WM 1982: Gijon – El Anschluss. Kicken in aller Freundschaft



Gijon 1982: In aller Freundschaft

El Anschluss in Gijon bei der WM 1982.
El Anschluss in Gijon bei der WM 1982. Foto: Imago Images

Deutschland gegen Österreich – das sind für beide Länder definierende Spiele ihrer WM-Geschichte. Es beginnt mit dem 6:1 im Halbfinale 1954, welches Fußballidol Fritz Walter 1974 als „eines der besten Spiele aller Zeiten einer deutschen Nationalmannschaft“ bezeichnet und führt über „Die Schmach von Cordoba“ 1978 zur ,,Schande von Gijon“, 1982. Das aber nur zum Aufwärmen.

Über die Weltmeisterschaft 1982 spricht Horst Hrubesch bis heute nur, wenn es unbedingt sein muss. Der Ex-Hamburger, der Deutschland 1980 zum Europameister machte, hat für das Turnier in Spanien meist nur einen Satz parat: „Es war fürchterlich.“ Bei dieser WM geht für den Europameister und Mit-Favoriten Deutschland so viel daneben, dass es eigentlich für zwei oder drei Turniere gereicht hätte. Die vor der WM mit Michael Schanze aufgenommene Schallplatte Olé Espana mit sinnfreien Reimereien wie „Heut spielt Buda gegen Pest“ mag man als Modesünde der Zeit oder als zum Handwerk gehörenden Kommerz-Kitsch abtun.

Was danach kommt, ist weniger witzig. Im Trainingslager am Schluchsee im Schwarzwald zieht die Generation der Goldkettchenträger so richtig durch. Poker-Nächte und Sauf-Touren. 20.000 bis 30.000 Mark lassen die Protz-Profis pro Partie über den Tisch gehen. „Immel pokerte wie ein Süchtiger“, stellt Toni Schumacher 1987 in seinem Buch Anpfiff über seinen Torhüterkollegen fest.

Konsequenzen müssen die „Schnapsleichen“, wie Schumacher die trinkfesten Teamkameraden bezeichnet, nicht befürchten. Trainer Jupp Derwall hat längst keine Autorität mehr. Im Team herrscht Cliquenbildung vom Feinsten – und jeder macht, was er will. Der Bayern-Block um den mächtigen Karl-Heinz Rummenigge gegen die von Toni Schumacher angeführten Kölner. Dazu die Hamburger um den nicht wirklich um hohe Sympathiewerte bemühten Manfred Kaltz. Vorsicht, frei laufende Alphatiere!

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Auslaufem im Strafraum Österreichs
Auslaufem im Strafraum Österreichs - Foto: Imago Images

Bizarres Spiel. Spanische Medien sehen "EL Anschluss"

Keiner will ein Tor schießen - die Schande von Gijon 1982.
Keiner will ein Tor schießen - die Schande von Gijon 1982. Foto: Imago Images

Den ersten Kater gibt es am 16. Juni 1982 in Gijon, wo die deutsche Mannschaft während der WM-Endrunde auch Quartier bezieht. 1:2 gegen den Fußballzwerg Algerien. „Ein böser Sturz“, titelt die BUNTE. Das 4:1 gegen Chile rückt die Verhältnisse vier Tage später wieder einigermaßen gerade.

Und die Österreicher? Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass der Weltmeister-Bezwinger von 1978 mit dem DFB-Team in einer Vorrundengruppe spielt. Mit Walter „Schoko“ Schachner, „Schneckerl“ Heribert Prohaska oder Torjäger Hans Krankl hat ÖFB-Coach Georg Schmidt noch einige Leistungsträger mit an Bord. Die Österreicher gewinnen ihre beiden Gruppenspiele gegen Chile und Algerien mit 1:0 bzw. 2:0. Algerien muss bereits einen Tag vorher gegen die Chilenen ran – und gewinnt 3:2. Die Nordafrikaner sind raus aus dem Fahrersitz.

Vor dem direkten Duell am 25. Juni 1982 in Gijon ist klar: Selbst bei einer frühen deutschen Führung wären die beiden Erzrivalen in der 2. Finalrunde. Das 1:0 durch Horst Hrubesch (10.) bringt keine Bewegung in die Sache. Anstatt die Österreicher mit drei Toren Vorsprung aus dem Turnier zu schießen, lassen es die Deutschen zunehmend gemächlicher angehen. Gegen Ende der ersten Halbzeit verflacht die Partie zusehends und die Fans im Stadion El Molinón und Millionen zu Hause an den TV-Geräten ahnen schon Böses.

 

Schneckerl Prohaska dribbelt los. Auf das eigene Tor!

In der zweiten Halbzeit artet das Bruderduell zu einem üblen Ballgeschiebe aus. Da es 1982 die Rückpassregel noch nicht gibt, sieht das Spielchen meist so aus. Sobald ein Deutscher oder Österreicher in Strafraumnähe auch nur in die Nähe des Balls kommen könnte, wird auf Schumacher oder auf ÖFB-Torhüter Friedl Koncilia zurückgepasst. Paul Breitner agiert wie ein Standfußballer. Kaltz spielt mal eben einen Sicherheitspass vom Mittelkreis direkt zu Schumacher zurück. Bei den Österreichern geht Herbert Prohaska hohes Risiko, als er mit dem Ball in Höhe der Mittellinie beherzt losdribbelt – aufs eigene Tor! Ab Mitte der zweiten Hälfte haben die spanischen Zuschauer unter den 41.000 Besuchern genug. Sie schwenken weiße Taschentücher. In „La Liga“ heißt das so viel wie: Ihr könnt nach Hause fahren!

Auch die TV-Kommentatoren Eberhard Stanjek („Was hier geboten wird, ist schändlich“) und Robert Seeger vom ORF geben auf. Der österreichische Kommentator empfiehlt den Zuschauern gar, den Fernseher abzuschalten. Die algerischen Fans im Stadion wedeln wütend mit Geldscheinen. Für sie ist klar: Dieses Ding ist abgesprochen! „Alles Quatsch“, wehrt sich Hans-Peter Briegel später, „damals war nichts abgesprochen. Das ist im Spiel einfach so passiert.“ Die F. A. Z. sieht in diesem Spiel den perfekten „Fußballverhinderungserfolg.“

„Es war ein Skandal und es war ungeheuer enttäuschend“, sagt Günter Netzer 2010 über den „Nichtangriffspakt“ von Gijon, den spanische Medien hinterher als „El Anschluss“ geißeln. Netzer ist sicher: „Die haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie dieses Ergebnis brauchten und dass sie darauf spielten.“ Walter Schachner erinnert sich später sehr wohl daran, dass man sich in der Halbzeitpause „auf das 1:0 verständigt“ hätte. Der Österreicher gehört zu den wenigen Beteiligten, die eine Absprache zwar nicht zugeben, doch diese zumindest andeuten.

Hans Krankl ist das wurscht. Für Österreichs Star zählt nur das Ergebnis: „Ich weiß nicht, was man will, Österreich ist qualifiziert und das ist für uns das wichtigste.“ DFB-Präsident Hermann Neuberger lässt ebenfalls nichts über den Nichtangriffspakt kommen: „Die deutsche Mannschaft hat das Recht, auf Ergebnis und auf Sicherheit zu spielen. Das haben andere Mannschaften in diesem Turnier auch schon gemacht.“ Ah ja. Fragt sich nur: Wann?

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