Norbert Siegmann: Das Horror-Foul der Bundesliga


Wenn man eines Tages die Frage nach den wildesten Zeiten der Bundesliga stellt, landet man schnell am Übergang von den Siebzigern in die Achtziger des vergangenen Jahrhunderts.

Es waren die Tage, als sich die Hooligans organisierten, in Hamburg gab es 1982 den ersten Toten. Und auf dem Platz floss regelmäßig Blut, manchmal knackten auch die Knochen. Duisburgs Paul Steiner trat Heinz Flohe (1860 München) das Schienbein durch, Frankfurts Bruno Pezzey schlug Leverkusens Jürgen Gelsdorf in den Unterleib, dieser wiederum trat Frankfurts Bum-kun Cha ins Krankenhaus und bekam Morddrohungen. Schalkes Manfred Drexler trat den am Boden liegenden Münchner Wolfgang Kraus in die Rippen. Und so weiter und so fort.

Die immer zahlreicheren Kameras deckten alles auf, es gab die ersten TV-Urteile, gegen die sich der DFB lange gesträubt hatte.

Die Macht der Bilder sorgte auch dafür, dass ein Foul unvergesslich bleibt. Anlässlich der Partie Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld wird sie manchem wieder in Erinnerung kommen, ob er sie nun am 14. August 1981 am TV oder live im Weser-Stadion erlebt hat. Es war das berühmte Siegmann-Foul, sein Opfer hieß Ewald Lienen und als eigentlicher Täter galt Werder-Trainer Otto Rehhagel. Die Sache ging vor Gericht und zog weite Kreise, letztlich gab es ein happy end. Was will man mehr als zahlender Kunde?

Der Reihe nach:

Ein Freitagabend im Weser-Stadion. In der 19. Minute des Heimspiels von Aufsteiger Werder Bremen gegen die Arminia schlitzt Verteidiger Norbert Siegmann Gegenspieler Ewald Lienen im Kampf um den Ball den Oberschenkel mit den Stollen den Oberschenkel auf, die Wunde ist 25cm lang. Optisch ist es bis heute das schlimmste Foul der Bundesliga-Historie, das Foto ist ein Schock für jeden Betrachter.

Lienen dreht vor Schmerz regelrecht durch und packt sich Rehhagel: „Du hast dem doch gesagt, dass er mich umhauen soll.“ Später sagt er: „Als ich meinen offenen Oberschenkel sah, stand ich unter Schock, hatte mehrere Gedankenblitze. Rehhagel hatte Siegmann kurz vorher an die Seitenlinie geholt, das hatte ich direkt miteinander verbunden.“ Nicht ganz abwegig, Rehhagel gilt als vorbestraft bei den Sportjuristen, ein ähnlicher Fall hat ihn 1976 seinen Job in Offenbach gekostet.

Lienen bricht nach seiner Tirade gegen Rehhagel mit Kreislauf-kollaps zusammen und wird abtransportiert ins Krankenhaus, wo die Wunde mit 23 Stichen genäht wird.

Siegmann sieht nur Gelb, was dem Schiedsrichter mit dem merkwürdigsten Vornamen der Ligahistorie, Merdadus Luca, auf den Magen schlagen wird: „Ich habe in den Tagen danach kaum was essen können, so hat mich der Vorfall mitgenommen.“ Das ist noch eine der harmloseren Folgen der Affäre.

Sie ist nach dem Spiel, das Werder 1:0 gewinnt, längst nicht vorbei.

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Der aufgeschlitzte Oberschenkel von Bremens Ewald Lienen wird nach dem Horror-Foul von Norbert Siegmann behandelt. Copyright: imago images / Sven Simon

Morddrohungen für den „Amokläufer"

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„Du hast dem doch gesagt, dass er mich umhauen soll.“ - Ewald Lienen (2.v.r.) geht auf Bremen-Trainer Otto Rehhagel (l.) los. Copyright: imago images / Sven Simon

Auf der Werder-Geschäftsstelle gehen ein Dutzend telefonische und schriftliche Morddrohungen gegen Rehhagel ein, einer textet: „Das Todeskommando ist schon unterwegs, Du wirst sterben!“, Frau Beate und Sohn Jens werden bei Freunden untergebracht, Polizei fährt Streife vor dem Haus, das der Trainer vorläufig allein bewohnt.

Lienen gibt derweil vom Krankenbett aus Interviews, die weitere Schlagzeilen produzieren. Er hält seine Vorwürfe an Rehhagel aufrecht: „Ein paar Minuten vor dem Foul habe ich deutlich gehört, wie Rehhagel Verteidiger Siegmann aufgefordert hatte: ‚Jetzt pack ihn endlich.’“ Er strebt eine Zivilklage gegen Rehhagel an,  den er als „Amokläufer“ tituliert, „von dem ich nicht mal eine Entschuldigung annehmen würde.“ Doch die Bremer Generalstaats-anwaltschaft stellt das Verfahren ein, weil „der DFB eine eigene Sportgerichtsbarkeit besitzt, die sachkundiger ist.“ Der Bundes-gerichtshof hatte schon im November 1974 festgestellt, dass Verletzungen im Fußball Berufsrisiko seien, die „man grundsätzlich in Kauf nehmen muss, wenn man diesen Beruf ausübt“.

Der auch in der Friedensbewegung sehr engagierte Lienen, damals als „etwas anderer Profi“ abgestempelt, sieht das anders. „Ich wollte einen Präzedenzfall schaffen, dass das damalige Abwehrverhalten in der Bundesliga nicht rechtmäßig war.“, sagte er 2019 dem Kicker.

Eine Debatte hatte er auf alle Fälle angestoßen. Eintracht Braunschweigs Präsident Hannes Jäcker schreibt fünf Tage nach dem Foul alle 36 Profi-Vereine an,  appelliert an mehr Fair-Play und fragt rhetorisch: „Können wir es uns bei dem guten Ruf in der Welt leisten, den Bundesliga-Fußball zu einer Treter-Liga werden zu lassen?“

Als hätte er es geahnt: Zwei Monate später trat Karlsruhes Emanuel Günther Braunschweigs Verteidiger Hasse Borg Schien- und Wadenbein durch.

Das Sportgericht des DFB muss eine andere Frage klären: handelte Siegmann auf Anweisung, darf man also von Vorsatz sprechen? 21 Zeugen werden im Oktober gehört, TV-Aufnahmen seziert. Chefankläger Hans Kindermann fordert vier Wochen Sperre für Rehhagel und 10.000 DM Geldstrafe, aber weil sich kein schlagender Beweis findet, wird der Angeklagte im Zweifel frei gesprochen.

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Man sieht sich immer zweimal...

Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass das Foul schlimmer aussah, als es war. Lienen sprach später selbst von einer „eher harmlosen Verletzung“, fiel nur vier Wochen aus.

Damit ist die Sache längst nicht ausgestanden, man sieht sich im Fußballerleben schon in einer Saison immer zweimal.

Vor dem Rückspiel am 23. Januar 1982 schürt Arminen-Trainer Horst Franz das Feuer: „Wenn Arminia absteigt, ist Werder Bremen schuld.“ Ein 55jähriger Mann erschien auf der Arminen-Geschäftsstelle, schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: „So wahr ich lebe, wenn ich den Siegmann im Stadion erwische, schlage ich ihn tot.“

Rehhagel ließ Siegmann zuhause, selbst konnte er nicht kneifen, obwohl auch er Morddrohungen erhielt. Er saß mit kugelsicherer Weste auf der Bank, fünf Bodyguards vom SEK bewachten ihn, zwei sogar auf der Bank. Rehhagel: „Ein furchtbares Gefühl.“ Und nicht einmal unbegründet, bei Einlasskontrollen sicherte die Polizei unter anderem eine Pistole.

Der Werder-Bus erhielt bei An- und Abfahrt eine Polizeieskorte, Rehhagel wirkte deeskalierend auf seine Spieler ein: „Entschuldigt euch bei euren Gegenspielern, selbst wenn ihr denen mal unabsichtlich auf die Füße tretet.“

Ganz so zurückhaltend traten sie doch nicht auf, gewannen auch das Rückspiel mit 2:0. Beide Tore erzielte der spätere Bielefelder Trainer Norbert Meier, der schon im Hinspiel traf und als einer der wenigen wohl gute Erinnerungen an diese Duelle in der Saison 1981/82 hat. Es bekam noch eine groteske Note.

Ein Witzbold auf der Post fing den Spielbericht des Schiris an den DFB ab, öffnete den Brief und setzte die Bemerkung hinzu: „Trainer Rehhagel hat dem Spieler Lienen auf dem Weg zur Kabine eine Tätlichkeit angedroht.“

Das war frei erfunden. Die Wahrheit ist indes, dass sich Lienen mit Rehhagel noch 1982 aussöhnte und die Familien mittlerweile befreundet sind.

Siegmann, der nach der Karriere zum Buddhismus konvertierte und eine Zeitlang in Indien lebte, quälte sich 31 Jahre mit der Schuldfrage („Bin ich vielleicht doch zu aggressiv rein gegangen?“). Dann kam es auf Initiative des „Kicker“ zu einem Treffen und zur Aussöhnung mit Lienen, die ihn regelrecht erleichterte. Denn Siegmann, der nach der Aktion den Beinamen „Schlitzer“ trug, galt Jahre lang als Prototyp aus der brutalsten Ära der Bundesliga, dabei hatte er nie eine Rote Karte gesehen.

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