WM 1990: Als Rudi Völler die Spucke weg blieb …



Die deutsche Rache für die Niederlage bei der Heim-EM

Rudelbildung nach der Spuckattacke.
Rudelbildung nach der Spuckattacke. Foto: Imago Images

Dieses Rührstück konnten sich nur Werbe-Strategen ausgedacht haben. Im Sommer 1996 sitzen Rudi Völler und Frank Rijkaard in Leverkusen an einem frisch gedeckten Frühstückstisch. Sie tragen zitronengelbe Bademäntel, halten Smalltalk und üben sich in Harmonie.

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Der dazugehörige Slogan ist ebenso banal wie einleuchtend: „Alles in Butter“. Eine niederländische Molkerei hat sich einen der größten WM-Skandale zu Nutze gemacht. „Mit echter Butter bekommen Sie jeden an die gemeinsame Tafel“, lautet ihre Werbe-Botschaft in der deutsch-niederländischen Übersetzung.

Wohl auch Zwei, die an diesem 24. Juni 1990 noch im Kabinengang des Giuseppe-Meazza-Stadions von Mailand aufeinander losgehen wollten. Rudi Völler, dreifacher Torschütze in diesem WM-Turnier, und Europameister Frank Rijkaard werden im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Holland sicher keine Friseuradressen mehr austauschen.

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Erschrecken bei Rudi Völler - Platzverweis.
Erschrecken bei Rudi Völler - Platzverweis. Foto: Imago Images

Frank Rijkaard mutiert zum Lama

Deutschland vs Niederlande. Klassiker mit Spannungsgarantie.
Deutschland vs Niederlande. Klassiker mit Spannungsgarantie. Foto: Imago Images

Alles beginnt harmlos In der hart umkämpften Partie läuft die 21. Spielminute. Rijkaard foult Völler auf der linken deutschen Angriffsseite. Schiedsrichter Juan Carlos Loustau aus Argentinien zeigt dem Niederländer aus der Ausnahmemannschaft des AC Mailand die Gelbe Karte. Es ist Rijkaards zweites Gelb im Turnier, in einem möglichen Viertelfinale für Oranje wäre er also außen vor.

Was die Fernsehkameras trotz unzähliger Einstellungen bei dieser WM nicht einfangen: Rijkaard spuckt Völler in die lockigen Haare. Die Lockenpracht hat dem Hessen in der Nationalmannschaft einst den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Tante Käthe“ eingebracht. Aber für Nettigkeiten ist in Mailand kein Platz. Der folgende Freistoß wird gefährlich vor das niederländische Tor geschlagen. Völler kommt einen Schritt zu spät gegen Holland-Keeper Hans van Breukelen, zieht aber das Bein gerade noch zurück. Für Rijkaard Grund genug, den Deutschen am Ohr zu ziehen.

Loustau hat genug. Er gibt Rijkaard und Völler die Rote Karte. „Was der Schiedsrichter hier macht, kann nicht sein“, ereiferte sich ARD-Co-Kommentator Karl-Heinz Rummenigge, „das zeigt, wie viel Polemik im Spiel ist.“

Nachdem Jürgen Klinsmann, der in Mailand das Länderspiel seines Lebens macht, Völler aus der Schusslinie geholt hat, schlägt „Lama“ Rijkaard ein zweites Mal zu. Volle Rotze spuckt er nochmal in die Haare von Völler. „Für mich war dies das Schlimmste, was ich je bei einer Weltmeisterschaft erlebt habe“, gibt es für den deutschen Kapitän von 1990, Lothar Matthäus, bis heute keine zwei Meinungen zu diesem Vorfall.

 

“Jetzt müssen wir für Rudi spielen.”

Für Völlers Teamkollegen Guido Buchwald fällt die denkwürdige Szene unter die Rubrik „Mein WM-Erlebnis“. „Als die beiden vom Platz gegangen sind, habe ich genau gesehen, wie Frank Rijkaard Rudi noch einmal hinterher gespuckt hat. Das war unglaublich. Ich konnte es nicht fassen und habe mich maßlos geärgert“, erzählt Buchwald im Juni 2010 der ZEIT, „wir Spieler haben uns erstmal nur angeschaut.

Viele haben den Kopf geschüttelt. Die, die in der Nähe des Schiedsrichters standen, sind zu ihm hingelaufen. Aber lamentieren bringt nichts. Ich hätte eh nicht gewusst, was ich dazu sagen sollte. Mir war nur klar: Jetzt müssen wir für Rudi spielen.“ Sie taten es. Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme schießen Deutschland zum Sieg im Prestige-Duell. „Spucken“, so erklärt Rudi Völler 2006 in einem WM-Buch, „das ist das Abscheulichste, was einem Sportler passieren kann. Es zeugt von Ekel, von Niedertracht, von Respektlosigkeit.“ Für Rijkaard und die „Elftal“ ist die WM am Ende dieser Partie beendet – 1:2, das Aus für den Europameister mit Schimpf und Schande. Völler wird für ein Spiel gesperrt. Erst im Halbfinal-Krimi gegen England darf er wieder ran.

In Sports Live veröffentlicht der Sünder Rijkaard später einen offenen Brief an Rudi Völler. „Ich hatte persönliche Probleme und ging besonders gereizt in das Spiel. Das musste sich entladen. Ich hatte mich wegen privater Schwierigkeiten nicht im Griff. Ich kann es leider nicht ungeschehen machen. Jeder Mensch macht Fehler“, schreibt Rijkaard, „Rudi Völler und ich haben es aber nicht verdient, ein ganzes Leben daran erinnert zu werden.“ Ein frommer Wunsch.

Rudi Völler kann den Fragen nach der Spuck-Attacke bis heute kaum ausweichen. Obwohl er in 90 Länderspielen für Deutschland 47 Tore erzielt und 1990 den WM-Titel gewonnen hat, 2002 mit der deutschen Mannschaft als Teamchef Vize-Weltmeister war, wird der gute Rudi von dieser Szene bis heute verfolgt wie damals von Rijkaard, der ihm angeblich bis in die Katakomben nachging. Und doch hat der Skandal am Ende etwas Gutes. Die Honorare für den Frühstücks-Kitsch spenden beide Kontrahenten der Deutschen Mexikohilfe.

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