WM Quali 1989: Die große Fußballlüge des chilenischen Startorhüters



El Condor schlitzt sich die Stirn auf

Die größe Fußball-Lüge der Historie?
Die größe Fußball-Lüge der Historie? Foto: Imago Images

„Vergesst die Hand Gottes! Die größte Fußballlüge erzählte Chiles Torhüter Roberto Rojas. Er schlitzte sich dafür sogar die Stirn auf“, schreibt Sebastian Stier 2018 in 11 FREUNDE Spezial: Die andere Geschichte der WM. Und man mag ihm Recht geben. Diese Geschichte ist so unglaublich, dass man sie zweimal lesen muss.

Fernando Astengo hätte es wissen müssen. In den Tagen vor dem schicksalhaften WM-Qualifikationsspiel in Brasilien am 3. September 1989 gibt ihm sein chilenischer Nationalmannschaftskollege Roberto Rojas mehrfach versteckte Hinweise. „Wenn sich die Gelegenheit ergibt“, murmelt der Weltklasse-Torhüter immer wieder vor sich hin, „mache ich etwas.“ In 11 FREUNDE heißt es dazu: „Rojas ist besessen von der Vorstellung, etwas Historisches zu schaffen. Er ist 32 Jahre alt und weiß: Es ist seine letzte Chance, an einer WM teilzunehmen.“

Scheinbar zweifelt „El Condor“, wie der Torhüter in Chile genannt wird, allerdings an den sportlichen Möglichkeiten von „La Roja“, die im Hexenkessel von Maracana in Rio de Janeiro in diesem alles entscheidenden Spiel krasser Außenseiter ist. Chile hilft auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien nur ein Sieg beim Nachbarn und Erzrivalen. Schon ein Unentschieden würde der „Selecao“, in dieser Phase nicht mit Spielerpersönlichkeiten überladen, zur Qualifikation reichen. Eine WM ohne Brasilien? Vor diesem Spiel, das die Medien auf beiden Seiten als „Endzeitschlacht monumentaler Wichtigkeit“ bezeichnen, eigentlich undenkbar.

Oder doch? Roberto Rojas hat einen perfiden Plan. Er kennt Brasilien und die unglaubliche Atmosphäre in den Stadien – und wie leicht die Dinge kippen können. Eine dieser berühmt-berüchtigten Chaos-Situationen will er nutzen, um falsch zu spielen. Eigentlich ist es nur Plan B. Aber Plan A ist nach dem 1:0 des für den UEFA-Cup-Sieger SSC Neapel spielenden brasilianischen Stürmers Careca nach 57 Minuten hinfällig. 180.000 Fußballverrückte machen den Tempel von Maracana in diesen Sekunden zum Tollhaus. Chile wäre in Italien damit nur Zuschauer. Von einer Energie-Leistung wie beim 4:0 über den Rekord-Weltmeister bei der Copa America 1987 ist die Mannschaft in Rio meilenweit entfernt. Wenige Minuten nach Carecas Treffer geht ein Raunen durch das weite Rund des WM-Finalstadions von 1950 und 2014. Die brasilianische Stadtwerks-Angestellte Rosenery Mello zündet eine Leuchtrakete. Als die Frau, für die dieser Abend der Beginn einer wundersamen Karriere sein wird, bemerkt, dass das Ding in ihrer Hand zu heiß wird, wirft sie den Feuerwerkskörper kurzerhand aufs Spielfeld.

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Brasilien nahm an der WM 1990 teil, der Betrug wurde aufgedeckt.
Brasilien nahm an der WM 1990 teil, der Betrug wurde aufgedeckt. Foto: Imago Images

Nach der Sperre spielt Rojas ausgerechnet in Brasilien

Roberto Rojas spielte später sogar noch in Brasilien. Foto: Imago Images

Rojas wittert seine Chance. Als er die Rauchentwicklung hinter sich bemerkt, wirft er sich wie vom Blitz getroffen auf den Rasen. Was die 180.000 im Stadion und die Millionen vor den TV-Bildschirmen nicht wissen: Rojas hat eine Rasierklinge in seinem linken Torwarthandschuh versteckt. Er zieht sie unbemerkt raus, verpasst sich selbst einen Ritzer im Gesicht, und lässt die Klinge wieder verschwinden. Astengo bemerkt die Blutung bei seinem Teamkollegen als erster. Die chilenischen Spieler umringen den Keeper, deuten dem argentinischen Schiedsrichter Juan Loustau – 1990 auch Referee im Skandalspiel Deutschland – Holland – an, dass ihr Keeper medizinische Hilfe braucht.

Der Verletzte wird vom Platz getragen. In Maracana bricht das absolute Chaos aus. Loustau tut – anders als ein Jahr später mit der Roten Karte für Rudi Völler – genau das Richtige: Er bricht die Partie ab. Es ist gerade eine Stunde gespielt. Wie ein Halbtoter liegt Roberto Rojas nun in der chilenischen Kabine auf der Massagebank. Seinem angeblichen Mitwisser Astengo gibt er in diesen Minuten einen entscheidenden Hinweis. „Die Klinge ist im linken Handschuh“, flüstert er.

Draußen wird indes nach dem Raketen werfenden Fan gefahndet. Die brasilianischen Sicherheitskräfte werden schnell fündig. Rosenery Mello wird als die „Rakete von Maracana“ zur Berühmtheit, lässt sich im November 1989 bereits für das Männermagazin Playboy ablichten und startet eine Modelkarriere. Sie stirbt 2011 im Alter von nur 46 Jahren.

Eine direkte Verbindung zwischen ihr und dem chilenischen Torhüter lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Zu den Aufklärern des Falles, der als „Bengalazo“ in die Fußballgeschichte eingeht, werden die beiden Fotografen Ricardo Alfieri und Paulo Teixeira. Alfieri ist, wie sich herausstellt, der einzige Foto-Reporter im riesigen Maracana, der im Moment der Raketenexplosion auf den Auslöser drückt. Für seinen japanischen Auftraggeber wäre die Geschichte somit ein Hit. Doch Alfieri zögert, seinen Film von diesem historischen Spiel an das Magazin aus Japan zu senden.

 

Wie Rojas überführt wird

Schnell kommen ihm Zweifel an Rojas‘ Version der Horror-Story, die der Chilene in diversen Fernsehsendungen in den Tagen danach immer wieder herunterbetet. „Ich hatte das Gefühl, dass Rojas lügt“, sagt Alfieri später – und er informiert den brasilianischen Fußballverband. Das erst jetzt entwickelte Bildmaterial überführt Roberto Rojas als Lügner.

Auch Astengo wendet sich gegen Rojas. Er räumt zwar ein, dass „mindestens fünf Personen eingeweiht“ waren, bestreitet aber bis heute, von der Sache gewusst zu haben. Alle Aufnahmen zeigen: Als die Rakete abbrennt, steht der Torhüter in sicherer Entfernung. Dass er keine Schmauchspuren oder schlimmste Brandwunden, die beim Berühren eines solchen Bengalischen Feuers üblich sind, davongetragen hat, machte die Ermittler im Eifer des Gefechts scheinbar nicht stutzig. Nun ist das schmutzige Spiel beendet.

Rojas leugnet noch, kippt aber wenig später um. „Ja, ich bin schuldig“, sagt er kleinlaut im Mai 1990. Sein Motiv: Die pure Leidenschaft. „Ich habe es aus Leidenschaft getan – und für Chile“, sagt er. Die FIFA sperrt Roberto Rojas, an dem auch die spanischen Giganten Real und Atlético Madrid interessiert waren, auf Lebenszeit.

Näher als an diesem Abend im Maracana wird der in Ungnade gefallene Keeper nie wieder an eine Weltmeisterschaft kommen. Chile wird auch für die WM-Teilnahme 1994 gesperrt. Stars wie Ivan Zamoráno von Inter Mailand oder Marcelo Salas von River Plate Buenos Aires verlieren bis zu ihrer WM 1998 wertvolle Jahre.

Roberto Rojas bleibt gesperrt. Erst 2001 ist es für ihn endlich zu Ende. Die FIFA hebt seine Sperre auf. Doch es ist zu spät, um noch einmal neu anzufangen. Rojas ist 44 Jahre alt. Seine Torhüterkarriere hat er 1989 beendet. Ausgerechnet in Brasilien.

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