WM 1978: Argentinien gegen Peru – was macht der General in der Kabine?



Argentinien gegen Brasilien - ein merkwürdiges Fernduell

Zweifel bleiben am WM-TItel Argentiniens im Jahr 1978.
Zweifel bleiben am WM-TItel Argentiniens im Jahr 1978. Foto: Imago Images

„Ich bin sprachlos, wenn einige behaupten, das 6:0 war nicht korrekt. Wahr ist, dass Perus Abwehr oftmals sehr lasch war, aber nur, weil sie von Argentiniens Sturm überrollt wurden.“

Pelé

Mario Kempes will es eigentlich nicht mehr hören. Der zweifache Torschütze Argentiniens im WM-Finale vom 25. Juni 1978 gegen die Niederlande (3:1 n. V.) muss alle vier Jahre die gleiche Geschichte erzählen. Von der Heim-WM 1978 und von der angeblichen Einflussnahme der argentinischen Militär-Junta auf Teams und Schiedsrichter. Kempes, inzwischen TV-Experte beim amerikanischen Sportsender ESPN, gibt seine Version der Story auch vor der WM 2002 zum Besten. „Klar waren die Militärs damals in Argentinien an der Regierung, aber sie nicht viel Einfluss auf den Fußball“, sagt er in einem Eurosport-Special kurz vor dem Turnier in Asien, „wir Spieler waren einfach hungrig auf Erfolg und wir wollten zeigen, dass wir Argentinier auch etwas können.“

Für Kempes entscheidend: „Wichtig war auch, dass man Trainer Cesar Luis Menotti in den vier Jahren bis zur Weltmeisterschaft in Ruhe arbeiten ließ“. Cesar Luis Menotti, inzwischen 79, „El Flaco“ (Dt.: „Der Dünne“), wie sie den hageren Kettenraucher aus Rosario nennen, gilt als einer der größten Gegner des Militär-Regimes. Er wird als Verfechter des „linken Fußballs“ gesehen, wonach es nicht nur das Ziel ist, zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden. Mit dieser Philosophie liegt Menotti natürlich nicht auf der Linie der argentinischen Machthaber um General Jorge Videla. Für sie ist diese WM, die im Juli 1966 und damit bereits lange vor dem erfolgreichen Militärputsch 1976 vergeben wird, die Gelegenheit zur Selbstinszenierung. Videla und seine Bande gaukeln der Welt ein „weltoffenes, friedliches, modernes“ Argentinien vor.

Während zehntausende von Menschen entweder spurlos verschwinden oder in den Geheim-Gefängnissen gefoltert werden, mutet das bizarr an. Unglaublich ist auch so manche Szene im argentinischen Spiel auf dem Weg ins Finale gegen die Niederlande. Wie gegen Polen. Beim 2:0 der „Albiceleste“ zum Start der zweiten Finalrunde in Rosario gegen die Mannschaft um Grzegorz Lato rettet Kempes mit der Hand auf der Torlinie.

Doch Schiedsrichter Ulf Eriksson aus Schweden lässt den argentinischen Stürmerstar auf der Wiese. Eine fragwürdige Entscheidung. Militärdiktator Videla, in Zivil und mit gestriegelter Frisur auf der Ehrentribüne wie ein schlechtes Double der Marx-Brothers daherkommend, scheint allerdings höchst amüsiert.

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Die peruanische Abwehr war nicht existent im Spiel gegen Argentinien. Foto: Imago Images

Weltmeister Deutschland mit Uli Stein im Tor im Finale 1986?

Die entscheidenden Tore fielen auf seltsame Art.
Die entscheidenden Tore fielen auf seltsame Art. Foto: Imago Images

Das zweite Spiel gegen Brasilien am 18. Juni 1978 in Rosario wird der erste dramaturgische Höhepunkt dieser müden WM. Dass Brasiliens Fußball-Ikone Pelé als TV-Kommentator auf der Tribüne des Central-Stadions sitzt und von anderen Reportern nur so umlagert wird, ist dabei fast interessanter als die Darbietung auf dem Rasen. Alle wissen: Der Showdown ums Finale folgt am letzten Spieltag.

An diesem 21. Juni 1978 vollzieht sich Unglaubliches. Im Fernduell mit dem argentinischen Erzrivalen treffen die Brasilianer schon am Nachmittag in Mendoza auf Polen. Sie gewinnen mit 3:1, bleiben, obwohl in der ersten Gruppenphase nur Zweiter hinter Österreich, ungeschlagen in diesem Turnier. Rivelino, Zico und Co. hätten das Finale zweifelsohne verdient.

Die „Selecao“ ahnt bereits Böses. „Jeder weiß, dass es abgekartet war, nur damit Argentinien Weltmeister wird“, sagt Brasiliens Weltmeister von 1970, Rivelino (72). Argentinien tritt erst am Abend im Hexenkessel von Rosario gegen das bereits ausgeschiedene Peru an. Die Gauchos brauchen vier Tore, um das Finale gegen die Holländer doch noch zu erreichen. Unmöglich?

Am späten Nachmittag gibt es im Hotel Sheraton in Buenos Aires ein „Notfalltreffen“ zwischen den Verbandsoberen Argentiniens und von Peru. „Es wird sich um alles gekümmert, hieß es danach“, berichtet der Schriftsteller Carlos Ares 2018 in einer britischen TV-Dokumentation, „wir wissen allerdings nicht, worum sich gekümmert wurde…“ Offenbar sollten es die Peruaner mit der Abwehrarbeit nicht so genau nehmen. Argentinien gewinnt durch jeweils zwei Tore des fabulösen Sturm-Duos Mario Kempes und Leopoldo Luque, Alberto Tarantini und René Houseman mit 6:0. Schon nach 50 Minuten steht es 4:0 – das Finale ist gesichert.

 

Mario Kempes – Alle Lüge

Für Mario Kempes sind alle Gerüchte um Schiebung bis heute Quatsch. „Es gab Gerüchte über Getreidelieferungen nach und Investitionen in Peru, aber das ist alles Lüge“, ereifert sich der Tor-Held aus Rosario. „Wir haben sechs Tore in diesem Spiel geschossen, aber wir hätten acht oder zehn schießen können“, sagt „El Matador“ 2002, der mit sechs Treffern Torschützenkönig dieser unrühmlichen WM wird, „die Peruaner haben zwei Mal den Pfosten getroffen. Wie kann das abgesprochen sein? Glauben Sie, jemand schießt absichtlich an den Pfosten?“

Das ist in der Tat schwer zu glauben. Belegt ist jedoch der Besuch von General Videla in der Kabine der Peruaner unmittelbar vor dem Spiel. Auch die 35.000 Tonnen Getreide und der 50 Millionen-Dollar-Kredit, den die Junta Peru gewährt, sind alles andere als Erfindung.

Wie auch immer. Während die brasilianischen Medien vor Wut schäumen, feiert Argentiniens Presse das 6:0 Der britische Enthüllungsautor David Yallop („Die Verschwörung der Lügner“) findet heraus, dass Videla selbst die Anordnung zur Spiel-Manipulation gibt. Mehrere peruanische Spieler bestätigen Yallop, dass sie 20.000 Dollar vorab erhielten, damit „das richtige Ergebnis zustande kommt“.

Argentiniens Stürmer Leopoldo Luque will diese nur teilweise belegten Spekulationen bis heute nicht über den sportlichen Erfolg der „Albiceleste“ stellen. „Vielleicht wurden die Peruaner bezahlt“, räumt der Weltmeister von 1978 ein, „aber ich habe nichts davon gesehen. Wir hatten keine Beziehung zu den Militärs. Das verletzt mich.“

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