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Transfers: 22. Dezember 1977- So verhinderte der DFB das Beckenbauer-Comeback

,,Ein bisserl Fußball”, eine ,,neue Herausforderung”, vor allem aber eine neue Währung, das gab es für Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer ab 1977 bei Cosmos New York. Das Amerika-Abenteuer des Ur-Münchners schien schon im gleichen Jahr zu Ende zu gehen, als Bayern-Erzrivale 1860 München das vielleicht spektakulärste Bundesliga-Comeback aller Zeiten plante. Mit einem kleinen Fehler…

FC Bayern München Franz Beckenbauer

Das letzte Bundesliga-Auswärtsspiel von Franz Beckenbauer (74) am 14. Mai 1977 bei Eintracht Frankfurt (1:2) hat Reporter-Legende Holger Obermann (,,5 Minuten gespielt, noch immer hohes Tempo!”) in seiner sehenswerten Reportage Treffpunkt Waldstadion festgehalten, die in jeder ,,BEST OF Eintracht-Nacht” im hessischen Rundfunk (HR) zu sehen ist. 

Abschieds-Geschenk für den Fußball-Kaiser ist ein Original Frankfurter Bembel. Ob er den Tonkrug in seiner neuen Wahl-Heimat jemals verwendet hat, ist nicht bekannt.

Dafür steht eine Woche später der Abschied des Fußballidols Franz Beckenbauer, den alle nur Franz nennen, aus München fest. Zum Abschluss gibt es ein 2:2 gegen den alten und neuen Meister Borussia Mönchengladbach, Udo Jürgens singt und der FC Bayern dankt seinem vielleicht größten Spieler aller Zeiten mit einem Plakat mit Stars-and-Stripes.

Beckenbauer wechselt für eine aus heutiger Sicht lächerliche Summe von 900.000 Euro zu Cosmos New York. Der aufstrebende US-Klub will den Fußball, den ,,Soccer” endlich auch in den Vereinigten Staaten von Amerika populär machen. Mit Brasiliens Altmeister Pelé ist den Machern um den 1992 verstorbenen Warner-Manager Steve Ross, treibende Kraft auch bei der WM-Bewerbung der USA 1994, ein echter Coup gelungen. Nur zur Erinnerung: Die Konzern-Manager, die Öl-Barone, die Football-Team-Besitzer und sonstigen Tycoone sind in den 1970er- und 1980er-Jahren das, was heute die Scheichs aus Katar und den Emiraten sind…,,Es gab 1977 Hinweise, dass der damals 31-jährige Beckenbauer ,,seinen” FC Bayern verlassen würde”, schreibt die damalige BILD-Reporterin Angela Gebhardt 2003 im Buch 40 Jahre Bundesliga, ,,nur geglaubt hat's keiner.”

,,Der macht irgendwo Urlaub”, heißt es aus nicht so gut informierten Kreisen. Doch am Ostermontag taucht Beckenbauer bei Nacht und Nebel ab und verhandelt mit seinem Freund und Manager Robert Schwan mit Cosmos New York. Die US-Amerikaner locken den 3-maligen brasilianischen Weltmeister Pelé (35)  mit einem Gehalt von 7 Mio. US-Dollar und einem auf 14 Jahre datierten PR-Vertrag. Beckenbauer, so wird kolportiert, soll in der ,,Operettenliga” in Nordamerika 7 Millionen Dollar erhalten haben.

,,Franz suchte in New York ein neues Leben”, schreibt Angela Gebhardt, ,,er hatte mit der Fotografin Diana Sandmann eine neue Liebe, machte in den USA völlig neue Erfahrungen.” Oder, wie er später selbst sagt: ,,New York hat mir die Welt geöffnet. Ein bisserl Fußball gab's noch dazu.”

Was ,,ein bisserl Fußball” im Beckenbauer-Duktus heißt: 3 gewonnene US-Meisterschaften und 17 Treffer in 80 Liga-Spielen in der bis 1984 ausgespielten North American Soccer League (NASL). Es ist eine der Vorgänger-Ligen der inzwischen florierenden Major League Soccer (MLS).

,,Ich wusste, dass Pelé dort war, dass Giorgio Chinaglia (Stürmerlegende von Lazio Rom / † 2012, d. Red.) dort war, aber sonst wusste ich nichts, somit war es ein Abenteuer”, erzählt Franz Beckenbauer 2013 in der sehenswerten Dokumentation Once in a Lifetime (Dt.: Fußball vom anderen Stern) über die Geschichte von Cosmos New York. Aber: Chinaglia ist nicht begeistert. ,,Warum holt Ihr Beckenbauer, warum brauchen wir hier Beckenbauer? Wir brauchen ihn überhaupt nicht”, beklagt sich der Italiener bei den Cosmos-Bossen.

Das Abenteuer New York scheint für Beckenbauer schon im Herbst 1977 zu Ende zu sein. Rund ums Münchner Oktoberfest verdichten sich Meldungen, wonach Bayern-Bomber Gerd Müller (365 Bundesliga-Tore) einen Vorvertrag bei den Fort Lauderdale Strikers in Florida unterschrieben haben soll und Franz Beckenbauer sich mit 1860 München über eine Rückkehr in die Bundesliga verständigt hat. Das sind mehr als bierselige Meldungen. Müller wechselt tatsächlich nach Amerika, dies aber erst im März 1979.

Und der ,,Kaiser”? Ab Februar 1978, so der Plan, soll Beckenbauer für die im Abstiegskampf steckenden Giesinger ,,Löwen” auflaufen, die ihn einst vor seinem Wechsel zu den Harlachinger Bayern mit einer schallenden Watschn durch seinen Gegenspieler Gerhard König vergrault haben. Der mächtige Bayern-Boss Wilhelm Neudecker macht von Anfang in bayerisch-ungemütlicher Art klar, dass er alles tun wird, um diesen Transfer zu verhindern. Letztlich stoppt der DFB am 22. Dezember 1977 die weit gediehenen Verhandlungen zwischen 1860 und Beckenbauer. Der ,,Kaiser” erscheint nicht auf der letzten Transferliste des Jahres 1977, weil ,,ein vorübergehendes Engagement des New Yorker Profis bei einem deutschen Verein gemäß den Bestimmungen des Lizenzspielerstatus nicht möglich ist.” Soweit das Verbandsdeutsch. Fakt aber ist: Beckenbauers Vertragsverhältnis bei den New Yorkern ist noch nicht beendet, der für den 21. Dezember 1977 gebuchte Flug der 1860-Verantwortlichen zu Beckenbauer nach New York muss storniert werden. Der ,,Kaiser” bleibt im Exil und kehrt erst 1980 zurück. Zum Hamburger SV. Günter Netzer sei Dank…


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