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Abgestürzte Klubs – Die andere Shutdown-Landkarte des deutschen Fußballs

Die Bundesliga fürchtet nach dem Shutdown um einen dreistelligen Millionenbeitrag. Horrorszenario: Einige Erst- und Zweitligist gehen in die Insolvenz. Abstieg und Absturz – das ist zuvor schon ganz anderen großen Teams im deutschen Fußball passiert…

1. FC Kaiserslautern Trainerentlassung

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert (50) hat am Montag bei einer Pressekonferenz der Deutschen Fußball-Liga in Frankfurt am Main ein düsteres Szenario gezeichnet. Oder ein realistisches?

Die Corona-Krise könnte die deutschen Profiklubs härter treffen als jeder andere Engpass zuvor.

,,Geisterspiele sind in nächster Zukunft die einzige Überlebenschance”, wird Seifert deutlich. Wer Spiele ohne Zuschauer kategorisch ausschließe, ,,der muss sich keine Gedanken mehr machen, ob wir bald mit 18 oder 20 Profiklubs in der Bundesliga spielen. Denn dann wird es keine 18 Profiklubs mehr geben.”

Die Bundesliga – ausgesetzt bis zum 2. April 2020 – hängt am Tropf von TV-Geldern, Zuschauer-Einnahmen, Merchandising-Einkünften und Sponsoring-Geldern. Binnen kürzester Zeit könnten also die aktuellen Bundes- oder Zweitligisten dort ankommen, wo einige große Namen des deutschen Fußballs schon sind: Auf der Landkarte der abgestürzten Klubs.Die Zeitung BILD am SONNTAG präsentiert am 8. März 2020, unmittelbar vor dem ,,Shutdown” des deutschen Fußballs, der am 13. März folgt, eine Fußball-Landkarte der traurigen Art. Sie zeigt 50 abgestürzte Erst- und Zweitligaklubs aus Ost- und Westdeutschland – und beziffert die Ligen, in denen sie heute spielen.

Tendenz: Bei den Abgestürzten gibt es ein Nord-Süd-Gefälle! In Norddeutschland findet sich nur mit dem in der 3. Liga firmierenden, letzten DDR-Fußballmeister (1991), dem FC Hansa Rostock, ein ehemaliger Bundesligist. Insgesamt 12 Jahre ist die ,,Hansa-Kogge”, wie der Verein mit dem liebenswerten Schiffchen im Wappen auch genannt wird, auf Erstliga-Kurs. Seit 2008 ist Rostock nicht mehr in der Bundesliga gewesen. In der DDR-Oberliga spielt Rostock insgesamt 31 Jahre. Die 3. Liga ist vom DFB bis Ende April ausgesetzt. 2. Nordlicht außerhalb des Profifußballs ist der heutige Regionalligist VfB Lübeck. Die Mannschaft aus Schleswig-Holstein spielt insgesamt 4 Jahre lang in der 2. Liga und steht 1969 in der Bundesliga-Aufstiegsrunde sowie 2004 im DFB-Pokal-Halbfinale.

Fast in der Mitte Deutschlands findet sich ein ehemaliger Meister in der Drittklassigkeit. Eintracht Braunschweig, 1967 erster Sensations-Meister der noch jungen Bundesliga, als ,,Armen-Klub” verspottet, hat die deutsche Fußball-Eliteliga 21 Jahre lang mitgeprägt – und spielt seit 2018 in der 3. Liga.

Große Namen des DDR-Fußballs sind auf der Landkarte der Abgestürzten ebenfalls zu finden. Lokomotive Leipzig zum Beispiel. Das ,,Loksche” hat 36 Jahre DDR-Oberliga vorzuweisen – und dank einer 1991 erfolgten Umbenennung in VfB Leipzig – auch ein Jahr Bundesliga (1993/94). Ein tristes Kapitel des Leipziger Fußballs: Mit Bernd Stange, Ex-,,Wundermann” Jürgen Sundermann und Damian Halata sitzen 3 Trainer auf der morschen Bank im heruntergekommenen Zentralstadion und 20 Punkte (hochgerechnet auf 3-Punkte-Wertung) bedeuten nach Tasmania Berlin 1965/66 die bis heute schlechteste Bilanz eines Bundesligisten. Immerhin, falls es mal bei Jauch gefragt wird: Dirk Anders ist mit 8 Toren Rekord-Torschütze des VfB Leipzig in der Bundesliga und mit der Verpflichtung des legendären Mazedoniers Darko Pancev von Inter Mailand schafft man Anfang 1994 einen unglaublichen Transfer-Coup. Heute heißt der Verein wieder 1. FC Lokomotive Leipzig und spielt in der Regionalliga. Dort ist auch ein Bundesligist gelandet, der in 6 Spielzeiten das Image des absoluten Underdogs pflegt: Energie Cottbus. Die ,,Energetiker” schocken in ihrer ersten Saison 2000/2001 den großen FC Bayern München – und gewinnen gegen den Rekordmeister mit 1:0. 1997 steht Cottbus mit Trainerfuchs Eduard ,,Ede” Geyer auch im DFB-Pokalfinale. In die Insolvenz geht 2020 mit dem FC Rot-Weiß Erfurt ein Klub, der nach der sportlichen Wiedervereinigung in der 2. Bundesliga und im UEFA-Cup spielt. Bis zur Insolvenz im Januar 2020 ist Erfurt noch in der Regionalliga.Und was ist mit dem ,,Tief im Westen”? Dort sind allein 10 ehemalige Bundesligisten zu finden, die in der 3. Liga oder weitaus tiefer spielen.

Prominentester Fall: Rot-Weiß Essen! Der deutsche Meister von 1955 und erste DFB-Vertreter im neu geschaffenen Europapokal der Landesmeister, der Klub zahlreicher Stürmerlegenden wie Helmut ,,Boss” Rahn, Willi ,,Ente” Lippens, Horst ,,Dat Ungeheuer” Hrubesch, Frank ,,Fränkie” Mill, Jürgen ,,Kobra” Wegmann und ,,Super-Mario” Basler spielt 7 Jahre Bundesliga und 16 Jahre in der 2. Liga. RWE ist aktuell in der Regionalliga West, ebenso wie Rot-Weiß Oberhausen, das 4 Jahre erste Liga gespielt hat und mit Lothar Kobluhn 1971 den Bundesliga-Torschützenkönig stellt. Liga-Gründungsmitglieder von 1963, die heute in der 3. Liga firmieren, sind der MSV Duisburg, 1964 hinter dem 1. FC Köln erster Vizemeister der neu gegründeten deutschen Fußball-Eliteliga, und Preußen Münster. Die Münsteraner sind nur in der ersten Saison 1963/64 erstklassig. Nur 9 Jahre spielen sie in der 2. Bundesliga. Dort hat Alemannia Aachen, Vizemeister 1969 hinter dem FC Bayern und Pokalfinalist von 2004, insgesamt 28 Jahre zugebracht. 4 Jahre spielt die Mannschaft vom Tivoli erste Bundesliga, zuletzt 2006/2007. Alemannia Aachen ist heute in der Regionalliga beheimatet, ebenso wie der Wuppertaler SV, der 1973 als Neuling auf Rang 4 und damit in den UEFA-Cup stürmt, sowie Fortuna Köln. Der Verein, der als One-Man-Show von Präsident und Mäzen Hans ,,Jean” Löring († 2005) in die Bundesliga-Geschichte eingeht, hält sich nur ein Jahr ganz oben – und zwar in der WM-Saison 1973/74. ,,Ich wusste, dass ich es mit einem Verrückten zu tun hatte”, sagt Fortuna-Legende Hannes Linßen Jahre später, ,,Fortuna ist Jean und Jean ist Fortuna.” Ein ,,Big Spender”-Klub ist auch die SG Wattenscheid 09. Der Textil-Unternehmer Klaus Steilmann († 2009) führt den Bochumer Stadtteilklub 1990 in die Bundesliga, wo man sich 4 Jahre halten kann. ,,Wattenscheid, besser gesagt, die Familie Steilmann, bastelte 25 Jahre lang am Aufstieg in die Bundesliga”, schreibt Hannes Bongartz, einer von 2 SGW-Trainern im ,,Oberhaus”, 2003 in einem Beitrag im offiziellen DFL-Lexikon zur Bundesliga. Die SG Wattenscheid 09 geht 2019 in die Insolvenz (Ligalive berichtete). Seit 2018 immerhin wieder in der 3. Liga: Der KFC Uerdingen. Der ehemalige Bayer-Klub, der 1986 mit dem 7:3 gegen Dynamo Dresden eines der größten Spiele der deutschen Europapokal-Historie liefert, dümpelt zuvor jahrelang in den unteren Ligen und ist von 2008  bis 2011 sogar sechstklassig!

6. Liga? Diesen Blues kennt man auch bei einem Ex-Bundesligisten, den heute kaum noch ein Fan in Erinnerung hat. Und das, obwohl man mit Stefan Kuntz einen Europameister als Spieler und U21-Trainer geformt hat. Stefan Kuntz und auch sein Vater Günter (81) spielen für Borussia Neunkirchen. Die Saarländer ,,verhindern” 1964 in den Aufstiegsspielen (0:1 / 2:0) den Sprung eines gewissen FC Bayern München in die Bundesliga und halten sich bis 1966 und nochmals 1967/68 in der deutschen Fußball-Eliteklasse. Günter Kuntz ist mit 22 Toren auch Bundesliga-Rekordtorjäger der Neunkirchener, die inzwischen auf der 6. Ebene des Liga-Systems stehen! Amateur-Liga – das gilt für alle 3 ehemaligen Bundesliga-Teams aus dem Saarland. Der 1. FC Saarbrücken, der sich bis zum Corona-Virus mit dem Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale ins Rampenlicht zurückgespielt hat, spielt in der viertklassigen Regionalliga Südwest – gemeinsam mit dem FC Homburg. Den FCH bringen viele bis heute mit der umstrittenen Kondom-Trikotwerbung in Verbindung, obwohl den Homburgern auch auf dem Rasen einige Paukenschläge gelungen sind. In ihrer 2. von 3 Bundesliga-Spielzeiten schlagen sie im idyllischen Waldstadion den Branchenriesen FC Bayern und den großen Nachbarn 1. FC Kaiserslautern (3:2). Die Regionalliga verlassen hat der SV Waldhof Mannheim. Die ,,Waldhof-Buben” spielen von 1983 bis 1990 in der Bundesliga und seit 2019 wieder in der 3. Liga. Dort hat 2 Wochen vor dem Corona-Shutdown das große Derby gegen einen der prominentesten Klubs in der Unterklassigkeit stattgefunden: SV Waldhof Mannheim – 1. FC Kaiserslautern 1:1. Kein anderer der ,,Abgestürzten” kann mehr Bundesliga-Spielzeiten vorweisen, als der 2018 in die 3. Liga abgestiegene FCK. 44 Jahre Bundesliga, 2-mal deutscher Meister (1991, 1998) im ,,Oberhaus”, 2-mal DFB-Pokalsieger – heute bieten die finanziell stark angeschlagenen ,,Roten Teufel” ein Bild des Jammers.So ist es auch bei den ,,Löwen” von 1860 München. Im Süden der Republik gehört der Verein aus München-Giesing zu den größten Namen in den unteren Ligen. Zwischendurch in der Regionalliga, ist der Deutsche Meister von 1966 immerhin wieder in der 3. Liga und spielt auch wieder ,,auf Giesings Höhen”, im Stadion an der Grünwalder Straße. Nach jahrelangem ,,Exil” in der Allianz Arena und im Münchner Olympiastadion. 20 Jahre lang hat der TSV 1860 die Bundesliga mitgeprägt. Nur wenige Spiele macht die SpVgg Unterhaching in ihrer 3-jährigen Bundesliga-Zugehörigkeit in der riesigen Schüssel des Olympiastadions. Im heimischen, engen Stadion am Sportpark gelingt ihnen dagegen 2000 eines der größten Husarenstücke der Liga-Historie. 2:0 gegen Bayer Leverkusen – es ist die entscheidende Schützenhilfe für den Titelverteidiger FC Bayern München! Alles außer Hochdeutsch, aber auch alles außer Profifußball kann man offenbar bei den Stuttgarter Kickers und beim SSV Ulm. Die beiden schwäbischen Ex-Erstligisten, die 2 bzw. 2 Jahre oben dabei sind, firmieren in der 4. bzw. in der 5. Liga. Nur 7 Jahre dabei, aber wohl auf ewig mit dem Bundesliga-Bestechungsskandal verbunden: Kickers Offenbach. Der Verein aus Hessen und sein schillernder Boss Horst-Gregorio Canellas († 1999) lassen 1971 eine Bombe platzen, die die Liga in einen Grundfesten erschüttert. Verschobene Spiele, bestochene Profis – ein Skandal mit Nachwirkung. Involvierte Stars werden anfangs auf Lebenszeit gesperrt, die Bundesliga beschäftigt über Jahre die verschiedensten Gerichte. Hätte man 1971 Wells' Zeitmaschine zur Verfügung gehabt, man hätte schnell festgestellt, dass es in 2020 ganz andere Probleme für die Profiklubs geben wird…


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