WM 1966: Das Ende des brasilianischen Kunstfußballs



Die einzige Niederlage von Garrincha und Pele zusammen

Ein geschlagener und enttäuschter Pele verlässt den Fußballplatz.
Ein geschlagener und enttäuschter Pele verlässt den Fußballplatz. Foto: Imago Images

„Das Ausscheiden kommt für uns einer Katastrophe gleich. Ohne Pelé ist Brasilien nicht einfach Brasilien!“ Vicente Feola, Nationaltrainer Brasiliens nach dem Aus bei der WM 1966

Das Jahr 1966 soll die absolute Krönung für Brasiliens Fußballidol Pelé werden. Am 21. Februar des Jahres heiratet Edson Arantes do Nascimento, wie das Genie mit bürgerlichem Namen heißt, seine erste Frau, Rosemarie dos Reis Cholbi. In England will er im Sommer 1966 zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. Medienträchtig reist das Traumpaar des Fußballs auf Einladung von Pelé-Freund und Austria-Präsident Josef Brandstätter in einer offenen Kutsche durch Salzburg oder zeigt sich im bunten Karnevalstreiben von Rio. Überhaupt ist es die Hochzeit, auf die ganz Brasilien gewartet hat. Selbst eine Audienz bei Papst Paul VI. in Rom darf nicht fehlen. Mit dem WM-Titel will sich Pelé in England dann nachträglich selbst beschenken.

Denn das junge Paar hat in den turbulenten ersten Tagen seiner Ehe keine ruhige Minute. Doppel-Weltmeister Brasilien in den Vorbereitungen für das Turnier, Medienrummel, Terminstress. „Wenn wir uns drei Tage am Stück gesehen haben, war das schon viel“, erzählt Pelé freimütig. Motivieren kann ihn die Hochzeit nicht. Es ist nicht die Weltmeisterschaft des großen Brasilianers. Die „Selecao“ und ihr unumstrittener Fußball-König Pelé sehen sich einem vehementen Widerstand der Gegner ausgesetzt.

Das 2:0 zum Start gegen die No Names aus Bulgarien ist für Pelé, der zum 1:0 trifft, und seinen in die Jahre gekommenen, kongenialen Offensiv-Partner Garrincha, der das zweite Tor beisteuert, nicht mehr als eine Pflichtaufgabe. Die Bulgaren versuchen während der Partie, Pelé durch harte Fouls zu bremsen „Ich denke, die anderen Teams werden das genauso machen“, vermutet Bulgariens Coach Rudolf Vytlacil anschließend. Er wird Recht behalten.

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Die Verletzung von Pele ist entscheidend für Brasilien.
Die Verletzung von Pele ist entscheidend für Brasilien. Foto: Imago Images

Joao Morais: Der neue Staatsfeind Nummer Eins in Brasilien

Pele in Paris. Der Superstar privat.
Pele in Paris. Der Superstar privat. Foto: Imago Images

Am 15. Juli 1966 entzaubern die Ungarn mit den Puskas-Erben Florián Albert – 1967 als einziger Ungar „Europas Fußballer Europas“ – und János Farkas im Goodison Park von Liverpool den Weltmeister. Es ist der Anfang vom Ende.

„Die Generation von 58 und 62 verblasste, es waren nur noch Veteranen“,

stellt Brasiliens Stürmer Tostao 2018 fest, „mit Ausnahme von Pelé waren sie nicht mehr in der Verfassung, in der Nationalmannschaft zu spielen.“ Stimmt. Torhüter und Doppel-Weltmeister Gilmar ist 35. Abwehrchef Djalma Santos und Bellini, 1958 erster brasilianische Teamkapitän, der den WM-Pokal erhält, sind 36. Pelés kongenialer Partner Garrincha (32) wird, gezeichnet von Operationen und von seinem Alkoholismus, noch 1966 aus der Selecao zurücktreten.

Tor-Maschine Pelé hat in diesem Turnier viele Gegner. Der hungrigste ist am 25. Januar 1942 in Mosambik geboren. Sein Name: Eusébio da Silva Ferreira. Der „schwarze Panther“, wie der Mittelstürmer genannt wird, ist mit 317 Liga-Toren in 301 Spielen für Benfica Lissabon nicht minder legendär als Pelé bei seinem FC Santos. Eusébio wird diese WM zu seinem Turnier machen. Der Nationalspieler Portugals sichert sich mit neun Treffern den WM-Torschützentitel und hievt sein Land auf Rang drei. Es ist Portugals beste WM-Platzierung aller Zeiten. Das Duell zwischen Pelé und seinem europäischen Kontrahenten Eusébio soll am 19. Juli 1966 ein Höhepunkt dieser WM werden. Die einstigen portugiesischen Kolonialherren demütigen den Weltmeister. 3:1 – bei zwei Toren von Eusébio. Die Partie in Liverpool ist ein Spiegelbild der verkorksten WM Brasiliens.

„Die Südamerikaner waren schon harte Jungs, aber die Europäer waren auch nicht ohne“, erinnert sich Wolfgang Weber, Vize-Weltmeister von 1966, im November 2017 im Berliner Tagesspiegel, „Pelé hat das zu spüren bekommen gegen die Portugiesen, dabei hatten die das gar nicht nötig, das waren so großartige Fußballer mit Eusébio und Coluna und all den anderen von Benfica Lissabon.“

 

Brasilien kam als Titelverteidiger und scheiterte schnell

„Brasilien kam als Titelverteidiger – doch dann kam für mich das Aus“, so Pelé. Der portugiesische Abwehrspieler Joao Morais trifft den Fußballkönig schwer am Knie – und foult ihn wenig später ein zweites Mal so hart, dass er zum Statisten degradiert wird.

Auswechslungen gibt es 1966 noch nicht. Pelé spielt weiter, doch er humpelt über den Platz. Seine Pässe kommen nicht an, Brasilien verliert – und ist draußen. Es ist bis heute das einzige Vorrunden-Aus für den Rekord-Weltmeister.

„Dass der zweimalige Weltmeister in der Vorrunde ausschied, war eine Katastrophe“, erinnert sich Tostao. Eine, auf die die Polizei und die Sicherheitskräfte in der Heimat vorbereitet sind. In Rio de Janeiro brechen nach Bekanntwerden des Ergebnisses gegen Portugal über die Radiogeräte Straßenkämpfe aus. Die Verbandszentrale in Barra da Tijuca und das Wohnhaus von Trainer Vicente Feola werden umgehend unter Polizeischutz gestellt.

„Als ich nach der Weltmeisterschaft 1966 zurückkehrte, war mein Herz nicht mehr beim Fußball“, verrät Pelé 2016 der britischen Zeitung The Guardian, „das Spiel hatte Unsportlichkeit und feige Schiedsrichterleistungen offenbart. Fußball war keine Kunst mehr, es wurde zum Krieg.“ Pelés bitteres Fazit: „1966 war sicher die traurigste WM. Für mich, für die Spieler, für alle Brasilianer.“

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