WM Skandal 1978: Der tote Hund von Ascochinga und der Besuch von Hans-Ulrich Rudel



Die Skandal-WM des Weltmeisters in Argentinien

Das Mannschaftsquartier der Nationalelf bei der WM 1978.
Das Mannschaftsquartier der Nationalelf bei der WM 1978. Foto: Imago Images

Toter Hund. Das ist die Übersetzung des indianischen Ortsnamens Ascochinga. Hier, am Ende der Welt und vielleicht noch ein Stück weiter, bezieht Fußball-Weltmeister Deutschland 1978 in Argentinien sein Mannschaftsquartier. Für den Titelverteidiger wird es ein Turnier des Grauens.

„Von den Weltmeistern von 1974“, so erinnerte sich auch Reporterlegende Dieter Kürten (83) 1982, „blieben 1978 in Argentinien nur noch die Rückennummern auf den Hemden. In den Hemden aber steckten andere.“ Franz Beckenbauer und Gerd Müller haben sich ebenso aus der Nationalmannschaft verabschiedet wie Wolfgang Overath und Günter Netzer.

Querdenker Paul Breitner hat auf die WM, die in dem von rechtsgerichteten Militärs regierten südamerikanischen Land ausgetragen wird, ebenso keine Lust wie Hollands Idol Johan Cruyff. Breitner gibt seinen Ex-Teamkollegen eine Empfehlung, die die deutschen Spieler nie umsetzen werden. „Verweigert den Generälen den Handschlag“, fordert Breitner im Falle eines erneuten Titelgewinns. Daraus wird nichts. Beim DFB werden Protestaktionen von vornherein verboten. Die sind auch gar kaum denkbar.

Dass in Argentinien während der Diktatur mehr als 30.000 Menschen spurlos verschwinden und dass selbst in unmittelbarer Nähe des Finalstadions River Plate in Buenos Aires – allein in der Hauptstadt sterben 5.000 Menschen – gefoltert wird, scheinen die deutschen Spieler entweder nicht zu wissen oder nicht zu realisieren. „Das Bettzeug ist deutsch, mehr kann man nicht verlangen“, freut sich Rainer Bonhof. „Ich bin sicher, unserer Mannschaft wird nichts passieren“, übt sich auch Kapitän Berti Vogts in Unbedarftheit. Der „Terrier“ setzt noch einen drauf: „Argentinien ist ein Land, indem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“

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Das Nickerchen des DFB-Präsidenten. Foto: Imago Images

Den naiven Soundtrack bildet Buenos Dias, Argentinien mit Udo Jürgens

Entspanntes Kicken im Mannschaftsquartier. Foto: Imago Images

Den naiven Soundtrack bildet Udo Jürgens‘ Buenos Dias, Argentina. 18 Wochen hält sich die mit der Nationalmannschaft eingesungene Nummer in den deutschen Charts, erreicht sogar Platz drei. „Buenos Dias, Argentina, so heißt meine Melodie – und sie soll uns Zwei verbinden mit dem Band der Harmonie“, lautet eine Zeile. Sie ist zum Fremdschämen. Die DFB-Offiziellen nehmen diesen Vers allerdings wörtlich.

Da es in Ascochinga kaum Geschäfte und erst recht kein Nachtleben gibt, stellen Hermann Neuberger und seine Kollegen ein eigenes Programm auf. „In Ascochinga gab es nur Franz Lambert und seine Orgel“, sagt Bernd Hölzenbein später über den Unterhaltungswert in dem spartanisch eingerichteten Erholungsheim der argentinischen Luftwaffe. Der legendäre Unterhaltungsmusiker ist nach Argentinien eingeflogen worden. „Ehrengast“ des DFB ist jedoch ein anderer.

Es ist Hans-Ulrich Rudel, hoch dekorierter Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg. Rudel ist der einzige deutsche Soldat, der mit dem Goldenen Eichenlaub, Schwertern und Brillanten ausgezeichnet wird.

Nach dem Krieg hat er sich über die so genannte „Rattenlinie“ nach Argentinien abgesetzt. In Südamerika gründet er das „Kameradenwerk“ für andere flüchtige Nazis und macht schnell Karriere als militärischer Berater von Argentiniens Präsident Juan Péron. In Deutschland hat er gerade einen Skandal mit von ihm eingeladenen Bundewehrgenerälen, die anschließend von Verteidigungsminister Georg Leber aus dem Dienst entlassen werden, hinter sich. Für die rechtsradikale DVU ist dieser Rudel als gut bezahlter Starredner in ganz Deutschland unterwegs. Schon 1958 in Schweden ist Rudel im DFB-Quartier gesichtet worden. Angeblich verbindet ihn mit Weltmeistertrainer Sepp Herberger eine „langjährige Freundschaft“.

 

Nur ein persönlicher Freund von Neuberger?

Wohl auch mit Neuberger und Konsorten. „Eine Kritik an Rudels Besuch in unserem Quartier käme einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich“, bremst der ungelenke Saarländer Neuberger direkt den Sturm der Entrüstung. Im liberalen Klima der späten 1970er-Jahre könnte das kaum unglücklicher klingen. Wie der „Shitstorm“ heute ausfallen würde, mag man sich kaum vorstellen.

Stargast Rudel selbst gibt in Ascochinga vor allem den anwesenden rechtsradikalen Blättern Auskunft. „Ich bin gekommen, um alte Kameraden zu besuchen. In Deutschland darf man nicht mehr die Wahrheit sagen und ich werde nach Südafrika gehen, bevor das auch kommunistisch wird wie die Bundesrepublik“, schwadroniert er. Wann die Bundesrepublik den Linksschwenk zum Kommunismus vollzog, wissen wir nicht…

Als Rudel weg ist, will beim DFB natürlich keiner was gewusst haben. „Den haben die Generäle hier rein gelassen“, winkt Vizepräsident Otto Andres ab. DFB-Pressesprecher Wilfried Gerhardt lieferte eine andere Version: Rudel sei als „persönlicher Bekannter“ des Bundestrainers Helmut Schön ins deutsche Quartier gekommen.

Beflügeln kann der braune Bomber die müden DFB-Kicker in Argentinien nicht. Der Weltmeister macht 1978 sechs WM-Spiele, von denen vier unentschieden enden. Drei Mal gibt es bei diesen Remis ein 0:0 – und nach dem peinlichen 2:3 gegen die bereits ausgeschiedenen Österreicher in Cordóba sind die meisten Fans „persönlich beleidigt“…

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