Bundesliga-History: Kopf hoch, Werder Bremen – Es ging noch schlechter…


Otto Rehhagel (l.) holte Rudi Völler 1982 von 1860 München zu Werder Bremen - Eine Erfolgsstory. (Photo by Bongarts/Getty Images)

Werder Bremen im Rekord-Krisen-Modus! Das 0:3 (0:2) bei Titel-Anwärter RB Leipzig am Samstag ist die 8. Niederlage in den letzten 9 Spielen für den norddeutschen Traditionsklub in der Fußball-Bundesliga.

Eigentlich kann die Devise an der Weser nur lauten: ,,Retter verzweifelt gesucht!” Denn: 17 Punkte aus 22 Spielen hat Werder nur geholt, das bedeutet unter dem Strich eine Abstiegs-Gefahr von 78 Prozent.

45 Gegentore hat die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt (37) bereits kassiert – das ist Höchstwert in dieser Saison. Mit 5 Punkten Rückstand auf Rang 15 und Mainz 05 sind die Bremer auf Platz 17 förmlich eingefroren. Nur ein Mal kassieren sie in ihrer ruhmreichen Bundesliga-Geschichte mehr Gegentore aus 22 Spielen als aktuell.

Es ist die Abstiegs-Saison 1979/80. Sie zeigt, dass es bei Werder auch schon mal schlimmer geht als derzeit – und sie bringt eine heute unglaublich erscheinende Wende mit sich. Aber: Lassen wir diesen ,,Special Moment” als Monolog des Mannes Revue passieren, der das Werder-Wunder erst möglich gemacht hat…

Werder Bremen 1980
Die Schießbude der Liga: Am 12. April 1980 verprügeln der FC Bayern München und Norbert Janzon, der hier das 3:0 erzielt, Werder Bremen im Olympiastadion mit 7:0. Foto: Imago Images / Fred Joch

So würde Otto Rehhagel die Werder-Wende erzählen...

14. Mai 1988: Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel präsentiert stolz die Meisterschale.
14. Mai 1988: Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel präsentiert stolz die Meisterschale. (Photo by Bongarts/Getty Images)
Jedem Fußballfan ist der Schreck in die Glieder gefahren. Am 8. Februar 1981 ist der geschätzte Trainerkollege Kuno Klötzer auf der B214 zwischen Celle und Braunschweig bei vereister Fahrbahn schwer mit seinem Auto verunglückt. Rippenbrüche, Platzwunden, Gehirnerschütterung. Der „Ritter Kuno“, wie sie ihn in Hamburg getauft haben, hat Glück im Unglück gehabt.

Kuno versucht noch mal, auf die Trainerbank von Werder Bremen zurück zu kehren. Mit seinen fast 59 Jahren gehört er zu den Oldies in diesem Geschäft, diesem brutalen Trainergeschäft. Wie hart es in der Bundesliga-Trainergilde zugeht, habe ich selbst am eigenen Leib erfahren.

Am 30. April 1978 hat mich Borussia Dortmund nach einem 0:12 bei Borussia Mönchengladbach am letzten Bundesliga-Spieltag von meiner Trainertätigkeit beim BVB frei gestellt. Die Medien, bei denen ich oft angeeckt bin und denen ich in der Vergangenheit schon oft die Schuld an der Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts gegeben habe, sind natürlich nicht zimperlich. „Otto Torhagel“ ist noch die mildeste Bezeichnung für das höchste Desaster, das je ein Team in der deutschen Fußball-Eliteliga hat hinnehmen müssen – und für welches ich die Verantwortung trage. Einige besonders kluge Journalisten unterstellen mir sogar, ich hätte das Spiel absichtlich so hoch verloren, damit Gladbach noch Deutscher Meister wird. Bestechung und so weiter. Das ist natürlich Kokolores. „Die Leute, die das geschrieben haben, wagen heute nicht mehr, mit mir zu sprechen. Das hat zuerst in der BILD-Zeitung gestanden, die haben einfach einen Aufhänger gesucht“, ist damals meine Antwort auf diese doch heftigen Anschuldigungen.

Seit ich im Dezember 1979 bei Arminia Bielefeld in der 2. Liga mein Traineramt freiwillig zur Verfügung gestellt habe und mir DSC-Präsident Jörg Auf der Heyde unterstellt hat, mir hätte „die Eigenmotivation gefehlt“ und ich könnte „mit Mannschaften nur kurzfristige Erfolge erzielen“, sieht man mich in der Branche sogar als schwer vermittelbar an. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was dir als Bundesliga-Trainer passieren kann. Wenn dir die Leute nicht mehr zutrauen, Erfolg als Trainer zu haben, dann bist du die ärmste Sau der Liga.

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,,Der Verein lag im Koma"

DFB-Pokalfinale 1980 in Gelsenkirchen, Fortuna Düsseldorf - 1. FC Köln (2:1): Thomas Allofs jubelt nach seinem Siegtor zum 2:1. Links: Kölns Dieter Prestin. Foto: Imago Sportfoto
DFB-Pokalfinale 1980 in Gelsenkirchen, Fortuna Düsseldorf - 1. FC Köln (2:1): Thomas Allofs jubelt nach seinem Siegtor zum 2:1. Links: Kölns Dieter Prestin. Foto: Imago Sportfoto

Bei Fortuna Düsseldorf habe ich allen gezeigt, dass ich es kann. Dass ich nicht nur der wie ein Irrwirsch am Spielfeldrand herumtobende „Feuerwehrmann“ bin, als der ich in der Liga wahr genommen werde. „Der Rehhagel wird auch noch ruhiger“, prophezeit mir Toni Schumacher 1986.

Mein Düsseldorfer Musterschüler Klaus Allofs, den ich später auch zu Werder Bremen hole, bestätigt dies eindrucksvoll: „Er kam als Feuerwehrmann, als der Sprücheklopfer, als der Trainer, der eine Mannschaft retten kann, aber nicht lange bleibt. Er hatte zwar schon einige Vereine hinter sich, aber noch nicht die Erfahrung. Dennoch war er in der Lage, die Mannschaft gut einzustellen, das Wesentliche zu erkennen.“ DFB-Pokalsieger 1980 mit der Fortuna, mein erster Titel als Trainer. Ein 0:3 in Kaiserslautern im Dezember 1980 und Tabellenplatz 16 führen zu meinem Abschied aus Düsseldorf, weil sich der Verein zuvor schon die Dienste von Heinz Höher gesichert hat. Er hat wie ich das zweifelhafte Image eines „Feuerwehrmannes“.

Kuno Klötzer geht es im Februar 1981 zum Glück wieder besser. Aber er hat bohrende Kopfschmerzen und kann den Trainerjob bei Werder Bremen nicht mehr dauerhaft ausüben. Werder Bremens Manager Rudi Assauer meldet sich. Er überredet mich, Klötzers Nachfolge bei Werder in der 2. Liga anzutreten. Zwischendurch hat er sich während Kunos Abwesenheit selbst auf die Bank gesetzt. Das hat er schon während der Abstiegssaison 1979/80 gemacht – und Ankündigungen gebracht, die heutzutage undenkbar wären. „Es gibt insofern einen Wunschtrainer, den Trainer, der uns wieder unten rausholt, den wünsche ich mir“, sagt Assauer im Januar 1980. Er holt sich den 67-jährigen Trainer-Veteran Fritz Langner dazu und spendiert zur Auflockerung vor dem Auswärtsspiel in München Schnaps für die ganze Mannschaft. Dass diese Thekenfußballer-Mentalität nichts bringt, kann man sich denken. Es ehrt Assauer, dass er nach dem Abstieg 1980, der schlechtesten Saison, die Werder Bremen jemals in der Bundesliga gespielt hat, geblieben ist. 93 Gegentore hat man hinnehmen müssen, allein 11 gegen Meister FC Bayern München. „Ich habe das mit verbockt, ich repariere das auch“, sagt Assauer. Sein Chef, der Anästhesist Dr. Franz Böhmert, der seit 1970 Werder-Präsident ist, wählt ein Jahr später drastischere Worte: „Der Verein lag im Koma“ – „In der 2. Bundesliga“, hat Franz sehr gut erkannt, „wird wie in der ersten Klasse trainiert und bezahlt.“ Assauer hat jedoch eine Gehaltsgrenze gezogen: „Kein Spieler bekommt mehr als 200.000 Mark.“ Damit hat er die meisten Spieler vertrieben. Dieter „Budde“ Burdenski ist einer der wenigen, die geblieben sind. Ansonsten sorgt Werder Bremens Kader in der 2. Liga bei den Medien für beißenden Spott. „Die neuen Spieler vermitteln den Werder-Fans fast das Gefühl, der Verein richte im Weserstadion ein Auffanglager für alternde und zurückgebliebene Fußballspieler ein“, schreibt DER SPIEGEL, „der neue Libero Klaus Fichtel zählt 35 Jahre, der neue Mittelstürmer Erwin Kostedde 34.“ Das ist böse.

Mit meinen Jungs werde ich vom ersten Tag an das Gegenteil beweisen. Erwin Kostedde, der schon in Dortmund und Offenbach mein Spieler ist und unter keinem Trainer mehr Tore erzielt hat als während unserer Zusammenarbeit, zahlt mein Vertrauen mit 9 Toren in 12 Spielen zurück. Das Comeback als Werder-Coach endet mit einem souveränen 4:2-Erfolg bei Union Solingen, auch dank eines Treffers von Kostedde. Es folgt ein 6:0 zu Hause gegen Alemannia Aachen. Ein paar Tage später geht Kuno Klötzer zu Dr. Franz Böhmert und verzichtet zu meinen Gunsten auf den Trainerposten bei Werder Bremen. Es wird für mich, aber auch für Böhmert und seinen SVW der entscheidende Moment, der alles zum Guten wenden wird. Gemeinsam kehren wir souverän 1981 und mit der besten Tor-Ausbeute des Vereins im Profifußball von 93 eigenen Treffern in die Bundesliga zurück. Aber: Die bis dahin 3 Entlassungen in meiner Trainerkarriere haben mich vorsichtiger werden lassen. Nach dem 4:2 gegen Borussia Mönchengladbach zum Saisonstart lehne ich alle Glückwünsche ab. Das mögen mir viele als typische Otto-Arroganz ausgelegt haben, ich aber bleibe bei dem, was ich damals gesagt habe: „Fußballruhm dauert nur eine Woche.“ Das ist nach unseren Riesen-Erfolgen nicht anders. 1988 und 1993 wird Werder Bremen Deutscher Meister und von „Otto, dem Zweiten“ spricht nicht mal mehr mein Münchner Intimfeind Udo Lattek. Der Europapokalsieg der Pokalsieger 1992 und die Triumphe im DFB-Pokal von 1991 und 1994, die rauschenden Europacup-Nächte im Weserstadion – nirgendwo in Deutschland zelebrieren die Fans Flutlichtspiele so wie in Bremen – machen Werder in ganz Europa zur festen Größe.

 

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