Lutz Eigendorf (1956 – 1983): Tödlicher Seitenwechsel



Lutz Eigendorf (1956 – 1983): Tödlicher Seitenwechsel

Lutz Eigendorf starb mysteriös. Autounfall oder Mord durch die Stasi?
Lutz Eigendorf starb mysteriös. Autounfall oder Mord durch die Stasi? Foto: Imago Images
Es ist nur eine Stunde, die fehlt. Am 7. März 1983 wird der Braunschweiger Fußballprofi Lutz Eigendorf gegen 22 Uhr in seiner Stammkneipe „Cockpit“ in Begleitung seines Fluglehrers Manfred Müller zum letzten Mal lebend gesehen.

Um kurz nach 23 Uhr geht ein Notruf bei der Polizei Braunschweig ein, wonach der 26-jährige Mittelfeldspieler mit seinem Alfa Romeo GTV6 auf der Forststraße, unweit des Flugplatzes, von der Fahrbahn abgekommen und an einen Baum geprallt sei. Wenige Minuten vor Mitternacht klingelt bei Eigendorfs Ehefrau Josephine das Telefon. Ihr Mann, so erklärt ein Notarzt, habe einen schweren Autounfall gehabt.

„Er wird wahrscheinlich sterben“, so der Unfallmediziner. Zwei Tage später ist Eigendorf, der bei dem Aufprall schwere Kopfverletzungen davontrug tot. Die Ereignisse in den letzten Stunden vor Eigendorfs Unfall bieten Anlass für viele Spekulationen. Und für eine nie vollständig bewiesene These.

Wurde Eigendorf, wegen seiner spielerischen Klasse als „Beckenbauer der DDR“ gefeiert, beim Stasi-Klub BFC Dynamo hofiert und nach seiner „Republikflucht“ 1979 als „Verräter“ verfemt, vom Staatssicherheitsdienst ermordet?

Ein Vertreter dieser Mord-Theorie ist der Historiker Heribert Schwan, der mit seinem Dokumentarfilm Tod dem Verräter im Jahr 2000 – lange nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung – großes Aufsehen erregte. Sein Film: Eine Agentenstory im damals noch biederen Umfeld der Fußball-Bundesliga.

Seine Argumentation: Der bei Eigendorf – der Bundesligaprofi wollte nach Aussage seiner Frau „nur auf ein Bier rausgehen“ – ermittelte Blutalkoholgehalt von 2,2 Promille dürfte tatsächlich wesentlich höher gelegen haben. Für Schwan ein Indiz dafür, dass Eigendorf zunächst entführt und dann mit Alkoholspritzen behandelt wurde, ehe er auf kurvenreicher Strecke geblendet worden sei.

Für die Staatanwaltschaft jedoch kein entscheidender Beweis. Der für den „Fall Eigendorf“ zuständige Staatsanwalt Hans-Jürgen Grasemann verwies in diesem Zusammenhang auf Aussagen ehemaliger Mitspieler, wonach Eigendorf – 53 Bundesliga-Spiele für den 1. FC Kaiserslautern und acht Einsätze für Eintracht Braunschweig – zuvor wiederholt wegen übermäßigen Alkoholgenusses aufgefallen sei. Seinen Frust über seine Nicht-Nominierung für Braunschweigs BL-Auftritt beim VfL Bochum wollte Eigendorf an diesem Tag schließlich wohl mit einem Bier herunterspülen.

Ein Fakt, der den „Fall Eigendorf“ zu einem ewigen Mysterium in der Bundesliga-Historie macht – und einen düsteren Schatten auf die fußballerischen Qualitäten des sechsmaligen DDR-Nationalspielers (3 Tore) wirft.

Von einem DDR-Gericht im März 1979 wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ per Haftbefehl gesucht und von der FIFA auf Antrag des DDR-Fußballverbandes (DFV) für ein Jahr gesperrt, hielt sich Eigendorf in Lautern fit, arbeitete auf der FCK-Geschäftsstelle und trainierte die B-Jugend der Pfälzer. Sein Bundesliga-Debüt gab er am 11. April 1980 beim 4:1-Erfolg des FCK gegen den VfL Bochum, mit Lautern erreichte er 1982 das UEFA-Pokal-Halbfinale. Die Auswärtsspiele bei Akademik Sofia im damals sozialistischen Bulgarien und bei Spartak Moskau machte er aus Sicherheitsgründen nicht mit.

In der fußballverrückten Pfalz steht Eigendorf im Zusammenhang mit dem größten Spiel, das je in Kaiserslautern stattfand: Am 17. März 1982 brachte ihn Trainer Karl-Heinz Feldkamp beim 5:0-Triumph über die Königlichen von Real Madrid (Viertelfinal-Rückspiel) nach 75 Minuten für den zweifachen Torschützen Friedhelm Funkel in die Partie. Zwar finden sich in den Unterlagen der MfS-Hauptabteilung XXII durchaus belastende Notizen zu „Personengefährdungen“, in denen Eigendorf im Zusammenhang mit „Verblitzen“ (Blenden), „Unfallstatistiken“, „Ohnmacht“ und „Narkosemitteln“ erwähnt wurden.

Dass Eigendorf, der sich nach seiner Absetzung in den Westen am Rande eines Freundschaftsspiels von Dynamo Berlin beim 1. FC Kaiserslautern 1979 während eines Stadtbummels in Gießen öffentlich kritisch über das DDR-Regime äußerte, einem Anschlag zum Opfer fiel, lässt sich umgekehrt jedoch nicht mit 100-prozentiger Sicherheit ausschließen.

Auch weil, der ehemalige Stasi-Mitarbeiter IM „Klaus Schlosser“, bürgerlich Karl-Heinz Felgner, am 9. Februar 2010 aussagte, zwar einen Mordauftrag für Lutz Eigendorf erhalten, diesen jedoch nicht ausgeführt zu haben. Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Aussage blieben. Die MfS-Akten der Jahre 1980 bis 1983 zu Felgners Person gelten als verschwunden – und Anfang 2011 wurde die Wiederaufnahme des Verfahrens wegen eines Auftragsmordes seitens der Staatsanwaltschaft abgelehnt.

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