EURO 1988: Rache für die WM-Niederlage nach 14 Jahren



Rache für München 1974

Jubelnde Holländer in deutschen Trikots.
Jubelnde Holländer in deutschen Trikots. Foto: Imago Images

14 Jahre lang hat der Stachel der Niederlage im WM-Finale 1974 in München bei den niederländischen Spielern und Fans gewuchert.

1:2 gegen Franz Anton (Franz) Beckenbauer und Co. trotz überlegen geführter Partie, der Lohn für die „goldene Generation“ der Niederlande um „König“ Johan Cruyff(† 2016), Johan Neeskens oder Arie Haan bleibt in den Trikots hängen. 1988 hat „Oranje“ eine neue, hungrige Mannschaft, die es in Deutschland besser machen will als ihre großen Vorgänger.

Angeführt von dem seit 1987 für den AC Mailand spielenden Kapitän Ruud Gullit und mit dem überragenden, ebenfalls für Milan stürmenden Marco van Basten verfügt man vor der EURO 1988 in der BR Deutschland über zwei der besten Spieler ihrer Zeit, die das Team mitreißen werden. An der Seitenlinie steht einer, der die Schmach von München nie verwunden hat: Rinus Michels († 2005). Der „General“ unnahbar, distanziert in der Menschenführung und hartem Trainingsstil, ist weder bei Bayer Leverkusen noch beim 1. FC Köln als Bundesliga-Trainer in guter Erinnerung geblieben. „Rinus Michels konnte nie nett sein“, erinnert sich das Kölner Torwart-Idol Toni Schumacher. 1984 ist der Vize-Weltmeistercoach von München ´74 beim Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (KNVB) wieder eingestiegen. Zunächst als Technischer Direktor, dann ab Oktober 1984 als Nachfolger von Kees Rijvers.

Rinus Michels will Revanche. Und diesen Gedanken impft er seinen Spielern ein. Neben Gullit und van Basten gehören Torhüter Hans van Breukelen, der spätere Bayern-Profi Jan Wouters und Frank Rijkaard zu seinen Leistungsträgern. Und einer, dem Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes am Hintern vorbei geht: Ronald Koeman.

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Eike Immel kann den Elfmeter von Ronald Koeman nicht halten. Foto: imago Images

"Wir fressen sie auf."

Ronald Koeman in Siegerpose.
Ronald Koeman in Siegerpose. Foto: Imago Images

Die Holländer sind schwach ins Turnier gestartet. Am 12. Juni 1988 verlieren sie in Köln überraschend mit 0:1 gegen die UdSSR. Dass diese Partie auch die Finalpaarung sein wird, ahnen zu diesem Zeitpunkt nur die wenigsten. „Oranje“ zieht drei Tage später in Düsseldorf groß auf: 3:1 gegen England – van Basten landet dabei einen Hattrick. Ein abseitsverdächtiges Tor von Wim Kieft gegen den Neuling aus Irland (1:0) in Gelsenkirchen bringt die Niederlande ins Halbfinale, wo der Erzrivale Deutschland der Gegner sein wird.

Die von Franz Anton (Franz) Beckenbauer trainierte DFB-Auswahl hat sich kontinuierlich gesteigert, nach 1:1 gegen Italien gibt es zwei Mal ein 2:0, gegen Dänemark und Spanien. Aber: Hamburg, Spielort im Halbfinale, ist seit der WM 1974 kein gutes Pflaster für das Team. Auf ewig wird das Volksparkstadion mit der 0:1-Niederlage gegen die DDR verbunden sein. Die Szene, die die Fußball-Rivalität Niederlande gegen Deutschland zementiert, spielt sich am 21. Juni 1988 ebenfalls im Hamburger Volksparkstadion ab. „Wir fressen sie auf!“, brüllt Oranje-Kapitän Ruud Gullit vor Spielbeginn. Deutschland geht durch Lothar Matthäus per Elfmeter zwar in Führung, doch die Wirkungstreffer landen die Gegner aus dem Nachbarland. Ein spätes Tor von Marco van Basten (88.), der einen Schritt schneller ist als sein Bewacher Jürgen Kohler, hat die Niederlande ins Finale gebracht – 2:1! Während die während der gesamten 90 Minuten deutlich lautstärker agierenden niederländischen Fans auf den Tribünen tanzen, wischt sich Abwehrchef Ronald Koeman, Torschütze zum 1:1 per Elfmeter, nach dem Trikot-Tausch mit dem Jersey von Olaf Thon über den Hintern. Ein Affront.

Eine Sperre gibt es nicht, obwohl diese üble Szene genauso im Bild festgehalten ist, wie Rijkaards Spuck-Attacke gegen Rudi Völler zwei Jahre später im WM-Achtelfinale (siehe WM-Skandale). „Vor 30 Jahren zeigte der heutige Bondscoach in Hamburg seinen Hass“, schreibt die Zeitung Hamburger Morgenpost im Juni 2018 anlässlich des 30. Jahrestages des Skandals über Ronald Koeman.

 

Fußball-Krieg – Hollands Medien im Taumel

Auf der Tribüne zeigt ein Radioreporter den deutschen Kollegen sein entblößtes Hinterteil. „Lothar, Lothar, alles ist vorbei“, singt die „Elftal“ in der Kabine, als Teamchef Franz Beckenbauer zum Gratulieren kommt. Dabei ist es der Franz, nicht der Lothar…

In den Niederlanden bordet die Begeisterung der Medien über und man weiß nicht, welche Substanzen beim Texten dieser Schlagzeilen geraucht werden: Die Zeitung De Telegraaf titelt: „Endlich Rache!“ Und der Poet Jules Deelder schreibt: „Sie, die fielen, erhoben sich jauchzend aus ihrem Grab.“ Von „Fußball-Krieg“ ist gar die Rede.

„Das war ja damals der pure Hass“, erinnert sich Olaf Thon, der sich beim Trikot-Tausch mit Koeman sicher nichts Böses gedacht hat, „ich habe immer gesagt: Besser, er wischt sich mit dem Trikot den Hintern ab, als dass er mir von hinten in die Achillessehne tritt.“ Zu einem versöhnlichen Treffen sei es seither nicht gekommen, auch wenn dies mal beabsichtigt gewesen sei. Koeman hat die Aktion später öffentlich bereut.

Für Thon ist es auch nach Jahren „verständlich, dass ich noch heute mit dieser Geschichte konfrontiert werde. Vergessen wird man das wohl nie“. Hamburg ist Teil eins der holländischen Fußball-Revanche. Am 25. Juni 1988 holen Gullit und sein Team mit einem 2:0 gegen die UdSSR den EM-Titel. In München, wo Holland 14 Jahre zuvor seinen bittersten Fußballtag erlebt hat. Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird…

DIE GRÖßTEN WM- UND EM-SKANDALE - EINZELVIDEOS

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