit der Rückennummer 17. Es sind Sekunden, die wehtun. Auf den Rängen applaudieren die Fans mit Tränen in den Augen, weiter oben kämpft Kameruns Fußballlegende Roger Milla auf der Ehrentribüne mit seinen Emotionen. Frankreichs Kapitän Marcel Desailly und Kameruns Mannschafsführer Rigobert Song nehmen die Trophäe gemeinsam in Empfang. Zu Ehren von Foé wurde das Shirt mit der 17 vom kamerunischen Fußballverband – ebenso wie die Nummer 23 bei seinem Ex-Klub Manchester City – nie mehr vergeben.

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