WM 1986: Maradona, die Hand Gottes und das Skandaltor gegen England



Das berühmteste Schummel-Tor der Fußball-Geschichte

Die Hand Maradonas und die Hand Gottes.
Die Hand Maradonas und die Hand Gottes. Foto: Imago Images

Die Skandal-Akte des Diego Armando Maradona bei Fußball-Weltmeisterschaften hat fast Taschenbuchformat. Rot beim WM-Debüt 1982 in Spanien gegen den Erzrivalen Brasilien, wüste Beschimpfungen der italienischen Zuschauer bei seiner „Heim-WM“ 1990, ein Doping-Skandal 1994.

Aber keine Maradona-Episode – auch bei seinen Klubs FC Barcelona und SSC Neapel blieb das argentinische Genie nicht skandalfrei – bewegt die Fußball-Welt bis heute so wie diese Szene. Sie ist unglaublich, sie ist legendär, sie fand Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. In Argentinien und anderswo. Die „Hand Gottes“. Maradona-Kenner glauben gar, dass allein dieser Moment den gesamten Charakter des nie unumstrittenen Fußballidols entschlüsselt. Genie und Gauner in einem, Dr. Jekyll und Mr. Hyde – es liegt so eng beieinander in Maradonas Vita.

1978 beim Titelgewinn Argentiniens trotz vehementer Forderungen von Medien und Öffentlichkeit von Nationalcoach Cesar Luis Menotti nicht nominiert, verläuft Maradonas WM-Debüt vier Jahre später enttäuschend. Er trifft zwar zwei Mal in fünf Spielen, doch in der 2. Finalrunde gegen Brasilien fliegt er nach 87 Minuten vom Platz. Argentinien verliert 1:3 und ist nach dem 1:2 im ersten Spiel der Zwischenrunde draußen.

„1982 tat wirklich weh, ich hatte vergeblich davon geträumt, den Pokal hoch zu halten“, sagt Maradona 2018, „aber 1986 war meine Chance.“ Er wird sie nutzen und er wird zu allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitten greifen. DFB-Ehrenspielführer Lothar Matthäus über seinen direkten Gegenspieler im Finale gegen Deutschland (2:3): „Er hat diese Weltmeisterschaft mit seiner Qualität, mit seinen Toren, mit seiner Persönlichkeit geprägt.“

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Diego Maradona im Zweikampf mit Glenn Hoddle.
Diego Maradona im Zweikampf mit Glenn Hoddle. Foto: Imago Images

Nach dem Schummeltor schoss Maradona das Genie-Tor

England gegen Argentinien bei der WM 1986.
England gegen Argentinien bei der WM 1986. Foto: Imago Images

Maradonas erstes Finale ist eigentlich das Viertelfinale. Argentinien trifft am 22. Juni 1986 im Aztekenstadion von Mexiko-City auf die „Three Lions“. Revanche. England hat Argentinien wenige Jahre zuvor im berühmt-berüchtigten Falklandkrieg eine schmerzhafte militärische Niederlage zugefügt. Es ist das erste Länderspiel zwischen beiden Kontrahenten seitdem. Maradona gibt in der Pressekonferenz vor dem Spiel den Diplomaten: ,,Ich habe nichts gegen die Engländer. Man darf Politik und Fußball nicht vermischen.“ Insider wissen es zu diesem Zeitpunkt, „El Diego“ gibt es einige Jahre später zu: Alles Theater. In Wirklichkeit will Maradona nichts anderes als den Sieg gegen England. Die Partie wird zu einem mystischen Spiel der WM-Historie. „Mit dem England-Spiel stimmte irgendetwas nicht, es hatte nicht die Atmosphäre eines normalen Länderspiels“, sagt Argentiniens Weltmeister-Coach Dr. Carlos Bilardo, „da war noch etwas Anderes.“ Eine ungeheure Dramaturgie, wie der ehemalige englische Nationalspieler Peter Reid findet. „Es war das entscheidende Spiel der WM“, ist Reid sicher.

Der Schlüsselmoment in der 51. Minute: England fälscht einen Ball in Richtung eigenes Tor ab, Keeper Peter Shilton steigt hoch, um den Ball aus der Gefahrenzone zu boxen, ist aber einen Tick langsamer im Luftduell als Diego Maradona. Niemand sieht, dass der nur 1,67 m große Argentinier den Ball mit der Hand ins Netz lenkt. Careca, mit Maradona und Neapel später UEFA-Cup-Sieger, sieht es so: „Er hatte die Hand nahe am Körper, deshalb hat es niemand gesehen, dass es Handspiel war.“ Auch für Maradonas Erzrivalen Pelé hat der Treffer nichts Ehrenrühriges: „Er tat es aus dem Moment heraus und es war gut für sein Team.“

Diego Armando Maradona hat die tausend Fragen zu diesem Tor und diesem Schelmenstreich irgendwann satt. „Es war die Hand Gottes und der Kopf Maradonas“, sagt er zum berühmtesten Handspiel der Fußballgeschichte. Er gibt seinem Tor-Betrug einen Namen – und macht später, als es ihm nach mehreren Entziehungskuren richtig dreckig geht, mit dem argentinischen Sänger Rodrigo sogar ein Lied daraus. „La mano de dios“, die Hand Gottes, ist sein Titel. Wenn der 2000 mit nur 27 Jahren tödlich verunglückte Rodrigo und der stark aufgeschwemmte Maradona den Song auf der Bühne anstimmen, hat das etwas unendlich Trauriges. „Marado, Marado – Die Hand Gottes wurde geboren und sie brachte diesem Land Freude“, lautet der Refrain. Ungefähr zur gleichen Zeit, 2005, gesteht Diego erstmals, den Ball mit der Hand ins englische Tor gelenkt zu haben. Beim Anblick des Dicken vermuten die Argentinier nun ihrerseits Verschwörung. Ihre Vermutung: Es handelt sich gar nicht um Diego Maradona, sondern um irgendein Double. Der echte Maradona, so der landläufige Glaube, sei von den Engländern entführt worden und würde an einem unbekannten Ort gefangen gehalten. Man könnte sicherlich darüber lachen, wenn es nicht bittere Ironie wäre.

 

Maradona bleibt bei seiner Version

„La mano de Dios“ und eine Freude, die Argentinien seitdem nie wieder bei einer Fußball-WM gespürt hat. Nie mehr seit 1986, seit dem Finalsieg gegen Deutschland in Mexiko-City, brachten die Südamerikaner mehr als eine Hand an den Pokal.

Der argentinische Soziologe Pablo Alabarces wertet Maradonas Aktion so: „In der argentinischen Öffentlichkeit wird das nicht als Betrug wahrgenommen, sondern als Cleverness.“ In England sieht man das bis heute ein wenig anders.

Gary Lineker, WM-Torschützenkönig von 1986 und heute Moderator bei BBC: „Ich habe das nicht gesehen, ich habe Shilton rauslaufen gesehen.

Ich habe oft mit meinen Mannschaftskameraden von damals gesprochen. Sie sind noch immer verbittert. Sie werden Maradona nie vergeben.“

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