WM 1938: Großdeutsch in die Pleite



Wiener Kreisel, Ruhrpott-Stars und Franken-Ikonen ging nicht zusammen

Großdeutsch in die WM-Pleite 1938.
Großdeutsch in die WM-Pleite 1938. Foto: Imago Images

Die Weltmeisterschaft 1938 kommt für Österreichs ambitionierte Nationalmannschaft zu spät. Nach dem „Anschluss“ an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 ist im österreichischen Fußball nichts mehr, wie es einmal war. Die folgende WM in Frankreich wird zu einem einmaligen, historischen Fiasko.

Österreichs Fußballer sind bereits seit 1924 echte Profis. Matthias „Der Papierne“ Sindelar wirbt für Anzüge, Uhren und Molkereiprodukte. In Wien besitzt er später ein Café. Der Mittelstürmer Karl „Der Blade“ Sesta, wie sein Freund Sindelar Mitglied im legendären österreichischen „Wunderteam“ der frühen 1930er-Jahre, nimmt Schallplatten mit Wiener Liedern auf. Mit dem deutschen Einmarsch im März 1938 ändern sich die Dinge für die österreichischen Star-Kicker schlagartig.

Die Nazis verbieten nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich den „jüdischen“ Profifußball per Beschluss von 31. Mai 1938. Ihre „Vision“: Ein von Reichstrainer Sepp Herberger aufgestelltes „großdeutsches“ Team mit den Stars aus Wien, Schalke oder Nürnberg, das in Frankreich den ersten WM-Titel holt. Die WM-Premiere für Deutschlands 1934 ist mit Platz drei ein echter Achtungserfolg. Doch die neuen Machthaber wollen mehr.

Herberger bleibt nicht viel Zeit. Die Weltmeisterschaft beginnt am 4. Juni. Er muss bis dahin den mit einer Jüdin befreundeten Sindelar, aber auch andere österreichische Spieler für die „großdeutsche Mannschaft“ anwerben. Das misslingt. Sindelar provoziert die nationalsozialistischen Sport-Funktionäre bereits beim „Anschlussspiel“ am 3. April im Wiener Praterstadion mit einem Veitstanz vor der Ehrentribüne. Zuvor hat er als Kapitän angeordnet, dass die Österreicher noch einmal in ihrer traditionellen rot-weiß-roten Spielkleidung auflaufen. Sindelar weigert sich danach beharrlich, für das „großdeutsche Team“ zu spielen. Sesta oder Wunderteam-Kapitän Josef „Pepi“ Bican spielen ebenfalls nicht mit. „Der Papierne“ stirbt schon 1939 unter nie vollständig geklärten Umständen in Wien. Sesta wird 1941 mit 35 Jahren ältester Debütant aller Zeiten in der „deutschen“ Nationalmannschaft.

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Jubel über den 4:2 Sieg.
Jubel über den 4:2 Sieg. Foto: Imago Images

Ruhrpott-Malocher und Wiener Künstler verstehen sich nicht

Winer Kreisel, Schalke und Nürnberg - das passte nicht zusammen. Foto: Imago Images

Mit sechs Deutschen und fünf Österreichern reist Herberger schließlich nach Frankreich. Das Unternehmen „großdeutsches Team“ wird zum Albtraum. „Bundestrainer Sepp Herberger wurde von der NS-Regierung gezwungen, die Österreicher zu integrieren“, heißt es dazu bei dfb.de, „das WM-System und die Wiener Schule paaren, schien unmöglich.

Disziplinierte Kämpfer hier, schlampige Genies da – Feuer traf auf Wasser. Jeder Experte sah das. Doch Herbergers Proteste beim „Fachamt für Fußball“ in Stettin verhallten ungehört.“ Die Spieler sind zerstritten. Die Wiener gehen den Deutschen konsequent aus dem Weg. Die Schalker verulken die Österreicher mit Ruhrpott-Schimpfwörtern. Der Reichstrainer muss bis in die Nacht im Hotel Littre in Paris zermürbende Diskussionen um seine Aufstellung mit den NS-Funktionären führen.

Eine personelle Überraschung wie später bei der erfolgreichen WM 1954, wird ihm nicht gelingen. Er macht den Wiener Hans Mock, der zuvor noch kein Länderspiel gemacht hat, zum Kapitän seiner Zweckgemeinschaft, die nie eine Mannschaft ist.

Der heimliche Kapitän, Schalke-Idol Fritz Szepan, sitzt derweil schmollend auf der Tribüne. Szepan kommt nur einmal zum Einsatz. Der Mannheimer Stürmer Otto Siffling, dem 1937 im berühmten „Breslau-Spiel“ gegen Dänemark (8:0) in 32 Minuten fünf Tore gelingen, bleibt ganz draußen.

 

Die deutschen Fans werden angefeindet

Auch die deutschen Fans haben es in Frankreich nicht leicht. Die 2.000, mit Sonderzügen angereisten Anhänger werden schon bei der Ankunft in Paris angefeindet, beleidigt, bespuckt. Keiner mag die „neuen“ Deutschen. Vor dem Anpfiff des Achtelfinal-Spiels gegen die Schweiz am 4. Juni 1938 im Pariser Prinzenparkstadion regnet es faule Eier und Tomaten auf die Spieler herab.

Nach einem 1:1 nach Verlängerung muss fünf Tage später ein Wiederholungsspiel her. Die Schweizer gewinnen mit 4:2 – und „Großdeutschland“ ist blamiert. Für die gleichgeschaltete Presse sind es die Zuschauer, die im Hexenkessel des Prinzenparks erneut gegen die zusammengestoppelte Truppe Stimmung machen. „Wenn hier nach den Schuldigen zu fahnden ist, dann nur im Zuschauerraum“, glaubt die Fußball Woche.

Im umfangreichen Archiv von Sepp Herberger finden sich Notizen, die die Niederlage ganz anders deuten. Unter der Rubrik „Gründe für das Ausscheiden“ tritt Herberger übel gegen die Wiener nach.

„Der unzulängliche Einsatz unserer österreichischer Spieler in Szenen, wo alleine Kraft und kämpferisches Wollen ausschlaggebend gewesen wäre. Sie sind durch die Bank glänzende Spieler. Aber mit Spiel allein gewinnt man nicht. Am wenigsten eine Weltmeisterschaft.“

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