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Mehrseitig

Die mystische Aura der großen WM-Skandale und EURO-Eklats

Die 25 grössten Fußball Weltmeisterschaftsskandale und 5 Europameisterschafts-Eklats der Fußball-Geschichte

Der Duce sorgt für den WM-Triumph.

Es sind Momente, die sich in unserem Gedächtnis eingeprägt haben. Untrennbar. Wir denken an sie, wenn wir auch nur „Fußball-Weltmeisterschaft“ hören. Sie gehören zu unserer Fußball-Sozialisation und finden zum Teil Eingang in die Alltagssprache. Mehr noch als die schönsten Tore oder der grenzenlose Jubel nach dem Titelgewinn bestimmen Skandale und unglaubliche Begebenheiten unsere kollektiven Erinnerungen rund um eine Fußball-Weltmeisterschaft.

Warum das so ist? Weil jeder Skandal auch von einer mystischen Aura umgeben ist. Diese Geschichten aus der Grauzone, oft legendenhaft verklärt, getragen von schillernden Spielerpersönlichkeiten oder One-Hit-Wonders unter den WM-Spielern, sind es, die besonders faszinieren. Sie trauen sich etwas zu, wachsen in der einzigartigen Atmosphäre dieses Wettbewerbs über sich hinaus – oder erleben in entscheidenden Momenten einen Blackout. Erklären lässt sich das Phänomen meistens nicht.

Getragen aber werden diese Geschichten von der unglaublichen medialen Bedeutung einer Fußball-WM. Kein Skandal ohne Presse-Echo. Einer der größten Spieler aller Zeiten hat es sogar zwei Mal geschafft, ins WM-Schwarzbuch eingetragen zu werden.

Die großen Spieler und auch die, von denen man nur glaubte, dass sie eine WM prägen könnten, leben seit Jahrzehnten von diesem Doppelpass mit den Medien. Any Press is good Press, heißt es. Die Gefahr dabei: Die Skandale der großen Spieler haben ihre Weltkarriere in vielen Fällen auf eine einzige Szene, einen Blackout, ein Foul, eine unprofessionelle Aktion reduziert. Ihrer fußballerischen Bedeutung, ihrem Gesamtwerk, wird das natürlich nicht gerecht – aber so ist der Sport, so sind die Menschen.Doch die Skandale, die die größten WM-Spieler aller Zeiten wie ein mystischer Nebel umgeben, sind nicht die einzigen. Fußball ist Mannschaftssport und wenn – wie bei vielen WM-Turnieren gesehen – in den riesigen Drucksituationen nicht nur einigen Hitzköpfen die Sicherungen durchbrennen, sondern auch überforderte Schiedsrichter im Einsatz sind, wird es schnell skandalös.

Tor-Betrug, haarsträubende Fehlentscheidungen, oft spekulierte, aber selten bewiesene Korruption rund um WM-Spiele bilden ein zweites, untrennbar mit der Weltmeisterschaft verbundenes Kapitel. Vor einer Weltmeisterschaft sitzen die Mannschaften bis zu acht Wochen in Trainingslagern und Team-Hotels aufeinander. Der Lagerkoller grassiert. Ein selten erwähnter, dadurch aber nicht weniger hässlicher Skandal der deutschen WM-Geschichte spielt sich 1978 im Quartier des DFB in Argentinien ab.

 

Eine WM sieht „die Welt zu Gast bei Verbrechern“

Fußball und Politik – diese schon immer schwierige Konstellation sorgte auch bei der WM für bizarre Momente. Und zwar schon in den Kindertagen des heute neben Olympia größten Sportereignisses der Welt, 1934 und 1938. Ein Diktator nutzt die WM im eigenen Land und korrumpiert den Turnierverlauf. Mit Begebenheiten, die uns wütend machen, sprachlos werden lassen, uns ratlos zurücklassen. So auch in den 1970er-Jahren, in diesem politisch so turbulenten Jahrzehnt in Südamerika. Die WM 1978 in Argentinien – seit 40 Jahren versuchen Dutzende von Autoren nunmehr, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Mehrere Enthüllungsbücher dokumentieren die WM, bei der die Welt zu Gast bei Verbrechern war. Argentina 78 – eine surreale Weltmeisterschaft, zu der wohl nie alle schlimmen Details ans Licht kommen werden.

Wie konnte das passieren? – Nur eine von vielen Fragen, mit denen der Fan oftmals allein gelassen wird. Entscheidungen der FIFA erscheinen spätestens im Zeitalter von Football Leaks, Ablöse-Wahnsinn und Ausstiegsklauseln kaum nachvollziehbar. Oft hat man das Gefühl, dass sie gerade während einer WM gegen jeden Widerstand durchgezogen werden müssen. Oder haben Sie sich mal gefragt, wie ein Fan-Votum zu dem in Ungnade gefallenen Diego Armando Maradona bei der Weltmeisterschaft 1994 ausgegangen wäre? Sogar ein Skandal bei einer WM, die noch gar nicht gespielt wurde, ist schon perfekt und findet sich in der Chronik. Das Umfeld der Weltmeisterschaft, dubiose, geradezu nach Absprachen und Bestechung riechende Vergabe-Verfahren und Austragungsländer mit zweifelhaftem Demokratieverständnis lassen die Fans immer mehr angewidert zurück. Das Vertrauen in den Fußball und in die ihn organisierenden Verbände schwindet.Denn eine Weltmeisterschaft ist Wahnsinn. Jedes Land kämpft – mehr als bei jeder kontinentalen Meisterschaft – darum, dabei zu sein. Die in der Qualifikation auf der Strecke gebliebenen Favoriten sind immer die ersten Verlierer. Das gilt für eine heißblütige Fußballnation, die 2006 so gern ,,nach Deutschland eingeladen“ hätte – und dann zum Zuschauen verdammt wurde.

Der Europameister von 1960 hat vor der ersten Weltmeisterschaft in Deutschland keine Lust auf die Machtspielchen der FIFA. Er nimmt ein vorzeitiges Aus in der Qualifikation wohl wissend auf sich, um sein Gesicht zu wahren. Denn Fußball ist nicht immer alles.

Hier sind 25 Skandale rund um die Fußball-Weltmeisterschaft, die Spieler, Fans und Medien in Atem hielten – und dies bis heute tun. Momente, die für immer untrennbar mit dem größten Fußballturnier der Welt verbunden sein werden. Ergänzt wird das Schwarzbuch durch die fünf größten Skandale der seit 1960 ausgespielten Europameisterschaft. Die EURO umgibt zwar nicht der Glamour eines weltweiten Turniers, vom sportlichen Stellenwert wird sie von vielen Experten aber als „WM ohne Argentinien und Brasilien“ gesehen – und sie gilt als schwerer zu gewinnen als das FIFA-Turnier.

Skandalfrei bleibt sie deshalb freilich nicht. Die EURO ist zwar keine Skandalnudel wir ihr südamerikanisches Pendant Copa América, wo die Liste der Affären und Turbulenzen abendfüllend ist, aber immerhin. Morddrohungen gegen einen der besten Referees der Welt, ein unbedachter Trikot-Wischer in der Euphorie des Sieges gegen den Erzrivalen aus Deutschland und – ganz dem Zeitgeist folgend – ein Drohnen-Angriff auf ein umstrittenes Team, das ist nicht gerade schlechter Stoff für Mythen und Legenden.Die Ankündigung von Senol Günes (50) ist vollmundig. Manche Beobachter sagen mit dem Abstand der Jahre, sie sei überheblich gewesen.

„Hier sind wir Gäste, 2006 laden wir ein“, erklärt der Nationaltrainer der Türkei nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen den Senegal (1:0 n. V.) am 22. Juni 2002 im japanischen Osaka. Mit der „Heim-WM“ meint Günes das Turnier 2006 in Deutschland, wo es eine der größten türkischen Gemeinden außerhalb des Landes am Bosporus gibt. Doch zu dieser beinahe selbstherrlich ausgesprochenen „Einladung“ wird es nicht kommen. Die türkische Mannschaft verliert auf der Zielgeraden die Nerven.

Die Plakate, die dem Gegner aus der Schweiz bei der Ankunft in Istanbul am 15. November 2005 präsentiert werden, verheißen nichts Gutes. „Willkommen in der Hölle“ ist zu lesen. „Huren Son Frei“, steht auf einem anderen Wisch, wobei der Verfasser wahrscheinlich ein paar Mal zu oft Fack Ju Göhte gesehen hat. Wie auch immer: Er zielt auf den Schweizer Stürmer Alexander Frei von Stade Rennes. Der Angreifer, der es ab 2006 bei Borussia Dortmund zum Kultspieler bringen wird, hat beim 2:0 im Hinspiel den zweiten Schweizer Treffer durch Valon Behrami vorgelegt – und der „Nati“ eine Top-Ausgangsposition fürs Rückspiel in Istanbul beschert.

Diesen Zwei-Tore-Vorsprung braucht die Mannschaft von Nationalcoach Jakob „Köbi“ Kuhn († 2019) auch. Der Empfang der Schweizer in der Türkei ist alles andere als sportlich. Selbst die Flughafenangestellten texten die Eidgenossen bei ihrer Ankunft mit Hass-Gesängen voll. Auf dem Weg ins Stadion wird der Mannschaftsbus der Schweizer mit Steinen und Eiern beworfen. Einfach hässlich. Die Schweizer Nationalhymne geht im Pfeifkonzert der 46.000 heißblütigen Fans unter.

Frei scheint den Türken in dieser hasserfüllten Atmosphäre nach zwei Minuten schon den Stecker zu ziehen. Er erzielt das 0:1. Da die Playoffs zur WM mit Hin- und Rückspiel im Europacup-Modus gespielt werden, braucht die Türkei bereits jetzt vier Tore, um doch noch nach Deutschland „einzuladen“.Tuncay Sanli dreht die Partie Mitte der ersten Halbzeit für die Türkei auf 2:1 um – jetzt fehlen dem WM-Dritten von 2002 nur noch zwei Tore. Ein Foul-Elfmeter von Necati Ates (52.) macht das Sükrü-Saracoglu-Stadion im Stadtteil Kadiköy, auf der asiatischen Seite der türkischen Metropole gelegen, endgültig zum Hexenkessel.

In dieser Atmosphäre behält der für den VfB Stuttgart stürmende Marco Streller in der 84. Minute kühlen Kopf: Sein 3:2 ist die Vorentscheidung. Sanlis drittes Tor zum 4:2 (88.) kommt zu spät – die Türkei fährt nicht zur WM nach Deutschland.

Was bei Abpfiff passiert, geht als „Die Nacht der Schande von Istanbul“ (BILD) in die Geschichte ein. Türkische Spieler machen Jagd auf die Schweizer.

Özalan Alpay tritt auf Marco Streller ein. Benjamin Huggel tritt den türkischen Assistenztrainer. „Es war die Hölle“, stammelt Dortmunds Schweizer Nationalspieler Philipp Degen, „so etwas Brutales habe ich noch nie erlebt.“ Streller: „Alpay hat mit den Füßen auf Benjamin Huggel eingetreten. Er hat rein gedroschen wie im Blutrausch.“Der Schweizer Nationalspieler Raphael Wicky vom Hamburger SV hört kurz nach dem Schlusspfiff des belgischen Schiedsrichters Frank De Bleekere eine laute Stimme. „Lauf rein, bleib bei mir!“ – es ist der in Gelsenkirchen geborene Hamit Altintop. Wicky denkt nicht zwei Mal nach.

Er läuft einfach los – und rettet sich vor der Wut der türkischen Fans. Im Kabinengang der nächste Schock für Wicky und Co.: „Unfassbar, was sich im Kabinengang abspielte“, erzählt Wicky in BILD Hamburg, „überall gab es Schlägereien, Ordner, Spieler, Delegierte haben aufeinander eingeprügelt. Am meisten hat es mich schockiert, wie die türkischen Spieler geschlagen haben.“

Zwei Stunden müssen die Schweizer hinter verschlossener Kabinentür warten und bangen. An eine geordnete Abreise ist nicht zu denken. Das mitgebrachte Bier und den Champagner verkosten sie trotzdem. „Es ist geil, dass wir bei der WM dabei sind“, freut sich Wicky, „für mich und andere ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen.“

Halil Altintop vom 1. FC Kaiserslautern ist dagegen enttäuscht: „Es ist schon peinlich, wenn man weiß, dass die ganze Welt über uns redet. Wir können einfach nicht verlieren.“ Stimmt wohl. Und für die „Heim-WM“ in Deutschland 2006 gilt für die Türkei: Du kommst hier nicht rein!Es ist keine gute Idee von Diego Armando Maradona, die Weltmeisterschaft 1994 noch einmal zu seiner Show-Bühne zu machen.

Bei seiner vierten und letzten WM-Endrunde wird der in seiner südamerikanischen Heimat Gott ähnlich verehrte Argentinier zum prominentesten Doping-Opfer der Turniergeschichte – und offenbart einen unglaublichen Trick.

„Marado, Marado“, schallt es am 5. September 1993 durch das Estadio Monumental in Buenos Aires. Im berühmten Final-Stadion von 1978 hat Argentinien in der Südamerika-Qualifikation zur WM in den USA mit 0:5 gegen Kolumbien verloren.

Die Volksseele kocht, die Fans der „Albiceleste“ fordern den Größten. Diego Armando Maradona.Nur er, so scheint es in diesen Herbsttagen, kann Argentinien noch zur WM führen. Doch Maradona ist abgetaucht. Seit mehr als zwei Jahren schon. Am 17. März 1991 wurde der Superstar des SSC Neapel, der Maradona seine Renaissance in den späten Achtzigerjahren verdankt, positiv auf Kokain getestet – und zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der argentinische Fußball-Verband sperrt ihn ebenfalls für 15 Monate und ordnet einen Entzug an. 1993 und nach der geglückten Qualifikation für das Turnier in den USA kehrt er tatsächlich ins Nationalteam zurück. Im Land des zweimaligen Weltmeisters ruhen die Hoffnungen auf ein erfolgreiches Turnier in den Vereinigten Staaten noch einmal auf Maradona, obwohl dessen Nachfolger längst übernommen haben: Gabriel „Batigol“ Batistuta und Diego „El Cholo“ Simeone. Auf dem Teamfoto vor dem ersten Gruppenspiel gegen Griechenland (4:0) am 21. Juni 1994 in Boston wirkt Maradona – bei seiner vierten WM-Teilnahme – wie aus der Zeit gefallen.

Zuvor hat Maradona ein individuelles Trainingsprogramm absolviert. Gemeinsam mit seinem persönlichen Coach Fernando Signorini hat er in der Abgeschiedenheit der argentinischen Pampa gearbeitet – und von 88 auf 77 Kilo abgespeckt. Die Fußball-Welt erlebt einen verschlankten Maradona mit modischem Kurzhaarschnitt statt Wuschelkopf. Aber: Diego hat sich von seinem Auftreten her kaum verändert, gibt sich streitsüchtig und extrovertiert. Kaum auf US-amerikanischem Boden, schart er die Medien um sich und poltert gegen die FIFA und ihren Generalsekretär Joseph Blatter.

Er ist mit den Temperaturen nicht einverstanden und er beschimpft die Fernsehsender als die „neuen Bosse des Fußballs.“ Dass er überhaupt wieder wettbewerbsfähig ist, verdankt er neben seinem Privatcoach auch dem kanadischen Leichtathleten Ben Johnson. Der Sprinter, 1988 im 100-Meter-Finale von Olympia in Seoul nachweislich gedopt, ist neuer Lauftrainingspartner von Maradona. Beim FC Sevilla in Spanien hat der alternde Weltstar Maradona – inzwischen 33 – noch einmal eine ordentliche Saison gespielt. Warum nicht also auch eine gute WM? Die Zweifel sind scheinbar rasch verflogen.Am 21. Juni 1994 sieht die Fußballwelt den „neuen“ Maradona. Er spielt neben einem seiner argentinischen Zauberlehrlinge, dem langmähnigen Gabriel „Batigol“ Batistuta.  Gegen den Außenseiter Griechenland ist Diego noch einmal ganz der Alte. Es ist, als würde er sich noch einmal zu einem letzten Aufbäumen erheben.

Maradona jagt einen Linkschuss aus 16 Metern ansatzlos in den Kasten des griechischen Torhüters Antonius Minou – falls das mal bei Jauch gefragt wird – und dreht völlig ab. Diego rennt jubelnd, brüllend in Richtung TV-Kamera. Seht her, ich bin wieder da!

Doch wie das so ist mit dem Rausch. Er ist intensiv – und schnell vorbei. Im Falle Maradonas vier Tage später. Nach dem 2:1 gegen den WM-Neuling Nigeria bittet man Maradona in Boston nach der Partie direkt zur Doping-Kontrolle. Die Gesichter der FIFA-Dopingexperten verfinstern sich schnell. Maradona ist auf fünf (!) verbotene Substanzen positiv getestet worden. Die Skandalmeldung geht noch am Abend über die Nachrichtenticker. Möglich wird seine Überführung deshalb, weil Maradona, da von einer Krankenschwester gleich zur Dopingkontrolle geführt, keine Zeit mehr hat, seinen wohl altbewährten Trick anzuwenden.

Jahrelang hat er die Dopingkommissionen so an der Nase herum geführt. Er trägt bei angekündigten Dopingkontrollen einen Plastikpenis und Fremdurin mit sich. Dieses Mal geht das Täuschungsmanöver schief. „Diego Maradona wird von allen fußballerischen Aktivitäten ausgeschlossen“, erklärt sein Erzfeind Blatter kurz darauf. Maradonas WM-Karriere ist zu Ende.Das „Tor von Bloemfontein“ im WM-Achtelfinale am 27. Juni 2010 ist ein Meilenstein in der deutsch-englischen Fußball-Rivalität. 44 Jahre nach Wembley lässt der imaginäre Fußballgott dieses Mal den Ball zugunsten der Deutschen zurückprallen.

Manuel Neuer erkennt die Situation am schnellsten. Geistesgegenwärtig schnappt sich der deutsche Nationaltorhüter den von der Querlatte zurückgeprallten Ball, nimmt ihn auf und wirft ihn nach vorn zurück. So, als ob nichts gewesen wäre. War da was? Ja, da war was.

Dass der Ball gut einen halben Meter hinter der Torlinie war und diese in den in den sozialen Netzwerken erscheinenden GIF-Bildern anschließend als Gag mit einem Knick versehen wird, hat Manuel Neuer mit Sicherheit gesehen. Nur: Er lässt sich halt nichts anmerken, bleibt cool – und rettet der deutschen Mannschaft damit vielleicht das Weiterkommen.

Der „44-Jahre-nach-Wembley-Gedächtnistreffer“ von Frank „Lamps“ Lampard aus gut 17 Metern wäre in der 38. Minute der Partie im Free-State-Stadium in der südafrikanischen Stadt Bloemfontein das 2:2 für England im WM-Achtelfinale gegen Deutschland. Weiter vorn belagern die englischen Spieler Wayne Rooney und Lampard den uruguayischen Schiedsrichter Jorge Larrionda. Sie können es nicht fassen.Auch Franz Beckenbauer, 1966 Zeuge des legendären Wembley-Treffers im WM-Finale gegen die Engländer (2:4 n. V.), als Experte beim Pay-TV-Sender Sky im Einsatz, sieht klar: „Deutlicher kann es nicht sein. Es ist doch fast ein halber Meter, das hätte der Linienrichter sehen müssen.“

Wayne Rooney, der bullige Stürmer von Manchester United, Sohn eines Boxers aus dem Liverpooler Stadteil Croxteth, zeigt es dem Assistenten Mauricio Espinosa noch einmal bildlich und mit bedrohlichem Blick an. „Hier, sooo weit war der Ball hinter der Linie!“

Der Linienrichter steht zwar 37 Meter entfernt, er hat jedoch freie Sicht. „Wir haben das 2:2 erzielt“, ärgert sich Englands italienischer Nationalcoach Fabio Capello, „es ist unglaublich, dass in dieser Zeit mit so vielen Schiedsrichtern dieses Tor nicht gegeben wird. Das Spiel wäre dann ganz anders verlaufen.“ Möglicherweise.

Die „Three Lions“ sind in dieser Phase nach den deutschen Treffern von Miroslav Klose (20.) und Lukas Podolski (32.) am Drücker. Neuer hält erst gegen Lampard (35.), dann köpft Matthew Upson nach Flanke von Steven Gerrard zum 2:1 (37.) für England ein.Nur eine Minute folgt die Szene, die als „Wembley reloaded“ Geschichte macht. Nach dem Latten-Freistoß von Lampard (52.) bricht der englische Widerstand. Thomas Müller (67./81.) schießt Deutschland mit zwei blitzsauberen Konter-Toren ins Viertelfinale gegen Argentinien.

Es ist die Stunde der Komödianten – aber auch der Revanchisten. Vor allem die Boulevardzeitung BILD, England in ewiger Geringschätzung verbunden, zieht groß auf. „Thank you, Fußball-Gott“, lautet die ungelenke Titelzeile am 28. Juni 2010, die jeder zweitklassige Englischlehrer in der Luft zerreißen würde.

Das Blatt trieft fast vor Genugtuung für den „Wembley-Treffer von Geoffrey Hurst 44 Jahre zuvor, der natürlich als Schwarzweißfoto und Vergleichsbild nicht fehlen darf. „Thank you, Fußball-Gott, du hat dir viel Zeit gelassen, das Unrecht auszugleichen“, klingt es fast wie ein Gebet, „wir hatten schon nicht mehr daran geglaubt. Seit gestern ist Wembley wettgemacht.“

Man hätte das auch eine Nummer kleiner genommen. Immerhin haben die Deutschen den Engländern Wembley schon lange zuvor doppelt und dreifach zurückgegeben. 1996 haben sie die englischen Gastgeber im Elfmeter-Krimi im Halbfinale ausgeschaltet, sechs Jahre zuvor bei der WM in Italien ebenso in der Runde der letzten vier. Ebenfalls nach einem Elfer-Krimi. Dazu kommt das unvergessene 3:1 in Englands Fußballtempel auf dem Weg zur EURO 1972. Nein, Wembley ist schon lange durch. Aber, wer zählt schon immer mit?Die Weltmeisterschaft 2018 ist noch nicht angepfiffen – da gibt es im Lager des Titelverteidigers aus Deutschland einen politischen Skandal.

Die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil besuchen drei Wochen vor dem WM-Start den despotischen türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan – und widmen ihm ihre Trikots vom FC Arsenal und Manchester City brav mit „für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll“. In Leverkusen hat man für derartige Huldigungen kein Verständnis. Die deutsche Nationalmannschaft will sich hier am 9. Juni 2018 mit einem Erfolg gegen den ebenfalls bei der WM teilnehmenden 67. der FIFA-Weltrangliste aus Saudi-Arabien (2:1) in Richtung Russland verabschieden. Das Auswärtige Amt, so berichtet Team-Manager Oliver Bierhoff (50) vorab, habe dem DFB zu dem Freundschaftsspiel gegen den autoritären Golfstaat geraten. Beruhigend. Nicht, dass wir am Ende noch eine Diskussion um die Interpretation der Menschenrechte im Königreich aufmachen…

Als Bundestrainer Joachim Löw zu Beginn der zweiten Halbzeit Ilkay Gündogan für den Dortmunder Marco Reus einwechselt, kommt unerwartet Stimmung in die BayArena, die bei Länderspielen ein echter Gefühlsfriedhof ist. Die Fans pfeifen den Profi vom englischen Meister Manchester City gnadenlos aus. Sie haben es Gündogan nicht vergessen, dass er sich – mitten im Wahlkampf – mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließ.

Sein „Komplize“, Mesut Özil vom FC Arsenal, verdrückt sich derweil auf der Reservebank. Der Mittelfeldspieler hatte sich mit Kniebeschweren für das letzte Testspiel des Titelverteidigers abgemeldet – und für Unverständnis gesorgt. Dass Co-Trainer Thomas Schneider versucht, die Fans zu besänftigen, ist ein netter Versuch. Sie pfeifen Gündogan dennoch aus.Oliver Bierhoff ist schon vor dem Spiel genervt. „Ihr beendet es doch nicht. Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt“, giftet er vor dem Anpfiff in Leverkusen vor laufender Kamera gegen ARD-Moderator und den als Experten tätigen Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Basta-Politik statt Ursachenforschung.

„Dass ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, hilft keinem, es trifft nur die Mannschaft“, ist auch Löw hinterher pikiert. Die meisten Anhänger aber haben genug. Sie wollen sich nicht bevormunden lassen. Die Stimmung auf der Mission „Best NeVer rest“, dem fünften WM-Titel für Deutschland, ist schon vor dem Turnierstart gedrückt. Eigentlich ist das Ding jetzt schon durch.

Das wenig durchdachte Rührstück haben Gündogan und Özil schon drei Wochen vor diesem Spiel abgezogen. Am 13. Mai 2018 treffen sie Erdogan in London. Dass Gündogan nach dem Besuch bei „seinem Präsidenten“ kleinlaut erklärt, es sei „kein politisches Statement gewesen“, nimmt ihm keiner mehr ab. Wie soll man einen Besuch bei dem Despoten aus Ankara sonst werten? Özil dagegen schweigt sich aus. Beim traditionellen Medien-Tag des DFB-Teams im Trainingslager in Eppan in Südtirol fehlt er. Nie zuvor war ein Nationalspieler diesem Pflichttermin fern geblieben.

Hitzlsperger, selbst einst Profi auf der Insel, hat vor allem beim durch Abwesenheit glänzenden Wahl-Londoner Mesut Özil das Spielchen durchschaut: „Immer wenn es brenzlig wird, schiebt er die Verantwortung an sein Beraterteam ab. Die haben ihm geholfen als Marke zu wachsen. Aber wenn es unangenehm wird, ist er nicht in der Lage zu reagieren. Er ist viel rumgekommen und hat viel erlebt, aber seine Persönlichkeitsentwicklung hat nicht Schritt halten können.“Der Besuch bei „ihrem Präsidenten“ – Gündogan und Özil sind beide in Gelsenkirchen geboren und besitzen ausschließlich die deutsche Staatbürgerschaft – wird zur Staatsaffäre. Erst lädt DFB-Präsident Reinhard Grindel die bösen Buben am Rande des Pokalfinales mit Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern München (3:1) am 19. Mai ins Schloss Bellevue nach Berlin zum Rapport. Dann steigt auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein. So einfach machst du aus einer Verbandssache ein Politikum.

Gündogan bekennt sich im Gespräch mit ARD und ZDF zu den „deutschen Werten“. Weder von ihm noch von Özil gibt es jedoch eine kritische Äußerung gegenüber Erdogan, der sogar von den Vereinten Nationen wegen seiner Menschenrechtsverletzungen an den Pranger gestellt wird. „Es hat mich dann, ehrlich gesagt, auch ein bisschen ratlos gemacht“, sagt der erfahrene Politiker in einem ZEIT-Interview, „angesichts der Tatsache, dass Özil und Gündogan in Deutschland groß geworden sind, hätte es sie nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst.“ Das hätte man sich irgendwie vorher denken können…

„Zwei türkischstämmige Fußball-Millionäre, die sich aufgrund der besseren Verdienstaussichten zu Beginn ihrer Karriere für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben, lassen sich im türkischen Auslandswahlkampf mit dem türkischen Diktator Erdogan fotografieren – da möchte man bloß noch fragen: Jungs, wer hat euch denn vor die Schüssel getreten?“, fragt sich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung etwa. „Demokratie muss auch Dummheit aushalten“, stellt die Schwäbische Zeitung fest, „Özil und Gündogan haben sich selbst – und allen anderen eigentlich bestens integrierten Doppelstaatsbürgern in Deutschland – einen Bärendienst erwiesen mit ihrer maximal unsensiblen Wahlkampfhilfe für Erdogan. Am Tag vor der WM-Nominierung kocht nun eine Integrationsdebatte wieder hoch, die die Nationalmannschaft eigentlich seit Jahren als unnötig demaskiert.“

Die Kritik kommt nicht nur aus Deutschland. Den in der westlichen Welt äußerst umstrittenen Erdogan zu treffen und ihm zu huldigen, kommt auch in Österreich schlecht an. Beim Testspiel Anfang Juni in Klagenfurt (2:1) pfeifen auch die österreichischen Fans Özil und Gündogan während der gesamten Spielzeit aus. Der Ex-Dortmunder Gündogan hat für dieses Fan-Verhalten eine einfache, aber wenig stimmige Erklärung: „Wer pfeifen will, ist frei in seiner Entscheidung. Da kann ja jeder machen, was er will.“ Der Eindruck drängt sich in der Tat auf, ja.
Roberto Carlos unterbrach sein Telefonat. Am anderen Ende der Leitung war sein französischer Freund Christian Karembeu.

Der Mittelfeldspieler, am Abend immerhin Gegner im WM-Finale von Paris, musste warten. „Einen Moment, da ist etwas mit Ronny“, sagt Carlos und legt den Hörer weg. Irgendwas mit Ronny…„Ronny“ ist kein anderer als Ronaldo Luiz Nazario de Lima, geboren am 22. September 1976 in Rio de Janeiro. Besser bekannt unter dem Namen Ronaldo. Der begehrteste Fußballer der Welt. Mit vier Toren und drei Assists in sechs WM-Spielen hat der gerade mal 21 Jahre alte Ronaldo die „Selecao“ erwartungsgemäß ins Finale gebracht.

Nun liegt „El Fenomeno“, das Phänomen des Weltfußballs, leblos auf dem Boden eines Zimmers im vornehmen Landhotel Chateau de grande Romaine in Lesigny, 34 Kilometer südöstlich von Paris. Es ist früher Nachmittag und vor dem großen Finale gegen den WM-Gastgeber wollten sich die Brasilianer eigentlich nur ausruhen. Edmundo ist als erster zur Stelle. Er und Cesar Sampaio finden Ronaldo und retten ihm mit seinen Erste-Hilfe-Maßnahmen möglicherweise das Leben.

„Als ich Ronaldo sah, habe ich sofort alle geweckt, es war ein Riesenschock für mich und meine Mitspieler“, erzählt Edmundo 2018 in einer englischen Dokumentation zur WM 1998, „wir haben ihm die Zunge aus dem Hals gezogen.“Ronaldo ist nicht im Teambus, als die Mannschaft nach Paris abfährt.Was dann passiert, ist nebulös und wird zum späten Skandal dieser WM. Während die französischen Fans erwartungsfroh zum neuen Fußballtempel im Pariser Vorort St. Denis kommen, sickern auf der Pressetribüne die ersten Gerüchte durch. „Ich kam am Stadion an und wurde sofort angesprochen: Hast du schon gehört? Ronaldo ist nicht dabei“, erinnert sich der inzwischen für BBC Sport arbeitende WM-Torschützenkönig von 1986, Gary Lineker.

Es stimmt. Auf der wenig später vom brasilianischen Verband (CBF) herausgegebenen Aufstellung fehlt Ronaldo. Die französische Mannschaft ist bereits beim Aufwärmprogramm, als der Heilsbringer der Brasilianer doch noch im Stadion eintrifft. Er steigt aus einem Taxi. Ronaldo ist kreidebleich. Er trägt Shorts, Tennis-Schuhe und hat nichts als einen Kulturbeutel bei sich. Er wirkt komplett entrückt. „Glatzkopf“, verkündet Ronaldo dem völlig perplexen Verbands-Pressesprecher Ricardo Stetyon, „ich werde spielen.“

Kurz darauf wissen es auch die Franzosen. „Ich ging nach dem Warm-up in die brasilianische Kabine und sagte zu Ronny: Wir können Euch unmöglich ohne dich schlagen“, so Youri Djorkaeff, 1998 gemeinsam mit Ronaldo und Inter Mailand UEFA-Cup-Sieger. „Keine Angst, mein Freund, wir sehen uns gleich auf dem Platz“, antwortet der Brasilianer. „Es wirkte so, als hätten sie ihm Aufputschmittel gegeben“, mutmaßt Edmundo, der Ronaldo im Hotel mit seinen Erste-Hilfe-Maßnahmen möglicherweise das Leben und die Karriere gerettet hat. „Ich will spielen, mir geht es gut“, wiederholt Ronaldo. Als Setyon den auf eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus entlassenen Ronaldo in die Kabine bringt, kann man eine Stecknadel fallen hören.

Zico, Brasiliens ungekrönter weißer Pelé, ist Delegationsleiter beim Weltmeister. Er kennt noch mehr Details zu Ronaldos Wunderheilung. „Nachmittags sagten sie Ronaldo könne nicht spielen, am Abend sagten sie, er könne spielen. Es war verrückt.“ Zeugen bestätigen, dass Zico Toledo am Hemd packte und drohte: „Wenn dem Jungen etwas passiert, bringe ich dich eigenhändig um.“ Der weiße Pelé setzt sich nicht auf die Bank und hat danach nie wieder für die brasilianische Nationalelf gearbeitet. „Ich hatte das ganze Spiel über Angst“, sagt Zico 2006. Tatsächlich läuft Ronaldo als letzter brasilianischer Spieler ins Stade de France ein. Das Finale, so hofft man auf Seiten des Titelverteidigers, ist trotz oder gerade wegen der Verwirrspielchen um den Superstar gerettet. Das Happy End für die Brasilianer, die sich nach dem Triumph von 1994 nun in Frankreich unmenschlich hohen Erwartungen gegenüber sahen, scheint zum Greifen nahe. Dank Ronaldo.„Wir waren davon überzeugt, dass Ronaldo es für uns schaffen würde“, sagt Romario, Star der Weltmeister-Mannschaft von 1994, in der Ronaldo vier Jahre zuvor in den USA nicht zum Einsatz gekommen ist. Edmundo glaubt hingegen zu wissen: „Ronaldo hatte Knie-Probleme und konnte nicht richtig trainieren. Sie mussten ihn permanent behandeln.“ Ronaldos Dilemma liegt jedoch nicht nur auf dem Platz. Er ist mit seinen getrennt lebenden Eltern im gleichen Haus untergebracht. Zoff im Hause de Lima vom ersten Tag an…

Die oftmals inszeniert wirkende Harmonie im brasilianischen Team – sogar die Landung in Frankreich wird aus dem Cockpit heraus live in die Heimat übertragen – wackelt nach dem 1:2 im Vorrundenfinale gegen den Außenseiter Norwegen in Marseille bedenklich. Ronaldo trainiert kaum, zeigt sich lieber mit nacktem Oberkörper bei den Grillpartys des Teams im Hotelgarten.

Seine Fitness bleibt bis zum Ende das große Thema in der vollkommen überhitzten brasilianischen Medienlandschaft. „200 Millionen Menschen haben sich zuhause in Brasilien darauf verlassen, dass wir sie glücklich machen“, sagt der 39-fache brasilianische Nationalspieler Edmundo. „O Animal“, das Tier, wie der bullige Stürmer vom AC Florenz genannt wird, muss für Ronaldo im Finale entgegen der ersten Ansage von Coach Mario Zagallo auf die Bank. Er macht sie eine halbe Stunde vor dem Anstoß. Dass er nach 74 Minuten für Sampaio noch in die Partie kommt, ist wohl kein Trost für ihn.

Die Anspannung nach dem Drama und dem folgenden Possenspiel um Ronaldo können die Brasilianer in 90 Minuten nicht mehr lösen. „Der Vorfall war eine Belastung für das ganze Team“, glaubt Romario. Anders als Ronaldo ist Frankreichs Superstar auf den Punkt konzentriert. Zinedine Zidane trifft per Kopf zum 1:0 und lässt dass Stade de France beben. Nach Ronaldos Zusammenprall mit dem französischen Keeper Fabien Barthez verliert Brasilien die Kontrolle – und das Spiel. Erneut Zidane und Emmanuel Petit machen Frankreich beim 3:0 zum Weltmeister. Der Traum der Brasilianer von der ersten Titelverteidigung seit 1962 und vom überhaupt erst zweiten südamerikanischen Triumph in Europa nach 1958 ist geplatzt.Für Leander Schaerlaeckens, Fußballkolumnist von Fox Sports bleibt vieles nebulös. „Bis heute weiß man nicht, was in der Kabine der Brasilianer vorgefallen ist“, sagt er in der sehenswerten TV-Dokumentation 90ies Greatest (2014), „Ronaldo war nicht er selbst. Das schien einen Effekt auf das gesamte Spiel der Brasilianer zu haben, denn sie waren schlecht an diesem Tag. Sie fanden nie in dieses Spiel, sie waren wie verwandelt.“

Brasilien sucht nach Antworten. „Er stand auf dem Platz, weil ich ihn aufgestellt habe“, wütet Zagallo bei der Pressekonferenz nach dem Spiel im Stade de France, „drehen Sie mir nicht die Worte im Mund herum!“

Denn: Raum für Verschwörungstheorien lässt der Skandal auf jeden Fall. Der brasilianische Verband soll Druck ausgeübt haben, heißt es. Andere Quellen aus Brasilien besagen, die Sponsoren hätten auf Ronaldos Einsatz bestanden. Der Fall Ronaldo hat gezeigt, dass in Brasilien nicht die Menschen zählen, sondern nur die sportliche Leistung“, sagt Edmundo später. Aus seinen Worten spricht immer noch Verbitterung.

„Seit 20 Jahren erzählt mir jeder Taxifahrer, dass Brasilien das Spiel verkauft hätte, um die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu bekommen“, klagt Edmundo, „wenn das so war, dann habe ich nie meinen Anteil erhalten…“Carlos Caszely hebt am Mittelkreis die Arme hoch. Er tut so, als würde er in dem leeren Stadion in Richtung der Ränge grüßen. Es ist, als würde der in Ehren ergraute Fußballstar von einst noch einmal die eigenartige Atmosphäre im Nationalstadion von Santiago de Chile spüren. Er verharrt, blickt zum Himmel.

In der viel beachteten, von Frankreichs einstigem Enfant terrible Eric Cantona moderierten Fernseh-Dokumentation Les Rebelles du Foot (Dt.: „Rebellen am Ball“) berichtet der Chilene Caszely 2011 noch einmal von einem der größten WM-Skandale aller Zeiten. Und „Carlito“, wie der Mittelstürmer mit dem Wuschelkopf in seiner Heimat genannt wird, besucht für Cantona noch einmal den Ort der skurrilen Geschehnisse.

Es ist der 21. November 1973, Playoff-Spiel zur Weltmeisterschaft in der BR Deutschland. Chile gegen die UdSSR in Santiago, das ist die Paarung. Der Europameister von 1960 hat die Gruppe 9 auf dem eigenen Kontinent, Chile die Gruppe 3 in Südamerika gewonnen. Nach einem 0:0 in Moskau bestehen die Sowjets auf der Austragung des Rückspiels in einem anderen Land.

Zu Recht. In Chile regieren längst die Militärs. General Augusto Pinochet hat am 11. September 1973 den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt und geht rigoros gegen dessen Anhänger vor. Bereits in den ersten Stunden nach dem Putsch mehr als 12.000 Oppositionelle gefangen genommen.In diesem Stadion soll nun also WM-Qualifikation gespielt werden? Kaum vorstellbar. Dieser Umstand empört den schnell zu Überreaktionen neigenden Eric Cantona auch mehr als 30 Jahre später noch: „Es wurde so getan, als wäre nichts passiert. Und dann folgt ein neues Spiel. Das ist nicht zynisch, das ist unmenschlich. Der Fußball darf nicht zum Komplizen der Diktatoren werden.“

Leider war der Sport dies in der WM-Historie allzu oft. Wie 1973 in Chile. Die Sowjets machen Druck. Sie fordern in ihrer Depesche die Verlegung.

Andernfalls, so lässt Moskau verlauten, tritt die „Sbornaja“ nicht an. „Spiel in Chile ist unmöglich. Stopp. UdSSR-Fußballverband“, dies der ebenso knappe wie unmissverständliche Text des Telegramms vom 12. November 1973 an den Fußball-Weltverband.

Die FIFA lehnt eine Verlegung ab. Die Bedingungen, so heißt es im Antwortschreiben seien „regulär“. Der Journalist Vladimiro Mimica kann über derartige Formulierungen nur den Kopf schütteln. „Sie haben in diesem Stadion gespielt“, echauffiert er sich, „während die meisten Toten noch nicht einmal namentlich bekannt waren. Was hat sich die FIFA eigentlich dabei gedacht?“Vermutlich nicht viel. Aber es kommt, wie es kommen muss. Die UdSSR reist nicht an, verzichtet damit auch auf die WM-Teilnahme. Es ist das erste Mal, dass sich die Fußball-Sputniks nicht für eine WM-Endrunde qualifizieren. Die FIFA zwingt Chile schließlich, das Match ohne Gegner zu spielen.

Vor 30.000 Zuschauern in Santiago und in gespenstischer Atmosphäre. „Es war das Bescheuertste, was ich je erlebt habe“, sagt Carlos Caszely, „wir kamen auf den Platz und da war niemand. Keine gegnerische Mannschaft. Der Schiedsrichter pfeift Anstoß, wir laufen nach vorne, machen ein Tor und der Schiedsrichter gibt das Tor. Es war die absurdeste Aufführung, die man sich vorstellen kann und ich habe darin mitgewirkt.“ Um 19.34 Uhr trifft Chiles Kapitän Francisco „Chamaco“ Valdez zum 1:0 und setzte den Schlusspunkt unter der „absurdeste Spiel der Fußballgeschichte“, wie DER SPIEGEL 2007 sehr treffend titelt.

Carlos Caszely reist mit Chile schließlich zur WM nach Deutschland – und sieht im ersten Spiel gegen die Gastgeber nach einem Revanchefoul gegen Berti Vogts Rot. Schiedsrichter Dogan Babacan aus der Türkei zeigt Carlito die erste Rote Karte der WM-Historie. Zwar ist der zu diesem Zeitpunkt für Espanyol Barcelona spielende Angreifer im letzten Spiel gegen Australien wieder dabei, doch Chile ist nach der Vorrunde draußen.

Die 2001 eingesetzte Valech-Kommission zur Aufklärung der Verbrechen aus 17 Jahren Diktatur in Chile hat später 27.255 politische Gefangene anerkannt und mehrere zehntausend Folteropfer benannt. Das bizarre WM-Theater von 1973 bleibt für Carlos Caszely eine Mahnung der Geschichte: „Das Stadion wurde zu einem Konzentrationslager. In den Umkleiden wurde gemordet und vergewaltigt. Es ist eine Geschichte, an die man sich erinnern muss, damit so etwas nie wieder passiert.“Drei Millionen Dollar touren – live im Fernsehen gesendet – durch Brasilia. Das ist am 24. Juni 2014 keine Doku-Soap irgendeines Privatsenders.

Es ist der Versuch des ghanaischen Fußballverbandes, seinen wenig erfolgreichen „Black Stars“ bei der WM in Brasilien doch noch Beine zu machen. Leicht haben sie es nicht in ihrer Gruppe, die Westafrikaner. Ghana geht in der Gruppe mit dem späteren Weltmeister Deutschland, Portugal und den von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann betreuten USA nicht gerade als Favorit ins Turnier. Nach dem zweiten Spiel, einem mehr als achtbaren 2:2 gegen Deutschland, ist die Stimmung bei den „Black Stars“ auf dem Nullpunkt. Nur noch ein hoher Sieg in dritten Vorrundenmatch gegen Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo kann noch helfen. Was tun?

Die „Black Stars“ wollen nicht mehr. Sicher, sie könnten gegen das bisher so enttäuschende Portugal noch mal Dampf machen. Wollen sie aber nicht. Sie wollen nur noch eins: Ihr Geld. Sie wollen es gleich und in bar. Keine Tricks, keine ungedeckten Schecks. Sonst arbeiten wir ab 12 Uhr für die Gegenseite…

Die Lieferung erfolgt, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F. A. Z.) schreibt, „unter filmreifen Umständen.“ Es geht um drei Millionen US-Dollar für den 23-köpfigen WM-Kader der Afrikaner. Für die Verbands-Oberen wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Sie packen die Summe eilig in 100-Dollar-Noten in eine Maschine, die vor dem Spiel abends um halb neun auf dem Flughafen Presidente Juscelino Kubitschek in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia landet.Der Geldtransport durch Brasilia wird live im Fernsehen gezeigt. Drei Millionen Dollar werden in aller gebotenen Gemütsruhe verladen und durch die Hauptstadt kutschiert. Eigentlich eine Einladung für jeden Gangster.

Aber: Nach Angaben des brasilianischen Senders Globo ist der Transport von 72 Militärpolizisten, 19 örtlichen Polizisten, 26 Soldaten, 14 Männern von der örtlichen militärischen Spezialeinheit, einem Piloten der polizeilichen Luftüberwachung der Luftwaffe, zwei Polizisten der Highway Patrouille und einer Einsatzkraft der mobilen Luftüberwachung aus Brasilia gesichert. Sicher ist sicher.

So muss man sich also einen Zahltag für Ghanas Fußball-Nationalmannschaft vorstellen… Der Kies erreicht die Spieler des deutschen Gruppengegners gerade noch rechtzeitig. Die Partie gegen Portugal kann wie geplant stattfinden. Beflügeln kann der Geldsegen aus der Heimat die „Black Stars“ nicht mehr. Sie verlieren mit 1:2 gegen Portugal – und fahren gemeinsam mit dem Star-Ensemble um „CR7“ nach Hause.

Zwei Spieler haben sich allerdings schon vorab verabschiedet. Es sind der in Berlin geborene Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng und Sulley Muntari vom AC Mailand. Kevin-Prince Boateng, zu diesem Zeitpunkt beim FC Schalke 04 unter Vertrag, hat bis 2009 für die deutschen Junioren-Nationalmannschaften gespielt. Erst 2010 entscheidet er sich für das Land seines Vaters und nimmt für Ghana an der WM in Südafrika teil.Vor dem Spiel gegen die Portugiesen kommt es dienstags zuvor im Training zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen dem exzentrischen Boateng und Muntari. Coach Appiah („So etwas wünsche ich keinem Coach“) wirft beide raus.

Von der Suspendierung erfährt der Prince der Legende nach durch einen Zettel an seiner Hotelzimmertür. Stille Post made in Ghana.

Aber: Sowohl Muntari vom AC Mailand als auch Boateng weigern sich nach Angaben des ghanaischen Reporters Gary Al-Smith, der aus Brasilia für den Radiosender CitiFM in Accra berichtet, das Mannschaftsquartier zu verlassen. Sie wollen ihr Geld.

Erst, als sie es an besagtem Donnerstagmorgen nach dem Spiel gegen Portugal kassiert haben, verschwinden beide aus dem Hotel. Beide spielen nie mehr für die „Black Stars“. Zahltag in Ghana.„Das Ausscheiden kommt für uns einer Katastrophe gleich. Ohne Pelé ist Brasilien nicht einfach Brasilien!“ Vicente Feola, Nationaltrainer Brasiliens nach dem Aus bei der WM 1966

Das Jahr 1966 soll die absolute Krönung für Brasiliens Fußballidol Pelé werden. Am 21. Februar des Jahres heiratet Edson Arantes do Nascimento, wie das Genie mit bürgerlichem Namen heißt, seine erste Frau, Rosemarie dos Reis Cholbi. In England will er im Sommer 1966 zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. Medienträchtig reist das Traumpaar des Fußballs auf Einladung von Pelé-Freund und Austria-Präsident Josef Brandstätter in einer offenen Kutsche durch Salzburg oder zeigt sich im bunten Karnevalstreiben von Rio. Überhaupt ist es die Hochzeit, auf die ganz Brasilien gewartet hat. Selbst eine Audienz bei Papst Paul VI. in Rom darf nicht fehlen. Mit dem WM-Titel will sich Pelé in England dann nachträglich selbst beschenken.

Denn das junge Paar hat in den turbulenten ersten Tagen seiner Ehe keine ruhige Minute. Doppel-Weltmeister Brasilien in den Vorbereitungen für das Turnier, Medienrummel, Terminstress. „Wenn wir uns drei Tage am Stück gesehen haben, war das schon viel“, erzählt Pelé freimütig. Motivieren kann ihn die Hochzeit nicht. Es ist nicht die Weltmeisterschaft des großen Brasilianers. Die „Selecao“ und ihr unumstrittener Fußball-König Pelé sehen sich einem vehementen Widerstand der Gegner ausgesetzt.

Das 2:0 zum Start gegen die No Names aus Bulgarien ist für Pelé, der zum 1:0 trifft, und seinen in die Jahre gekommenen, kongenialen Offensiv-Partner Garrincha, der das zweite Tor beisteuert, nicht mehr als eine Pflichtaufgabe. Die Bulgaren versuchen während der Partie, Pelé durch harte Fouls zu bremsen „Ich denke, die anderen Teams werden das genauso machen“, vermutet Bulgariens Coach Rudolf Vytlacil anschließend. Er wird Recht behalten.Am 15. Juli 1966 entzaubern die Ungarn mit den Puskas-Erben Florián Albert – 1967 als einziger Ungar „Europas Fußballer Europas“ – und János Farkas im Goodison Park von Liverpool den Weltmeister. Es ist der Anfang vom Ende.

„Die Generation von 58 und 62 verblasste, es waren nur noch Veteranen“,

stellt Brasiliens Stürmer Tostao 2018 fest, „mit Ausnahme von Pelé waren sie nicht mehr in der Verfassung, in der Nationalmannschaft zu spielen.“ Stimmt. Torhüter und Doppel-Weltmeister Gilmar ist 35. Abwehrchef Djalma Santos und Bellini, 1958 erster brasilianische Teamkapitän, der den WM-Pokal erhält, sind 36. Pelés kongenialer Partner Garrincha (32) wird, gezeichnet von Operationen und von seinem Alkoholismus, noch 1966 aus der Selecao zurücktreten.

Tor-Maschine Pelé hat in diesem Turnier viele Gegner. Der hungrigste ist am 25. Januar 1942 in Mosambik geboren. Sein Name: Eusébio da Silva Ferreira. Der „schwarze Panther“, wie der Mittelstürmer genannt wird, ist mit 317 Liga-Toren in 301 Spielen für Benfica Lissabon nicht minder legendär als Pelé bei seinem FC Santos. Eusébio wird diese WM zu seinem Turnier machen. Der Nationalspieler Portugals sichert sich mit neun Treffern den WM-Torschützentitel und hievt sein Land auf Rang drei. Es ist Portugals beste WM-Platzierung aller Zeiten. Das Duell zwischen Pelé und seinem europäischen Kontrahenten Eusébio soll am 19. Juli 1966 ein Höhepunkt dieser WM werden. Die einstigen portugiesischen Kolonialherren demütigen den Weltmeister. 3:1 – bei zwei Toren von Eusébio. Die Partie in Liverpool ist ein Spiegelbild der verkorksten WM Brasiliens.

„Die Südamerikaner waren schon harte Jungs, aber die Europäer waren auch nicht ohne“, erinnert sich Wolfgang Weber, Vize-Weltmeister von 1966, im November 2017 im Berliner Tagesspiegel, „Pelé hat das zu spüren bekommen gegen die Portugiesen, dabei hatten die das gar nicht nötig, das waren so großartige Fußballer mit Eusébio und Coluna und all den anderen von Benfica Lissabon.“„Brasilien kam als Titelverteidiger – doch dann kam für mich das Aus“, so Pelé. Der portugiesische Abwehrspieler Joao Morais trifft den Fußballkönig schwer am Knie – und foult ihn wenig später ein zweites Mal so hart, dass er zum Statisten degradiert wird.

Auswechslungen gibt es 1966 noch nicht. Pelé spielt weiter, doch er humpelt über den Platz. Seine Pässe kommen nicht an, Brasilien verliert – und ist draußen. Es ist bis heute das einzige Vorrunden-Aus für den Rekord-Weltmeister.

„Dass der zweimalige Weltmeister in der Vorrunde ausschied, war eine Katastrophe“, erinnert sich Tostao. Eine, auf die die Polizei und die Sicherheitskräfte in der Heimat vorbereitet sind. In Rio de Janeiro brechen nach Bekanntwerden des Ergebnisses gegen Portugal über die Radiogeräte Straßenkämpfe aus. Die Verbandszentrale in Barra da Tijuca und das Wohnhaus von Trainer Vicente Feola werden umgehend unter Polizeischutz gestellt.

„Als ich nach der Weltmeisterschaft 1966 zurückkehrte, war mein Herz nicht mehr beim Fußball“, verrät Pelé 2016 der britischen Zeitung The Guardian, „das Spiel hatte Unsportlichkeit und feige Schiedsrichterleistungen offenbart. Fußball war keine Kunst mehr, es wurde zum Krieg.“ Pelés bitteres Fazit: „1966 war sicher die traurigste WM. Für mich, für die Spieler, für alle Brasilianer.“Die Macht der Öl-Fürsten vom Persischen Golf bekommt der Weltfußball schon lange vor der bis heute umstrittenen WM-Vergabe an Katar für 2022 zu spüren. Paris St. Germain und seine katarischen Investoren sind an diesem 21. Juni 1982 noch fußballerische Science Fiction. Oder doch nicht?

Bei der Weltmeisterschaft trifft Mitfavorit Frankreich in der nordspanischen Stadt Valladolid auf den krassen Außenseiter Kuwait. Für das Team vom Persischen Golf ist es die WM-Premiere. Zwischen 1974 und 1978 konnten sich „Al Azraq“, die Blauen, nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. Jetzt ist der Asienmeister von 1980 dabei – und landet gegen die CSSR einen echten Achtungserfolg. Faisal ad-Dachil trifft zum 1:1-Endstand. Star der Kuwaitis ist jedoch der Trainer: Carlos Alberto Parreira. Der damals 39-jährige Brasilianer wird 1994 mit der „Selecao“ Weltmeister. Kuwait ist sein zweites von insgesamt sechs Engagements bei einer Nationalmannschaft.

Und dann ist da noch Fahad Al-Ahmed Al-Jaber Al-Sabah. Der hoch dekorierte Offizier ist der Vorsitzende des Asiatischen Handball-Verbandes und Präsident des kuwaitischen Fußballverbands. Er guckt zwar immer ein bisschen grimmig, doch Al-Sabah kann durchaus großzügig sein. Das 1:1 gegen die Tschechen entlohnt er seinem Team fürstlich. Mit 175.000 US-Dollar Siegprämie. Pro Mann, versteht sich.

In Valladolid haben die TV-Kameras den Scheich auf der Tribüne ständig im Fokus. Mit jedem Tor der Franzosen verfinstert sich seine Laune. Bernard Genghini, Superstar Michel Platini und Didier Six haben nach 48 Minuten eine souveräne 3:0-Führung für Frankreich herausgeschossen. Abdullah Al-Buloushi (75.) bringt das Team vom Golf auf 3:1 heran.Fünf Minuten später erzielt Frankreichs Super-Dribbler Alain Giresse das vermeintliche 4:1. Zuvor sind die Spieler aus Kuwait offensichtlich auf einen Pfiff aus dem Publikum hereingefallen. Zu viel für den Scheich. Er drängt hinunter, aufs Spielfeld. Die spanischen Polizisten, mit ihren Baretts und ihren Fliegerbrillen wirklich autoritär wirkend, können ihn nicht aufhalten. Er tobt, er schimpft, er gestikuliert. Und er guckt grimmig.

Fast zehn Minuten ist die Partie unterbrochen. Wie ein Derwisch redet Al-Sabah auf Schiedsrichter Miroslav Stupar aus der Sowjetunion ein. „Scheiß FIFA, die ist schlimmer als die Mafia“, ist einer der überlieferten Flüche aus der Schimpfkanonade.

Wie sehr er damit richtig zu liegen scheint, zeigt sich erst viele Jahre später. Am 2. Dezember 2010 vergibt die FIFA völlig überraschend die WM 2022 an den Golfstaat Katar. Das Königreich, nicht eben mit Fußballtradition gesegnet, gerät schnell unter Verdacht, die Spiele mit seinen Öl-Dollars gekauft zu haben.

Die Zeitung Sunday Times legt 2014 erste, konkrete Beweise vor und löst damit eine Lawine aus. Korruption, Intransparenz, die FIFA gerät unter Druck. Der Skandal ist schon acht Jahre vor dem ersten Anstoß der im Winter 2022 stattfindenden Weltmeisterschaft perfekt und sorgt für einen Riesen-Imageschaden des Fußball-Weltverbandes.Das Image ist Al-Sabah bei seinem legendären Auftritt in Valladolid egal. Der Scheich wütet sich zum Erfolg. Der Referee, der als einer der besten seiner Zunft gilt, nimmt den Treffer von Giresse tatsächlich zurück. Stupar lässt sich vom Scheich einschüchtern – und macht sich damit selbst die WM kaputt. Die FIFA suspendiert ihn am folgenden Tag für den Rest des Turniers mit der Begründung, er habe die Situation durch sein Verhalten selbst provoziert.

Als Al-Sabah wider auf seinem Tribünenplatz ist, lässt sich Maxime Bossis nicht zurückpfeifen. Der Abwehrspieler vom FC Nantes erzielt das nicht minder reguläre 4:1 für Frankreich. Denn auch am Treffer von Giresse gibt es keinen Makel. Wie auch immer: Kuwait ist draußen.

Zurück zu Al-Sabah. Seine Großzügigkeit spüren auch die französischen Sieger. Im Frühjahr 1990 lädt er Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft mit dem inzwischen zum Coach aufgestiegenen Platini ins Scheichtum ein. Als Wiedergutmachung sozusagen.

Wenige Monate später ist Al-Sabah tot. Er stirbt bei der irakischen Invasion Kuwaits am 2. August 1990. Mit nur 44 Jahren.Die Weltmeisterschaft 1938 kommt für Österreichs ambitionierte Nationalmannschaft zu spät. Nach dem „Anschluss“ an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 ist im österreichischen Fußball nichts mehr, wie es einmal war. Die folgende WM in Frankreich wird zu einem einmaligen, historischen Fiasko.

Österreichs Fußballer sind bereits seit 1924 echte Profis. Matthias „Der Papierne“ Sindelar wirbt für Anzüge, Uhren und Molkereiprodukte. In Wien besitzt er später ein Café. Der Mittelstürmer Karl „Der Blade“ Sesta, wie sein Freund Sindelar Mitglied im legendären österreichischen „Wunderteam“ der frühen 1930er-Jahre, nimmt Schallplatten mit Wiener Liedern auf. Mit dem deutschen Einmarsch im März 1938 ändern sich die Dinge für die österreichischen Star-Kicker schlagartig.

Die Nazis verbieten nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich den „jüdischen“ Profifußball per Beschluss von 31. Mai 1938. Ihre „Vision“: Ein von Reichstrainer Sepp Herberger aufgestelltes „großdeutsches“ Team mit den Stars aus Wien, Schalke oder Nürnberg, das in Frankreich den ersten WM-Titel holt. Die WM-Premiere für Deutschlands 1934 ist mit Platz drei ein echter Achtungserfolg. Doch die neuen Machthaber wollen mehr.

Herberger bleibt nicht viel Zeit. Die Weltmeisterschaft beginnt am 4. Juni. Er muss bis dahin den mit einer Jüdin befreundeten Sindelar, aber auch andere österreichische Spieler für die „großdeutsche Mannschaft“ anwerben. Das misslingt. Sindelar provoziert die nationalsozialistischen Sport-Funktionäre bereits beim „Anschlussspiel“ am 3. April im Wiener Praterstadion mit einem Veitstanz vor der Ehrentribüne. Zuvor hat er als Kapitän angeordnet, dass die Österreicher noch einmal in ihrer traditionellen rot-weiß-roten Spielkleidung auflaufen. Sindelar weigert sich danach beharrlich, für das „großdeutsche Team“ zu spielen. Sesta oder Wunderteam-Kapitän Josef „Pepi“ Bican spielen ebenfalls nicht mit. „Der Papierne“ stirbt schon 1939 unter nie vollständig geklärten Umständen in Wien. Sesta wird 1941 mit 35 Jahren ältester Debütant aller Zeiten in der „deutschen“ Nationalmannschaft.Mit sechs Deutschen und fünf Österreichern reist Herberger schließlich nach Frankreich. Das Unternehmen „großdeutsches Team“ wird zum Albtraum. „Bundestrainer Sepp Herberger wurde von der NS-Regierung gezwungen, die Österreicher zu integrieren“, heißt es dazu bei dfb.de, „das WM-System und die Wiener Schule paaren, schien unmöglich.

Disziplinierte Kämpfer hier, schlampige Genies da – Feuer traf auf Wasser. Jeder Experte sah das. Doch Herbergers Proteste beim „Fachamt für Fußball“ in Stettin verhallten ungehört.“ Die Spieler sind zerstritten. Die Wiener gehen den Deutschen konsequent aus dem Weg. Die Schalker verulken die Österreicher mit Ruhrpott-Schimpfwörtern. Der Reichstrainer muss bis in die Nacht im Hotel Littre in Paris zermürbende Diskussionen um seine Aufstellung mit den NS-Funktionären führen.

Eine personelle Überraschung wie später bei der erfolgreichen WM 1954, wird ihm nicht gelingen. Er macht den Wiener Hans Mock, der zuvor noch kein Länderspiel gemacht hat, zum Kapitän seiner Zweckgemeinschaft, die nie eine Mannschaft ist.

Der heimliche Kapitän, Schalke-Idol Fritz Szepan, sitzt derweil schmollend auf der Tribüne. Szepan kommt nur einmal zum Einsatz. Der Mannheimer Stürmer Otto Siffling, dem 1937 im berühmten „Breslau-Spiel“ gegen Dänemark (8:0) in 32 Minuten fünf Tore gelingen, bleibt ganz draußen.Auch die deutschen Fans haben es in Frankreich nicht leicht. Die 2.000, mit Sonderzügen angereisten Anhänger werden schon bei der Ankunft in Paris angefeindet, beleidigt, bespuckt. Keiner mag die „neuen“ Deutschen. Vor dem Anpfiff des Achtelfinal-Spiels gegen die Schweiz am 4. Juni 1938 im Pariser Prinzenparkstadion regnet es faule Eier und Tomaten auf die Spieler herab.

Nach einem 1:1 nach Verlängerung muss fünf Tage später ein Wiederholungsspiel her. Die Schweizer gewinnen mit 4:2 – und „Großdeutschland“ ist blamiert. Für die gleichgeschaltete Presse sind es die Zuschauer, die im Hexenkessel des Prinzenparks erneut gegen die zusammengestoppelte Truppe Stimmung machen. „Wenn hier nach den Schuldigen zu fahnden ist, dann nur im Zuschauerraum“, glaubt die Fußball Woche.

Im umfangreichen Archiv von Sepp Herberger finden sich Notizen, die die Niederlage ganz anders deuten. Unter der Rubrik „Gründe für das Ausscheiden“ tritt Herberger übel gegen die Wiener nach.

„Der unzulängliche Einsatz unserer österreichischer Spieler in Szenen, wo alleine Kraft und kämpferisches Wollen ausschlaggebend gewesen wäre. Sie sind durch die Bank glänzende Spieler. Aber mit Spiel allein gewinnt man nicht. Am wenigsten eine Weltmeisterschaft.“Dem Weltmeisterschafts-Erfolg Italiens 1934 haftet ein ewiger Makel an. Die erste WM in einem faschistischen Land, die propagandistische Nutzung und die nachweisliche Einflussnahme der italienischen Machthaber um Benito Mussolini auf die Schiedsrichter werden zum ersten Ärgernis der Turnier-Historie.

Enrique Guaita, Luis Monti und Attilo de Maria – so heißen die drei Bösewichte. Alle drei sind in Argentinien geboren. Das macht sie per se nicht verdächtig. Leider spielten die Profis vom AS Rom, Ambrosiana-Inter (heute Inter Mailand) und Juventus Turin für Italien. Damit leistet sich die „Squadra Azzurra“ schon lange vor Turnierstart den ersten Regelverstoß.

Laut FIFA-Statuten hätte das argentinische Trio ab März 1931 in Italien leben und vor allem keine Länderspiele mehr für die „Albiceleste“ bestreiten dürfen. Taten sie aber trotzdem, Guiata sogar bis zum 5. Februar 1933, also etwas mehr als ein Jahr vor der zweiten Fußball-Weltmeisterschaft. Für die italienischen Organisatoren – das OK ist durchsetzt von faschistischen Funktionären – kein Problem. Schließlich, so argumentieren sie, hätte der Rumäne Iuliu Barátky früher auch für Ungarn gespielt.

Den WM-Zuschlag erhält Italien am 14. Dezember 1932 in Zürich. Der „Duce“, Benito Mussolini, der sich 1925 zum Diktator Italiens aufgeschwungen hat, stellt das notwendige Kleingeld für die insgesamt acht Stadien zur Verfügung. In Bologna, Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Rom, Triest und Turin rollt der Ball. Bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay wird nur in Montevideo gespielt. Mit der Investition in die WM-Stadien gaukelt Mussolini der Welt ein wachstumsstarkes Italien vor – dabei ist die Lira längst im inflationären Sinkflug. Zudem dienen ihm die neuen Arenen als perfekte Kulisse zur Selbst-Inszenierung. Wo Mussolini während der WM auftaucht, gibt es vorbereitete Jubelstürme.Damit auch sonst nichts schief geht, hat Mussolini seinen glühenden Anhänger Giovanni Mauro an die Spitze des italienischen Fußballverbandes gestellt. Mittelsmann zwischen Verband, FIFA und Partei ist Giorgio Vaccaro, seines Zeichens General einer faschistischen Miliz.

Italien 1934 ist eine WM, die nur im K.o.-System ausgetragen wird. Den ersten, krassen Skandal gibt es im Viertelfinale gegen Spanien. Die Italiener haben den iberischen Rivalen bei der WM-Vergabe ausgebootet. Das gelingt ihnen jetzt auch auf dem Rasen in Florenz – unter skandalösen Umständen.

Nach einem 1:1 nach Verlängerung wird nur einen Tag später ein Wiederholungsspiel angesetzt. Spaniens Torwart-Hexer Ricardo Zamora († 1978) kann verletzungsbedingt nicht dabei sein. Sein Vertreter Juan José Nogués wird beim entscheidenden 1:0 für Italien gleich von mehreren Spielern behindert – Italiens legendärer Stürmer Giuseppe Meazza stützt sich gar auf den Keeper auf.

Unglaublich, dass der Schweizer Schiedsrichter René Mercet dieses Tor gibt. Und noch unverständlicher, dass er den Spaniern in der zweiten Halbzeit zwei reguläre Tore verweigert.Vor dem Halbfinale gegen Österreichs „Wunderteam“ mit dem legendären Matthias Sindelar geht Mussolini ganz auf Nummer sicher. Einen Tag vor dem Spiel lädt er den schwedischen Schiedsrichter Ivan Eklind als Ehrengast zu sich ein.

Mit am Tisch sitzen auch der Schweizer Mercet und der belgische Schiedsrichter Louis Baert. Im Spiel lässt Eklind es zu, dass Meazza und drei weitere Italiener den Ball mitsamt dem österreichischen Torhüter Peter Platzer über die Linie bugsieren. Eine Flanke auf den völlig freistehenden Österreicher Karl Zischek köpft der Referee gar selbst aus der Gefahrenzone. Keine Frage, mit so einer Schiedsrichterleistung „verdient“ man sich das Finale.

Im Endspiel gegen die Tschechoslowakei verweigert Eklind den Tschechoslowaken mehrere klare Elfmeter – Italien gewinnt mit 2:1 in der Verlängerung. Die Duce-WM ist gerettet.

Eine direkte Einflussnahme des faschistischen Politikers kann der italienische Sport-Historiker Marco Impiglia 2014 nicht nachweisen. Sehr wohl aber eine Allianz zwischen schwedischen und italienischen Sportfunktionären. „Die Indizienfülle spricht für eine zu Gunsten Italiens verschobene Weltmeisterschaft“, lautet sein Fazit. Das klingt fast ein wenig milde.
Nein, eine glückliche Nationalmannschaftskarriere hat der ebenso begnadete wie streitbare Mittelfeldspieler Stefan Effenberg nicht gehabt. In seinem dritten Länderspiel in Nürnberg gegen Wales 1991 von den deutschen Fans gnadenlos und bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, leistet sich „Effe“ bei der Weltmeisterschaft 1994 einen in der deutschen WM-Historie einmaligen Ausraster.

27. Juni 1994. Im Cotton Bowl von Dallas brennt die Luft förmlich. Anstoßzeit: 16 Uhr, es herrschen fast 50 Grad Außentemperatur. Rotschopf und Mittelfeldmotor Matthias Sammer, während der WM meist mit einem weißen Cowboyhut gesichtet, und seine Mitspieler scheint die Hitze zu lähmen. Es geht gegen den Außenseiter Südkorea. Den Asiaten scheint die Bullenhitze von Texas nichts auszumachen. Sie laufen wie ein Uhrwerk.

37 Minuten schaffen es die älter gewordenen Weltmeister, noch einmal groß aufzuziehen. Deutschland führt durch zwei Tore von Jürgen Klinsmann und Karl-Heinz Riedle mit 3:0. Seon-Hong Hwang und Myung-Bo Hong bringen Deutschland mit ihren Treffern nach dem Wechsel an den Rand des Remis und der Blamage. „Die sind total limitiert, die sind total limitiert“, fällt Co-Kommentator Karl-Heinz Rummenigge am ARD-Mikrofon nichts mehr ein.

Auch Stefan Effenberg hat im Glutofen von Dallas keine Idee mehr. Er gestikuliert, er brüllt, er sieht Gelb. Die meisten seiner Pässe sind Alibi-Zuspiele. Der zu diesem Zeitpunkt beim AC Florenz spielende Ex-Mönchengladbacher und Bayern-Profi gibt sich nicht einmal Mühe, seine akute Unlust auf diesen Sommer-Kick zu verbergen. Die deutschen Fans merken das. Sie haben keine Lust, allein zu schwitzen. Es gibt Pfiffe für den Blondschopf und „Effenberg raus“-Rufe. Nach 75 Minuten passiert es. Bundestrainer Berti Vogts wechselt Effenberg aus, bringt den Wahl-Münchner Thomas Helmer. Unbemerkt von den Kameras zeigt Effenberg bei seinem Abgang aus dem Stadion den mitgereisten deutschen Anhängern den gestreckten Mittelfinger. Ein Foto von der Aktion gibt es nicht. Braucht es nicht. Damit ist seine Nationalmannschafts-Laufbahn so oder so im Eimer.Berti Vogts reagiert – und wirft Effenberg nebst seiner mondänen Ehefrau Martina nach einem Telefonat mit DFB-Präsident Egidius Braun aus dem Kader. Auch das noble Golf-Hotel Oak Brook in der Nähe von Chicago, wo der DFB-Tross bei der WM in den USA Quartier bezogen hat, müssen unsere Effenbergs räumen. Für viele Nationalspieler ein Segen.

Effenbergs Kinder beim Abräumen des kalten Buffets oder tobend in der Hotelhalle, das ist für manchen Weltmeister zu viel. „Um den Kinderkram soll sich gefälligst Vogts kümmern“, hat Rudi Völler keine Lust auf Hobby-Pädagogik. Auch eine Jam-Session mit den Hannoveraner Hard-Rockern Scorpions kann nur kurz für Auflockerung sorgen. Da man gerade in Chicago ist, holt WM-Siegtorschütze Andreas Brehme mal eben die verbale Pumpgun raus und feuert wild drauf los. „Die meisten Journalisten“, philosophiert der Hamburger, „haben sowieso keine Ahnung von Fußball.“

In dieser von Anfang an überhitzten Atmosphäre dann noch die Effenbergs – das konnte nie gut gehen! „Einige Spieler wollten ihre Frauen bei allem dabei haben. Wir haben uns damals mit Kleinigkeiten aufgehalten“, erinnert sich Andy Möller später. „Die Spieler schraubten ihre Forderungen immer höher, und Berti Vogts sah einiges zu eng“, sagt der Europameister von 1996.

Nein, tut er nicht. Vogts handelt konsequent und schickt mit Effenberg nach Uli Stein (1986) den zweiten deutschen Nationalspieler vorzeitig bei einer WM nach Hause. Jedenfalls raus aus dem Hotel. Denn unsere Effenbergs denken gar nicht daran, nach Deutschland zu reisen. Sie quartieren sich im Hotel Residence, unweit des deutschen Quartiers ein – und plaudern los. Für 70.000 Mark verkaufen sie die Rauswurf-Story an ein Boulevardblatt. Mit teilweise bahnbrechenden Enthüllungen: „Bonhof horchte an der Türe.“ Für Berti Vogts steht spätestens nach diesen Indiskretionen gegen seinen Co-Trainer und langjährigen Weggefährten Rainer Bonhof fest: „So lange ich Bundestrainer bin, spielt Stefan Effenberg nie wieder für Deutschland.“Malta, vier Jahre später. Stefan Effenberg sitzt am Tisch im Teamhotel der deutschen Nationalmannschaft bei der ominösen Länderspiel-Reise auf die Mittelmeerinsel. Anfang September 1998 sehen wir den unglaublichen Schlusspunkt mit zwei beinahe selbstredend schwachen Spielen gegen die Maltester und gegen Rumänien.

Der nach der verkorksten Weltmeisterschaft 1998 enorm unter Druck stehende Bundestrainer Berti Vogts hat den streitbaren Mittelfeldspieler in einem Verzweiflungsakt zurückgeholt. Dass Effenberg unter seiner Regie „nie wieder für Deutschland spielen“ sollte, hat er vergessen. Um sich im Amt zu halten, geht Vogts einen unglücklichen Pakt mit dem einst Geschassten ein. Effenberg hat Gladbach in einem Kraftakt vor dem Abstieg gerettet und spielt nun wieder beim FC Bayern München. Bei den Bayern ist „Effe“ zum „Cheffe“ geworden. 1999 wird er in Diensten des FC Bayern erstmals Deutscher Meister, 2001 wird er die Münchner zum ersten Champions-League-Titel nach 25 Jahren führen. Warum also kein Nationalmannschafts-Comeback nach einem in der deutschen WM-Geschichte einmaligen Fall? Der Skandalprofi von 1994 plant auch im DFB-Trikot einen Neuanfang.

Doch schnell stellen Stefan und Martina fest, dass sich in ihrer vierjährigen Abwesenheit von der DFB-Bühne rund um die Nationalmannschaft nur wenig verändert hat. Okay, die Scorpions waren nicht mehr im Teamhotel. Aber gar nicht geändert hat sich der deutsche Boulevard, mit dem die Effenbergs über Jahre ihre mitunter fragwürdigen Doppelpässe spielen. Dass BILD 2003 Effenbergs Autobiographie Ich hab’s allen gezeigt mit einer riesigen Werbekampagne anschiebt, muss man nicht gut finden. „Ich steige auf Malta bei 35 Grad aus dem Flugzeug aus, blauer Himmel, ich trage eine Sonnenbrille“, erzählt Stefan Effenberg im Oktober 1998 dem SPIEGEL, „am nächsten Tag lese ich in der Zeitung: Der trägt eine provozierende Sonnenbrille. Was, bitte schön, ist das, eine provozierende Sonnenbrille? Ich habe die seit fünf Jahren!“

Nein, Nationalmannschaft und Effenberg, das will auch im zweiten Versuch nichts werden. Zu lange ist er weg gewesen. Gut, er hat Thomas Berthold mal am Flughafen getroffen. Aber ansonsten bleibt der Fernseher aus, wenn Deutschland spielt, EM-Titel 1996 hin oder her. „Ich kenne Dinge, die mir mehr Spaß machen, als Fußball zu gucken“, sagt Effenberg. Zuhause in München erzählt er Martina: „Die mir damals das Messer in den Rücken getrieben haben, klopfen mir heute auf die Schulter. Das ist nicht mein Ding.“Toter Hund. Das ist die Übersetzung des indianischen Ortsnamens Ascochinga. Hier, am Ende der Welt und vielleicht noch ein Stück weiter, bezieht Fußball-Weltmeister Deutschland 1978 in Argentinien sein Mannschaftsquartier. Für den Titelverteidiger wird es ein Turnier des Grauens.

„Von den Weltmeistern von 1974“, so erinnerte sich auch Reporterlegende Dieter Kürten (83) 1982, „blieben 1978 in Argentinien nur noch die Rückennummern auf den Hemden. In den Hemden aber steckten andere.“ Franz Beckenbauer und Gerd Müller haben sich ebenso aus der Nationalmannschaft verabschiedet wie Wolfgang Overath und Günter Netzer.

Querdenker Paul Breitner hat auf die WM, die in dem von rechtsgerichteten Militärs regierten südamerikanischen Land ausgetragen wird, ebenso keine Lust wie Hollands Idol Johan Cruyff. Breitner gibt seinen Ex-Teamkollegen eine Empfehlung, die die deutschen Spieler nie umsetzen werden. „Verweigert den Generälen den Handschlag“, fordert Breitner im Falle eines erneuten Titelgewinns. Daraus wird nichts. Beim DFB werden Protestaktionen von vornherein verboten. Die sind auch gar kaum denkbar.

Dass in Argentinien während der Diktatur mehr als 30.000 Menschen spurlos verschwinden und dass selbst in unmittelbarer Nähe des Finalstadions River Plate in Buenos Aires – allein in der Hauptstadt sterben 5.000 Menschen – gefoltert wird, scheinen die deutschen Spieler entweder nicht zu wissen oder nicht zu realisieren. „Das Bettzeug ist deutsch, mehr kann man nicht verlangen“, freut sich Rainer Bonhof. „Ich bin sicher, unserer Mannschaft wird nichts passieren“, übt sich auch Kapitän Berti Vogts in Unbedarftheit. Der „Terrier“ setzt noch einen drauf: „Argentinien ist ein Land, indem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“Den naiven Soundtrack bildet Udo Jürgens‘ Buenos Dias, Argentina. 18 Wochen hält sich die mit der Nationalmannschaft eingesungene Nummer in den deutschen Charts, erreicht sogar Platz drei. „Buenos Dias, Argentina, so heißt meine Melodie – und sie soll uns Zwei verbinden mit dem Band der Harmonie“, lautet eine Zeile. Sie ist zum Fremdschämen. Die DFB-Offiziellen nehmen diesen Vers allerdings wörtlich.

Da es in Ascochinga kaum Geschäfte und erst recht kein Nachtleben gibt, stellen Hermann Neuberger und seine Kollegen ein eigenes Programm auf. „In Ascochinga gab es nur Franz Lambert und seine Orgel“, sagt Bernd Hölzenbein später über den Unterhaltungswert in dem spartanisch eingerichteten Erholungsheim der argentinischen Luftwaffe. Der legendäre Unterhaltungsmusiker ist nach Argentinien eingeflogen worden. „Ehrengast“ des DFB ist jedoch ein anderer.

Es ist Hans-Ulrich Rudel, hoch dekorierter Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg. Rudel ist der einzige deutsche Soldat, der mit dem Goldenen Eichenlaub, Schwertern und Brillanten ausgezeichnet wird.

Nach dem Krieg hat er sich über die so genannte „Rattenlinie“ nach Argentinien abgesetzt. In Südamerika gründet er das „Kameradenwerk“ für andere flüchtige Nazis und macht schnell Karriere als militärischer Berater von Argentiniens Präsident Juan Péron. In Deutschland hat er gerade einen Skandal mit von ihm eingeladenen Bundewehrgenerälen, die anschließend von Verteidigungsminister Georg Leber aus dem Dienst entlassen werden, hinter sich. Für die rechtsradikale DVU ist dieser Rudel als gut bezahlter Starredner in ganz Deutschland unterwegs. Schon 1958 in Schweden ist Rudel im DFB-Quartier gesichtet worden. Angeblich verbindet ihn mit Weltmeistertrainer Sepp Herberger eine „langjährige Freundschaft“.Wohl auch mit Neuberger und Konsorten. „Eine Kritik an Rudels Besuch in unserem Quartier käme einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich“, bremst der ungelenke Saarländer Neuberger direkt den Sturm der Entrüstung. Im liberalen Klima der späten 1970er-Jahre könnte das kaum unglücklicher klingen. Wie der „Shitstorm“ heute ausfallen würde, mag man sich kaum vorstellen.

Stargast Rudel selbst gibt in Ascochinga vor allem den anwesenden rechtsradikalen Blättern Auskunft. „Ich bin gekommen, um alte Kameraden zu besuchen. In Deutschland darf man nicht mehr die Wahrheit sagen und ich werde nach Südafrika gehen, bevor das auch kommunistisch wird wie die Bundesrepublik“, schwadroniert er. Wann die Bundesrepublik den Linksschwenk zum Kommunismus vollzog, wissen wir nicht…

Als Rudel weg ist, will beim DFB natürlich keiner was gewusst haben. „Den haben die Generäle hier rein gelassen“, winkt Vizepräsident Otto Andres ab. DFB-Pressesprecher Wilfried Gerhardt lieferte eine andere Version: Rudel sei als „persönlicher Bekannter“ des Bundestrainers Helmut Schön ins deutsche Quartier gekommen.

Beflügeln kann der braune Bomber die müden DFB-Kicker in Argentinien nicht. Der Weltmeister macht 1978 sechs WM-Spiele, von denen vier unentschieden enden. Drei Mal gibt es bei diesen Remis ein 0:0 – und nach dem peinlichen 2:3 gegen die bereits ausgeschiedenen Österreicher in Cordóba sind die meisten Fans „persönlich beleidigt“…Eigentlich müsste Franz Beckenbauer dem Hamburger Torhüter Uli Stein ewig dankbar sein. Der „Kaiser“ hat in dem nicht eben für extravagantes Möbel-Design einstehenden Keeper bei seinem Umzug nach Kitzbühel einen dankbaren Abnehmer für sein altenglisches Wohnzimmer gefunden.

Dies, so erinnert sich Uli Stein in seiner reißerischen, 1993 erschienen Autobiographie Halbzeit – Eine Bilanz ohne Deckung (Verlag: Knaur), sei neben der Tatsache, dass man gemeinsam beim Hamburger SV spielte, die einzige persönliche Komponente gewesen. Das klingt nach Eiszeit, pardon: Steinzeit.

Eigentlich soll bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko die Zeit von Uli Stein anbrechen. Seit seinem Länderspiel-Debüt am 7. Juni 1983 gegen Jugoslawien (4:2) hat er in sechs Einsätzen nur drei Gegentore kassiert. Insgesamt macht der Europapokalsieger von 1983 aber nur vier Länderspiele über 90 Minuten. Stein kommt an seinem Dauer-Rivalen Toni Schumacher vom 1. FC Köln nicht vorbei.

Stein und Schumacher – das ist eine scheinbar unendliche Torhütergeschichte im von Egoismen überladenen deutschen Fußball der Achtziger. Nach Steins Rauswurf in Hamburg 1987 und Schumachers fast zeitgleichem Aus beim FC reichen sich die Streithähne medienträchtig im Duell ihrer neuen Klubs Eintracht Frankfurt und FC Schalke 04 die Hand. Dass beide Torhüter-Antagonisten rausflogen, verdanken sie ihrer Eigenwilligkeit und Unbeherrschtheit. Stein hat dem Münchner Jürgen Wegmann im Supercupfinale HSV gegen den FC Bayern (1:2) einen Faustschlag versetzt. Schumacher schreibt sich mit seiner Autobiographie Anpfiff ebenfalls 1987 beim FC und beim DFB mit ein paar Indiskretionen, die heute handelsüblich daher kämen und bei Kennern der Szene nur ein müdes Lächeln hervorrufen würden, ins Abseits.Die Weltmeisterschaft 1986 ist allerdings noch die Bühne für die beiden besten deutschen Keeper ihrer Zeit. „Mit Stein“, sagen viele HSV-Anhänger noch heute, „wären wir 1986 in Mexiko Weltmeister geworden.“ Stein sieht es ähnlich: „Mit mir waren viele der Überzeugung, dass ich der bessere Torhüter sei.

Nur die Trainer und Funktionäre des DFB schienen in der Torwartfrage blind zu sein. Nichts bewegte sich. Verdammt zur ewigen Nummer zwei.“ Dass sein Rivale im Finale gegen Argentinien (2:3) patzt, ist für Stein kein Trost. Als Schumacher unter einem Freistoß von Jorge Luis Burruchaga hindurchtaucht, den José Luis Brown zum 1:0 nutzt, ist Stein aber schon längst zu Hause.

Franz Beckenbauer, 1984 in einer unglaublichen Nacht-Runde nach dem EM-Aus in Frankreich von BILD quasi ins Amt gehievt, sorgt bei seiner WM-Premiere als „Teamchef“ des DFB für ein Novum. Als erster deutscher Coach schickt er bei einer Weltmeisterschaft einen Spieler nach Hause – und das ist Uli Stein. Den ersten „Stein-Schlag“ landet der beleidigte Herausforderer schon vor der Abreise nach Mexiko. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es bei der Nationalmannschaft nur nach Leistung geht“. Schumacher reagiert. „Er zog alle Register des Psychoterrors“, ist Stein sicher. Mit dem siebenwöchigen Einkasernieren im mexikanischen Querétaro beginnt die Final-Runde im Torhüter-Duell.

Als Beckenbauer vor dem ersten Spiel gegen Uruguay (1:1) gewohnt lässig mit „Im Tor spielt der Toni“ seinen Keeper nominiert, hat Uli Stein die Faust schon in der Tasche. Warum er bei dieser WM nur Tourist ist? Das kann ihm auch Beckenbauer während der schweißtreibenden Trainingseinheiten in der Gluthitze von Mexiko nicht erklären. „Du, Uli, ich weiß genau, du bist in einer Weltklasse-Form. Es gibt keinen, der besser hält als du. Aber hier kannst du nicht spielen“, raunt ihm Beckenbauer zu. Uli Stein ist sprachlos. Angeblich sind es Sponsorenverträge, die Schumacher hat und die dem DFB wichtig sind. Wie auch immer. Er sucht das Gespräch mit Beckenbauer, er will eine „goldene Brücke“. „Ich schlug vor, Eike Immel, die aktuelle Nummer drei, gegen Marokko auf die Bank zu setzen und mich im Schatten der Tribüne zu entlassen“, schreibt Stein in Halbzeit.Er geht jedoch den falschen Weg und weint sich bei einem Hamburger Journalisten aus. Bis 1990 wohnen die mitgereisten Reporter noch auf teilweise engstem Raum im Hotel der Nationalmannschaft. Heute undenkbar.

So bekommen die Journalisten mit, wie Stein den schon damals medial eigentlich unantastbaren Franz Beckenbauer als „Suppenkasper“ tituliert. Dass er die Nationalmannschaft – 1986 wirklich kein Synonym für spielerischen Glanz – angeblich auch eine „Gurkentruppe“ tauft, stimmt nicht. Dieser Ausdruck stammt von seinem Mitspieler Matthias Herget. Nach dem mühsamen 1:0 gegen Marokko im Achtelfinale, bei dem Stein bereits nicht im Kader ist, zieht Beckenbauer die Reißleine.

„Seine gesammelten Werke, die er von sich gegeben hat, haben uns zu diesem Schritt veranlasst“, erklärt Franz Beckenbauer in der täglich mit Spannung erwarteten DFB-Pressekonferenz. Der „Kaiser“ schafft es zudem, noch ein bisschen Product-Placement für die DFB-Sponsoren in die Stein-Verabschiedung zu packen: „Er ist bereits in Mexiko-City und wird morgen mit der Lufthansa zurückfliegen.“

Stein fühlt sich danach mies behandelt – und falsch zitiert. „Den Ausdruck Suppenkasper habe ich gebraucht, aber nicht als einziger. Auch ist die Geschichte anders abgelaufen, als sie dargestellt wurde“, erzählt er im August 1986 dem SPIEGEL in einem ausführlichen Interview, „wir saßen bei den Mahlzeiten immer in der gleichen Gruppe an einem Tisch: Hoeneß, Augenthaler, Rummenigge, Jakobs, Matthäus und ich. Da wurde natürlich auch schon mal ein bisschen über andere gelästert, an einem Abend dachten wir uns Spitznamen aus, und so kam es zum Suppenkasper. Aber das war doch nur als Joke in unserem kleinen Kreis gedacht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich einer denunzieren könnte.“Eine sehr naive Annahme. Noch dazu, nachdem ihn Mitspieler Dieter Hoeneß, der Stein für „einen prima Kumpel“ hält, eingeschärft hat, zu den Journalisten auf Distanz zu gehen. In einem Mannschaftshotel, indem mehrere Boulevardreporter untergebracht sind, die nervös auf die nächste Story warten, steht man in dieser Hinsicht als Nationalspieler auf verlorenem Posten.

„Ich habe mich bei Beckenbauer entschuldigt, weil er mir sagte, dass er auf die Entscheidung keinen Einfluss hat“, erklärt Stein nach dem WM-Aus und dem damit verbundenen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, „die Sache kam von DFB-Präsident Neuberger. Angesichts dieser Konstellation nutzte es natürlich auch nichts, dass sich Rummenigge, Hoeneß und Magath bei Beckenbauer für mein Verbleiben einsetzten.“

Uli Stein, der ideale Sündenbock. Dem SPIEGEL sagte er: „Jetzt konnte man der Öffentlichkeit vorgaukeln, ich sei derjenige gewesen, der das harmonische Zusammenleben gestört habe. Dabei hat es die ganze Zeit gekracht wie im Wilden Westen.“ Auch zwischen Beckenbauer und seiner Nummer eins, Toni Schumacher. Während des Krafttrainings, so berichtet der Kölner später in seinem Buch, habe Beckenbauer unbedingt eine Unterredung mit ihm gesucht. Als Schumacher unbeeindruckt weiter pumpt, platzt Beckenbauer der Kragen: „Wenn du jetzt nicht aufhörst, schmeiß ich die Scheiß-Hanteln aus dem Fenster“. Schumacher blieb cool: „Die kannst du ja gar nicht heben.“ Lockerheit, die Uli Stein scheinbar fehlt.

Er wird nie wieder für Deutschland spielen. Beckenbauers Versuch, ihn vor der erfolgreichen WM 1990 zurückzuholen, geht schief. Zu Nationalmannschaftsehren kommt er später aber dennoch: Als renommierter Torwart-Trainer in Berti Vogts‘ Team in Aserbaidschan und Nigeria. Schön. Aber ein Happy End ist das nicht.

„Ich bin sprachlos, wenn einige behaupten, das 6:0 war nicht korrekt. Wahr ist, dass Perus Abwehr oftmals sehr lasch war, aber nur, weil sie von Argentiniens Sturm überrollt wurden.“

Pelé

Mario Kempes will es eigentlich nicht mehr hören. Der zweifache Torschütze Argentiniens im WM-Finale vom 25. Juni 1978 gegen die Niederlande (3:1 n. V.) muss alle vier Jahre die gleiche Geschichte erzählen. Von der Heim-WM 1978 und von der angeblichen Einflussnahme der argentinischen Militär-Junta auf Teams und Schiedsrichter. Kempes, inzwischen TV-Experte beim amerikanischen Sportsender ESPN, gibt seine Version der Story auch vor der WM 2002 zum Besten. „Klar waren die Militärs damals in Argentinien an der Regierung, aber sie nicht viel Einfluss auf den Fußball“, sagt er in einem Eurosport-Special kurz vor dem Turnier in Asien, „wir Spieler waren einfach hungrig auf Erfolg und wir wollten zeigen, dass wir Argentinier auch etwas können.“

Für Kempes entscheidend: „Wichtig war auch, dass man Trainer Cesar Luis Menotti in den vier Jahren bis zur Weltmeisterschaft in Ruhe arbeiten ließ“. Cesar Luis Menotti, inzwischen 79, „El Flaco“ (Dt.: „Der Dünne“), wie sie den hageren Kettenraucher aus Rosario nennen, gilt als einer der größten Gegner des Militär-Regimes. Er wird als Verfechter des „linken Fußballs“ gesehen, wonach es nicht nur das Ziel ist, zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden. Mit dieser Philosophie liegt Menotti natürlich nicht auf der Linie der argentinischen Machthaber um General Jorge Videla. Für sie ist diese WM, die im Juli 1966 und damit bereits lange vor dem erfolgreichen Militärputsch 1976 vergeben wird, die Gelegenheit zur Selbstinszenierung. Videla und seine Bande gaukeln der Welt ein „weltoffenes, friedliches, modernes“ Argentinien vor.

Während zehntausende von Menschen entweder spurlos verschwinden oder in den Geheim-Gefängnissen gefoltert werden, mutet das bizarr an. Unglaublich ist auch so manche Szene im argentinischen Spiel auf dem Weg ins Finale gegen die Niederlande. Wie gegen Polen. Beim 2:0 der „Albiceleste“ zum Start der zweiten Finalrunde in Rosario gegen die Mannschaft um Grzegorz Lato rettet Kempes mit der Hand auf der Torlinie.

Doch Schiedsrichter Ulf Eriksson aus Schweden lässt den argentinischen Stürmerstar auf der Wiese. Eine fragwürdige Entscheidung. Militärdiktator Videla, in Zivil und mit gestriegelter Frisur auf der Ehrentribüne wie ein schlechtes Double der Marx-Brothers daherkommend, scheint allerdings höchst amüsiert.Das zweite Spiel gegen Brasilien am 18. Juni 1978 in Rosario wird der erste dramaturgische Höhepunkt dieser müden WM. Dass Brasiliens Fußball-Ikone Pelé als TV-Kommentator auf der Tribüne des Central-Stadions sitzt und von anderen Reportern nur so umlagert wird, ist dabei fast interessanter als die Darbietung auf dem Rasen. Alle wissen: Der Showdown ums Finale folgt am letzten Spieltag.

An diesem 21. Juni 1978 vollzieht sich Unglaubliches. Im Fernduell mit dem argentinischen Erzrivalen treffen die Brasilianer schon am Nachmittag in Mendoza auf Polen. Sie gewinnen mit 3:1, bleiben, obwohl in der ersten Gruppenphase nur Zweiter hinter Österreich, ungeschlagen in diesem Turnier. Rivelino, Zico und Co. hätten das Finale zweifelsohne verdient.

Die „Selecao“ ahnt bereits Böses. „Jeder weiß, dass es abgekartet war, nur damit Argentinien Weltmeister wird“, sagt Brasiliens Weltmeister von 1970, Rivelino (72). Argentinien tritt erst am Abend im Hexenkessel von Rosario gegen das bereits ausgeschiedene Peru an. Die Gauchos brauchen vier Tore, um das Finale gegen die Holländer doch noch zu erreichen. Unmöglich?

Am späten Nachmittag gibt es im Hotel Sheraton in Buenos Aires ein „Notfalltreffen“ zwischen den Verbandsoberen Argentiniens und von Peru. „Es wird sich um alles gekümmert, hieß es danach“, berichtet der Schriftsteller Carlos Ares 2018 in einer britischen TV-Dokumentation, „wir wissen allerdings nicht, worum sich gekümmert wurde…“ Offenbar sollten es die Peruaner mit der Abwehrarbeit nicht so genau nehmen. Argentinien gewinnt durch jeweils zwei Tore des fabulösen Sturm-Duos Mario Kempes und Leopoldo Luque, Alberto Tarantini und René Houseman mit 6:0. Schon nach 50 Minuten steht es 4:0 – das Finale ist gesichert.Für Mario Kempes sind alle Gerüchte um Schiebung bis heute Quatsch. „Es gab Gerüchte über Getreidelieferungen nach und Investitionen in Peru, aber das ist alles Lüge“, ereifert sich der Tor-Held aus Rosario. „Wir haben sechs Tore in diesem Spiel geschossen, aber wir hätten acht oder zehn schießen können“, sagt „El Matador“ 2002, der mit sechs Treffern Torschützenkönig dieser unrühmlichen WM wird, „die Peruaner haben zwei Mal den Pfosten getroffen. Wie kann das abgesprochen sein? Glauben Sie, jemand schießt absichtlich an den Pfosten?“

Das ist in der Tat schwer zu glauben. Belegt ist jedoch der Besuch von General Videla in der Kabine der Peruaner unmittelbar vor dem Spiel. Auch die 35.000 Tonnen Getreide und der 50 Millionen-Dollar-Kredit, den die Junta Peru gewährt, sind alles andere als Erfindung.

Wie auch immer. Während die brasilianischen Medien vor Wut schäumen, feiert Argentiniens Presse das 6:0 Der britische Enthüllungsautor David Yallop („Die Verschwörung der Lügner“) findet heraus, dass Videla selbst die Anordnung zur Spiel-Manipulation gibt. Mehrere peruanische Spieler bestätigen Yallop, dass sie 20.000 Dollar vorab erhielten, damit „das richtige Ergebnis zustande kommt“.

Argentiniens Stürmer Leopoldo Luque will diese nur teilweise belegten Spekulationen bis heute nicht über den sportlichen Erfolg der „Albiceleste“ stellen. „Vielleicht wurden die Peruaner bezahlt“, räumt der Weltmeister von 1978 ein, „aber ich habe nichts davon gesehen. Wir hatten keine Beziehung zu den Militärs. Das verletzt mich.“Die „Meuterei in Blau“, wie DER SPIEGEL den Spieler-Aufstand bei der „Equipe Tricolore“ bei der WM 2010 in Südafrika nennt, ist ein beispielloser Vorgang in der Turniergeschichte. Eine Staatsaffäre, eine Blamage für die „Grande Nation“.

Raymond Domenech muss annehmen, dass einige seiner Spieler sie nicht mehr alle haben. Sein Kapitän Patrice Evra geht am Nachmittag des 20. Juni 2010 auf seinen Konditionstrainer Robert Duverne los. Er vermutet in ihm den „Verräter“, der Kabinen-Interna aus den hektischen Tagen zuvor an die französische Presse weitergegeben hat. Der attackierte Assistenzcoach beschimpft Evra wüst und muss von den übrigen Betreuern zurückgehalten werden. Der Rest der Mannschaft sieht dem Scharmützel erst ratlos zu – und verlässt dann geschlossen und ohne ein Wort den Trainingsplatz in Knysna. Domenech ist blamiert.

Die Autorität des Nationaltrainers, der den Weltmeister von 1998 bei der Endrunde 2006 in Deutschland noch einmal ins Finale geführt hat, ist ruiniert. Stark beschädigt war sie ohnehin schon. Es ist längst bekannt, dass Domenech nach der WM von Weltmeister Laurent „Le President“ Blanc ersetzt wird. Wer hört so einem noch zu? Die verwöhnten französischen Fußball-Söldner um Nicolas Anelka – der Stürmer spielt allein zwischen 1997 und 2007 für sieben Vereine – ganz sicher nicht.

Das erste Wortgefecht zwischen Anelka und Domenech gibt es am 17. Juni 2010, beim schwachen 0:2 im zweiten Vorrundenmatch gegen Mexiko. Domenech kritisiert den, gelinde gesagt, als schwierig geltenden Stürmer für eine unterirdische Chancenverwertung. Anelka revanchiert sich mit einer Wortwahl unterhalb der Gürtellinie. Frankreichs Fußball-Bibel L‘ Equipe bringt den Vorfall am 19. Juni ans Licht. Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes entscheidet, Anelka nach Hause zu schicken.Wenig später folgt das ominöse Training, in dem die Mannschaft aus angeblicher Solidarität mit Anelka demonstrativ den Platz verlässt. Domenech steht alleine da. Die Presserklärung zum Spieler-Streik verliest Jeremy Toulalan. Verbands-Pressesprecher Francois Manardo weigert sich, da sich das Dokument gegen seinen Arbeitgeber richtet – und bleibt loyal.

Zwei Tage später verliert Frankreich 1:2 gegen den bereits ausgeschiedenen Gastgeber Südafrika, fährt als Tabellenletzter in Gruppe A nach Hause – und der Skandal ist perfekt. „Französische Nationalmannschaft: Tot auf dem Feld der Ehrlosigkeit“, schreibt France Football den dazugehörigen Nachruf. „Die Spieler waren in der Abgeschiedenheit des Mannschaftsquartiers nicht in der Lage, Persönlichkeit zu entwickeln“, fällt auch der zukünftige Nationalcoach Blanc ein vernichtendes Urteil.

Zurück in Paris, wird das Ding zur Staatsaffäre. Präsident Nicolas Sarkozy bittet gemeinsam mit Regierungschef Francois Fillon und Sportministerin Roselyne Bachelot zum Krisen-Gipfel. Auch den während der WM-Affäre in Ungnade gefallenen Welt- und Europameister Thierry Henry bittet Sarkozy zum Rapport im Elysée-Palast.

Henry steht bereits lange vor Turnierbeginn am Pranger. Sein absichtliches Handspiel im entscheidenden Playoff-Rückspiel gegen Irland macht Frankreichs Weg zur WM erst frei.Dieses Rührstück konnten sich nur Werbe-Strategen ausgedacht haben. Im Sommer 1996 sitzen Rudi Völler und Frank Rijkaard in Leverkusen an einem frisch gedeckten Frühstückstisch. Sie tragen zitronengelbe Bademäntel, halten Smalltalk und üben sich in Harmonie.

Es gibt Orangensaft, Marmelade und Croissants. Ein gemeinsames Frühstück zweier der größten Streithähne der WM-Geschichte? Willkommen in der Fantasy-Disko!

Der dazugehörige Slogan ist ebenso banal wie einleuchtend: „Alles in Butter“. Eine niederländische Molkerei hat sich einen der größten WM-Skandale zu Nutze gemacht. „Mit echter Butter bekommen Sie jeden an die gemeinsame Tafel“, lautet ihre Werbe-Botschaft in der deutsch-niederländischen Übersetzung.

Wohl auch Zwei, die an diesem 24. Juni 1990 noch im Kabinengang des Giuseppe-Meazza-Stadions von Mailand aufeinander losgehen wollten. Rudi Völler, dreifacher Torschütze in diesem WM-Turnier, und Europameister Frank Rijkaard werden im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Holland sicher keine Friseuradressen mehr austauschen.Alles beginnt harmlos In der hart umkämpften Partie läuft die 21. Spielminute. Rijkaard foult Völler auf der linken deutschen Angriffsseite. Schiedsrichter Juan Carlos Loustau aus Argentinien zeigt dem Niederländer aus der Ausnahmemannschaft des AC Mailand die Gelbe Karte. Es ist Rijkaards zweites Gelb im Turnier, in einem möglichen Viertelfinale für Oranje wäre er also außen vor.

Was die Fernsehkameras trotz unzähliger Einstellungen bei dieser WM nicht einfangen: Rijkaard spuckt Völler in die lockigen Haare. Die Lockenpracht hat dem Hessen in der Nationalmannschaft einst den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Tante Käthe“ eingebracht. Aber für Nettigkeiten ist in Mailand kein Platz. Der folgende Freistoß wird gefährlich vor das niederländische Tor geschlagen. Völler kommt einen Schritt zu spät gegen Holland-Keeper Hans van Breukelen, zieht aber das Bein gerade noch zurück. Für Rijkaard Grund genug, den Deutschen am Ohr zu ziehen.

Loustau hat genug. Er gibt Rijkaard und Völler die Rote Karte. „Was der Schiedsrichter hier macht, kann nicht sein“, ereiferte sich ARD-Co-Kommentator Karl-Heinz Rummenigge, „das zeigt, wie viel Polemik im Spiel ist.“

Nachdem Jürgen Klinsmann, der in Mailand das Länderspiel seines Lebens macht, Völler aus der Schusslinie geholt hat, schlägt „Lama“ Rijkaard ein zweites Mal zu. Volle Rotze spuckt er nochmal in die Haare von Völler. „Für mich war dies das Schlimmste, was ich je bei einer Weltmeisterschaft erlebt habe“, gibt es für den deutschen Kapitän von 1990, Lothar Matthäus, bis heute keine zwei Meinungen zu diesem Vorfall.Für Völlers Teamkollegen Guido Buchwald fällt die denkwürdige Szene unter die Rubrik „Mein WM-Erlebnis“. „Als die beiden vom Platz gegangen sind, habe ich genau gesehen, wie Frank Rijkaard Rudi noch einmal hinterher gespuckt hat. Das war unglaublich. Ich konnte es nicht fassen und habe mich maßlos geärgert“, erzählt Buchwald im Juni 2010 der ZEIT, „wir Spieler haben uns erstmal nur angeschaut.

Viele haben den Kopf geschüttelt. Die, die in der Nähe des Schiedsrichters standen, sind zu ihm hingelaufen. Aber lamentieren bringt nichts. Ich hätte eh nicht gewusst, was ich dazu sagen sollte. Mir war nur klar: Jetzt müssen wir für Rudi spielen.“ Sie taten es. Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme schießen Deutschland zum Sieg im Prestige-Duell. „Spucken“, so erklärt Rudi Völler 2006 in einem WM-Buch, „das ist das Abscheulichste, was einem Sportler passieren kann. Es zeugt von Ekel, von Niedertracht, von Respektlosigkeit.“ Für Rijkaard und die „Elftal“ ist die WM am Ende dieser Partie beendet – 1:2, das Aus für den Europameister mit Schimpf und Schande. Völler wird für ein Spiel gesperrt. Erst im Halbfinal-Krimi gegen England darf er wieder ran.

In Sports Live veröffentlicht der Sünder Rijkaard später einen offenen Brief an Rudi Völler. „Ich hatte persönliche Probleme und ging besonders gereizt in das Spiel. Das musste sich entladen. Ich hatte mich wegen privater Schwierigkeiten nicht im Griff. Ich kann es leider nicht ungeschehen machen. Jeder Mensch macht Fehler“, schreibt Rijkaard, „Rudi Völler und ich haben es aber nicht verdient, ein ganzes Leben daran erinnert zu werden.“ Ein frommer Wunsch.

Rudi Völler kann den Fragen nach der Spuck-Attacke bis heute kaum ausweichen. Obwohl er in 90 Länderspielen für Deutschland 47 Tore erzielt und 1990 den WM-Titel gewonnen hat, 2002 mit der deutschen Mannschaft als Teamchef Vize-Weltmeister war, wird der gute Rudi von dieser Szene bis heute verfolgt wie damals von Rijkaard, der ihm angeblich bis in die Katakomben nachging. Und doch hat der Skandal am Ende etwas Gutes. Die Honorare für den Frühstücks-Kitsch spenden beide Kontrahenten der Deutschen Mexikohilfe.Faustino Asprilla, Adolfo Valencia, Freddy Rincón, Carlos Valderrama – mit dieser Starbesetzung geht Kolumbien 1994 als Geheimfavorit in das WM-Turnier in den USA.

Das 1:3 gegen die Senkrechtstarter aus Rumänien im ersten Spiel am 18. Juni 1994 in Pasadena nimmt man zu Hause und in Expertenkreisen noch als Betriebsunfall hin. „Sie waren zu selbstsicher, sie haben sich in der Südamerika-Qualifikation (Gruppensieger vor Argentinien und Paraguay, d. Red.) eine Riesen-Reputation erworben“, sagt ESPN-Experte Seamus Malin (heute 77) unmittelbar vor der Partie gegen Gastgeber USA, „sie haben sehr gute Spieler dabei, aber ihr Star Carlos Valderrama hatte gegen Rumänien einen gebrauchten Tag und er muss nun beweisen, dass das ein Ausrutscher war.“

Das 4:1 der Schweiz gegen Rumänien am Nachmittag hat die Kolumbianer schon vor dem Abschluss des zweiten Gruppenspieltags mächtig unter Zugzwang gebracht. Sie brauchen unbedingt einen Sieg. Im Glutofen des Rose Bowl-Stadions herrschen an diesem 22. Juni 1994 im zweiten Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft zwischen Kolumbien und den USA 33 Grad Außentemperatur. Mehr als 93.000 Menschen sorgen für eine ohrenbetäubende Kulisse. In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, beim Public Viewing, ist die Anspannung fast mit den Händen greifbar.

Auf dem Rasen wird bei brütender Hitze jeder Schritt zur Qual. Valderrama und Co. bewegen sich wie in Zeitlupe. Die Amerikaner mit ihrer unbekümmerten Truppe um den Rockmusiker Alexi Lalas, den in Deutschland geborenen Tom Dooley und Kult-Keeper Tony Meola nehmen den Favoriten aus Südamerika mächtig in die Pflicht. Es läuft die 35. Minute. Der US-amerikanische Mittelfeldspieler John Harkes vom englischen Klub Derby County schlägt eine harmlos daher kommende Flanke von der linken Seite in die Mitte, in Richtung Strafraum.In Höhe des Elfmeterpunkts landet der Ball beim kolumbianischen Abwehrchef Andrés Escobar. Der in der Mitte mitgelaufene US-Stürmer Ernie Stewart, später Torschütze zum 2:0, müsste schon Siebenmeilenstiefel tragen, um die Kugel zu erreichen. Escobar lenkt den Ball mit dem linken Fuß zum Entsetzen seines Torhüters Oscar Cordoba ins eigene Netz.

Der Torhüter hat keine Chance mehr, einzugreifen. „Ich glaub es nicht“, brüllt der US-amerikanische Kommentator ins Mikrofon. Während der Rose Bowl vor Jubel förmlich explodiert, wirkt Escobar wie paralysiert. Er vergräbt sein Gesicht unter seinem Trikot mit der Rückennummer 2. Kolumbien hat nach der 1:2-Niederlage von Pasadena keine Chance mehr auf das Weiterkommen und fährt nach der Vorrunde nach Hause.

Die WM geht weiter, aber ihr Ende mit dem vierten WM-Titelgewinn Brasiliens wird Andrés Escobar nicht mehr erleben. Am 2. Juli 1994 feuert Humberto Munoz Castro mit einem lang gezogenen „Gooool“ auf den Lippen vor der Bar „El Indio“ in Kolumbiens Hauptstadt Medellin auf den in Ungnade gefallenen Nationalspieler. Andrés Escobar wird von zwölf Pistolenkugeln durchsiebt. Eine Hinrichtung. Er stirbt 45 Minuten später, auf dem Weg ins Krankenhaus. Das gelbe Trikot der „Cafeteros“ trug er in 50 Länderspielen (1 Tor).

120.000 Menschen säumen bei seiner Beisetzung die Straßen von Medellin. Hier, bei Atlético Nacional, beginnt 1985 die Profikarriere des Andrés Escobar, Sohn eines Bankierssohns. Nach nur einer Saison bei den Young Boys Bern in der Schweiz (1989/90) zieht es Escobar in seine Heimatstadt Medellin zurück, wo er bis zu seiner Ermordung erneut bei Atlético Nacional unter Vertrag steht. Absoluter Höhepunkt seiner Karriere ist der Gewinn der Copa Libertadores 1989 mit Atlético Nacional.Dass er nach seinem folgenschweren Eigentor Opfer eines Verbrechens wird, gehört zu den tragischsten Episoden der WM-Geschichte.

Die Bar, vor der das Leben von Andrés Escobar im Alter von nur 27 Jahren gewaltsam beendet wird, befindet sich in Medellin, wo zwei der größten Drogenkartelle Kolumbiens ihren Sitz haben. Die Drogenbarone haben bei der Weltmeisterschaft hohe Summen auf die kolumbianische Nationalmannschaft gewettet – und wohl ein bisschen Kleingeld verloren.

Der mutmaßliche Mörder, Humberto Munoz Castro, Bodyguard und Handlanger in den Drogenkreisen von Medellin, gesteht die Tat nur wenige Stunden später. Im Juni 1995 wird er zu 43 Jahren (!) Haft verurteilt, von denen er jedoch nur knapp elf absitzen muss.

Wie tief der Schock nach Escobars Tod sitzt, zeigt eine andere Episode. Als BBC-Experte Alan Hansen beim Achtelfinal-Spiel Argentinien gegen Rumänien (2:3) am 3. Juli 1994, nur einen Tag nach Escobars Ermordung, einen Witz macht („Die argentinischen Verteidiger müssen aufpassen, dass sie für solche Fehler nicht erschossen werden“), muss der britische Sender peinlichst berührt eine öffentliche Entschuldigungsnote formulieren.
Für den 65-fachen französischen Nationalspieler Marius Trésor (58) ist klar: „In diesem Spiel ist so viel passiert, dass man es einfach nicht vergessen kann.“ Wohl niemand hat je vergessen, wo und mit wem er dieses Spiel gesehen hat. Aber: Wo fangen wir an, in dieser unglaublichen Nacht von Sevilla, an diesem 8. Juli 1982?

Vielleicht mit der Milde der Verlierer? „Ich habe den deutschen Spielern das alles nie übel genommen, weil sie nur ihr Land vertreten haben“, erteilt Trésor dem Gegner 2016 in der ZDF-Dokumentation Ziemlich beste Gegner – deutsch-französische Fußballgeschichten sozusagen die Absolution, „für mich ist der Schiedsrichter verantwortlich. Charles Corver.“

Der niederländische Referee hat in diesem WM-Halbfinale keinen guten Abend erwischt. Dass er diese eine Szene aus der 57. Minute im Estadio Ramón Sanchez Pizjuan falsch einschätzt, werden ihm die Franzosen niemals verzeihen. Frankreichs Superstar Michel Platini schlägt einen weiten Pass nach vorn. Der nur sieben Minuten zuvor für Bernard Genghini eingewechselte Patrick Battiston, Ex-Vereinskollege von Platini beim AS St. Etienne, kann den Ball nicht erreichen. Der deutsche Torhüter Harald „Toni“ Schumacher eilt aus seinem Tor heraus, doch Battiston hat die Kugel schon an ihm vorbei gelegt. Schumacher springt Battiston mit voller Wucht an, rammt den 1,82 m großen Abwehrspieler förmlich um.

Der Ball trudelt am deutschen Tor vorbei. Battiston bleibt aber bewusstlos liegen. Während Manfred Kaltz, gewohnt lässig mit heruntergelassen Stutzen, teilnahmslos zusieht, kümmern sich Dominique Rocheteau und Marius Trésor sofort um ihren Mannschaftskameraden. Sie winken Hilfe herbei, haben die Situation blitzschnell erkannt.„Ich erinnere mich, wie viele in Frankreich, an die Aktion von Schumacher gegen Battiston, wie er ihn förmlich köpfte“, beschreibt der französische Weltmeister und Ex-Bayernprofi Bixente Lizarazu diese unglaubliche Szene.

Unfassbar ist sie auch deshalb, weil Schumacher wie abwesend zusieht, wie sich Sanitäter und Helfer über Battiston beugen. Völlig ungerührt legt sich der Kölner den Ball am Fünfmeterraum zum Abstoß hin. Referee Corver gibt Schumacher für seine Aktion nicht einmal die Gelbe Karte. „Wir hatten in diesem Moment das Gefühl einer großen Ungerechtigkeit“, ärgert sich Frankreichs Spielmacher Alain Giresse noch heute.

Der Franzose rührt sich nicht. Er verliert bei dem Zusammenprall zwei Zähne, ein Halswirbel ist angebrochen, er fällt ins Koma, muss umgehend vom Platz getragen werden. Den Rest des Jahrhundertspiels sieht er erst später. Im Fernsehen. „Ich habe gedacht, er ist tot“, erklärt der französische Teamarzt Maurice Vrilac nach dem Spiel, „ich habe zwei Minuten lang keinen Puls gefühlt.“

Die französischen Kommentatoren haben Schumacher schon vor dem Foul an Battiston im Visier. „Seine Aktionen sind nicht mehr normal“, sticheln sie. Schumacher spielt an diesem für beide Fußballnationen so denkwürdigen Abend wie im Adrenalinrausch. Nach einem abgefangenen Ball geht der Europameister von 1980 auf den am Boden liegenden Didier Six los, gibt ihm einen Schubser. Dazu gibt es ein paar Kölsche Schimpfworte ohne gallische Übersetzung.„Es gehört zu meinem Leben“, sagt Schumacher im WM-Jahr 2010, „es ist schade, dass meine Karriere oft auf diese eine Szene reduziert wird, denn das war nicht Toni Schumacher.“

Dass er sich nicht um den am Boden liegenden Battiston gekümmert hat, erklärt Schumacher später so: „Es war Ausdruck meiner tiefsten Unsicherheit, Patrick wurde bewusstlos herausgetragen und ich hatte Angst, es wäre etwas Schlimmes passiert.“ In BILD stellt der Keeper aber auch klar: „Ich bin im guten Glauben rausgelaufen, weil ich mir sicher war: Den Ball kriegst du! Für den Zusammenprall und all das, was danach passiert ist, habe ich mich entschuldigt.“

Doch Toni lässt in seiner Verunsicherung auch einen Spruch los, der ihm noch lange nachhängt. „Ich weiß, wie es um Battiston steht“, sagt er nach dem Spiel mürrisch. Auf den Hinweis eines Reporters, wonach der Franzose zwei Zähne verloren hätte, meint er flapsig: „Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich ihm gerne.“

Es sind Sprüche wie dieser, die Schumacher und die deutsche Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft auch noch die letzten Sympathien kosten. Zuvor hat die Mannschaft von Bundestrainer Jupp Derwall in der „Schande von Gijon“ mit einem 1:2 gegen Algerien, einem skandalumwitternden Trainingslager am Schluchsee („Schlucksee“) und mit dem Ballgeschiebe gegen Österreich (1:0) schon eine Menge Kredit verspielt. Es wird dauern, bis die Fans dem DFB-Team diese WM verzeihen werden…Das Traumtor von Klaus Fischer per Fallrückzieher in der Verlängerung zum 3:3, zwei gehaltene Elfmeter von Toni Schumacher und das späte Happy End durch den letzten verwandelten Elfmeter von Horst Hrubesch im Krimi gegen Frankreich können nichts mehr retten.

„Dass der Schiedsrichter nach der Aktion gegen Battiston keinen Elfmeter gibt, obwohl der mit zwei ausgeschlagenen Zähnen im Koma liegt, das ist ein Skandal“, giftet Platini nach dem Spiel in der Mixed Zone, „elf gegen Zwölf zu spielen, ist nicht leicht, vor allem nicht gegen die Deutschen. Ich bin angewidert und drücke den Italienern im Finale die Daumen.“

Auch die französische Presse macht aus ihrer Abneigung gegen die Deutschen nach dem Spiel keinen Hehl. „Schumacher. Beruf: Unmensch“, titelt Frankreichs Fußball-Bibel L‘ Equipe.

Die Zeitung Le Figaro macht den Tünn zum „wilden Tier“, andere Medien sehen in dem Kölner Torwartidol den „Schlächter von Sevilla“, wittern ein „Attentat auf Battiston“ und rufen gar den „Dritten Weltkrieg zwischen Deutschland und Frankreich“ aus.Dass Deutschland drei Tage später im Finale von Madrid platt ist und mit 1:3 klar gegen Italien verliert, ist eine Genugtuung für die Franzosen, die sich mit einem 3:2 gegen Polen Rang drei sichern. Ihre WM-Zeit wird noch kommen.

Für Schumacher aber ist der Fall noch lange nicht ausgestanden. Das Foul wird zur Staatsaffäre. Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand, beide nicht eben die glühendsten Fußballfans, müssen eigens Presseerklärungen verfassen. „Ich bin zu ihm nach Frankreich gefahren“, erzählt Schumacher später, „habe mich dafür entschuldigt, dass ich mich nicht nach ihm erkundigt habe, aber ich habe ihm später auch gesagt: Pass auf, Patrick, wenn der Ball heute wieder so käme, dann wäre ich wieder so unterwegs…“

Schumacher weiter: „Es wurde gedroht, meine Kinder zu entführen, ich hatte Personenschutz, das war nicht einfach so abzutun. Wenn wir zu Länderspielen gereist sind, bin ich durch den Heizungskeller ins Hotel geführt worden – und der Rest der Mannschaft kam durch den Haupteingang rein.“ Dass Schumacher schließlich zur Normalität zurückfindet, liegt an den Boulevardkönigen von BILD. Die Zeitung spendiert dem in Ungnade gefallenen Keeper einen einwöchigen Urlaub.

Patrick Battiston hat seinem Gegner längst verziehen. Ob ihn der Europameistertitel zwei Jahre später im eigenen Land und das gleichzeitige, blamable Vorrunden-Aus der Deutschen milde gestimmt haben, ist nicht bekannt. Doch auch Battiston ist ein milder Verlierer. „Wir sind uns danach noch einmal begegnet. Ich spürte weder Aggression noch Rachegelüste“, sagt mit einigem zeitlichen Abstand, „ich wollte nur wissen, was in ihm vorgegangen ist. Das reicht mir.“„Vergesst die Hand Gottes! Die größte Fußballlüge erzählte Chiles Torhüter Roberto Rojas. Er schlitzte sich dafür sogar die Stirn auf“, schreibt Sebastian Stier 2018 in 11 FREUNDE Spezial: Die andere Geschichte der WM. Und man mag ihm Recht geben. Diese Geschichte ist so unglaublich, dass man sie zweimal lesen muss.

Fernando Astengo hätte es wissen müssen. In den Tagen vor dem schicksalhaften WM-Qualifikationsspiel in Brasilien am 3. September 1989 gibt ihm sein chilenischer Nationalmannschaftskollege Roberto Rojas mehrfach versteckte Hinweise. „Wenn sich die Gelegenheit ergibt“, murmelt der Weltklasse-Torhüter immer wieder vor sich hin, „mache ich etwas.“ In 11 FREUNDE heißt es dazu: „Rojas ist besessen von der Vorstellung, etwas Historisches zu schaffen. Er ist 32 Jahre alt und weiß: Es ist seine letzte Chance, an einer WM teilzunehmen.“

Scheinbar zweifelt „El Condor“, wie der Torhüter in Chile genannt wird, allerdings an den sportlichen Möglichkeiten von „La Roja“, die im Hexenkessel von Maracana in Rio de Janeiro in diesem alles entscheidenden Spiel krasser Außenseiter ist. Chile hilft auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien nur ein Sieg beim Nachbarn und Erzrivalen. Schon ein Unentschieden würde der „Selecao“, in dieser Phase nicht mit Spielerpersönlichkeiten überladen, zur Qualifikation reichen. Eine WM ohne Brasilien? Vor diesem Spiel, das die Medien auf beiden Seiten als „Endzeitschlacht monumentaler Wichtigkeit“ bezeichnen, eigentlich undenkbar.

Oder doch? Roberto Rojas hat einen perfiden Plan. Er kennt Brasilien und die unglaubliche Atmosphäre in den Stadien – und wie leicht die Dinge kippen können. Eine dieser berühmt-berüchtigten Chaos-Situationen will er nutzen, um falsch zu spielen. Eigentlich ist es nur Plan B. Aber Plan A ist nach dem 1:0 des für den UEFA-Cup-Sieger SSC Neapel spielenden brasilianischen Stürmers Careca nach 57 Minuten hinfällig. 180.000 Fußballverrückte machen den Tempel von Maracana in diesen Sekunden zum Tollhaus. Chile wäre in Italien damit nur Zuschauer. Von einer Energie-Leistung wie beim 4:0 über den Rekord-Weltmeister bei der Copa America 1987 ist die Mannschaft in Rio meilenweit entfernt. Wenige Minuten nach Carecas Treffer geht ein Raunen durch das weite Rund des WM-Finalstadions von 1950 und 2014. Die brasilianische Stadtwerks-Angestellte Rosenery Mello zündet eine Leuchtrakete. Als die Frau, für die dieser Abend der Beginn einer wundersamen Karriere sein wird, bemerkt, dass das Ding in ihrer Hand zu heiß wird, wirft sie den Feuerwerkskörper kurzerhand aufs Spielfeld.Rojas wittert seine Chance. Als er die Rauchentwicklung hinter sich bemerkt, wirft er sich wie vom Blitz getroffen auf den Rasen. Was die 180.000 im Stadion und die Millionen vor den TV-Bildschirmen nicht wissen: Rojas hat eine Rasierklinge in seinem linken Torwarthandschuh versteckt. Er zieht sie unbemerkt raus, verpasst sich selbst einen Ritzer im Gesicht, und lässt die Klinge wieder verschwinden. Astengo bemerkt die Blutung bei seinem Teamkollegen als erster. Die chilenischen Spieler umringen den Keeper, deuten dem argentinischen Schiedsrichter Juan Loustau – 1990 auch Referee im Skandalspiel Deutschland – Holland – an, dass ihr Keeper medizinische Hilfe braucht.

Der Verletzte wird vom Platz getragen. In Maracana bricht das absolute Chaos aus. Loustau tut – anders als ein Jahr später mit der Roten Karte für Rudi Völler – genau das Richtige: Er bricht die Partie ab. Es ist gerade eine Stunde gespielt. Wie ein Halbtoter liegt Roberto Rojas nun in der chilenischen Kabine auf der Massagebank. Seinem angeblichen Mitwisser Astengo gibt er in diesen Minuten einen entscheidenden Hinweis. „Die Klinge ist im linken Handschuh“, flüstert er.

Draußen wird indes nach dem Raketen werfenden Fan gefahndet. Die brasilianischen Sicherheitskräfte werden schnell fündig. Rosenery Mello wird als die „Rakete von Maracana“ zur Berühmtheit, lässt sich im November 1989 bereits für das Männermagazin Playboy ablichten und startet eine Modelkarriere. Sie stirbt 2011 im Alter von nur 46 Jahren.

Eine direkte Verbindung zwischen ihr und dem chilenischen Torhüter lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Zu den Aufklärern des Falles, der als „Bengalazo“ in die Fußballgeschichte eingeht, werden die beiden Fotografen Ricardo Alfieri und Paulo Teixeira. Alfieri ist, wie sich herausstellt, der einzige Foto-Reporter im riesigen Maracana, der im Moment der Raketenexplosion auf den Auslöser drückt. Für seinen japanischen Auftraggeber wäre die Geschichte somit ein Hit. Doch Alfieri zögert, seinen Film von diesem historischen Spiel an das Magazin aus Japan zu senden.Schnell kommen ihm Zweifel an Rojas‘ Version der Horror-Story, die der Chilene in diversen Fernsehsendungen in den Tagen danach immer wieder herunterbetet. „Ich hatte das Gefühl, dass Rojas lügt“, sagt Alfieri später – und er informiert den brasilianischen Fußballverband. Das erst jetzt entwickelte Bildmaterial überführt Roberto Rojas als Lügner.

Auch Astengo wendet sich gegen Rojas. Er räumt zwar ein, dass „mindestens fünf Personen eingeweiht“ waren, bestreitet aber bis heute, von der Sache gewusst zu haben. Alle Aufnahmen zeigen: Als die Rakete abbrennt, steht der Torhüter in sicherer Entfernung. Dass er keine Schmauchspuren oder schlimmste Brandwunden, die beim Berühren eines solchen Bengalischen Feuers üblich sind, davongetragen hat, machte die Ermittler im Eifer des Gefechts scheinbar nicht stutzig. Nun ist das schmutzige Spiel beendet. Rojas leugnet noch, kippt aber wenig später um. „Ja, ich bin schuldig“, sagt er kleinlaut im Mai 1990. Sein Motiv: Die pure Leidenschaft. „Ich habe es aus Leidenschaft getan – und für Chile“, sagt er. Die FIFA sperrt Roberto Rojas, an dem auch die spanischen Giganten Real und Atlético Madrid interessiert waren, auf Lebenszeit.

Näher als an diesem Abend im Maracana wird der in Ungnade gefallene Keeper nie wieder an eine Weltmeisterschaft kommen. Chile wird auch für die WM-Teilnahme 1994 gesperrt. Stars wie Ivan Zamoráno von Inter Mailand oder Marcelo Salas von River Plate Buenos Aires verlieren bis zu ihrer WM 1998 wertvolle Jahre.

Roberto Rojas bleibt gesperrt. Erst 2001 ist es für ihn endlich zu Ende. Die FIFA hebt seine Sperre auf. Doch es ist zu spät, um noch einmal neu anzufangen. Rojas ist 44 Jahre alt. Seine Torhüterkarriere hat er 1989 beendet. Ausgerechnet in Brasilien.

„Zidane war nicht von dieser Welt“ Marcel Reif, Reporterlegende.

Es ist nicht die oft erwähnte „mysteriöse Stimme“, die Zinedine Zidane 2004 im Schlaf überredet, noch einmal für Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft zu spielen. Ein Gespräch mit seinem Bruder sorgt für einen Sinneswandel beim Weltmeister von 1998. „Zizou“ kehrt zur WM 2006 zur „Equipe Tricolore“ zurück, erreicht das Finale von Berlin – und sorgt für einen skandalösen Abgang.

Das kann nur Zidane. Als der argentinische Schiedsrichter Horacio Marcelo Elizondo am 9. Juli 2006 im WM-Finale Frankreich gegen Italien in Berlin auf den Elfmeterpunkt zeigt, schnappt sich der französische Teamkapitän mit traumwandlerischer Sicherheit den Ball. Zidane jagt die Kugel an die Unterkante der Querlatte, unerreichbar für Italiens Keeper Gianluigi Buffon und von dort ins Netz – 1:0 für den Weltmeister von 1998. Perfekter kannst du einen Elfmeter nicht schießen.

Zwölf Minuten später köpft der Spieler zum 1:1 für Italien ein, der für Zidane und die „Grande Nation“ Schicksal spielen wird: Marco Materazzi. Beim 1:1 bleibt es bis zum Ende der Verlängerung. Das Elfmeterschießen, das Italien für sich entscheidet, wird Zidane nur noch in den Katakomben des Berliner Olympiastadons mitverfolgen können.

In der 110. Minute kreuzen sich die Wege von Materazzi und Zidane in der italienischen Spielhälfte. Eine folgenschwere Begegnung. Die TV-Bilder zeigen erst in der verlangsamten Wiederholung, dass der italienische Abwehrspieler von Inter Mailand zuerst klammert und dann im Vorbeilaufen irgendetwas zu Zidane sagt. Es ist keine Einladung zum WM-Bankett – und Materazzi schlägt aus der Wortwahl wenig später in Buchform (Was ich wirklich zu Zidane sagte) sogar noch Kapital. „Ich bevorzuge deine Schwester, die Hure“, soll er auf Italienisch geraunt haben. Zidane läuft vorbei, dreht sich dann aber um – und rammt Materazzi mit einem Kopfstoß um. Elizondo, von den aufgeregten Italienern eilig herbei zitiert, bleibt keine andere Wahl. Er stellt Zidane mit Rot vom Platz.Für den 34-jährigen Franzosen ist es der zwölfte Platzverweis seiner Karriere. Mit einem Kopfstoß hat er am 24. Oktober 2000 im CL-Spiel Juventus Turin gegen den Hamburger SV (1:3) auch den Deutschen Jochen Kientz weg gemacht. „Knochen-Jochen“ erleidet eine Gehirnerschütterung und einen Jochbeinbruch. Materazzi fällt zwar theatralisch, kommt aber wundersamer Weise unverletzt davon.

Es ist die Szene dieser WM. Ein Ausraster, der in Frankreich und überall sonst wohl auf ewig im Gedächtnis bleiben wird. In seinem 108. und letzten Länderspiel für Frankreich lässt sich Zidane gehen. „Ich finde, das war einer der bittersten Abgänge der Geschichte“, sagt ARD-Moderator Gerhard Delling.

Für immer eingebrannt ins französisch-italienische Fußballgedächtnis ist die Szene allemal. Aber sie wird auch zum Kunstobjekt erhoben. Im September 2012 enthüllt der Künstler Adel Bdessemed vor dem Centre Pompidou in Paris eine Bronzestatue für Zidane und Materazzi. Sie zeigt die Kopfstoß-Szene.

Seit 2013 steht das Denkmal im Arabischen Museum für moderne Kunst in ar-Rayyan in Katar, WM-Gastgeberland von 2022. Vielleicht ein Grund, mal hinzufahren…Deutschland gegen Österreich – das sind für beide Länder definierende Spiele ihrer WM-Geschichte. Es beginnt mit dem 6:1 im Halbfinale 1954, welches Fußballidol Fritz Walter 1974 als „eines der besten Spiele aller Zeiten einer deutschen Nationalmannschaft“ bezeichnet und führt über „Die Schmach von Cordoba“ 1978 zur ,,Schande von Gijon“, 1982. Das aber nur zum Aufwärmen.

Über die Weltmeisterschaft 1982 spricht Horst Hrubesch bis heute nur, wenn es unbedingt sein muss. Der Ex-Hamburger, der Deutschland 1980 zum Europameister machte, hat für das Turnier in Spanien meist nur einen Satz parat: „Es war fürchterlich.“ Bei dieser WM geht für den Europameister und Mit-Favoriten Deutschland so viel daneben, dass es eigentlich für zwei oder drei Turniere gereicht hätte. Die vor der WM mit Michael Schanze aufgenommene Schallplatte Olé Espana mit sinnfreien Reimereien wie „Heut spielt Buda gegen Pest“ mag man als Modesünde der Zeit oder als zum Handwerk gehörenden Kommerz-Kitsch abtun.

Was danach kommt, ist weniger witzig. Im Trainingslager am Schluchsee im Schwarzwald zieht die Generation der Goldkettchenträger so richtig durch. Poker-Nächte und Sauf-Touren. 20.000 bis 30.000 Mark lassen die Protz-Profis pro Partie über den Tisch gehen. „Immel pokerte wie ein Süchtiger“, stellt Toni Schumacher 1987 in seinem Buch Anpfiff über seinen Torhüterkollegen fest.

Konsequenzen müssen die „Schnapsleichen“, wie Schumacher die trinkfesten Teamkameraden bezeichnet, nicht befürchten. Trainer Jupp Derwall hat längst keine Autorität mehr. Im Team herrscht Cliquenbildung vom Feinsten – und jeder macht, was er will. Der Bayern-Block um den mächtigen Karl-Heinz Rummenigge gegen die von Toni Schumacher angeführten Kölner. Dazu die Hamburger um den nicht wirklich um hohe Sympathiewerte bemühten Manfred Kaltz. Vorsicht, frei laufende Alphatiere!Den ersten Kater gibt es am 16. Juni 1982 in Gijon, wo die deutsche Mannschaft während der WM-Endrunde auch Quartier bezieht. 1:2 gegen den Fußballzwerg Algerien. „Ein böser Sturz“, titelt die BUNTE. Das 4:1 gegen Chile rückt die Verhältnisse vier Tage später wieder einigermaßen gerade.

Und die Österreicher? Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass der Weltmeister-Bezwinger von 1978 mit dem DFB-Team in einer Vorrundengruppe spielt. Mit Walter „Schoko“ Schachner, „Schneckerl“ Heribert Prohaska oder Torjäger Hans Krankl hat ÖFB-Coach Georg Schmidt noch einige Leistungsträger mit an Bord. Die Österreicher gewinnen ihre beiden Gruppenspiele gegen Chile und Algerien mit 1:0 bzw. 2:0. Algerien muss bereits einen Tag vorher gegen die Chilenen ran – und gewinnt 3:2. Die Nordafrikaner sind raus aus dem Fahrersitz.

Vor dem direkten Duell am 25. Juni 1982 in Gijon ist klar: Selbst bei einer frühen deutschen Führung wären die beiden Erzrivalen in der 2. Finalrunde. Das 1:0 durch Horst Hrubesch (10.) bringt keine Bewegung in die Sache. Anstatt die Österreicher mit drei Toren Vorsprung aus dem Turnier zu schießen, lassen es die Deutschen zunehmend gemächlicher angehen. Gegen Ende der ersten Halbzeit verflacht die Partie zusehends und die Fans im Stadion El Molinón und Millionen zu Hause an den TV-Geräten ahnen schon Böses.In der zweiten Halbzeit artet das Bruderduell zu einem üblen Ballgeschiebe aus. Da es 1982 die Rückpassregel noch nicht gibt, sieht das Spielchen meist so aus. Sobald ein Deutscher oder Österreicher in Strafraumnähe auch nur in die Nähe des Balls kommen könnte, wird auf Schumacher oder auf ÖFB-Torhüter Friedl Koncilia zurückgepasst. Paul Breitner agiert wie ein Standfußballer. Kaltz spielt mal eben einen Sicherheitspass vom Mittelkreis direkt zu Schumacher zurück. Bei den Österreichern geht Herbert Prohaska hohes Risiko, als er mit dem Ball in Höhe der Mittellinie beherzt losdribbelt – aufs eigene Tor! Ab Mitte der zweiten Hälfte haben die spanischen Zuschauer unter den 41.000 Besuchern genug. Sie schwenken weiße Taschentücher. In „La Liga“ heißt das so viel wie: Ihr könnt nach Hause fahren!

Auch die TV-Kommentatoren Eberhard Stanjek („Was hier geboten wird, ist schändlich“) und Robert Seeger vom ORF geben auf. Der österreichische Kommentator empfiehlt den Zuschauern gar, den Fernseher abzuschalten. Die algerischen Fans im Stadion wedeln wütend mit Geldscheinen. Für sie ist klar: Dieses Ding ist abgesprochen! „Alles Quatsch“, wehrt sich Hans-Peter Briegel später, „damals war nichts abgesprochen. Das ist im Spiel einfach so passiert.“ Die F. A. Z. sieht in diesem Spiel den perfekten „Fußballverhinderungserfolg.“

„Es war ein Skandal und es war ungeheuer enttäuschend“, sagt Günter Netzer 2010 über den „Nichtangriffspakt“ von Gijon, den spanische Medien hinterher als „El Anschluss“ geißeln. Netzer ist sicher: „Die haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie dieses Ergebnis brauchten und dass sie darauf spielten.“ Walter Schachner erinnert sich später sehr wohl daran, dass man sich in der Halbzeitpause „auf das 1:0 verständigt“ hätte. Der Österreicher gehört zu den wenigen Beteiligten, die eine Absprache zwar nicht zugeben, doch diese zumindest andeuten.

Hans Krankl ist das wurscht. Für Österreichs Star zählt nur das Ergebnis: „Ich weiß nicht, was man will, Österreich ist qualifiziert und das ist für uns das wichtigste.“ DFB-Präsident Hermann Neuberger lässt ebenfalls nichts über den Nichtangriffspakt kommen: „Die deutsche Mannschaft hat das Recht, auf Ergebnis und auf Sicherheit zu spielen. Das haben andere Mannschaften in diesem Turnier auch schon gemacht.“ Ah ja. Fragt sich nur: Wann?„Das böse Ich im Menschen“ – diese Headline im Bestsellerbuch Fußball-WM 2014 von SPORT BILD passt zu dieser grauenvollen, dieser unfassbaren Szene, die sich am 24. Juni 2014 im brasilianischen Natal abspielt.

Im entscheidenden Spiel der Gruppe D zwischen Uruguay und Italien läuft die 79. Minute. Nur mit einem Remis kann sich der Weltmeister von 1930 und 1950 aus Uruguay noch fürs Achtelfinale qualifizieren und den Traum von einem zweiten WM-Triumph in Brasilien am Leben erhalten. Dass es durch ein spätes Tor von Diego Godin (81.) gelingt, verkommt zur Fußnote.

Zwei Minuten zuvor hat ein Anderer die Fußballwelt wieder einmal in Entsetzen gehalten: Luis Suárez. Der Stürmerstar des FC Liverpool schleicht sich an seinen Gegenspieler Turiner Giorgio Chiellini heran – und beißt ihm in die linke Schulter. Während sich der Beißer Suárez schmerzverzerrt den Kiefer hält, zeigt der vollkommen aufgelöste Chiellini Schiedsrichter Marco Rodriguez aus Mexiko seinen Oberarm – mit den Zahnabdrücken von Suárez!

Der Referee aus Mittelamerika gibt sich im Glutofen von Natal bei 35 Grad und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit gänzlich unbeeindruckt. Er hat die Beiß-Attacke nicht gesehen – und lässt das Spiel einfach weiterlaufen. Suárez sieht nicht einmal Gelb. Während die internationalen Medien ihm sämtliche Beißer-Spitznamen verpassen – von Dracula über Hannibal Lecter und den weißen Hai des Fußballs ist so manch kreatives Schimpfwort in der Verlosung – hält nur einer zu ihm.Es ist einer, der das Spießrutenlaufen nach einem WM-Skandal nur allzu gut kennt: Argentiniens Fußballlegende Diego Armando Maradona. „Warum schickt man ihn nicht gleich nach Guantanamo?“, sagt „El Diego“ voller Ironie, „wen hat er getötet? Das ist ein unglaubliches Mafia-Ding.“

Ist es nicht. Denn Suárez ist ein Wiederholungstäter. Eigentlich ein treu sorgender Familienmensch. Doch „El Pistolero“, dieser geniale Strafraumstürmer, der mit der Empfehlung von 69 Toren in 110 Liga-Spielen für Liverpool nach der WM zum FC Barcelona wechseln wird, hat alles – aber keine Selbstkontrolle. Zum ersten Mal kraftvoll zugebissen hat Luis Suárez im November 2010 bei einem Spiel seines damaligen Klubs Ajax Amsterdam in der niederländischen Eredivisie gegen den PSV Eindhoven. Otman Bakkal wird ebenso in die Schulter gebissen wie der beklagenswerte Italiener Chiellini – und Suárez wird für sieben Spiele gesperrt.

Bei einer WM ist er schon mal aktenkundig geworden. Im Viertelfinale 2010 gegen Südafrika verhindert er mit einem absichtlichen Handspiel auf der Torlinie gegen Ghana den 2:1-Siegtreffer und Uruguays Aus.

Anders als bei Platzverweisen üblich, verlässt der Hand-Spieler nicht den Stadion-Innenraum im Stadion Soccer City von Johannesburg, sondern bejubelt den Fehlschuss des Ghaners Asamoah Gyan demonstrativ. „Sebastian Eguren hielt mich auf, dadurch wurde ich im Spielertunnel Zeuge des verschossenen Elfers“, erzählt er Anfang Juni 2018 dem Kicker-Sportmagazin in einem Interview. Von Reue auch nach acht Jahren keine Spur.Im April 2013 beißt Suárez wieder zu. Opfer des Fußball-Kannibalen ist dieses Mal der Russe Branislav Ivanovic von Liverpools Liga-Rivale FC Chelsea. Der englische Fußball-Verband hat für Suárez‘ Entgleisung keinen Nerv – und zieht ihn für zehn Spiele aus dem Verkehr.

Zeit genug für einen Zahnarzttermin – oder noch besser: Für einen Besuch beim Psychologen. „Er muss einen Weg finden, dass er aufhört, solche Dinge zu tun“, empfiehlt ihm FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke nach der Beiß-Attacke gegen Chiellini, von der Suárez anschließend behauptet, man solle „diesen Begebenheiten keine allzu große Bedeutung zumessen“, „er muss sich behandeln lassen.“

Die FIFA straft den Beißer hart. Für vier Monate und zusätzliche neun Länderspiele wird Luis Suárez ausgesperrt. Zudem verliert er seine WM-Akkreditierung für das Turnier in Brasilien. Beim Achtelfinal-Aus Uruguays gegen Kolumbien (0:2) ist er nicht mehr beim Team. „Vier Monate Sperre: Die FIFA zieht Luis Suárez die Zähne“, jubelt der österreichische Kurier.

Während sich Uruguays Staatspräsident José Mujica nach der Rückkehr nach Montevideo demonstrativ auf Suárez‘ Seite stellt und auch der gebissene Chiellini („Ich glaube, dass diese Strafe übertrieben ist“) Milde zeigt, gibt es Haue von einer Legende. Es ist der 88-jährige, letzte noch lebende Weltmeister Uruguays von 1950, Alcides Ghiggia. „Was er getan war, war falsch“ – Haue von einem alten Mann.Das Wembley-Tor im WM-Finale 1966 war mehr als ein Skandal. Es fand Eingang in die Fußballsprache. Von der Kreisliga bis zum WM-Turnier weht seitdem bei einem von der Unterkante der Querlatte zurückprallenden Ball immer „ein Hauch von Wembley“ über die Fußballplätze dieser Welt. Besser wird der Fall vom 30. Juli 1966 dadurch leider nicht.

Rudi Michel können wir nicht mehr fragen. Der Kommentator des WM-Finales von 1966 verstarb am 29. Dezember 2008 im gesegneten Alter von 87 Jahren. Sein „Hei, nicht im Tor, nicht im Tor“ in dieser vermaledeiten 101. Minute im Londoner Fußballtempel von Wembley ist am 30. Juli 1966 jedoch ein nicht unwichtiges Indiz dafür, dass in dieser Sekunde die bis dahin größte Tor-Fehlentscheidung aller Zeiten über die Fußballwelt naht.

Wie oft seitdem die Zeitlupe bemüht wurde, wie oft die Fans in Deutschland, England und anderswo die Szene beim Diskutieren mit feuchten Fingern auf die Kneipentische gemalt haben, lässt sich nicht zählen. „Nicht im Tor, kein Tor!“, wie oft haben wir diesen Ausruf nun schon gehört – in den zahllosen WM-Rückblicken und Dokumentationen. „Er war nicht drin“, sagt der deutsche Nationaltorhüter Hans Tilkowski, der in einer der berühmtesten Einstellungen zum „Third Goal“, zum dritten Tor um 16.46 Uhr in Wembley, dem zurückprallenden Ball nachblickt.

Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz läuft an die rechte Außenlinie. Er befragt seinen Linienrichter Tofik Bachramow aus der UdSSR. Da der Assistent nur Englisch versteht, beantwortet er Diensts Frage, ob der Ball im Netz war, kurz und bündig – und für Deutschland fatal: „It's goal, goal, goal'.“ Erst dann zeigt Dienst auf den Anstoßkreis – und ganz England jubelt. Es steht 3:2 für den WM-Gastgeber. Dass er es gar nicht richtig gesehen hat, verrät der Unparteiische aus Aserbaidschan wenig später. Seine Vermutung, wonach „der deutsche Torhüter so unglücklich geschaut habe“, veranlasst ihn wohl zu dieser Entscheidung. Wirklich klären werden wir auch das nicht. Bachramow stirbt am 26. März 1993, gut einen Monat nach Englands Kapitän Bobby Moore, der nach Spielende als bis heute einziger Mannschaftsführer der „Three Lions“ die Weltmeisterschaftstrophäe in Empfang nehmen darf.Rundfunk-Reporter Herbert Zimmermann, die „Stimme“ des deutschen WM-Wunders von Bern 1954, sieht diesen Moment so: „Nein, der Linienrichter gibt Tor, er hat den Ball im Netz gesehen.“

Das ist per se falsch. Denn im Netz war der Ball nie. Wolfgang Weber hat ihn vor dem einschussbereiten Engländer Roger Hunt über die Querlatte geköpft. „Der Ball war wirklich nicht drin, wir haben es doch alle gesehen“, sagt der im Finale nicht eingesetzte deutsche Mittelfeldspieler Max Lorenz. Im WM-Buch Das Wembley-Tor – The third goal von 2006 (Verlag: Weltbild) heißt es dazu: „Fakt ist: Es gibt kein Film- oder Foto-Dokument, das beweist, dass der Ball hinter der Linie landet.“ England erzielt Sekunden vor Ende der Verlängerung durch Hurst noch ein viertes Tor. Die geschlagenen Deutschen gehen anschließend auf eine bittere Ehrenrunde. „Es war eine Tatsachenentscheidung, und wir haben, glaube ich, uns sehr, sehr fair verhalten, und oft ist das wichtiger als vielleicht der eine oder andere Sieg“, sagt Mittelfeldregisseur Wolfang Overath.

Eine böse Überraschung hält der greise Bundespräsident Heinrich Lübke für die in Frankfurt dennoch von tausenden von Fans gefeierten Vize-Weltmeister um Hamburgs Idol Uwe Seeler, Beckenbauer, Overath und Helmut Haller bereit: „Meine Herren! Der Ball war drin.“

Diese Meinung hat er exklusiv. Das Fazit des Fußball-Historikers Dietrich Schulze-Marmeling: „Man wird es nie aufklären, und das ist auch gut so.“Die Skandal-Akte des Diego Armando Maradona bei Fußball-Weltmeisterschaften hat fast Taschenbuchformat. Rot beim WM-Debüt 1982 in Spanien gegen den Erzrivalen Brasilien, wüste Beschimpfungen der italienischen Zuschauer bei seiner „Heim-WM“ 1990, ein Doping-Skandal 1994.

Aber keine Maradona-Episode – auch bei seinen Klubs FC Barcelona und SSC Neapel blieb das argentinische Genie nicht skandalfrei – bewegt die Fußball-Welt bis heute so wie diese Szene. Sie ist unglaublich, sie ist legendär, sie fand Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. In Argentinien und anderswo. Die „Hand Gottes“. Maradona-Kenner glauben gar, dass allein dieser Moment den gesamten Charakter des nie unumstrittenen Fußballidols entschlüsselt. Genie und Gauner in einem, Dr. Jekyll und Mr. Hyde – es liegt so eng beieinander in Maradonas Vita.

1978 beim Titelgewinn Argentiniens trotz vehementer Forderungen von Medien und Öffentlichkeit von Nationalcoach Cesar Luis Menotti nicht nominiert, verläuft Maradonas WM-Debüt vier Jahre später enttäuschend. Er trifft zwar zwei Mal in fünf Spielen, doch in der 2. Finalrunde gegen Brasilien fliegt er nach 87 Minuten vom Platz. Argentinien verliert 1:3 und ist nach dem 1:2 im ersten Spiel der Zwischenrunde draußen.

„1982 tat wirklich weh, ich hatte vergeblich davon geträumt, den Pokal hoch zu halten“, sagt Maradona 2018, „aber 1986 war meine Chance.“ Er wird sie nutzen und er wird zu allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitten greifen. DFB-Ehrenspielführer Lothar Matthäus über seinen direkten Gegenspieler im Finale gegen Deutschland (2:3): „Er hat diese Weltmeisterschaft mit seiner Qualität, mit seinen Toren, mit seiner Persönlichkeit geprägt.“Maradonas erstes Finale ist eigentlich das Viertelfinale. Argentinien trifft am 22. Juni 1986 im Aztekenstadion von Mexiko-City auf die „Three Lions“. Revanche. England hat Argentinien wenige Jahre zuvor im berühmt-berüchtigten Falklandkrieg eine schmerzhafte militärische Niederlage zugefügt. Es ist das erste Länderspiel zwischen beiden Kontrahenten seitdem. Maradona gibt in der Pressekonferenz vor dem Spiel den Diplomaten: ,,Ich habe nichts gegen die Engländer. Man darf Politik und Fußball nicht vermischen.“ Insider wissen es zu diesem Zeitpunkt, „El Diego“ gibt es einige Jahre später zu: Alles Theater. In Wirklichkeit will Maradona nichts anderes als den Sieg gegen England. Die Partie wird zu einem mystischen Spiel der WM-Historie. „Mit dem England-Spiel stimmte irgendetwas nicht, es hatte nicht die Atmosphäre eines normalen Länderspiels“, sagt Argentiniens Weltmeister-Coach Dr. Carlos Bilardo, „da war noch etwas Anderes.“ Eine ungeheure Dramaturgie, wie der ehemalige englische Nationalspieler Peter Reid findet. „Es war das entscheidende Spiel der WM“, ist Reid sicher.

Der Schlüsselmoment in der 51. Minute: England fälscht einen Ball in Richtung eigenes Tor ab, Keeper Peter Shilton steigt hoch, um den Ball aus der Gefahrenzone zu boxen, ist aber einen Tick langsamer im Luftduell als Diego Maradona. Niemand sieht, dass der nur 1,67 m große Argentinier den Ball mit der Hand ins Netz lenkt. Careca, mit Maradona und Neapel später UEFA-Cup-Sieger, sieht es so: „Er hatte die Hand nahe am Körper, deshalb hat es niemand gesehen, dass es Handspiel war.“ Auch für Maradonas Erzrivalen Pelé hat der Treffer nichts Ehrenrühriges: „Er tat es aus dem Moment heraus und es war gut für sein Team.“

Diego Armando Maradona hat die tausend Fragen zu diesem Tor und diesem Schelmenstreich irgendwann satt. „Es war die Hand Gottes und der Kopf Maradonas“, sagt er zum berühmtesten Handspiel der Fußballgeschichte. Er gibt seinem Tor-Betrug einen Namen – und macht später, als es ihm nach mehreren Entziehungskuren richtig dreckig geht, mit dem argentinischen Sänger Rodrigo sogar ein Lied daraus. „La mano de dios“, die Hand Gottes, ist sein Titel. Wenn der 2000 mit nur 27 Jahren tödlich verunglückte Rodrigo und der stark aufgeschwemmte Maradona den Song auf der Bühne anstimmen, hat das etwas unendlich Trauriges. „Marado, Marado – Die Hand Gottes wurde geboren und sie brachte diesem Land Freude“, lautet der Refrain. Ungefähr zur gleichen Zeit, 2005, gesteht Diego erstmals, den Ball mit der Hand ins englische Tor gelenkt zu haben. Beim Anblick des Dicken vermuten die Argentinier nun ihrerseits Verschwörung. Ihre Vermutung: Es handelt sich gar nicht um Diego Maradona, sondern um irgendein Double. Der echte Maradona, so der landläufige Glaube, sei von den Engländern entführt worden und würde an einem unbekannten Ort gefangen gehalten. Man könnte sicherlich darüber lachen, wenn es nicht bittere Ironie wäre.„La mano de Dios“ und eine Freude, die Argentinien seitdem nie wieder bei einer Fußball-WM gespürt hat. Nie mehr seit 1986, seit dem Finalsieg gegen Deutschland in Mexiko-City, brachten die Südamerikaner mehr als eine Hand an den Pokal.

Der argentinische Soziologe Pablo Alabarces wertet Maradonas Aktion so: „In der argentinischen Öffentlichkeit wird das nicht als Betrug wahrgenommen, sondern als Cleverness.“ In England sieht man das bis heute ein wenig anders.

Gary Lineker, WM-Torschützenkönig von 1986 und heute Moderator bei BBC: „Ich habe das nicht gesehen, ich habe Shilton rauslaufen gesehen.

Ich habe oft mit meinen Mannschaftskameraden von damals gesprochen. Sie sind noch immer verbittert. Sie werden Maradona nie vergeben.“
Die Faktoren, die Fußball-Skandale möglich machen, greifen bei einer Europameisterschaft in ähnlichem Maße wie bei einer WM. Blackouts, oft als Folge eines wahren Adrenalin-Rauschs, der sich im Laufe von 90 oder 120 packenden Minuten abspielt, in der Hitze des Gefechts getroffene, selten logische Verbands-Entscheidungen, Schiedsrichter unter Druck und überbordende Reaktionen von Fans und Medien.

Beste Zutaten, um dem mit weitaus weniger Glanz gesegneten EM-Turnier, das seit 1960 in verschiedenen Modi ausgetragen wird, den richtigen Anstrich zu geben. 1968, bei der dritten Auflage des Turniers in Italien, wird sogar der Modus selbst Bestandteil eines Skandals.

Ein Aspekt rückt bei der EURO mehr in den Fokus als bei der WM. Die inner-europäischen Fußball-Rivalitäten. Deutschland gegen England, Holland oder Österreich – diese Spiele kennen wir alle auch von der WM. Aber bei der Europameisterschaft rappelt es bei diesen Begegnungen eben wie zu Hause im Wohnzimmer. „Die Mannschaft“ gegen die „Three Lions“ im belgischen Charleroi, das ist eine ganz andere Nummer als Jenseits von Afrika, 2010 in Bloemfontein. Das hat Europacup-Charakter – und lässt Raum für Mythen und Legenden. Im ewig jungen Duell mit den Österreichern ist Wien 2008 nach der „Schmach von Cordoba“ 1978 und der „Schande von Gijon“ („El Anschluss“ / Siehe WM-Skandale) sozusagen „Episode III“ dieses Klassikers. Das gilt auch für das Duell Deutschland gegen Holland, das auf WM-Ebene 1974 und 1990 Geschichte geschrieben hat. 1988 wird es auch bei der Europameisterschaft richtig schmutzig. Endlich, dürften Hardliner sagen, denn 1980 in Italien, beim 3:2 der deutschen Mannschaft gegen die „Elftal“ bleibt alles skandalfrei.

Die „Grande Nation“ Frankreich steht bis 2021 zwei Mal ganz oben – Skandalfrei bleibt sie allerdings nicht. Im Gegenteil: Ein französischer Superstar liefert eine Affäre ohne jeden Vergleich ab. Hier sind die fünf größten EURO-Skandale aller Zeiten.„Die Mannschaft“ und ihr Coach Joachim Löw sind ab 2006 das scheinbar perfekt durchgestylte Vorzeigeprodukt des deutschen Fußballs. Pflegeleicht, authentisch, unverbindlich, die Weltmeister von nebenan.

Bundestrainer Joachim Löw („Mit högschder Disziplin“) lebt diese Einstellung vor. An der Seitenlinie und in den Interviews gibt sich der Badener oft generös, beinahe staatsmännisch. Selten bis nie wird er, selbst in brenzligen Situationen, allzu emotional. Der Espresso-Trinker ist die Ruhe selbst.

Das ändert sich am 16. Juni 2008 in Wien. Im Ernst-Happel-Stadion kommt es am dritten Spieltag der Gruppe B zum Showdown zwischen EURO-Co-Gastgeber Österreich und Deutschland. Die ÖFB-Auswahl, die mit nur einem Punkt (1:1 gegen Polen) in diese entscheidende Partie geht, kann mit einem Sieg für ein „zweites Cordoba“ sorgen und den favorisierten großen Nachbarn 30 Jahre danach wieder aus einem großen Turnier kegeln.

Es steht nicht gut um „Die Mannschaft“. Sie hat den Vorteil nach dem 2:0-Starterfolg gegen Polen mit einem 1:2 gegen Kroatien direkt wieder aus der Hand gegeben.Der erblondete Führungsspieler Bastian Schweinsteiger hat gegen die Kroaten Rot gesehen und kann nicht helfen. Er plauscht in Wien auf der Ehrentribüne mit Kanzlerin Dr. Angela Merkel, die ARD-Kommentator als „Libero zwischen den Welten“ einpreist. Was auch immer damit gemeint sein mag… Das Spiel beginnt jedenfalls mit einer unfassbaren Torchance für die deutsche Mannschaft – und Riesen-Gelächter im weiten Rund. Mario Gomez gelingt nach fünf Minuten es nicht, den Ball aus weniger als einem Meter Entfernung im Tor von Jürgen Macho unterzubringen. Die Stadion-Regie in Wien verstärkt diesen Effekt, in dem sie die Szene kurz darauf auf der Video-Anzeigetafel wiederholt. „Die deutsche Mannschaft hat sich einen schlechten Dienst erwiesen, indem Gomez dieses Tor nicht macht, das ist ja unglaublich, dass er den Ball nicht über die Torlinie gebracht hat“, sagt ein sichtlich geschockter TV-Experte Günter Netzer in der Halbzeitpause.

Ebenfalls kein Verständnis hat der Europameister von 1972 und aus der Tiefe des Raumes kommende Spielgestalter a. D. für die Aktion von Schiedsrichter Manuel Mejuto González aus Spanien. „Das hat die Stimmung noch aufgehetzt“, ist Netzer sicher. Der spanische Referee schickt in der 41. Minute beide Trainer, den Disziplinfanatiker Joachim Löw auf deutscher Seite, und den ebenfalls nicht für Temperamentsausbrüche bekannten Österreicher Josef „Pepi“ Hickersberger, auf die Tribüne. Ein Skandal.

Was ist passiert? Löw und Hickersberger liefern sich in der Coaching Zone ein verbales Scharmützel. Aber eben eines, wie es in einem „Endspiel“ wie diesem 100-mal vorkommt. Keine Schreierei, keine abfälligen Gesten. „Sowas gehört zum Fußball dazu“, lautet die entsprechende Floskel. „Ich bin ein absoluter Gegner davon, dass die Schiedsrichter sich zur Hauptperson eines so wichtigen Spiel machen, da kann nicht Derartiges passiert sein, dass beide auf die Tribüne müssen! Das ist eine Nummer zu groß“, hat Günter Netzer eine klare Meinung. Er hätte auch sagen können: Was der Schiedsrichter da gemacht hat, grenzt an Profil-Neurose.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit übernimmt einer, der sich ab November 2019 auch als Chefcoach des FC Bayern München einen Namen machen wird: Löws Assistent Hans-Dieter Flick. Der Tribünen-Jogi und der ebenfalls auf die besten Plätze verbannte Hickersberger sehen derwall äh… derweil in der 49. Minute die spielentscheidende Szene aus einer anderen Perspektive. DFB-Kapitän Michael Ballack jagt einen Freistoß aus mehr als 20 Metern ins rechte obere Tor-Dreieck, 1:0, Deutschland ist im Viertelfinale. Löw, DFB-Manager Oliver Bierhoff und der gesperrte Schweinsteiger gehen oben auf der Tribüne ebenso aus dem Sattel wie die deutschen Fans im Ernst-Happel-Stadion und auf den Public-Viewing-Plätzen.„Wir hatten keinen Disput miteinander“, stellt Löw im anschließenden Interview in der Mixed Zone klar, „wir wollten uns einfach nur frei bewegen, wie es uns zusteht. Letzten Endes wissen wir beide nicht, warum wir des Feldes verwiesen worden sind.“

Die UEFA stützt jedoch die Entscheidung ihres Referees. Die Reaktion des Verbandes lässt nicht lange auf sich warten. Sie kommt einen Tag vor dem Viertelfinale am 19. Juni 2008 gegen Portugal in Basel. Bundestrainer Joachim Löw muss diese Partie von der Tribüne aus verfolgen.

„Die Kontroll- und Disziplinarkommission des Europäischen Fußball-Verbandes (UEFA) hielt an der Sperre für ein Spiel fest und sorgte damit vor dem K.-o.-Spiel für einen zusätzlichen Schock und reichlich Ärger im Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft“, schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu. „Das ist eine traurige Entscheidung, schlecht für den Fußball und für mich unverständlich“, kritisiert Team-Manager Oliver Bierhoff.

Ohne Löw und erneut mit Flick an der Seitenlinie, liefert „Die Mannschaft“ nun im St.-Jakob-Park von Basel ihr bestes Spiel bei diesem Turnier: 3:2 dank der Tore des ins Team zurückgekehrten Schweinsteiger, Miroslav Klose und Ballack. Was macht Löw? In einer der Logen des Stadions verfolgt er die Partie – und kehrt zur Coolness zurück. Der Bundestrainer raucht in „högschder Gemütsruhe“ die Sieger-Zigarette.Die EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden ist das erste Turnier, das in diesem Wettbewerb in zwei Ländern ausgespielt wird. Für den Nachbarn aus Deutschland wird es zum historischen Desaster.

Zwischen dem Abgang des nie wirklich glücklich wirkenden Europameister-Trainers Berti Vogts im September 1998 und dem „Aus“ gegen die B-Elf von Portugal am 20. Juni 2000 in Rotterdam liegen 21 Monate, die ein Fest für alle Kritiker und Hater des deutschen Nationalteams sind. Es beginnt mit dem wohl berühmtesten One-Night-Bundestrainer und endet mit einer peinlichen Party bei einem In-Italiener in Köln im Anschluss an die Pleite gegen die Portugiesen.

Der Mann, der sich für eine Nacht als Bundestrainer fühlen darf, ist einer, der in Sachen Kritik immer „den Finger in Wunden gelegt hat, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären“: Paul Breitner. Der Europameister von 1972 hat in Sachen DFB selten ein Blatt vor den Mund genommen. Mitte September 1998 klingelt bei den Breitners in Brunnthal abends gegen halb Neun das Telefon. „Papa, ein Herr Braun ist dran“, meldet Breitners Sohn Max, damals 17, das Telefonat. Der 73-jährige DFB-Präsident Egidius Braun sucht einen neuen Bundestrainer – und er macht Breitner das Angebot, diesen Job zu übernehmen. „Mir hab scho a Spaß g’habt dahoam“, frohlockt Max Breitner, „es kommt ja net oft vor, dass der Vater Bundestrainer wird.“ Breitner Senior fragt sich indes: „Bin ich wahnsinnig?“ Er ist es nicht! Der Mann, der dem jovialen Aachener Braun jegliche Kompetenz abgesprochen hat, soll jetzt den deutschen Fußball retten? Breitner ist bereit – doch Braun rudert zurück. „Vergessen Sie es“, scheint dem greisen DFB-Boss rund 24 Stunden dann doch Breitners Scharfzüngigkeit noch einmal eingefallen zu sein. Bevor er Breitner angerufen hat, empfängt er in Aachen dessen Ex-Mitspieler Jupp Heynckes. Der ist trotz Champions-League-Sieg bei Real Madrid gefeuert worden, lehnt aber trotzdem ab.

Am 9. September 1998 präsentiert Braun dann doch einen Vogts-Nachfolger. Einen, der in Deutschland nach mehr als zweijähriger Abstinenz nach seiner Entlassung bei Bayer Leverkusen kaum noch im Bewusstsein der Fans ist: „Sir“ Erich Ribbeck. Der smarte Rheinländer wird vom DFB aus der Rente auf Teneriffa geholt. Er bringt Uli Stielike mit, der mit einem dezent modischen Sakko zur Vorstellungs-Pressekonferenz in Frankfurt erscheint. Stielike wird beim EM-Desaster 2000 allerdings nicht mehr dabei sein.

Unter Trainer-Veteran Ribbeck quält sich die deutsche Mannschaft regelrecht durch die Qualifikation. Beim 0:0 gegen die Türkei im letzten Quali-Spiel im Münchner Olympiastadion erlebt sie im Oktober 1999 das nächste Desaster. In der WM-Arena von 1974 sind mehr türkische als deutsche Fans, die die DFB-Auswahl gnadenlos auspfeifen. Bei der Endrunde in Holland und Belgien setzt Renten-Ribbeck auf Lothar Matthäus, der seinerseits mit 39 Jahren vor der Fußball-Rente steht. Neben der Türkei ist Deutschland das einzige Team bei der EURO, das noch mit dem veralteten System mit Libero antritt. Das 1:1 gegen Rumänien zum Start ist kaum zum Anschauen. Mehmet Scholl rettet Deutschland mit dem einzigen Tor in diesem Turnier schon vor dem Duell gegen die Engländer vor dem Fehlstart.Am 17. Juni 2000 kommt es im belgischen Charleroi zum ewig jungen Duell mit den „Three Lions“. Die Engländer haben sich erst über die Playoffs gegen Schottland (2:0 / 0:1) zur Endrunde gezittert. Sie nehmen erfolgreich Revanche für das „Aus“ bei der Heim-EM 1996 im Elfmeterkrimi gegen Deutschland.

Alan Shearer entscheidet das glanzlose Spiel mit dem 1:0 für England – und lässt die Insel-Presse jubeln. „Wir habens geschafft. Und so kam es denn, in der einfachen und simplen Stadt Charleroi, dass die Fußballer Englands endlich ihren ältesten und unbequemsten Geist verbannten. Glorreich“, jubelt der Mail on Sunday. „Ausschreitende Fans nehmen den Glanz von Englands Sieg. Shearer zerschmettert den deutschen Fluch. Nur Tränen als Souvenirs für Deutsche. Captain Marvel (Shearer) feuert ein Tor und gegen seine Kritiker“, schreibt die Sunday Times. In Charleroi hat es vorab Schlägereien zwischen deutschen und englischen Fans im asterixinischen Ausmaß gegeben. Ein tieferer Tiefpunkt, um es mit Günter Netzer zu sagen…

Aber: Auch das passt zu diesem unglückseligen Turnier. Der im Team umstrittene Ribbeck hat vor dem letzten Spiel gegen Portugal nur noch wenig zu melden. Bei seinen Monologen in der Pressekonferenz („Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen. Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, dann werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen.“) weiß man selten, ob man im richtigen Film ist…

Um das Viertelfinale noch zu erreichen, bräuchte Deutschland einen Erfolg gegen die Portugiesen um ihren überragenden Spielmacher Luis Figo, und zeitgleich einen Sieg Rumäniens gegen die Engländer. Das ist ein bisschen zu viel Spielglück für ein Team, das kein Spielglück verdient hat und das zu keinem Zeitpunkt in dieser Endrunde bereit war, sich dieses zu erarbeiten. Wer Jens Jeremies, Carsten Jancker oder den eingebürgerten Brasilianer Paulo Rink durch das Turnier stolpern sieht, denkt in diesen Tagen an vieles, aber sicher nicht daran, dass diese Mannschaft zwei Jahre später im WM-Finale von Yokohama steht… 0:3 heißt es am Ende durch drei Tore von Sergio Conceicao und die ultimative Demütigung folgt in der 90. Minute. Portugals Nationalcoach Humberto Coelho tauscht Torhüter Pedro Espinha, ohnehin schon die Nummer zwei hinter dem legendären Vitor Baía, gegen den dritten Keeper Quim aus.

Bei der deutschen Mannschaft hätten an diesem Abend elf Auswechslungen nicht gereicht. „Ich habe schon viel erlebt in meiner Karriere, aber das war das Bitterste. Ich schäme mich“, sagt DFB-Torhüter Oliver Kahn anschließend. Ob der Bayern-Keeper bei der nächtlich-peinlichen Sause seiner Teamkollegen in einem italienischen Restaurant in Köln dabei ist, ist nicht überliefert.14 Jahre lang hat der Stachel der Niederlage im WM-Finale 1974 in München bei den niederländischen Spielern und Fans gewuchert.

1:2 gegen Franz Anton (Franz) Beckenbauer und Co. trotz überlegen geführter Partie, der Lohn für die „goldene Generation“ der Niederlande um „König“ Johan Cruyff(† 2016), Johan Neeskens oder Arie Haan bleibt in den Trikots hängen. 1988 hat „Oranje“ eine neue, hungrige Mannschaft, die es in Deutschland besser machen will als ihre großen Vorgänger.

Angeführt von dem seit 1987 für den AC Mailand spielenden Kapitän Ruud Gullit und mit dem überragenden, ebenfalls für Milan stürmenden Marco van Basten verfügt man vor der EURO 1988 in der BR Deutschland über zwei der besten Spieler ihrer Zeit, die das Team mitreißen werden. An der Seitenlinie steht einer, der die Schmach von München nie verwunden hat: Rinus Michels († 2005). Der „General“ unnahbar, distanziert in der Menschenführung und hartem Trainingsstil, ist weder bei Bayer Leverkusen noch beim 1. FC Köln als Bundesliga-Trainer in guter Erinnerung geblieben. „Rinus Michels konnte nie nett sein“, erinnert sich das Kölner Torwart-Idol Toni Schumacher. 1984 ist der Vize-Weltmeistercoach von München ´74 beim Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (KNVB) wieder eingestiegen. Zunächst als Technischer Direktor, dann ab Oktober 1984 als Nachfolger von Kees Rijvers.

Rinus Michels will Revanche. Und diesen Gedanken impft er seinen Spielern ein. Neben Gullit und van Basten gehören Torhüter Hans van Breukelen, der spätere Bayern-Profi Jan Wouters und Frank Rijkaard zu seinen Leistungsträgern. Und einer, dem Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes am Hintern vorbei geht: Ronald Koeman.Die Holländer sind schwach ins Turnier gestartet. Am 12. Juni 1988 verlieren sie in Köln überraschend mit 0:1 gegen die UdSSR. Dass diese Partie auch die Finalpaarung sein wird, ahnen zu diesem Zeitpunkt nur die wenigsten. „Oranje“ zieht drei Tage später in Düsseldorf groß auf: 3:1 gegen England – van Basten landet dabei einen Hattrick. Ein abseitsverdächtiges Tor von Wim Kieft gegen den Neuling aus Irland (1:0) in Gelsenkirchen bringt die Niederlande ins Halbfinale, wo der Erzrivale Deutschland der Gegner sein wird.

Die von Franz Anton (Franz) Beckenbauer trainierte DFB-Auswahl hat sich kontinuierlich gesteigert, nach 1:1 gegen Italien gibt es zwei Mal ein 2:0, gegen Dänemark und Spanien. Aber: Hamburg, Spielort im Halbfinale, ist seit der WM 1974 kein gutes Pflaster für das Team. Auf ewig wird das Volksparkstadion mit der 0:1-Niederlage gegen die DDR verbunden sein. Die Szene, die die Fußball-Rivalität Niederlande gegen Deutschland zementiert, spielt sich am 21. Juni 1988 ebenfalls im Hamburger Volksparkstadion ab. „Wir fressen sie auf!“, brüllt Oranje-Kapitän Ruud Gullit vor Spielbeginn. Deutschland geht durch Lothar Matthäus per Elfmeter zwar in Führung, doch die Wirkungstreffer landen die Gegner aus dem Nachbarland. Ein spätes Tor von Marco van Basten (88.), der einen Schritt schneller ist als sein Bewacher Jürgen Kohler, hat die Niederlande ins Finale gebracht – 2:1! Während die während der gesamten 90 Minuten deutlich lautstärker agierenden niederländischen Fans auf den Tribünen tanzen, wischt sich Abwehrchef Ronald Koeman, Torschütze zum 1:1 per Elfmeter, nach dem Trikot-Tausch mit dem Jersey von Olaf Thon über den Hintern. Ein Affront.

Eine Sperre gibt es nicht, obwohl diese üble Szene genauso im Bild festgehalten ist, wie Rijkaards Spuck-Attacke gegen Rudi Völler zwei Jahre später im WM-Achtelfinale (siehe WM-Skandale). „Vor 30 Jahren zeigte der heutige Bondscoach in Hamburg seinen Hass“, schreibt die Zeitung Hamburger Morgenpost im Juni 2018 anlässlich des 30. Jahrestages des Skandals über Ronald Koeman.Auf der Tribüne zeigt ein Radioreporter den deutschen Kollegen sein entblößtes Hinterteil. „Lothar, Lothar, alles ist vorbei“, singt die „Elftal“ in der Kabine, als Teamchef Franz Beckenbauer zum Gratulieren kommt. Dabei ist es der Franz, nicht der Lothar…

In den Niederlanden bordet die Begeisterung der Medien über und man weiß nicht, welche Substanzen beim Texten dieser Schlagzeilen geraucht werden: Die Zeitung De Telegraaf titelt: „Endlich Rache!“ Und der Poet Jules Deelder schreibt: „Sie, die fielen, erhoben sich jauchzend aus ihrem Grab.“ Von „Fußball-Krieg“ ist gar die Rede.

„Das war ja damals der pure Hass“, erinnert sich Olaf Thon, der sich beim Trikot-Tausch mit Koeman sicher nichts Böses gedacht hat, „ich habe immer gesagt: Besser, er wischt sich mit dem Trikot den Hintern ab, als dass er mir von hinten in die Achillessehne tritt.“ Zu einem versöhnlichen Treffen sei es seither nicht gekommen, auch wenn dies mal beabsichtigt gewesen sei. Koeman hat die Aktion später öffentlich bereut.

Für Thon ist es auch nach Jahren „verständlich, dass ich noch heute mit dieser Geschichte konfrontiert werde. Vergessen wird man das wohl nie“. Hamburg ist Teil eins der holländischen Fußball-Revanche. Am 25. Juni 1988 holen Gullit und sein Team mit einem 2:0 gegen die UdSSR den EM-Titel. In München, wo Holland 14 Jahre zuvor seinen bittersten Fußballtag erlebt hat. Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird…Dino Zoff ist bis heute der einzige italienische Spieler, der Welt- und Europameister geworden ist. Am 6. Juni 1968 steht der Torhüter vom SSC Neapel bei einer der kuriosesten und im Nachgang skandalösesten EM-Entscheidungen auf dem Rasen.

Im Stadio San Paolo in Neapel, Zoffs Wohnzimmer, trifft Italien bei der Heim-EM im Halbfinale auf die Sowjetunion, den ersten Europameister von 1960. Die Arena, die erst durch das Wirken von Superstar Diego Armando Maradona beim SSC Neapel (1984 – 1991) zur Fußball-Kultstätte wird, erlebt eine unglaubliche Entscheidung.

Wirklich vorstellen, dass es so kommt, kann sich dies vor Spielbeginn sicherlich keiner der 68.000 Zuschauer im weiten Rund. Zuvor ist es um die Stimmung der nur fünf Spiele (das Finale muss wiederholt werden) umfassenden Endrunde nicht gerade überragend.

Zu tief sitzt in Italien noch die Schmach vom bitteren WM-„Aus“ 1966 gegen Nordkorea in der Vorrunde. Zudem wird das Land von Studentenunruhen und politisch motivierten Gewalttaten erschüttert. „Der italienische Fußball machte 1968 eine schwere Zeit durch“, erklärt Dino Zoff Jahre später in der Dokumentation UEFA EURO – The Official History, „deshalb war die Atmosphäre um uns herum nicht gut.“In so einer Umgebung fällt es schwer, Begeisterung zu erzeugen. Die deutsche Fußball-Öffentlichkeit nimmt von dem Turnier ohnehin kaum Notiz. Die DFB-Elf ist in Italien gar nicht erst dabei. In der Qualifikation hat sich die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön am 17. Dezember 1967 beim 0:0 in Albanien, der „Schmach von Tirana“, die bis 2020 größte Blamage erlaubt – und erstmals eine EM- oder WM-Endrunde auf sportlichem Weg verpasst. Aber das ist eine andere Geschichte im EM-Schwarzbuch…

Die unglaublichste Story dieser EURO schreibt Italien. Im Regen von Neapel wird das mit Spannung erwartete Spiel gegen die Sowjets im Regen von Neapel zu einer Nullnummer. Es sieht nicht gut aus für Italien. Giovanni „Gianni“ Rivera verletzt sich schon nach fünf Minuten am Oberschenkel. Der Spielmacher des AC Mailand muss 120 Minuten humpelnd durchhalten, weil 1968 noch keine Auswechslungen erlaubt sind.

Dem Druck der UdSSR halten die „Azzurri“ dennoch stand – und zwar dank Dino Zoff, dem die Tifosi später den Ehrentitel „Dino Nazionale“ geben werden, da er an vier Weltmeisterschaften teilnimmt und 112 Länderspiele für Italien absolviert. Bei jeder Parade jubeln die Fans in San Paolo wie bei einem Torerfolg der italienischen Mannschaft.

„Die wichtigste Sache war, dass die Fans hinter uns standen“, erinnert sich Dino Zoff, „sie haben die Sowjets bei jedem Ballkontakt ausgebuht.“ Nach 90 Minuten gibt es keinen Sieger: 0:0. Verlängerung.Als Inter Mailands Angelo Domenghini kurz vor dem Ende der Verlängerung den Pfosten trifft, ist klar: Die Entscheidung muss auf andere Weise fallen. Die UEFA-Statuten sehen etwas Einmaliges vor: Das Weiterkommen ins Finale wird per Münzwurf entschieden. Ein Wiederholungsspiel ist bei dem knappen Zeitplan – das Turnier mit nur vier Teilnehmern wird inklusive Final-Wiederholung in nur fünf Tagen über die Bühne gezogen – nicht drin.

Aber noch ist nicht klar, wer Jugoslawien (1:0 gegen England in Florenz) im Finale fordern wird. Der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher bittet nun die beiden Kapitäne, Italiens Giacinto Facchetti († 2006) und UdSSR-Teamführer Albert Alexejewitsch Schesternjow († 1994) in den Spielertunnel. Er zieht eine 10-Francs-Münze hervor und bittet Facchetti, dem im Team ein gewisses Geschick für Glücksspiel nachgesagt wird, und den Russen Schesternjow, ihre Wahl zu treffen. Kopf oder Zahl, das ist die Frage! Albert Schesternjew wählt Zahl, Giacinto Facchetti Kopf. Als Tschenscher die Münze auf seinen Handrücken knallt, hat Facchetti gewonnen. Kopf. Jubelnd stürmt er aus den Stadion-Katakomben.

„Wir waren im Spielertunnel und jeder hatte seine Ohren gespitzt“, erinnert sich Italiens Stürmer Pierino Prati (AC Mailand), „dann hörten wir den Jubel von Facchetti und dass wir es ins Finale geschafft hatten.“ Mit dem Trikot wedelnd, signalisiert Facchetti den Tifosi im Stadion: „Wir sind im Endspiel“. Am 10. Juni 1968 wird Italien durch ein 2:0 im Final-Wiederholungsspiel Europameister. Der Makel des Münzwurfs aber bleibt. Letztlich ist es ein Skandal geblieben. Ein Skandal, der wenige Jahre später für die Einführung des Elfmeterschießens sorgt.Der französische Nationalspieler Karim Benzema hat sich Monate vor der Heim-EM 2016 selbst ins Abseits gestellt. Seine Verstrickung in die Erpressung seines Mitspieler Mathieu Valbuena kostet ihn das Turnier – und macht ihn bei der „Equipe Tricolore“ zur Persona non Grata. Keiner von uns!

Im Oktober 2019 hat Didier Deschamps endgültig genug. Der Weltmeister-Trainer Frankreichs spricht vor dem richtungweisenden EM-Qualifikationspiel gegen die Türkei (1:1) ein Machtwort und macht die Tür zur Nationalmannschaft für Karim Benzema von Real Madrid ein für allemal zu.

Der 81-fache französische Nationalspieler, 2014 in Brasilien gegen Honduras Schütze des ersten Treffers, der bei einer WM oder EM-Endrunde mittels Torlinientechnik bestätigt wird, ist raus. Endgültig. Zuvor ist seine Personalie immer wieder von den Medien auf den Tisch gebracht worden. Benzema hat sich zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt zu einer Affäre bekannt, die an Schäbigkeit ihres gleichen sucht. Der hoch bezahlte Profi von Real Madrid, der bei den ,,Königlichen” sicher nicht in Lumpen gehen muss, hat seinen ehemaligen Nationalmannschafts-Kollegen Mathieu Valbuena erpresst. Nun kennt die „Equipe Tricolore“ auch die Skala zwischen Genie und Wahnsinn. Der unberechenbare Zinedine Zidane bei den Weltmeisterschaften 2006 und 1998, die „Spieler-Meuterei“ 2010 in Südafrika, es soll einer sagen, Frankreichs Nationalteam ist langweilig! Aber Karim Benzema liefert für die „Grande Nation“ sozusagen den „grande Scandal“.

Im Oktober 2015 wird Benzema bezüglich eines Erpressungsversuches mit einem Sex-Video gegen Mathieu Valbuena vor einen Untersuchungsrichter zitiert und am 5. November gleichen Jahres wegen „Mittäterschaft bei einem Erpressungsversuch und Mitwirken in einer kriminellen Vereinigung“ angeklagt. Ihm wird durch Gerichtsbeschluss jeglicher Kontakt zu Valbuena untersagt. Am 11. Dezember 2015 wird Benzema aufgrund dieser Sachlage vom Französischen Fußballverband (F. F. F.) bis auf weiteres aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Die Heim-EM 2016 findet ohne den mehrfachen Champions-League-Sieger statt.Der Stürmer mit algerischen Wurzeln ist schon vorher aktenkundig geworden. Benzema wird in Frankreich bereits 2009 angeklagt, in einem Münchener Hotel Sex mit einer minderjährigen Prostituierten (dies ist strafbar nach Artikel 225-12-1 des Code pénal) gehabt zu haben. Mitangeklagt aus gleichem Grund sind auch sein Nationalmannschaftskollege Franck Ribéry vom FC Bayern sowie dessen Schwager. Im Unterschied zu Ribéry bestreitet Benzema allerdings jeglichen sexuellen Kontakt zu der Betreffenden. Der Strafprozess wird nach mehrmonatiger Unterbrechung im Januar 2014 abgeschlossen. Alle 3 Männer werden freigesprochen, da keinem – so auch die Ansicht der Staatsanwaltschaft – nachzuweisen ist, dass sie sich der Minderjährigkeit der Prostituierten bewusst waren. Das rettet sie vor dem Gefängnis.

Diese und andere Pikanterien hat Didier Deschamps wohl im Hinterkopf, als er sich klar zu Benzema äußert. „Es ist eine sportliche Entscheidung. Ich glaube einfach nicht, dass seine Nominierung gut wäre für das Nationalteam. Meine Entscheidungen fälle ich, indem ich darüber nachdenke, was das Beste im Interesse Frankreichs ist – und was es bedeutet, unser Land zu repräsentieren. Und das ist alles”, sagt der Mann, der Frankeich als Spieler und als Coach 1998 und 2018 zum Weltmeistertitel führt.

Blicken wir auf die „Version“ von Karim Benzema. Der Stürmer, dem in seiner Länderspielkarriere 27 Treffer gelingen, behauptet nach seiner Suspendierung aus dem Nationalteam, Deschamps habe sich dem ,,Druck des rassistischen Teils von Frankreich gebeugt”. Im Januar 2019 wehrt sich Deschamps dagegen vehement: ,,Das werde ich nie vergessen. In dem Moment ist eine Grenze überschritten worden. Ich wähle französische Spieler aus, alle sind Franzosen, und es ist noch nie vorgekommen, dass ich jemanden nicht nominiert habe aufgrund seiner Hautfarbe oder Religion.” Außerdem stellt ,,der kleine General” klar: „Es gibt nur eine Wahrheit im Leben. Es kann verschiedene Versionen geben, aber nur eine Wahrheit. Ich habe ein großes Problem mit denjenigen, die glauben wollen, das sei die Wahrheit.“

Der französische Fußball-Nationalverband stützt im November 2019 die Entscheidung von Deschamps. Dass der nach Mitwirken bei einem Erpressungsversuch seines ehemaligen Mitspielers Mathieu Valbuena verbannte Stürmer Karim Benzema nie wieder für Frankreich auflaufen wird, bestätigt Verbandspräsident Noel Le Graët vor dem abschließenden Spiel des Weltmeisters in Gruppe H in Tirana gegen Albanien (0:2). „Karim Benzema ist ein sehr guter Spieler, ich habe seine Qualitäten nie in Frage gestellt“, erklärt Le Graët, „im Gegenteil, er zeigt bei Real Madrid, dass er einer der besten Spieler auf seiner Position ist. Aber das Abenteuer mit Frankreich ist vorbei.“

Bis zu seiner Suspendierung liegt Benzema verbandsintern unter den Top 10 der Torschützen in der französischen Nationalmannschaft. In 81 Länderspielen hat er 27-mal getroffen, letztmals am 8. Oktober 2015, in seinem letzten Länderspiel gegen Armenien (4:0). Öffentlich gezofft hat sich Benzema mit Le Graët schon vor dessen endgültigem „Non“ zur Nationalmannschafts-Rückkehr. „Noël, ich dachte, Sie mischen sich nicht in die Entscheidungen des Nationaltrainers ein! Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich es bin und nur ich, der meine internationale Karriere beenden wird“, schreibt Benzema damals bei Twitter, „wenn Sie glauben, dass ich fertig bin, lassen Sie mich für eines der Länder spielen, für die ich berechtigt bin, und wir werden es sehen.“

Benzema könnte aufgrund seine algerischen Herkunft sowie seiner mehr als zehnjährigen Tätigkeit bei Real Madrid – „die Königlichen“ zahlen 2009 mehr als 35 Millionen Euro für seine Dienste an Olympique Lyon – sowohl für Algerien als auch für Spanien auflaufen. Das macht wenig Sinn: Benzema hat bereits für Frankreich bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie bei den Weltmeisterschafts-Endrunden 2010 und 2014 gespielt. Bon Voyage!


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