WM 1966: Wembley – Die Mutter aller Skandaltore



Das Wembley-Tor macht den Ersatzmann, Geoff Hurst, zum englischen Nationalhelden

Wembley-Tor 1966 - Der Ball ist nicht hinter der Linie. Foto: Imago Images

Das Wembley-Tor im WM-Finale 1966 war mehr als ein Skandal. Es fand Eingang in die Fußballsprache. Von der Kreisliga bis zum WM-Turnier weht seitdem bei einem von der Unterkante der Querlatte zurückprallenden Ball immer „ein Hauch von Wembley“ über die Fußballplätze dieser Welt. Besser wird der Fall vom 30. Juli 1966 dadurch leider nicht.

Rudi Michel können wir nicht mehr fragen. Der Kommentator des WM-Finales von 1966 verstarb am 29. Dezember 2008 im gesegneten Alter von 87 Jahren. Sein „Hei, nicht im Tor, nicht im Tor“ in dieser vermaledeiten 101. Minute im Londoner Fußballtempel von Wembley ist am 30. Juli 1966 jedoch ein nicht unwichtiges Indiz dafür, dass in dieser Sekunde die bis dahin größte Tor-Fehlentscheidung aller Zeiten über die Fußballwelt naht.

Wie oft seitdem die Zeitlupe bemüht wurde, wie oft die Fans in Deutschland, England und anderswo die Szene beim Diskutieren mit feuchten Fingern auf die Kneipentische gemalt haben, lässt sich nicht zählen. „Nicht im Tor, kein Tor!“, wie oft haben wir diesen Ausruf nun schon gehört – in den zahllosen WM-Rückblicken und Dokumentationen. „Er war nicht drin“, sagt der deutsche Nationaltorhüter Hans Tilkowski, der in einer der berühmtesten Einstellungen zum „Third Goal“, zum dritten Tor um 16.46 Uhr in Wembley, dem zurückprallenden Ball nachblickt.

Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz läuft an die rechte Außenlinie. Er befragt seinen Linienrichter Tofik Bachramow aus der UdSSR. Da der Assistent nur Englisch versteht, beantwortet er Diensts Frage, ob der Ball im Netz war, kurz und bündig – und für Deutschland fatal: „It’s goal, goal, goal’.“ Erst dann zeigt Dienst auf den Anstoßkreis – und ganz England jubelt. Es steht 3:2 für den WM-Gastgeber. Dass er es gar nicht richtig gesehen hat, verrät der Unparteiische aus Aserbaidschan wenig später. Seine Vermutung, wonach „der deutsche Torhüter so unglücklich geschaut habe“, veranlasst ihn wohl zu dieser Entscheidung. Wirklich klären werden wir auch das nicht. Bachramow stirbt am 26. März 1993, gut einen Monat nach Englands Kapitän Bobby Moore, der nach Spielende als bis heute einziger Mannschaftsführer der „Three Lions“ die Weltmeisterschaftstrophäe in Empfang nehmen darf.

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Der sowjetische Linienrichter ist sich sicher - Tor.
Der sowjetische Linienrichter ist sich sicher - Tor. Foto: Imago Images

Kein Filmdokument belegt, dass es ein Tor war

Hans Tilkowski war sich immer sicher. Der Ball war nicht drin.
Hans Tilkowski war sich immer sicher. Der Ball war nicht drin. Foto: Imago Images

Rundfunk-Reporter Herbert Zimmermann, die „Stimme“ des deutschen WM-Wunders von Bern 1954, sieht diesen Moment so: „Nein, der Linienrichter gibt Tor, er hat den Ball im Netz gesehen.“

Das ist per se falsch. Denn im Netz war der Ball nie. Wolfgang Weber hat ihn vor dem einschussbereiten Engländer Roger Hunt über die Querlatte geköpft. „Der Ball war wirklich nicht drin, wir haben es doch alle gesehen“, sagt der im Finale nicht eingesetzte deutsche Mittelfeldspieler Max Lorenz. Im WM-Buch Das Wembley-Tor – The third goal von 2006 (Verlag: Weltbild) heißt es dazu: „Fakt ist: Es gibt kein Film- oder Foto-Dokument, das beweist, dass der Ball hinter der Linie landet.“ England erzielt Sekunden vor Ende der Verlängerung durch Hurst noch ein viertes Tor. Die geschlagenen Deutschen gehen anschließend auf eine bittere Ehrenrunde. „Es war eine Tatsachenentscheidung, und wir haben, glaube ich, uns sehr, sehr fair verhalten, und oft ist das wichtiger als vielleicht der eine oder andere Sieg“, sagt Mittelfeldregisseur Wolfang Overath.

Eine böse Überraschung hält der greise Bundespräsident Heinrich Lübke für die in Frankfurt dennoch von tausenden von Fans gefeierten Vize-Weltmeister um Hamburgs Idol Uwe Seeler, Beckenbauer, Overath und Helmut Haller bereit: „Meine Herren! Der Ball war drin.“

Diese Meinung hat er exklusiv. Das Fazit des Fußball-Historikers Dietrich Schulze-Marmeling: „Man wird es nie aufklären, und das ist auch gut so.“

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