Vom BVB zu Schalke oder umgekehrt


Die Überläufer! Das Revier-Derby FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund elektrisiert Fußball-Deutschland. Die unglaubliche und scheinbar unkaputtbare Rivalität zwischen diesen beiden Mannschaften wird auch durch die Spieler befeuert, die mitten im Ruhrpott die Seiten gewechselt haben.

Vom Fan-Idol am Schalker Markt oder am Borsigplatz zum „Judas“ – es gibt viele berühmte Beispiele in der Historie dieses Spiels.

Andreas Möller (l.) machte sich mit seinem Wechsel von Borussia Dortmund zum FC Schalke 04 nicht nur Freunde... (Photo by Anja Heinemann/Bongarts/Getty Images)

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Kalle del Haye wechselte von Borussia Mönchengladbach zum FC Bayern.

Egal wie: Ein Wechsel zum Revier-Rivalen ist unverzeihlich

Dortmund und Gelsenkirchen trennen geographisch nur 35 Kilometer. Die Fans beider Vereine verbindet jedoch seit jeher eine tiefe Rivalität. Auf Schalke oder in Dortmund würden sie einem Spieler immer einen Wechsel zu finanziell stärkeren Klubs ins Ausland, zu Real Madrid oder zu Paris St.-Germain verzeihen.

Anders liegen die Dinge schon bei einem Wechsel zum von beiden Revierklubs kalt verachteten FC Bayern München. Rückkehrer wie Olaf Thon oder Mario Götze brauchen eine Weile, um die Liebe der Fans im Revier wieder zurück zu gewinnen.

Das ist alles noch zu verkraften. Aber ein Wechsel zu „Lüdenscheid-Nord“, wie der BVB spöttisch von den Schalker Anhängern genannt wird, oder zu „Herne-West“ – dies der abwertende Name für Schalke auf Dortmunder Seite, das geht eigentlich gar nicht.

Die Fronten sind klar, dennoch haben allein in der Bundesliga-Ära seit 1963 mehr als 20 Spieler diesen riskanten Schritt gewagt. Klar ist: Wenn du von Dortmund nach Schalke gehst oder den umgekehrten Weg nimmst, darf der Anlauf nicht lang sein. Du musst von Null auf Hundert innerhalb von kürzester Zeit durchstarten. Nur so vergessen die Fans und die Medien, dass du mal das Trikot der Anderen getragen hast…

Die Überläufer – sie prägen die Geschichte und die Folklore des Revier-Derbys

Europapokalfinale der Pokalsieger: Borussia Dortmund - FC Liverpool (2:1 n.V.) am 5.5.1966 in Glasgow. Trainer Multhaup und Stan Libuda.
Europapokalfinale der Pokalsieger: Borussia Dortmund - FC Liverpool (2:1 n.V.) am 5.5.1966 in Glasgow. Trainer Multhaup und Stan Libuda. Foto: Imago

Meist gehen diese Wechsel auch kurz und schmerzlos und oft unter hoher Geheimhaltung über die Bühne.

Die Reaktion des Fan-Volks spüren die Überläufer erst auf dem Rasen. Von einer wie auch immer gearteten nachbarschaftlichen Verbundenheit kann hier niemals die Rede sein. Selbst im modernen Fußball-Zeitalter scheinen die Fans ein Elefantengedächtnis zu haben. Der Fanclub eines Nationalspielers von Borussia Dortmund löst sich nach dessen Wechsel zu S04 kurzerhand auf. Ein Anderer, ein Welt- und Europameister, wird vom Saulus zum Paulus.

Wir unterscheiden bei diesen Spielern 2 Kategorien:

  1. Vom BVB zum FC Schalke 04 und umgekehrt – Selbst Spieler, die sich den Status „Klublegende“ erarbeitet hatten, gingen diesen Weg
  2. „Kalte“ Wechsel – von einem Revier-Rivalen zum Anderen mit mindesten einer Zwischenstation.

Kategorie 1: Vom BVB zum FC Schalke 04 - und umgekehrt

Überläufer 5: Felipe Santana – Vom Malaga-Held zum Super-Flop

Felipe Santana – Au weia! Der Überschätzte vom BVB (Photo by Karina Hessland/Getty Images)
Felipe Santana – Au weia! Der Überschätzte vom BVB kam beim FC Schalke 04 nicht klar. (Photo by Karina Hessland/Getty Images)

Felipe Santana hat eines der bedeutendsten Tore in der Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund erzielt.

Am 9. April 2013 stochert der Brasilianer in der Nachspielzeit des Champions-League-Viertelfinalrückspiels gegen den FC Malaga den Ball zum 3:2-Siegtreffer (Hinspiel: 0:0) über die Linie – und lässt den Signal Iduna Park vor Jubel beinahe explodieren. Jürgen Klopp und sein Team stehen im CL-Halbfinale werden es bis ins Finale gegen den FC Bayern München (1:2) schaffen.

Mit dem Champions-League-Rausch endet auch die Zeit von „Tele“, wie der 194 m große Abwehr-Funkturm aufgrund der Namensgleichheit mit Brasiliens legendärem Nationaltrainer Tele Santana genannt wird, in Dortmund.

Nach 5 Jahren und 6 Treffern in 95 Bundesliga-Spielen verlässt der 2-fache deutsche Meister den BVB ausgerechnet in Richtung des Erzrivalen FC Schalke 04. Auf Schalke wird „Tele“ zum Mega-Flop. Er kostet die Schalker nur eine Million Euro. Die ist er aber – mit einem Tor in 3 Pflichtspieljahren – nicht wirklich wert. Im Januar 2016 wird der baumlange Brasilianer zu Olympiakos Piräus verlieren. Nachdem er auch beim FK Krasnodar in Russland nicht zurechtkommt, wechselt Santana 2017 zurück in die brasilianische Heimat, zu Atlético Mineiro.

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Überläufer 4: Steffen Freund – Ein Dauerläufer für Dortmunder Titel-Träume

Steffen Freund (Schalke zu Dortmund) – zum Erfolg gezwungen. Foto: Getty Images
Steffen Freund (Schalke zu Dortmund) – zum Erfolg gezwungen. Foto: Getty Images

Der gebürtige Brandenburger kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt zum FC Schalke 04.

Freund ist 21, als er im Jahr 1991 beim Bundesliga-Aufsteiger aus Gelsenkirchen aufschlägt. In seiner ersten Saison erspielt sich Freund 1991/92 auf Schalke einen Stammplatz – mit 33 Einsätzen (1 Tor). Auch am 24. August 1991 steht er auf dem Rasen des Gelsenkirchener Parkstadions, als sich der FC Schalke 04 nach dreijähriger Abstinenz wieder im Derby-Dualismus anmeldet – und den BVB vor 70.200 Zuschauern im weiten Rund demütigt. Mit 5:2 gewinnt Freund mit Schalke sein erstes Derby.

Aber: Schalke plagen in diesen Jahren finanzielle Sorgen – und so muss auch Freund 1993 verkauft werden. Sein Wechsel zum BVB bringt den klammen Knappen satte 3 Millionen Mark.

Vom Leistungsträger wird Freund in Dortmund zur Klublegende. „Ein Freund, ein guter Freund“, so schallt es nach der Melodie des Heinz-Rühmann-Klassikers von der Südtribüne, wenn der defensive Abräumer mal wieder einen Gegenspieler abgegrätscht hat. Mit einem unglaublich wichtigen Hinterhalts-Schuss gegen Borussia Mönchengladbach (1:1) hält er am 32. Spieltag der Saison 1994/95 alle Meister-Hoffnungen der Schwarzgelben am Leben. Und nach dem 2:0 gegen den HSV am letzten Spieltag gibt es kein Halten mehr. Als die erste BVB-Meisterschaft nach 32 Jahren perfekt ist, legen Freund und Torhüter Stefan Klos einen wilden Jubeltanz auf dem Rasen hin.

Bei der Borussia steigt der defensive Mittelfeldspieler zum Nationalspieler auf. 1996 wird Freund noch einmal Deutscher Meister mit den Dortmundern und holt sich mit dem DFB-Team in Wembley den Europameistertitel. Auch in England begeistert der lockere Freund ab 1999 die Fans von Tottenham Hotspur und von Leicester City. Ein guter Freund eben.

Überläufer 3: Rolf Rüssmann: Der absolute Anti-Star – beim BVB und auf Schalke

Gedenken an den verstorbenen Rolf Rüssmann. Foto: Getty Images
Gedenken an den verstorbenen Rolf Rüssmann. Foto: Getty Images
Am 2. Oktober 2009 hält Fußball-Deutschland inne. Rolf Rüssmann ist tot. Der ehemalige Nationalspieler ist im Alter von nur 58 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Trotz seiner Verstrickung in den Bundesliga-Manipulationsskandal 1971 hat sich „Rolli“ auf beiden Seiten der Revierklubs höchsten Respekt erworben. Ein Fan-Liebling, ein Mann ohne Allüren, ein Anti-Star. Oder, wie DER WESTEN 2009 in einem Nachruf schreibt: „Rolf Rüssmann war ein Mann für die Kurve.“

Seine Bodenständigkeit macht seine unglaubliche Popularität aus. „Er war so ein feiner Mensch“, sagt sein Schalker Weggefährte Erwin Kremers über ihn, „wir waren fast 40 Jahre befreundet.“ Mit Schalke haben Kremers und Rüssmann 1972 einen der größten Klub-Erfolge der Nachkriegsgeschichte erzielt: DFB-Pokalsieger und deutscher Vizemeister.

Als Rüssmann, ein Abwehr-Juwel, 1969 nach Schalke kommt, versteckt Präsident Günter „Oskar“ Siebert das Talent sogar in einem Berliner Hotel, weil „die halbe Bundesliga hinter ihm her ist.“ Dann kommt der Skandal von 1972. Er kostet Rüssmann möglicherweise die WM im eigenen Land. Erst bei der unglücklichen WM 1978 in Argentinien steht er im DFB-Kader. Er spielt während seiner erst 1973 ausgesetzten Sperre in Belgien beim FC Brügge, kehrt 1974 zurück, wird mit S04 im Jahr 1977 nochmals Vizemeister.

Im Dezember 1980 wechselt Rolf Rüssmann zu Borussia Dortmund, wo er zum Kapitän aufsteigt. „Die Bundesliga trauert um eines ihrer prägenden Gesichter. Rolf Rüssmann war ein großer Sportsmann, der wie kein zweiter für den Ruhrgebietsfußball stand“, würdigt ihn BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball posthum.

Überläufer 2: Reinhard „Stan“ Libuda – An ihm kommt im Revier keiner vorbei

Reinhard Libuda (links) war - genauso wie Franz Beckenbauer - eine prägende fußballerische Figur seiner Zeit. Foto: Imago
Reinhard Libuda (links) war - genauso wie Franz Beckenbauer - eine prägende fußballerische Figur seiner Zeit. Foto: Imago

Irgendwann in den späten Sechzigerjahren hängt im Ruhrgebiet ein Plakat. „An Gott kommt keiner vorbei“, wirbt es entweder für den US-Starprediger Billy Graham oder den Evangelisten Werner Heukelbach – Religionswissenschaftler streiten sich darüber ebenso wie Fußballexperten. Sicher ist: Darunter steht mit Kreide geschrieben: „Außer Libuda“.

Mehr muss man über die Popularität des wieselflinken Außenstürmers nicht wissen. Reinhard „Stan“ Libuda, Dribbel-Genie und Erfinder des Übersteigers, ist der Fußball-Shootingstar im Deutschland der Sechzigerjahre. Libuda dribbelt zwischen den Revier-Rivalen hin und her. Alles beginnt 1961 am Schalker Markt. Der Rechtsaußen ist dabei, als Schalke 1963 in die neu gegründete Fußball-Bundesliga kommt. Zwei Jahre später ist S04 eigentlich sportlich abgestiegen. Die Aufstockung der Liga hält die Königsblauen zwar im „Oberhaus“, nicht aber Libuda. Er geht 1965 zu Borussia Dortmund und führt den BVB ein Jahr später zum bis dahin größten Erfolg der Klubgeschichte.

Dortmund wird in Glasgow dank eines Jahrhundert-Treffers von Libuda gegen den FC Liverpool (2:1 n. V.) Europapokalsieger der Cupgewinner – als erster deutscher Klub. Der als sensibel und schlicht geltende Libuda kann sich den Empfang, die die Mannschaft von Trainer Willy Multhaup wenig später in Dortmund am Friedensplatz erleben wird, nicht einmal ansatzweise vorstellen. „Die werden uns feiern“, sagt sein Zimmerkollege Aki Schmidt nach dem Triumph in schwärmerischer Vorfreude, „Quatsch, du bist ja verrückt“, sagt Libido. Zum Meistertitel kann er den BVB nicht schießen. 1968 kehrt er (erstmalig) zum FC Schalke 04 zurück. Um Libuda hat man in Gelsenkirchen ein neues, hungriges Team aufgebaut. Die jungen Wilden heißen Klaus Fichtel, Klaus Fischer, Rolf Rüssmann oder Erwin und Helmut Kremers – sie führen Schalke 1972 zum Pokalsieg und zur Vizemeisterschaft.

Und in den größten Liga-Skandal. 1971 aufgedeckt, hat die Manipulationsaffäre um verschobene Spiele Schalke im März 1972 bereits arg unter Druck gesetzt. Als die Königsblauen und die Schwarzgelben mit ihren in die Jahre gekommenen Kapitänen Reinhard Libuda und Dieter „Hoppy“ Kurrat am 4. März 1972 ins Dortmunder Stadion „Rote Erde“ einlaufen, lassen sich weder die Abstiegssorgen des BVB noch die Verstrickungen des FC Schalke weglächeln. Die Knappen gewinnen im letzten Duell in der roten Erde mit 3:0. Auf der Tribüne tobt Schalke-Idol Ernst Kuzorra: „Diese Leistung ist keine 18 Mark für eine Karte wert gewesen!“ Nach dem Skandal gibt es lange Sperren für die beteiligten Schalker Spieler. Libuda wird zunächst lebenslang gesperrt, später begnadigt.

Nach einem Jahr im Exil bei Racing Straßburg kehrt er „auf Schalke“ zurück. Reinhard Libuda, der die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen in Gelsenkirchen verbringt, stirbt am 25. August 1996 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Überläufer 1: Andreas Möller – Weiße Taschentücher für einen „Verräter“

DFB-Pokal, 23. September 1998: Andreas Möller (l., mit Jiri Nemec) schalten im Heim-Derby mit Borussia Dortmund den FC Schalke 04 aus. (Photo by Tobias Heyer/Bongarts/Getty Images)
Andreas Möller ist bei Borussia Dortmund zum besten deutschen Fußballer seiner Zeit aufgestiegen.

Selbst seinen Fauxpas bei seinem Wechsel 1990 zurück zu seinem Stammklub Eintracht Frankfurt haben sie dem Mittelfeld-Regisseur vier Jahre später, bei Beginn seiner 2. Ära bei Borussia Dortmund verziehen. „Ich werde und will meinen Vertrag bei der Borussia erfüllen“, sagt Möller 1990 mit verschämtem Blick ins Stadion-Mikrofon. Sein Wechsel zu Eintracht Frankfurt zur Saison 1990/91 steht da bereits fest. „Lügen lernt man nur in Hessen – Möller? Schon vergessen!“, hat ein BVB-Fan auf einem Plakat im Westfalenstadion mit dem Abtrünnigen abgeschlossen.

1994 ist alles anders. Möller kehrt als gereifter Führungsspieler von Juventus Turin nach Dortmund zurück. Ein Jahr zuvor hat er die Borussia mit „Juve“ das Fürchten gelehrt. 3:1 und 3:0 in den UEFA-Pokalfinals 1993. Für fast 10 Millionen Mark (4,6 Mio. Euro) holt BVB-Boss Dr. Gerd Niebaum Möller zurück in die Bundesliga. Es wird eine Rückkehr im Triumph. 24 Tor-Beteiligungen von Andreas Möller (14 Treffer) in 30 Bundesliga-Spielen helfen Borussia Dortmund, erstmals nach 32 Jahren die Meisterschale ins Revier zu holen. „Das ist der schönste Tag meines Lebens“, stammelt Möller dieses Mal ins RAN-Mikrofon, „dem Trainer werde ich wahrscheinlich ewig dankbar sein.“ Gemeint ist Dortmunds neuer Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld, der mit Möller in der zentralen Rolle den bis dahin besten BVB der Klubgeschichte baut. 1996 verteidigt Dortmund den Titel, ein Jahr später holt man die Champions League. Möller ist beim 3:1 gegen seinen Ex-Klub Juventus im Finale von München an allen 3 Treffern beteiligt. Selbst als Hitzfeld sich 1997 auf den Sportdirektor-Posten zurückzieht, bleibt Möller in Dortmund.

Am 26. Mai 2000 platzt die Bombe. Möller, so melden die Agenturen, wechselt ablösefrei zum FC Schalke 04. „Damit hatte keiner gerechnet, dass Möller ausgerechnet zu uns kommt“, sagt sein späterer Schalker Mitspieler Ebbe Sand in Gregor Schnittkers Buch Revier-Derby (Verlag DIE WERKSTATT, 2011), „Niemand ahnte das. Aber es war von ihm im Nachhinein richtig.“

Möller führt Schalke am 23. September 2000 bei der Rückkehr nach Dortmund zu einem Sieg, der ein Meilenstein in der Geschichte dieses Derbys wird. Im Dortmunder Hexenkessel empfangen die BVB-Fans unter den 68.600 Zuschauern Möller mit gellendem Pfeifkonzert und mit weißen Taschentüchern. Die „Heulsuse“, so wird Möller vom Boulevard wegen seines oft weinerlichen Gesichtsausdrucks genannt, soll gebührend empfangen werden. Schon vor dem Anpfiff steht fest: Diesen Wechsel wird man dem Mittelfeldspieler in Dortmund – anders als 10 Jahre seinen Transfer nach Frankfurt – nicht verzeihen. Revier-Rivalität halt. Schalke demütigt Dortmund mit 4:0. Möller verlässt Dortmund als großer Sieger. Worte übers Stadion-Mikrofon gibt es dieses Mal nicht…

Kategorie 2: „Kalte“ Wechsel – von einem Revier-Rivalen zum anderen mit mindestens einer Zwischenstation

Kalter Wechsel 5: Werner Lorant –„beinhart“ und zwei Abstiege im Revier!

Trainer Jürgen Sundermann (li.) mit Werner Lorant (beide Schalke) in der Saison 1982/83.
Trainer Jürgen Sundermann (li.) mit Werner Lorant (beide Schalke) in der Saison 1982/83. Foto: Imago
Werner Heinz Erich Lorant – dieser kantige Typ aus dem westfälischen Welver im Kreis Soest verbringt die erfolgreichsten Jahre seiner Spielerkarriere nicht im Revier – sondern in Hessen.

Lorants Wechsel 1977 vom 1. FC Saarbrücken zu Eintracht Frankfurt wird zum persönlichen Glücksfall für den Defensiv-Allrounder. Mit der Eintracht holt Lorant 1980 den UEFA-Cup und 1981 den DFB-Pokal.

Bei Borussia Dortmund hat Lorant Jahre zuvor gespielt. Er geht 1971, in der Abstiegs-Saison des BVB in der Bundesliga, zur westfälischen Borussia. Mit Spielern wie Jürgen Ryno, Dieter Mietz, Dieter Weinkauff oder Theo Rieländer ist in Dortmund in dieser Phase kein Staat mehr zu machen. Besser läuft es für Lorant da bei Rot-Weiß Essen. Als dem BVB der direkte Wiederaufstieg 1973 misslingt, geht Werner Lorant zu RWE, wo er in 116 Liga-Spielen 16-mal trifft. Parallel als Trainer des SC Westünnen in Hamm tätig, fördert der später als „Werner Beinhart“ in die Bundesliga-Geschichte eingegangene Coach (1860 München) den legendären Stürmer Horst Hrubesch.

Zum FC Schalke 04 geht Lorant erst im fast biblischen Fußballer-Alter von 34 Jahren – und erlebt auch bei den Königsblauen ein Debakel. Am Ende der Saison 1982/83 steigt Schalke nach 1:3 und 1:1 in den Relegationsspielen gegen Bayer 05 Uerdingen in die 2. Liga ab. Beinhart.

Kalter Wechsel 4: Kevin-Prince Boateng – Fußball-Krieger auf Schalke und beim BVB...

Kevin-Prince Boateng spielte im Laufe seiner bewegten Karriere für den BVB und für Schalke 04. Hier attackiert er den Dortmunder Oliver Kirch (l.). (Photo by Sascha Steinbach/Getty Images for MAN)

Jürgen Klopp versteht die Fußballwelt nicht mehr. „Wie, Schalke???“, schreibt der Dortmunder Coach seinem ehemaligen Schützling Kevin-Prince Boateng 2013 eine SMS, die bald öffentlich wird.

Der Fußball-Wandervogel aus Berlin hat beim FC Schalke 04 überraschenderweise einen Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben. Zuvor hat Boateng beim AC Mailand gespielt.

Sein letztes Bundesliga-Spiel macht er vor seinem Wechsel nach Schalke am 12. Mai 2009 – als Leih-Spieler von Borussia Dortmund. Der BVB hat den Mittelfeldspieler von Tottenham Hotspur im ersten Jahr unter Klopp 2008/2009 ausgeliehen. Mit einem Kung-Fu-Tritt gegen den Wolfsburger Makoto Hasebe verabschiedet sich Boateng vorübergehend aus der deutschen Fußball-Eliteliga.

Am 26. Oktober 2013 wird Boateng im Revier-Derby in der Veltins Arena zum tragischen Helden. Nach einer halben Stunde scheitert er beim Spielstand von 0:1 per Foulelfmeter an BVB-Keeper Roman Weidenfeller. Dortmund gewinnt 3:1. Das 2:1 am sechsten Spieltag der Saison 2014/2015 wird schließlich Boatengs einziger Derby-Sieg.

Kalter Wechsel 3: Toni Schumacher: Absteiger mit Schalke, Meister mit Dortmund!

Toni Schumacher war Spieler und Torwart-Trainer von Borussia Dortmund in den goldenen 90ern. (Photo by Bongarts/Getty Images)
Toni Schumacher will nach seinem erzwungenen Abschied von seinem Herzensklub 1. FC Köln 1987 in der Bundesliga nicht mehr viel gelingen.

Der beim FC in Ungnade gefallene und vom DFB rausgeworfene Europameister von 1980 wechselt zu Schalke 04. Es wird eine schwarze Saison für den Ex-Nationaltorhüter.

Dass „Der Tünn“, wie Harald Schumacher im Rheinland auch genannt wird, am 7. November 1987 bei der 0:2-Pleite bei Eintracht Frankfurt seinem Erzrivalen Uli Stein die Hand geben muss, kann der Keeper gerade noch verkraften. Nicht aber die 77 Gegentreffer, die Schumacher im Tor der Schalker hinnehmen muss. Nur 6-mal bleibt er in 33 Auftritten für den Revierklub unbezwungen. So lässt sich Schalkes neuerlicher Abstieg aus der Bundesliga 1988 nicht verhindern. Toni flüchtet in die Türkei. Bei Fenerbahce Istanbul erlangt er ähnlichen Kultstatus wie zuvor in seinem geliebten Köln.

Zum BVB kommt er im letzten Jahr seiner großen Profi-Karriere (u. a. Deutscher Meister und Pokalsieger 1978 mit dem FC), 1995. Am 34. Spieltag der Saison 1995/96 „schenkt“ BVB-Meistercoach Ottmar Hitzfeld gewohnt generös dem künftig als Torwarttrainer in Dortmund arbeitenden Schumacher einen letzten Bundesliga-Einsatz. Nach dem Spiel gegen den SC Freiburg (3:2) dar sich Toni Schumacher ein 2. Mal in seiner Karriere deutscher Meister nennen. Sein Happy End im Pott 1997: Champions-League-Sieger als Torwart-Coach des BVB.

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Kalter Wechsel 2: Christoph Metzelder: „Metze“ verdarb Schalke die Meisterschaft

Christoph Metzelder und der BVB verhinderten 2007 die Deutsche Meisterschaft des FC Schalke 04 und von Kevin Kuranyi (vorn) (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

12. Mai 2007. Nie hat mehr Spannung über einem Revier-Derby gelegen. Gewinnt der FC Schalke 04 an diesem 33. Spieltag bei Borussia Dortmund, ist die erste Meisterschaft in der Bundesliga perfekt.

Schalke-Idol Gerald Asamoah will bei einem Erfolg beim Erzrivalen „über die Autobahn nach Hause laufen“. Die BVB-Fans halten mit einem Plakat dagegen. „Nur gucken, nicht anfassen“, steht auf einer gelben Leinwand – und daneben die Meisterschale, die Schalke in der Bundesliga-Ära noch nie gewonnen hat.

Auch Christoph Metzelder hat etwas gegen eine Schalker Meisterfeier in Dortmund. Dass der National-Verteidiger und Vize-Weltmeister von 2002 zu Real Madrid wechseln wird, steht schon vor dem Spiel fest. Nach 7 Jahren beim BVB wird das Revier-Derby zum letzten Heimspiel für „Metze“ im Dortmunder Dress.

Der Innenverteidiger macht das BVB-Spiel seines Lebens. Dortmunds Trainer Thomas Doll setzt Metzelder in dieser Partie auf der rechten Außenverteidigerposition ein. In der 44. Minute bricht Metzelder über die rechte Seite kraftvoll durch, spielte den Ball scharf nach innen – und BVB-Torjäger Alexander Frei lenkt ein, 1:0. Nach einer ausgeglichenen zweiten Halbzeit, die den Fans im mit 80.000 Zuschauern restlos ausverkauften Signal Iduna Park den Atem raubt, macht Metzelder allen Schalker Meisterträumen ein Ende. Er legt Ebi Smolarek den Ball vor und der polnische Stürmer trifft ins lange Eck, vorbei an Manuel Neuer, zum entscheidenden 2:0. Dortmund feiert, die mitgereisten Schalker Fans und Zehntausende beim Public Viewing in der heimischen Veltins Arena weinen. Schalke wird wieder nur Vizemeister.

Metzelder kehrt 2010, nach 3 überschaubaren Jahren in Spanien, zurück in die Bundesliga. Unter der Regie von Trainer Felix Magath wird er in der S04-Defensive zum Leistungsträger und fungiert nebenbei als Dolmetscher des ebenfalls nach Schalke gewechselten spanischen Weltstars Raúl. In seiner letzten Saison 2012/2013 sehen die Fans den Jugendspieler des FC Schalke 04 nicht mehr im Revier-Derby. Bei beiden Partien der Schalker gegen den BVB (2:1 / 2:1) steht Metzelder nicht im Kader.

Kalter Wechsel 1: Jens Lehmann: Liebesgrüße an einen „Ersatztorhüter“…

Jens Lehmann war mit der offensivste Torhüter in der Geschichte des Revierderbys. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
Am 5. Mai 1999 wird in der Nordkurve des Gelsenkirchener Parkstadions ein vor Ironie triefendes Spruchband ausgerollt. Vor dem Derby gegen Borussia Dortmund (1:1) schreiben einige Schalker Fans darauf: „Wir grüßen den Ersatztorhüter des AC Mailand“.

Adressat dieser Liebesgrüße ist ein Keeper, der seinen Platz in der Ehrenhalle des Schalker Fußballs eigentlich sicher geglaubt hat: Jens Lehmann. Der deutsche Nationaltorhüter hat Schalke im Jahr 1997 den größten Erfolg der Klubgeschichte festgehalten. Im Elfmeterschießen im Final-Rückspiel bei Inter Mailand trägt Lehmann mit seinen Paraden entscheidend dazu bei, dass Schalke den UEFA-Pokal gewinnt.

Damit nicht genug. Am 19. Dezember 1997 erzielt er beim 2:2 im Derby im Dortmunder Westfalenstadion das erste Feld-Tor eines Torhüters in der Bundesliga-Geschichte. Eine zu Unrecht gegebene Ecke köpft der aufgerückte Torwart ins Dortmunder Netz. „Dass ein Torwart in letzter Minute mit nach vorn geht, dass man nochmal alles versucht, hat mein Bruder mit diesem Treffer kultiviert“, sagt Jörg Lehmann in einem Interview mit dem Verlag DIE WERKSTATT 2011. Auf Schalke machst du dich mit so einem Ding unsterblich, noch dazu, wenn es am Vereinsgeburtstag des verhassten Erzrivalen ist…

Schöne Folklore! Die hat im Sommer 1998 allerdings ausgedient. Jens Lehmann, gebürtiger Essener, schließt sich für eine Ablöse von 8,6 Millionen Mark (4,3 Mio. Euro) dem AC Mailand an. Glücklich wird er in der italienischen Mode-Metropole nie. 6 Pflichtspiele für Milan bestreitet Lehmann nur. Schon im Herbst will er nur noch eins: Zurück nach Deutschland.

Borussia Dortmund greift dankbar zu. Nach dem Abgang von Kult-Keeper Stefan Klos ist auf der Torhüterposition bei Schwarzgelb ein Vakuum entstanden. Lehmann soll die neue Nummer 1 beim BVB werden – und wechselt zum 1. Januar 1999 die Fronten. Mit der Borussia gelingt ihm das, was ihm – und allen anderen Stammtorhütern auch – auf Schalke verwehrt blieb: 2002 wird er mit Dortmund Deutscher Meister – und wechselt ein Jahr später zum FC Arsenal.

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